Der Mirabellgarten im Herzen Salzburgs zieht Fans des Kultfilms The Sound of Music magisch an. Hier springen Menschen aus aller Welt die Stufen an der Einhornstatue hinauf – genau wie Julie Andrews 1965 mit den Trapp-Kindern. Das fünffach oscarprämierte Musical wurde in Hollywood zum Welterfolg.

Doch echte Fans wollen mehr, als nur durch den Mirabellgarten zu schlendern und „Do-Re-Mi“ zu summen. Sie wollen die Drehorte sehen. Die Original Sound of Music Tour macht es möglich: vier Stunden Fahrt ins Salzkammergut, vier Stunden voller Emotionen und Gesang an Schauplätzen, die für viele zum Leben gehören, auch wenn sie nie zuvor dort waren. Der weltweite Hype, von Generation zu Generation weitergegeben, bleibt uns Deutschsprachigen fremd. Zeit, das Phänomen zu erkunden. Wir steigen ein, mit wenig Vorwissen und nur einer einzigen Sichtung des Films im Gepäck.
Der Bus rollt frühmorgens los. Tourguide Stephanie Hinterbuchner greift zum Mikrofon. In fließendem Englisch begrüßt die Studentin für Englisch und Musik ihre Gruppe. Eine Fächerkombination, die für diesen Ferienjob kaum passender sein könnte.

Do-Re-Mi für Fortgeschrittene
Stephanie beginnt nicht mit Hollywood, sondern mit Salzburg. Sie erzählt vom alten Wort für Salz, „Hall“, und von der Salzach, die der Stadt einst Reichtum brachte. Seit dem Mittelalter transportierte der Fluss das „weiße Gold“ bis nach Bayern. Die Fürsterzbischöfe finanzierten damit ihre Kirchen und Paläste. Jene barocke Pracht, durch das die Gruppe gleich spazieren wird, noch ohne Musical-Brille.
Der Bus fährt am Hotel Sacher vorbei, wo Julie Andrews während der Dreharbeiten wohnte. Kurz darauf passiert er die kleine Mozartbrücke, über die Maria im Film mit den Kindern läuft. Das passende Lied, „Do-Re-Mi“, summen die Fahrgäste längst. Stephanie gewährt auch Einblicke hinter die Kulissen: Im Film laufen Maria und die Kinder über die pittoreske Brücke und stehen Sekunden später auf einer Wiese mit Bergpanorama. Der wahre Picknickplatz liegt jedoch vierzig Kilometer entfernt. Schönes Hollywood.

Von der Novizin zur Filmlegende
Immer wieder vergleicht die Reiseführerin den Hollywood-Film mit der echten Geschichte der Trapp-Familie. Alle Hauptfiguren gab es wirklich, mit ein Grund für die weltweite Begeisterung. Die echte Maria, erzählt Stephanie, wurde 1905 während einer Zugfahrt geboren. Vielleicht ein erster Hinweis auf ihr bewegtes Leben: Novizin in Salzburg, Erzieherin bei einem verwitweten Baron mit sieben Kindern, Ehefrau, Mutter von drei weiteren Trapp-Kindern und nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 Flüchtling. Die Familie floh zu Fuß über die Berge nach Italien und emigrierte später in die USA.

Der Bus hält erstmals am Schloss Leopoldskron und dem gleichnamigen Weiher, heute ein Hotel. Vom gegenüberliegenden Ufer bietet sich der Blick, der im Film als Rückseite des Trapp-Anwesens diente. Die Gruppe spaziert bis zum See und betrachtet das Schloss aus der Ferne. Das genügt, denn es geht um die Szene an der Steintreppe: Kinder und Maria kentern mit dem Boot, während der Baron mit strengem Blick zusieht. Es folgt ein Wortgefecht zwischen dem späteren Liebespaar. Regisseur Robert Wise, erklärt Stephanie, fand das Schloss zu protzig für einen verarmten Adeligen. Deshalb nutzte er nur die Gartenkulisse, nicht das Gebäude selbst.

Stephanie beherrscht die Kunst, rückwärtsgehend die Gruppe im Blick zu behalten und dabei weiterzuerzählen. Sie analysiert Filmszenen, liefert Hintergründe und streut Anekdoten von den Dreharbeiten ein. Ein Vorteil, der in der Geschichte des Bus-Unternehmens liegt: Gründer Stefan Herzl fuhr die Filmcrew 1964 selbst zu den verstreuten Drehorten. So erfährt die Gruppe, dass die kleine Darstellerin der Gretl nach dem Sturz aus dem Boot eine lebenslange Angst vor Wasser entwickelte. Oder dass Christopher Plummer und Julie Andrews sich nicht ausstehen konnten. Bei der Kussszene war ihre Abneigung so spürbar, dass Wise sie in schummriges Licht tauchte.

Weiter geht es am Stift Nonnberg vorbei, wo die echte Maria Novizin war, zum Schloss Hellbrunn. Im Park steht der originale Glaspavillon, der Gazebo, Schauplatz der Szene „Sixteen Going on Seventeen“. Im Bus läuft das Lied dazu. Der Pavillon war anfangs frei zugänglich, erzählt Stephanie, bis zu viele Fans der sechzehnjährigen Lisl nachtanzten, von Steinbank zu Steinbank sprangen und sich verletzten. Seitdem bleiben die Türen verschlossen. Ein begehrtes Fotomotiv ist er dennoch.

Ab September 2026 widmet sich in Hellbrunn ein eigenes „Sound of Music“-Museum dem weltweiten Phänomen und der historischen Wahrheit dahinter. Ganz so, wie Stephanie es auf der Fahrt vermittelt. Auf dem Weg ins Salzkammergut bleibt dafür reichlich Zeit. Vorbei an der Seenlandschaft rund um den Fuschlsee geht es Richtung Mondsee, mit Fotostopp oberhalb von St. Gilgen. Höhepunkt in Mondsee: die Stiftskirche, die Basilika St. Michael, in der die Filmhochzeit von Maria und dem Baron von Trapp spielt. Nach einem ausgiebigen Aufenthalt im Ort kehrt die Gruppe nach Salzburg zurück.

Warum kennt hierzulande kaum jemand diesen Film?
Wer in Salzburg „Schnitzel with Noodles“ bestellt oder unbedingt „Applestrudel“ essen will, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit „The Sound of Music“ gesehen. Und kommt vermutlich aus den USA, Kanada, Japan oder Indien. In Amerika gehört der Film zur populären Allgemeinbildung. So selbstverständlich wie in Deutschland „Der kleine Lord“ zur Weihnachtszeit. In Österreich, Deutschland und der Schweiz dagegen ist er bis heute fast unbekannt. Der deutsche Titel „Meine Lieder – meine Träume“ floppte 1965 an den Kinokassen. Erfolgreicher waren die einheimischen Heimatfilme „Die Trapp-Familie“ und „Die Trapp-Familie in Amerika“. Auch Österreich erkannte das touristische Potenzial der eigenen Drehorte fast fünfzig Jahre lang nicht. Erst um 2015 änderte sich das. Auslöser waren das fünfzigste Jubiläum und ein vielbeachtetes Medley von Lady Gaga bei der Oscar-Verleihung. Seitdem wandelte sich der Filmtourismus von einer Nische zu einem Umsatzträger. Salzburg wurde zu einem weltweit gefragten Ziel für Filmfans.

Welterfolg mit blindem Fleck
Im Bus zeigt sich das Paradox besonders deutlich. An Bord sitzen Gäste aus den USA, Kanada, Großbritannien, Australien, Neuseeland, Singapur, Finnland, Schweden, Polen, dem Iran und Israel. Wir scheinen die einzigen Deutschsprachigen zu sein. Wir fühlen uns wie Exoten.
Eine Mutter mit ihrer Tochter, in Israel geboren und heute in London zu Hause, erzählt mir: Der Film ist für sie ein Wohlfühlfilm. Man schaut ihn, wenn man alles um sich herum vergessen will. Man trifft ihn wieder wie einen alten Bekannten. Die Tochter, die in den Niederlanden lebt, bestätigt das. Auch dort lieben junge Leute den Musikfilm.
Eine junge Finnin singt alle Songtexte sicher und mit spürbarer Leidenschaft mit. Eine Frau aus dem Iran, die heute in Deutschland lebt, kennt den Film seit ihrer Kindheit. Ihr Vater studierte in den 1970er-Jahren in Deutschland. Zurück im Iran brachte er seiner Familie mit dem Film die Alpen nahe. „The Sound of Music“ gibt es auch synchronisiert auf Persisch. Für die Tochter ist die Reise nach Salzburg deshalb auch eine Kindheitserinnerung an den Vater.
Zwei Australierinnen, Mutter und Tochter, haben den Film schon Dutzende Male gesehen. Nicht zu einem bestimmten Anlass, sondern immer dann, wenn ihnen nach einem Wohlfühlfilm ist. In den USA und Kanada läuft „The Sound of Music“ traditionell rund um Weihnachten und Neujahr. Ein Fernsehsender zeigt ihn dort zuverlässig jedes Jahr. Und eine Schwedin erzählt, sie habe ihn schon in ihrer Kindheit oft gesehen. Natürlich immer im englischen Original.

Gelungener Mix zwischen Hollywood und Zeitgeschichte
Unsere anfängliche Skepsis, als wir uns wie Aliens unter lauter Sound-of-Music-Kennern fühlten, verflog schnell. Die Tour überraschte uns positiv. Sinnvoll ist die Teilnahme allerdings nur, wenn man den Film wenigstens einmal gesehen hat. Textsicher wird man dadurch zwar nicht, aber man behält den roten Faden. Die Filmhandlung bleibt schlicht, doch die Dramaturgie der Bustour überzeugt: Die Ohrwürmer aus dem Film erklingen genau dort, wo die passende Landschaft vorbeizieht. Sightseeing und Geschichtsstunde verschmelzen geschickt. Dieser Ausflug zeigt, warum Millionen Menschen weltweit von Salzburg träumen, während die Salzburger selbst lange nichts davon ahnten.

Fluchtdrama erfunden, Widerstand belegt
Der seichte Musicalstoff berührt einen wahren Kern, den Stephanie während der Fahrt erwähnt: Georg von Trapp lehnte das NS-Regime tatsächlich ab. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 bot ihm die deutsche Kriegsmarine ein U-Boot-Kommando an, das der ehemalige k.u.k.-Marineoffizier und erfolgreiche U-Boot-Kommandant des Ersten Weltkriegs ausschlug. Ebenso verweigerte er die Einladung, mit seinem Familienchor zu Hitlers Geburtstag in München aufzutreten. Anders als im Film floh die Familie nicht überstürzt zu Fuß über die Berge. Stattdessen nutzte sie im August 1938 eine Konzertreise nach Italien, um endgültig auszureisen, mit Dutzenden Koffern im Gepäck. Von dort emigrierte sie in die USA. Hollywood machte daraus ein Fluchtdrama. Die wahre Geschichte verlief leiser, aber nicht weniger konsequent.

Neu: das Trapp Family Mini Museum
Wer der echten Trapp-Familie näherkommen will, findet dafür einen eigenen Ort: das Von Trapp Family Mini Museum an der Bergstation der Zwölferhornbahn in St. Gilgen, auf 1.522 Metern, mit freiem Blick auf den Wolfgangsee. Im Mai 2026 öffnete es, Kristina von Trapp, eine Enkelin von Maria und Georg, kam als Ehrengast. Auf kleinem Raum schildert das Museum jene Karriere, die im Film mit der Flucht endet, in Wirklichkeit aber erst beginnt. Schon 1936 gründete Maria in Salzburg einen Kammerchor, Priester Franz Wasner leitete ihn musikalisch. Ein Jahr später gewann das Ensemble den ersten Preis beim Salzburger Volkssängerwettbewerb. Nach der Ankunft in New York im September 1938 reisten die Trapps acht Monate lang quer durch die USA, zunächst mit mäßigem Erfolg. Erst als die Trapp Family Singers ihr Repertoire von sakraler Chormusik auf englischsprachige Volkslieder umstellten und in der New Yorker Town Hall ein festes Weihnachtskonzert etablierten, kam der Durchbruch. Es folgten, über die nächsten anderthalb Jahrzehnte, Tourneen durch Südamerika, Australien und Neuseeland. 1950 traten sie bei den Salzburger Festspielen auf. Es war die Rückkehr auf eine Bühne, die der Familie einst zu eng geworden war. Bis zur Auflösung des Chors 1956 gaben sie rund zweitausend Konzerte.

Trapp Family Lodge
Familie bleibt für die Trapps bis heute zentral. Ihre Heimat wurde eine Farm in Stowe, Vermont, die sie 1942 kauften. Aus dem Bauernhaus, das die Trapps Cor Unum tauften, entstand 1950 ein 27-Zimmer-Gästehaus, nach einem Brand 1980 eine 96-Zimmer-Alpenlodge auf mehr als tausend Hektar Land. Bis heute lebt dort Johannes von Trapp, jüngstes und letztes noch lebendes Kind von Maria und Georg, geboren 1939 kurz nach der Ankunft in Amerika. Inzwischen führt die nächste Generation das Anwesen: seine Tochter Kristina und ihr Mann. Das Trapp Family Lodge & Resort verspricht amerikanischen Gästen bis heute ein Stück Salzburger Land.
Mehr Salzburger Geschichten
Im Barocksaal findet mehrmals in der Woche, das bei Touristen sehr beliebte Mozart-Dinner im St. Peter Stiftskuliarium statt, das stets mit dem Dessert-Klassiker Salzburger Nockerln endet. Über diese und weitere Spezialitäten mehr in der Reportage Süßes Salzburg. Welche Spuren Mozart in seiner Heimatstadt Salzburg hinterlassen hat, verrät der Artikel Stadtwanderung mit Mozart. Das Salzburger DomQuartier geht neue Wege und lädt in die Prunkräume der Residenz zu Yoga-Flow mit Live-Musik von Mozart. Den Ausschank im Augustiner Bräu und ein kühles Märzen unter alten Kastanienbäumen oder im historischen Stockhammer-Saal sollte ebenfalls auf einem Rundgang durch Salzburg dabei sein.
Die Recherche wurde unterstützt vom SalzburgerLand