Ürgüps Frauenkooperative im Michelin

Im Restaurant Tık Tık Kadın Emeği kochen Frauen traditionelle Gerichte – und finanzieren damit jungen Frauen das Studium in Istanbul.

Auf dem flachen Dach eines unscheinbaren Hauses in Ürgüp trocknen Teigstückchen in der Sonne. Im Hintergrund ragt ein Minarett in den kappadokischen Himmel. Sevil Halıcı Ayhan zeigt, wie hier oben die Mantı-Nudeln trocknen, die beim Schneiden „tık-tık“ machen – daher der Name des Hauses. Ein Klang, der seit Generationen zur kappadokischen Küche gehört.

Sevil Halıcı Ayhan trocknet Mantı-Nudeln auf dem Dach über dem Restaurant Tık Tık Kadın Emeği / © Foto: Georg Berg
Sevil Halıcı Ayhan trocknet Mantı-Nudeln auf dem Dach über dem Restaurant Tık Tık Kadın Emeği / © Foto: Georg Berg
Das Geräusch des Schneidens von Mantı-Nudeln hat zum Namen des Restaurants angeregt: Tık Tık Kadın Emeği / © Foto: Georg Berg
Das Geräusch des Schneidens von Mantı-Nudeln hat zum Namen des Restaurants angeregt: Tık Tık Kadın Emeği / © Foto: Georg Berg

Authentizität statt Tourismus-Folklore

Ürgüp liegt im Herzen Kappadokiens, umgeben von den berühmten Feenkaminen – pilzförmigen Tuffsteinfelsen dominieren die Landschaft. Morgens steigen Dutzende Heißluftballons in den Himmel, und Touristengruppen besuchen die unterirdischen Zufluchtsstädte aus byzantinischer Zeit. Die Region lebt vom Tourismus, der sie zugleich verändert. Viele Restaurants servieren, was Reisende erwarten, nicht was hier eigentlich gegessen wird. Tık Tık geht den entgegengesetzten Weg: Die Frauen warten nicht auf Veränderungen, sie nutzen die bestehenden Strukturen – mit Können, Zusammenhalt und anatolischer Gelassenheit.

Mitglieder der Frauen-Kooperative Tık Tık Kadın Emeği in der Küche ihres Restaurants / © Foto: Georg Berg
Mitglieder der Frauen-Kooperative Tık Tık Kadın Emeği in der Küche ihres Restaurants / © Foto: Georg Berg

Achtzehn Frauen, eine Küche

Achtzehn Frauen aus Ürgüp arbeiten hier im Wechsel. In der engen Küche des Restaurants bereiten sie die lokalen Hackfleischbällchen Ürgüp Köftesi vor, rollen Yaprak Sarması – gefüllte Weinblätter –, schneiden Mantı. Es ist der Versuch, das kulinarische Erbe der Region zu bewahren und zugleich jungen Frauen den Weg in eine andere Zukunft zu ebnen.

Eine Köchin beim Frittieren der Hackfleischbällchen Ürgüp Köftesi in der kleinen Küche des Restaurants Tık Tık Kadın Emeği / © Foto: Georg Berg
Eine Köchin beim Frittieren der Hackfleischbällchen Ürgüp Köftesi in der kleinen Küche des Restaurants Tık Tık Kadın Emeği / © Foto: Georg Berg

Die Frauenkooperative Tık Tık Kadın Emeği wurde 2018 mit drei Zielen gegründet:

  • Frauen sollen eigenes Geld verdienen
  • Traditionelle Gerichte von Ürgüp sollen erhalten bleiben
  • Junge Frauen sollen studieren können

Was abstrakt klingt, zeigt sich konkret auf der Speisekarte: Tık Tık Mantı oder Ürgüp Köfte gibt es für 400 türkische Lira, verschiedene Suppen für 100 Lira. Die regionalen Gerichte werden zu Preisen angeboten, die sich jeder leisten kann. Im Januar 2026 entsprechen 400 Lira acht Euro. Die Gewinne fließen in Stipendien für 50 junge Frauen aus Ürgüp, die in Städten wie Istanbul oder Izmir studieren. Die Frauen aus Ürgüp kochen so gut, dass auch der Guide Michelin auf sie aufmerksam wurde.

Preiswert und gut. Speisekarte des Restaurants Tık Tık Kadın Emeği / © Foto: Georg Berg
Preiswert und gut. Speisekarte des Restaurants Tık Tık Kadın Emeği / © Foto: Georg Berg

Michelin trifft Bescheidenheit

Der Guide Michelin nahm das Restaurant 2026 als Recommended Restaurant auf. Selten kam eine solche Anerkennung bescheidener daher: rot-weiß karierte Tischdecken, knarrende Holzböden, eine offene Küche, in der kaum Platz für mehr als drei Frauen ist. Der Michelin-Guide lobt darüber hinaus die sorgfältige Zubereitung.

Sevil Halıcı Ayhan zeigt die Michelin Auszeichnung für das Restaurant Tık Tık Kadın Emeği in Ürgüp / © Foto: Georg Berg
Sevil Halıcı Ayhan zeigt die Michelin Auszeichnung für das Restaurant Tık Tık Kadın Emeği in Ürgüp / © Foto: Georg Berg

Tradition als Kapital

Die Frauen von Tık Tık haben erkannt, dass ihre vermeintliche Einschränkung – die ländliche Tradition, die Frauen in der Küche sieht – zugleich ihre Stärke ist. Sie kämpfen nicht dagegen, sondern nutzen sie: Sie kochen, was ihre Mütter und Großmütter kochten, verkaufen es und ermöglichen der nächsten Generation, was den meisten von ihnen verwehrt blieb – Bildung, Mobilität, Wahlfreiheit.

Gastraum im Restaurant Tık Tık Kadın Emeği / © Foto: Georg Berg
Gastraum im Restaurant Tık Tık Kadın Emeği / © Foto: Georg Berg

Diese stille pragmatische Stärke spürt man, auch ohne feministische Parolen. Es ist eine leise Revolution zwischen Teigwaren und Tomatensauce, zwischen Peravu – mit regionalem Käse gefüllte Teigtaschen – und Dolaz, einem süßen Dessert aus Walnüssen. Die Frauen haben verstanden: Wer bewahrt, was zu verschwinden droht, schafft Zukunft. Wer die Rezepte der Großmütter perfektioniert, öffnet den Enkelinnen die Türen zur Bildung.

Restaurant Tık Tık Kadın Emeği / © Foto: Georg Berg
Restaurant Tık Tık Kadın Emeği / © Foto: Georg Berg

Die Recherche wurde unterstützt von GoTürkiye

Food Themen auf Tellerrand-Stories

Unsere Arbeitsweise zeichnet sich durch selbst erlebte, gut recherchierte Textarbeit und professionelle, lebendige Fotografie aus. Für alle Geschichten gilt, dass Reiseeindrücke und Fotos am selben Ort entstehen. So ergänzen und stützen die Fotos das Gelesene und tragen es weiter.

Nie mehr neue Tellerrand-Stories verpassen! Mithilfe eines Feed-Readers lassen sich die Information über neue Blogartikel in Echtzeit abonnieren Mithilfe eines Feed-Readers lassen sich alle Geschichten über den Tellerrand in Echtzeit abonnieren.

Permalink der Originalversion: https://tellerrandstories.de/urgup-tiktik-michelin