Ein Sonntagmorgen Anfang Juni. Die ersten Sonnenstrahlen fallen durch die hohen Fenster des Carabinieri-Saals in der Salzburger Residenz. Rund 90 Menschen, meist Frauen, liegen auf Matten zwischen funkelnden Kronleuchtern und matt glänzenden Steinfliesen. In der Mitte des Prunksaals stimmt das Ensemble Bella Musica der Universität Mozarteum die Instrumente. Gleich beginnt eine Yogastunde, begleitet von Musik, die genau hier vor mehr als 250 Jahren entstand.

Salzburger Divertimenti
Das ungewöhnliche Format heißt Pop Up Yoga – Mozart Edition. Es gehört zum Programm Mozart 270, mit dem Salzburg 2026 den 270. Geburtstag Wolfgang Amadeus Mozarts feiert. Die Zahl 270 wirkt bemüht, schließlich ehrt die Stadt ihren größten Star seit jeher mit großer Geste. Doch das neue Format bringt Leichtigkeit und gute Laune: Die Streicher zupfen erste zarte Töne, die Teilnehmerinnen murmeln erwartungsvoll, die beiden Yogalehrerinnen nehmen auf ihren Podesten Platz. In den nächsten 75 Minuten arbeitet nicht nur der Körper; Raum und Musik erweitern die Erfahrung. Dramaturgisch geschickt nutzt Yogalehrerin Olivia Schweiger zu Beginn den tiefen Glockenschlag des Salzburger Doms. Erst dann setzt ein fein abgestimmter Mix aus Pilates- und Yoga-Übungen zur Musik von Mozarts Salzburger Divertimenti ein.

Neunzig Matten, ein Kammerensemble
Neunzig Menschen auf Yogamatten – für eine einzige Stunde. Eine beeindruckende Zahl, gemessen an den üblichen Pop-up-Yoga-Treffen. Doch der Prunkraum bietet genug Platz und eine hervorragende Akustik, erklärt Julia Schamanajew von Popup-Yoga Salzburg. Das Interesse an dieser besonderen Mozart-Edition sei enorm gewesen. Schamanajew führt die Stunde von einem Podest aus, während das Studierendenensemble unter Stefan David Hummel live spielt: Klarinette, zwei Violinen, Viola und Cello. Hummel selbst improvisiert am Klavier die Übergänge zwischen den Yoga-Flows und den Cool-downs.

Das DomQuartier sucht neues Publikum
Seit 2014 verbindet das DomQuartier Salzburg vier Häuser zu einem Rundgang: die Prunkräume der Residenz, das Dommuseum, die Residenzgalerie und das Museum St. Peter. Alle liegen im UNESCO-Welterbe der Salzburger Altstadt. Der Verbund macht den historischen Residenz- und Dombereich als Einheit erlebbar: Kunst, Musik, Architektur und die Geschichte der Fürsterzbischöfe unter einem Dach. Doch kommen genug Besucher? Dr. Andrea Stockhammer und ihr Team probieren neue Formate aus. Die Geschäftsführerin des DomQuartiers hat selbst auf einer Yogamatte Platz genommen. „Meine Leidenschaft ist es, Menschen in dieses Haus zu holen“, sagt sie. „Wir öffnen das DomQuartier und schaffen Zugänge, die keine Hürden aufbauen. Besonders für junge Menschen, die oft wenig Vorwissen mitbringen. Mozart gehört allen Generationen. Wir wollen nicht nur Touristen ansprechen, sondern auch mehr Salzburgerinnen und Salzburger erreichen.“

Musik als Tagesbegleiter
Schon Fürsterzbischof Wolf Dietrich ließ sich von Musik durch den Tag begleiten, erzählt Andrea Stockhammer. Vom eigens komponierten „Festlichen Lärm“, der Essensgeräusche übertönen sollte, bis zu Trompeten- und Posaunenfanfaren, die als Kommunikationsmittel in den öffentlichen Raum wirkten. So betrachtet ist Live-Musik zu Yoga-Asanas nur eine moderne Variante der fürsterzbischöflichen Musiknutzung. Wie hätte Mozart das gefallen? Nach allem, was man über ihn weiß, wohl sehr. Die jungen Musikerinnen und Musiker des Ensembles Bella Musica und ihr Leiter Stefan David Hummel jedenfalls empfinden das Format als inspirierend und bereichernd.

Mozart-Repertoire im DomQuartier
Führungen zu Mozarts Leben und Werk sowie Kammerkonzerte in den Prunkräumen der Residenz gehören seit Jahren zum festen Programm des Hauses. Neu ist der Versuch, eine Zielgruppe anzusprechen, die mit historischen Prunksälen sonst wenig zu tun hat: Menschen, die zum Yoga kommen, nicht zu einer Kulturführung.

Die Reihe „Date with Mozart“ bringt weiterhin Cembalo und Violine in die Prunkräume der Residenz. Vor rund 60 sitzenden Zuhörern auf vergoldeten Stühlen bietet sie klassische Kammerkonzerte in klassischem Rahmen. Dazu kommen thematische Führungen zu Mozarts Salzburger Jahren.

Mozart selbst gab in der Residenz mit sieben Jahren sein erstes Konzert. Später war die Residenz viele Jahre lang sein Arbeitsplatz. Hier komponierte er und gab für seinen Arbeitgeber, den Fürsterzbischof, Konzerte.
Mit Mozart in den Flow?
Ob Live-Musik tatsächlich verändert, was während der Yogapraxis im Körper geschieht? Studien zur Wirkung klassischer Musik auf Puls und Atemfrequenz legen das nahe. An diesem Morgen lässt es sich aber kaum objektiv messen. Spürbar ist es trotzdem. Musik wirkt beim Yoga vor allem über Aufmerksamkeit, Emotion und Körperregulation. Sie erleichtert den Einstieg in einen ruhigeren Zustand, unterstützt den „Flow“ und senkt Anspannung. Musik kann aber auch ablenken, wenn Tempo, Lautstärke oder Stil nicht zur Übung passen.
An diesem Morgen passt alles. Das Ensemble Bella Musica stimmt die Passagen aus Mozarts Salzburger Divertimenti genau auf die Übungen ab. Auf das Warm-up in C-Dur folgen die repetitiven Pilates-Übungen im gelassenen Andante und heiteren Allegro, die körperlich anspruchsvollsten Yoga-Positionen im Presto und die Endentspannung im ruhigen Larghetto. Der Saal mit seiner Barocktreppe und den Deckenfresken tut ein Übriges: Er lenkt die Aufmerksamkeit auf den Moment.
Im Shavasana öffne ich die Augen und blicke auf Neptun und die Windgötter über mir. Die jungen Musiker spielen ein letztes Stück. Mir laufen die Tränen über die Wangen, und ich merke: Ich bin nicht die Einzige.

Für die Musikstudierenden kehrt sich die gewohnte Situation um. Sie spielen vor einem Publikum, das ihre Musik hört, während es Asanas übt und, so das Ziel der Stunde, die Aufmerksamkeit nach innen richtet. Kein Applaus nach jedem Satz, keine konzentrierten Gesichter im Parkett. Stattdessen Menschen im Herabschauenden Hund oder in der Berghaltung. Für die jungen Musikerinnen und Musiker bedeutet das Neuland. Der Applaus bleibt aus, doch sie erkennen die Wirkung ihrer Musik an den vielen entspannten Gesichtern, die ihnen ein Lächeln schenken.

Fortsetzung folgt
Die Yoga-Reihe im DomQuartier soll fortgesetzt werden. Zwei Termine im September und November stehen für 2026 noch im Programm . Doch auch 2027 sollen Yoga und Mozart in der Residenz wieder zusammenfinden, da sind sich alle Beteiligten einig.

Die Recherche wurde unterstützt vom SalzburgerLand