Dampf schwebt über der Dorfstraße, begleitet vom Geruch nach Schwefel. Entlang des kleinen Gebirgsbachs Yunomine, der dem Ort seinen Namen gibt, ziehen sich unzählige Rohre und Leitungen. Sie scheinen mit den bernsteinfarbenen Ablagerungen des mineralhaltigen Wassers zu verschmelzen. Schön ist das nicht, doch die Rohre versorgen Privathäuser, Hotels und Ryokans mit heißem Onsenwasser. In Yunomine Onsen, nahe der Pilgerroute Kumano Kodo, erlebt man die Onsenkultur in ihrer ganzen Vielfalt. Seit 1800 Jahren nutzen Einheimische das rund 90 Grad heiße Wasser zum Baden, Heizen – und sogar zum Kochen. Gäste können all das ausprobieren: vom Bad bis zum Onsen Tamago, dem Garen roher Eier im Yuzutsu, einer öffentlichen Kochstelle im Ortszentrum.

Der Boom begann in der Edo-Zeit
Die Geschichte der japanischen Onsen reicht bis in prähistorische Zeiten zurück. Erste schriftliche Zeugnisse stammen aus dem 8. Jahrhundert. Damals nutzte man das vulkanische Wasser für religiöse Rituale, Reinigung und Heilung. Doch erst in der Edo-Zeit (1603–1868) erlebte die Onsen-Kultur ihren Aufschwung. Gästehäuser (Ryokan), Pilgerreisen und Heilkuren machten die heißen Quellen populär.

Heute gibt es in Japan über 3.000 offizielle Onsen, die strengen Qualitätskriterien entsprechen. Sie dienen der Entspannung, fördern die Gesundheit von Haut und Gelenken und bieten Touristen ein authentisches Erlebnis. Hotels und Gasthäuser nahe der Quellen laden zu Gemeinschaftsbädern ein, die nach Geschlechtern getrennt sind. Alternativ kann man private Onsen für eine bestimmte Zeit buchen.

Eierkocher XXL
Mitten in Yunomine Onsen liegt ein öffentliches Quellbecken, in dem man Eier und Gemüse garen kann. Es dient als gemeinschaftliche Kochstelle für Onsen-Tamago. Im Yunomine Onsen Shop gibt es Eier und Kartoffeln, fertig verpackt in kleinen Netzen. Rund um den Beckenrand sind Nägel ins Holz geschlagen, an denen man die Netze befestigt. Ein weich gekochtes Ei braucht etwa zwölf Minuten, Gemüse wie Spinat oder Bambussprossen ist schneller gar. Im Herbst kochen die Einheimischen auch Kastanien im Yuzutsu. Früher nutzte man die heiße Erde rund um die Quellen, um Wurzelgemüse zu backen – ähnlich wie die Isländer ihr Roggenbrot.


Die Onsen-Attraktionen in Yunomine reihen sich dicht aneinander. Oberhalb der Kochstelle, an einer alten Steinbrücke, liegt das Tsuboyu. Dieses winzige Thermalbad in einer Holzhütte am Flussufer ist das einzige Onsen der Welt, das zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Seit 1800 Jahren reinigen sich hier Pilger vor dem Besuch des Kumano Hongū Taisha. Legenden erzählen von heilenden Kräften, etwa der Genesung des Samurai Oguri Hangan, die im Kabuki-Theater verewigt wurde. Das mineralreiche Wasser soll siebenmal täglich die Farbe wechseln. Das Bad bietet Platz für zwei bis drei Personen und wird in 30-Minuten-Schichten genutzt. Tickets kauft man im Badehaus gegenüber der Kochstelle. Reservierungen sind nicht möglich – wer zuerst kommt, badet zuerst. Ab 6 Uhr morgens kann man sein Glück versuchen und sich wie einst die Pilger vor dem Schreinbesuch reinigen.

Japanisches Wellness-Programm im Hot Spring Tal
Die Täler auf der Halbinsel Kii mit ihren dichten Zedern- und Zypressenwäldern ziehen viele Japaner an. Große Hotels, wie sie seit den 1980er Jahren in Watarase entstanden, eignen sich ideal für Familienfeiern. Zuhause fehlt oft der Platz, und die Gastgeberin bleibt meist auf der Arbeit sitzen. In den Hotels trifft man daher häufig Gruppen. Abends serviert man ein klassisches Kaiseki-Menü. Zuvor entspannt man im Onsen und erscheint dann traditionell im Yukata und Hausschuhen zum Essen. Auch ausländische Gäste können diese Tradition übernehmen. Im Zimmer wartet ein passendes Set. Wer lieber in Alltagskleidung kommt, wird dennoch nicht schief angesehen. Anders als im Westen, wo man sich fürs Dinner herausputzt, steht in Japan das Essen im Mittelpunkt. Nach einem Wandertag mit Onsenbesuch erwartet die Gäste ein Kaiseki-Menü mit bis zu zwölf Gängen.

Ein typisches Kaiseki-Abendessen besteht aus saisonalen, regionalen Zutaten und betont Harmonie und Kunstfertigkeit. Japaner schätzen es, im eigenen Zimmer oder einem Separee zu speisen – für sie ein Zeichen von Exklusivität. Europäer empfinden das oft anders: Allein im Zimmer zu essen, wirkt eher wie eine Strafe. Wer lieber in Gesellschaft speist, sollte diesen Wunsch klar äußern.
Ein Kaiseki-Menü dauert bis zu zwei Stunden. Es lebt von der Balance der Geschmacksrichtungen, Texturen und der perfekten Präsentation. Die Abfolge der Gänge richtet sich nach Jahreszeit und lokalen Produkten. In Wakayama gehören dazu Fisch und Gemüse aus der Region. Eine klare Suppe mit Seidentofu, roher Fisch mit Wasabi und gegrillte Bachforelle sind typische Gerichte. Die Forelle, aus den Flüssen des Kii-Tals, wird so serviert, dass sie noch auf dem Teller wie ein Fisch im Wasser wirkt.

Onsen-Wasser innen und außen
Das mineralreiche Wasser von Yunomine Onsen kann man trinken und darin baden. Schon auf der Pilgerroute entlang des Kumano Kodo beginnt die innere Anwendung. Am Takahara Café, auf dem Weg vom Hosshinmon-oji zum Hongu Taisha Grand Shrine, bereitet man Tee und Kaffee mit dem Wasser aus Yunomine zu. Es verleiht Speisen einen Umami-Geschmack. Sogar Umeshu, der beliebte Pflaumenlikör, wird hier mit Quellwasser hergestellt. In den Hot-Spring-Tälern der Kii-Halbinsel erzählen historische Stätten von der Bedeutung der Onsen, und zugleich begeistert die heutige Badekultur Gäste aus aller Welt.

Die Recherchereise wurde von Visit Wakayama unterstützt