Reise-Rubrik

Varoscha – Zyperns Geisterstadt

Der Eintritt ist frei und die Uniformierten hinter dem Schlagbaum freundlich. Sie möchten in den Rucksack schauen. Alkohol dabei oder eine Drohne? Die Straßen sind neu aspahltiert und ein Kontrast zu den bröckelnden Fassaden. Frische weiße Linien markieren Fahrradwege. Direkt am Eingang kann man Fahrräder mieten.

Am Besuchereingang zum Varoscha-Viertel kann man Fahrräder mieten / © Foto: Georg Berg
Am Besuchereingang zum Varoscha-Viertel kann man Fahrräder mieten / © Foto: Georg Berg

Seit beinahe einem halben Jahrhundert liegt Varoscha, einst mondäner Hot Spot am Mittelmeer, schon in einem Dornröschenschlaf. Pracht und Schönheit sind immer noch zu erahnen. Auf Wikipedia findet sich eine Art Inventarliste. Stand 14. August 1974 zählte der Stadtteil der Hafenstadt Famagusta, der sich Varoscha, Varosia oder auf türkisch Maraş nennt, 45 Hotels mit 10.000 Betten, 60 Appartement-Hotels, 99 Recreation-Centers, 21 Banken, 24 Theater und Kinos sowie rund 3.000 kleinere und größere Geschäfte. Weitere 380 Gebäude befanden sich 1974 noch in der Bauphase. Die ehemalige Touristenhochburg am Mittelmeer war seit der türkischen Invasion 1974 militärisches Sperrgebiet. Seit Ende 2020 ist ein kleiner Teil der Geisterstadt für Zivilisten geöffnet. Ein Spaziergang nicht nur in die Vergangenheit, denn die bittere Wahrheit lautet seit einigen Wochen, dass ein Krieg mitten in Europa wieder Realität ist.

Cafe und Snackbar auf der Straße der Demokratie in der Geisterstadt Varoscha / Maraş / © Foto: Georg Berg
Cafe und Snackbar auf der Straße der Demokratie in der Geisterstadt Varoscha / Maraş / © Foto: Georg Berg

Krieg in Europa – damals und heute

März 2022 – der brutale Angriffskrieg von Russland auf die Ukraine ist erst wenige Tage alt. Wir laufen durch die Straßen einer Geisterstadt und schauen durch fensterlose Häuser und auf bröckelnde Fassaden. Städte, deren Namen ich vor kurzem gar nicht kannte, gehen mir durch den Kopf. Charkiw, Cherson, Mariupol. Wie mag es dort jetzt aussehen? Am 14. August 1974 haben Menschen das Urlaubsparadies Varoscha fluchtartig verlassen. Bewohner, Geschäftsleute und Touristen. Varoscha wurde damals nicht so heftig bombardiert wie viele Städte in der Osturkraine heute. Varoscha wurde weder total zerstört, noch wieder aufgebaut. Geht man heute durch Berlin, findet man kaum noch Spuren der Berliner Mauer. Geht man durch Varoscha, helfen verblichene Werbeschilder, mächtige, aber ungepflegte Palmen und die Überreste prächtiger Architektur das Bild vom einstigen Traumziel am MIttelmeer zusammenzusetzen.

Wer genau hinschaut sieht Klassiker der Architektur. Das Design der 1960er Jahre war hier nie weg. Die Zeit ist einfach stehen geblieben, während sich die Politik bis heute nicht auf einen neuen Status für den Stadtteil einigen kann / © Foto: Georg Berg
Wer genau hinschaut sieht Klassiker der Architektur. Das Design der 1960er Jahre war hier nie weg. Die Zeit ist einfach stehen geblieben, während sich die Politik bis heute nicht auf einen neuen Status für den Stadtteil einigen kann / © Foto: Georg Berg

Green Line – die geteilte Insel

Im Juli 1974 wurde der Norden der Insel Zypern von der Türkei besetzt, nachdem griechische Putschisten den Anschluss der Insel an Griechenland hatten durchsetzen wollen. Im November 1983 wurde für den Nordteil einseitig die Türkische Republik Nordzypern ausgerufen, die aber drei Tage später von der UNO für ungültig erklärt wurde. Im Mai 2004 wurde die ganze Insel Zypern als Republik Zypern in die EU aufgenommen. Faktisch gehört aber nur der Südteil der Insel zum Gebiet der EU. Die Türkei erkennt als einziges Land die Türkische Republik Nordzypern an. Internationale Sanktionen verhindern seit Jahrzehnten Direktflüge zum Ercan Flughafen in Nordzypern. Nur mit einer Zwischenlandung in der Türkei dürfen Airlines den Norden der Insel anfliegen. Varoscha wird bis heute als Pfand für die Aufhebung solcher Sanktionen eingesetzt.

UN Stützpunkt / © Foto: Georg Berg
UN Stützpunkt / © Foto: Georg Berg

Norden und Süden werden seit 1963 von der sogenannten Green Line getrennt, die mitten durch die Hauptstadt Nikosia verläuft. Seit 1984 sind UNO-Soldaten an dieser Grenze stationiert und zeigen auch im Sperrgebiet der Geisterstadt Varoscha Präsenz.

Die Türkische Republik Nordzypern hat schon in den 1990er Jahren angeboten, den ursprünglichen Eigentümern ihren Besitz zurückzugeben, wenn Sanktionen aufgehoben werden. Ob die derzeitige Öffnung Varoschas Vorbote einer schleichenden Neubesiedelung ist, lässt sich bei der vielschichtigen Interessenlage aller Beteiligten schwer beurteilen.

Material

Die in Varoscha entstandenen Fotos von Georg Berg können für alle Nutzungsarten bei der internationalen Bildagentur Alamy lizensiert werden.

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