Zum Glück fiel unser Tag mit Nationalpark-Rangerin Martha Hutter nicht ins Wasser. Am Vortag hatte es stundenlang geschüttet. Am nächsten blieb es trocken, vorerst. Unser Treffpunkt: der Parkplatz am Gasthaus Schütthof. Martha wartet schon: grüne Jacke, feste Schuhe, eine lustige Mütze. Wir schlagen den Weg ins Untersulzbachtal ein, eines der eindrucksvollen Trogtäler der Ostalpen und vom Menschen nicht zurechtgebogen.

Ein Trogtal ist das Ergebnis harter Arbeit, nur nicht menschlicher. Vor Jahrtausenden schob sich hier ein Gletscher durchs Gestein, hobelte die Flanken glatt, machte aus einem spitzen V ein breites U. Steile Wände, dazwischen ein flacher Boden. So erkennt man ein Trogtal noch heute, auch wenn das Eis längst gewichen ist. Gemeinsam mit dem Obersulzbachtal bildet das Untersulzbachtal seit 2019 das Wildnisgebiet Sulzbachtäler. Die Weltnaturschutzunion IUCN ordnete es der höchsten europäischen Schutzkategorie zu: 6.728 Hektar, auf denen allein die Natur das Sagen hat. Der Mensch greift hier nicht mehr ein, weder lenkend noch korrigierend. Auf unserer Route ist der Wanderweg gut ausgeschildert, die Brücken, die Aussichtsplattformen über dem tosenden Bach werden gepflegt und gewartet. Im Herzstück des Wildnisgebiets aber enden die Wege. Wer dorthin will, braucht einen Ranger. Oder Glück.

Von der Hüttenwirtin zur Rangerin
Martha Hutter stammt aus dem Fuschertal, einem der dreizehn Seitentäler des Salzachtals, mitten in der heutigen Ferienregion Hohe Tauern. Skilehrerin ist sie von Beruf, seit vielen Jahren zugleich Nationalpark-Rangerin, von Mai bis Ende Oktober. Dazwischen liegt eine andere Geschichte: sechs Sommer lang bewirtschaftete Martha die Schwarzenberghütte im Fuschertal. Die ist nur zu Fuß erreichbar und bis heute einer ihrer Kraftorte, wie sie sagt. 2003 bewarb sie sich für den Rangerdienst. Die Ausbildung, verteilt auf mehrere der sechs österreichischen Nationalparks, dauert zwei bis drei Jahre. Schon die ersten Ranger waren Skilehrer, erzählt Martha. Die Kombination liegt nahe: im Winter auf der Piste, im Sommer im Tal. Sie selbst habe sich, wie sie es nennt, „mit Vollgas in die Ausbildung einikniet“.

Zwölf Ranger arbeiten im Nationalpark Hohe Tauern derzeit, drei davon Frauen. Vier Ranger sind ganzjährig angestellt, der Rest, Hutter eingeschlossen, über die Sommersaison. „Wir sind eine gute Truppe“, sagt sie. Jeder Ranger wird dort eingesetzt, wo er oder sie sich auskennt. Bei Martha Hutter sind das ihr Heimattal und die Nachbartäler. Im Sommer sind die Kolleginnen und Kollegen von Krimml bis Hüttschlag unterwegs. An den Taleingängen ergänzen neue Infopoints das Angebot für Besucher. Hier beraten Praktikanten die Gäste über die Attraktionen und Besonderheiten des jeweiligen Tals.

Am Wegesrand
Die ersten Kilometer verlaufen gemächlich. Auch, weil Martha kaum drei Schritte geht, ohne stehenzubleiben. Schachtelhalm, Schlangenbärlapp, behaarter Kälberkopf stehen am Wegesrand. Für uns Städter eine fremde Sprache, die sie geduldig übersetzt. Die Fichten im Tal, erklärt sie, hat der Mensch gepflanzt, sie sind keine ursprüngliche Bewaldung. Alle sieben Jahre blühen sie, dann zieht gelber Blütenstaub über die Wipfel. Den Unterschied zwischen Fichte und Tanne zeigt sie an den Zapfen: Die Fichte lässt ihre hängen; als Ganzes fallen sie zu Boden. Die Tanne trägt ihre Zapfen stehend, wie kleine Kerzen auf den Ästen und behält sie, bis sie dort oben zerfallen. Nur die einzelnen Schuppen segeln ab, die Spindel bleibt am Zweig. Einen ganzen Tannenzapfen findet man deshalb nie im Wald. Was, wie Martha anmerkt, die Welt nicht davon abhält, bei gefundenen Zapfen stets von Tannenzapfen zu reden.

Auf einem Baumstumpf, direkt auf Augenhöhe, wächst ein winziger Farn. Ich bin ganz verzückt von diesem filigranen Gewächs und Martha liefert die passende Geschichte: Es ist ein Tüpfelfarn, auch Engelsüß genannt. Dessen dünnes Rhizom, an der Zunge geprüft, schmeckt tatsächlich süß, fast wie Lakritz. Früher, erzählt sie, habe man die Wurzel in Notzeiten als Zuckerersatz verwendet. Ein wenig später stoßen wir auf ein trockenes Bachbett, durchzogen von auffällig roten Steinen. „Das ist, so komisch das klingt, die rote Grünalge“, sagt Hutter. Eine Alge, die eigentlich grün ist, deren Chlorophyll aber von einem roten Farbstoff überdeckt wird, sodass sie am Gestein wie ein Rostfleck wirkt. Und weil an diesem Tag auch die Mineralogie des Tauernfensters ansteht, kommt der alte Bergmannsspruch zum Einsatz: Feldspat, Quarz und Glimmer, die drei vergess ich nimmer. Eine Eselsbrücke aus dem 19. Jahrhundert, die bis heute hält. Sie benennt die drei Hauptminerale von Gneis und Granit.

Was ist das Tauernfenster?
In den Hohen Tauern wandert man auf geologisch besonderem Boden. Die höchsten Gipfel bestehen aus Gestein, das anderswo in den Alpen tief verborgen liegt. Vor 100 Millionen Jahren schob die afrikanische Platte gegen die eurasische. Ältere Gesteinsschichten wurden nach oben gedrückt. Heute liegt hier das Tauernfenster frei. Es ist ein 160 Kilometer langes Band vom Brenner bis zum Katschberg, in dessen Zentrum vier gewaltige Gneiskerne stehen, darunter der des Großvenedigers. Fachleute sprechen von einer geologischen Sensation. Für Laien genügt die Erkenntnis: Wer hier klettert, steigt durch die Erdgeschichte.
Trotz rauschendem Bach und leuchtend grüner Bäume: Der Klimawandel ist auch im Obersulzbachtal angekommen. Hutters Kollegen aus der Forschung, erzählt sie, dokumentieren seit Jahren, wie Tiere und Pflanzen im Nationalpark den Berg hinaufwandern, auf der Suche nach den Temperaturen, an die sie sich über Jahrtausende gewöhnt haben. Der Klimawandel, sagt sie, sei kein abstraktes Thema mehr, sondern etwas, das man auf dieser Höhenstufe mit eigenen Augen verfolgen kann. Jahr für Jahr ein Stück weiter oben.

Kollege Hannes und die Schulklasse
Auf halber Strecke treffen wir Hannes, einen Kollegen Marthas, der an diesem Tag eine Schulgruppe führt. Die Jugendlichen werden auf Farne und Büsche am Wegesrand aufmerksam gemacht und hören dem Ranger gut zu. Eine kleine Szene, aber eine typische: Führungen mit Urlaubsgästen und mit Schulklassen machen einen erheblichen Teil der Rangerarbeit aus. Idealerweise kommen die Schulklassen in den Nationalpark, aber „wir gehen auch in die Schulklassen“. Die zwölf Ranger des Nationalparks verstehen sich dabei ausdrücklich als Botschafter, nicht nur als Aufsicht. Zu ihren Aufgaben gehören aber auch Kontrollgänge. „Wir sind die Berg- und Naturwachorgane“, sagt Hutter. „Manchmal müssen wir Maßregelungen aussprechen, wenn sich Leute nicht rücksichtsvoll verhalten, ihren Müll liegen lassen. “ Besonders gefragt sind die geführten Touren ins Wildnisgebiet der Sulzbachtäler, durch eine vom Menschen unberührte Landschaft mit Pioniervegetation nahe den Gletschervorfeldern. Neun Stunden dauert eine solche Tour, entlang des tosenden Bachs. Kostbare Zeit, gefüllt mit Wissen über Pflanzen, Tiere und die Arbeit, die für ihren Schutz geleistet wird.

Zähe Verhandlungen, dann Akzeptanz
1971 wurde das Gebiet zum Schutzgebiet erklärt, offiziell gegründet wurde der Nationalpark 1981 – dazwischen lagen, wie Hutter erzählt, zehn Jahre zäher Verhandlungen, vor allem mit den Grundbesitzern. Wer Flächen ruhen ließ, bekam Ausgleich – etwa, wenn er sein Dach mit traditionellen Holzschindeln deckte oder einen Pinzgauer Zaun setzte, jenen dichten, nagelfreien Holzzaun, den man bis heute in der Landschaft findet. Heute, sagt Hutter, sei die Akzeptanz im gesamten, langgezogenen Tauerntal groß; die Nationalparkgemeinden stünden geschlossen hinter dem Konzept. Mit 1.856 Quadratkilometern ist der Nationalpark Hohe Tauern der größte der Alpen, verteilt auf Salzburg, Tirol und Kärnten. Rund 3.500 Pflanzenarten kommen hier vor, etwa 15.000 Tierarten – darunter die Big Five der Alpen: Steinbock, Gams, Murmeltier, Steinadler, Bartgeier.

Die heilige Barbara und der Fuchs
Nach rund zwei Stunden erreichen wir die Knappenhütte, das Betriebsgebäude vor dem Stollenmundloch. Gefütterte Regenjacke, Schutzhelm, Grubenlampe – Hutter verteilt die Ausrüstung mit der Routine von jemandem, der das oft getan hat. Auch sprachlich betreten wir eine andere Welt: Man „fährt ein“ in den Stollen, sagt Hutter, selbst wenn der Eingang, wie hier, oberirdisch liegt – ein Erbe der Bergmannssprache, das bis heute hält. Direkt hinter dem eisernen Tor steht die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute. Am 4. Dezember, ihrem Feiertag, schneidet man traditionell einen Kirschzweig, den Barbarazweig: Blüht er zu Weihnachten, verspricht der Brauch Glück im kommenden Jahr.

136 Meter führt der Weg durch Hangschutt und grobes Gestein. Es ist an diesem Tag ziemlich nass. Am Vortag hatte es stundenlang geregnet, und der Berg braucht länger, um das Wasser wieder loszuwerden, als man denkt. An einer Stelle zeigt Hutter auf einen Querbalken im Türrahmen, den Fuchs: Wird er schräg, bewegt sich der Berg – ein einfaches, jahrhundertealtes Warnsystem. Vom 16. Jahrhundert bis 1954 wurde hier, mit Unterbrechungen, Kupfer abgebaut. In der Blütezeit im 18. Jahrhundert arbeiteten rund vierzig Bergknappen unter Tage, weitere vierzig, oft Frauen, waren draußen mit Zerkleinerung und Abtransport beschäftigt. Von den einstigen Gebäuden ist heute nur die Knappenstube übrig geblieben. Der sogenannte Erbstollen, durch den wir gehen, brauchte etwa dreißig Jahre, bis er durchgesprengt und von Hand herausgepickt war. Er wurde von einer Bergmannsgeneration an die nächste vererbt. Im Sommer lässt sich die ganze Runde begehen, vom Morgenrevier im Osten bis zum Abendrevier im Westen, an einer Stelle dreißig Meter unter dem Untersulzbach. Bei bestimmter Wetterlage hört man den Bach über sich rauschen.

Ein Helm ist an diesem Tag kein Zugeständnis an die Vorschrift, sondern schlicht nötig. An mancher Stelle geht man vorsorglich gebückt; die Füße stapfen von Pfütze zu Pfütze. Die Wettertüren bleiben offen, damit ein Luftzug durch den Stollen zieht und Sauerstoff nachströmt. Auf schmalen Gleisen liefen einst die Grubenhunde, kleine Holzkisten, mit denen, auch das ein Kapitel der Bergbaugeschichte, Kinder das Erz herausgezogen haben. Nach einigen hundert Metern rauscht das Wasser fast von der Decke, ein Nachhall des Regens vom Vortag, der durch die Gesteinsschichten sickert. Der Stollen ist, glücklicherweise, so angelegt, dass das Wasser von selbst wieder nach draußen findet.

Als wir wieder ins Tageslicht treten, hat sich der Himmel verändert. Die Wolken hängen tiefer, ziehen sich über uns zusammen. Wir machen uns auf den Rückweg. Nach einer Weile kreuzt sich unser Pfad wieder mit dem Wasserfall-Rundweg. Diesmal nehmen wir die Seite, die wir am Vormittag ausgelassen haben. Hölzerne Plattformen ragen über den tosenden Untersulzbach. Erste Regentropfen mischen sich in den Sprühnebel des Wasserfalls, und wir stellen verwundert fest: Diesen Bach haben wir heute von beiden Talseiten gesehen, von oben, wo er tost, und sogar von unten, dreißig Meter unter seinem Bett, konnten wir ihn rauschen hören. Der Obersulzbach mit allen Sinnen, nur einer von vielen spannenden Natureindrücken, die uns Martha als Botschafterin der Hohen Tauern nähergebracht hat. Hier geht es zur Übersicht der Nationalpark-Rangertouren.
Salzburger Geschichten
Im Barocksaal findet mehrmals in der Woche, das bei Touristen sehr beliebte Mozart-Dinner im St. Peter Stiftskuliarium statt, das stets mit dem Dessert-Klassiker Salzburger Nockerln endet. Über diese und weitere Spezialitäten mehr in der Reportage Süßes Salzburg. Welche Spuren Mozart in seiner Heimatstadt Salzburg hinterlassen hat, verrät der Artikel Stadtwanderung mit Mozart. Das Salzburger DomQuartier geht neue Wege und lädt in die Prunkräume der Residenz zu Yoga-Flow mit Live-Musik von Mozart. Den Ausschank im Augustiner Bräu und ein kühles Märzen unter alten Kastanienbäumen oder im historischen Stockhammer-Saal sollte ebenfalls auf einem Rundgang durch Salzburg dabei sein. Jedes Jahr strömen Setjetter aus aller Welt nach Salzburg und begeben sich auf die Spuren von The Sound of Music per Panoramafahrt im Bus oder auf dem Sound-of-Music Trail.
Die Recherche wurde unterstützt von Nationalpark Hohe Tauern und SalzburgerLand
