In einer kleinen Bar im Zentrum von Tanabe, nahe Busbahnhof und Touristinformation, dreht sich alles um ein Getränk: Umeshu, den Pflaumenlikör. Der Raum ist hell und schlicht, eher Showroom als klassische Bar. In den Holzregalen entlang der Wände stehen Flaschen in unterschiedlichsten Formen. Ihr Inhalt schimmert in Gelb-, Gold- und Bernsteintönen. Die Etiketten tragen kalligrafierte Schriftzeichen – mal verspielt, mal streng, mal modern. Doch eines verbindet sie: ihre Herkunft aus der Präfektur Wakayama.

Die Bar gehört zur regionalen Umeshu-Experience, mit der Tanabe seine Rolle als Zentrum der Kishu-Ume-Region betont. Die Tanabe Tourist Organisation hat sie eingerichtet, um Besuchern, die wegen der Nähe zum Pilgerweg Kumano Kodo kommen, die Vielfalt des Pflaumenlikörs durch Tastings und Workshops näherzubringen. Wir nehmen an einem schlichten Holztresen Platz, der den Blick auf die Flaschenwand freigibt. Eine Karte erklärt die wichtigsten Umeshu-Stile: Es gibt drei Basisalkohole – Shochu (japanischer Brandwein), Brandy oder Whisky. Weitere Kriterien sind Süßegrad und Aroma. Noch bevor das erste Glas eingeschenkt wird, erzählt uns Mitarbeiter Daiki Sako die Geschichte der Nanko-Ume: wie sie an den Hängen rund um Tanabe gedeiht, welche Bedeutung sie für die Region hat und wie man in dieser Bar die verschiedenen Nuancen der Frucht erschmecken kann.

Warum Tanabe Zentrum der Umeshu‑Produktion wurde
Während der Vorbereitung zur Verkostung berichtet Daiki Sako von den Wurzeln der Region. Im frühen 17. Jahrhundert, während der Edo-Zeit, wurden Tanabe und das benachbarte Minabe zum Zentrum des Ume-Anbaus. Die steilen, nährstoffarmen Böden und feuchten Hänge eigneten sich perfekt für die Frucht. Reis wuchs hier nicht, Ume jedoch schon. Der damalige Herrscher Naotsugu Ando erklärte das steinige Land für steuerfrei und förderte den Anbau der wilden Yabu-Ume. Das führte zu einem Boom: Tanabe-Umeshu wurde in Fässern nach Edo, das heutige Tokyo, gebracht und als Aperitif populär.

Heute liefert Wakayama mit Tanabe und Minabe über 60 Prozent der japanischen Ume-Ernte von rund 40.000 Tonnen jährlich. Vor allem die Nanko-Ume wird hier angebaut. Sie hat eine dünne Schale, weiches Fruchtfleisch und ein intensives Aroma – ideal für den Pflaumenlikör, der dadurch weich, fruchtig und aromatisch wird.
Die Vielfalt der Umeshu-Sorten
Die Herstellung von Pflaumenlikör hat in der Region eine 400-jährige Tradition. In der Bar in Tanabe können Besucher 140 Sorten von 30 Produzenten aus Wakayama probieren. Ein Tasting umfasst drei Runden mit je drei Proben. In der ersten Runde geht es um die Grundaromen der Nanko-Ume: Säure, Steinfrucht und eine leichte Mandelnote. Die zweite Runde widmet sich den Klassikern. Umeshu auf Shochu-Basis schmeckt leicht und moderat süß. Auf einem Tasting-Bogen markiert man Süße, Säure und Intensität auf einer Skala von 1 bis 5. Danach werden zwei Umeshu nebeneinander verkostet: einer mit kräftiger Süße, angesetzt mit mehr Zucker und länger gereift, und ein leichterer, fast erfrischender Umeshu, der sich gut „on the rocks“ trinken lässt. In der dritten Runde wird es experimentell: Ein Umeshu mit braunem Zucker entfaltet karamellige Noten, während ein Umeshu auf Whisky-Basis mit Tiefe und einer subtilen Holznote im Abgang überrascht. Zum Abschluss kommt der persönliche Favorit ins Glas, um ihn in Ruhe zu genießen und die frisch gewonnenen Eindrücke nachklingen zu lassen.

Workshop. Eigenen Umeshu ansetzen
Nach der Verkostung beginnt der Workshop. Jetzt wird das Gelernte praktisch umgesetzt. Auf einem Tisch stehen bereit: ein Gefäß mit Schraubverschluss, Nanko-Ume, verschiedene Zuckerarten und mehrere Flaschen Basisalkohol. Ich entscheide mich für die Variante mit Whisky. Daiki Sako erklärt die Unterschiede in der Herstellung: den Reifegrad der Ume, die Zuckermenge, die Dauer der Mazeration und die Wahl des Grundalkohols – und wie all das den Geschmack beeinflusst.

Es ist Oktober, die Pflaumenernte längst vorbei. Die Früchte für den Workshop sind daher tiefgefroren. Sako zeigt mir die Unterschiede: unreife, grünlich harte Früchte und vollreife, gelbe, die stark duften würden, wären sie nicht gefroren. Für meinen Umeshu wählen wir die reiferen Früchte, um mehr Tiefe und eine rundere Süße zu erreichen. Nur makellose Früchte ohne Druckstellen kommen ins Glas. Danach fülle ich den Behälter mit klarem Kandiszucker, der für eine saubere Süße sorgt, wie Sako betont. Zum Schluss gieße ich Whisky darüber – einen runden, nicht zu rauchigen, damit der Geschmack der Ume nicht von Torf- und Rauchnoten überlagert wird. Langsam bedecke ich Früchte und Zucker mit Whisky, lasse aber genug Platz nach oben.

Nun heißt es warten – und das stellt mich vor ein Problem. Frühestens in zehn Wochen, zum Neujahrsfest Oshōgatsu, ist mein Umeshu trinkbar. Doch der Behälter ist für einen Langstreckenflug ungeeignet. Ich beschließe, den Likör meiner Freundin Noriko zu überlassen. Dort ist er in guten Händen, und ich werde erfahren, ob mein Workshop-Umeshu mit den traditionsreichen Pflaumenlikören aus Tanabe mithalten kann. In der Bar selbst kann man Umeshu nicht kaufen, doch die Geschäfte im Ort sind auf Souvenireinkäufe vorbereitet.
Die Recherchereise wurde von Visit Wakayama unterstützt