Reise-Rubrik

Waldhaus Sils im Engadin

Wenn einem der Schnee keine Wahl lässt und sich wie ein weißer Chiffon-Vorhang vor die Berge schiebt, dann kann es keinen schöneren Ort geben, um Geschichten aus einer anderen Zeit zu lauschen und das mit altem Luxus prall gefüllte Grandhotel auf sich wirken zu lassen. Zu Besuch im Waldhaus Sils im Oberengadin.

Burgartiges Grandhotel in den Engadiner Hochalpen. Das Gründerpaar Amalie Giger-Nigg und Josef Nigg wählte den Standort unter drei möglichen Optionen mit Bedacht und Weitsicht. Eine einjährige Messung hat ergeben, dass der Fels, auf dem das Waldhaus seit 1908 steht, über die meisten Sonnenstunden verfügt

Sils-Maria im Oberengadin in der Schweiz wird gerne als der ruhige Gegenpol zum mondänen St. Moritz bezeichnet. Sils-Maria steht für Entschleunigung und Gelassenheit auf rund 1.800 Metern Höhe. Seit 1908 gehört das Waldhaus ein und derselben Familie. A Family Affair since 1908 lautet der Leitspruch des Hauses und ist nicht nur eine hübsche Unterzeile im Logo. Er wird durchaus gelebt. Im Waldhaus gibt es kein Check-in, im Waldhaus gibt es einen Händedruck. Jeder Gast wird von einem Mitglied der Familie Dietrich persönlich begrüßt und auch verabschiedet.

Meterhoher Neuschnee vor dem Waldhaus in Sils wird schon früh morgens weggeräumt. Das Licht in der Lobby leuchtet warm und einladend. Schön zu wissen, dass man sich gleich in einen der Samtsessel im Salon-Bleu fallen lassen kann

Das Gründerpaar Amalie Giger-Nigg und Josef Nigg wählte den Standort für das burgartige Haus unter drei möglichen Optionen mit Bedacht und Weitsicht. Eine einjährige Messung hatte ergeben, dass der Fels, auf dem das Waldhaus seit 1908 steht, über die meisten Sonnenstunden verfügt. Bei unserer Ankunft liegt meterhoher Neuschnee vor dem Haupteingang. Das Licht in der Lobby leuchtet warm und einladend. Schön zu wissen, dass man sich gleich in einen der Samtsessel im Salon-Bleu fallen lassen kann.

Karusselfahrt auf einer der schönsten Bahnstrecken

Stimmungsvolle Anfahrt mit der Rhätischen Bahn durch den Schnee / © Foto: Georg Berg

Die eigene Anreise zum Waldhaus Sils lässt sich auch heute noch maximal historisch-atmosphärisch aufladen. Dafür braucht es nur die Rhätische Bahn. Seit 1903 existiert die Albula-Linie, eine der spektakulärsten Bahnstrecken weltweit und UNESCO-Weltkulturerbe. Sie führt im Kanton Graubünden ab Chur auf über 60 Kilometer Länge bis nach St. Moritz. Die Bahnstrecke ist ein Meisterwerk der Ingenieurskunst und eine wunderschöne Karusselfahrt. Eisenbahn-Liebhaber können bei der Rhätischen Bahn sogar ein Billet für die Fahrt im Führerstand buchen.

Die Zugfahrt in einem Führerstand der Rhätischen Bahn ist ein ganz besonderes Erlebnis und kann im Voraus gebucht werden / © Foto: Georg Berg
Die Zugfahrt in einem Führerstand der Rhätischen Bahn ist ein ganz besonderes Erlebnis und kann im Voraus gebucht werden.

Viadukte aus Stein reihen sich aneinander. Unterwegs überqueren die Züge der Rhätischen Bahn mehr als 140 Brücken und fahren durch 42 Tunnel. Auch deshalb ist die Albula-Bahn eine der beeindruckendsten Schmalspurbahnen der Welt. Der Zug überwindet 700 Höhenmeter mittels Kehr- und Spiraltunneln. Mehrmals überquert die Albula-Linie dabei sich selbst. Viermal wechselt der Zug die Bergseite. Im Bahnhof St. Moritz angekommen erreicht man das Waldhaus mit dem Shuttle-Service des Hotels. Automobile waren in Graubünden bis 1925 verboten. Die Pferdekutsche war das Transportmittel ohne Wahl. Denn die Kutscher hatten eine starke Lobby und konnten die eigene Verdrängung durch den Fortschritt für geraume Zeit verhindern. So kam es, dass sich die Gäste im Waldhaus bei ihrer Ankunft noch lange im wahrsten Sinne des Wortes „gerädert“ fühlten. Ein Zustand, der sich allerdings schon nach kurzer Zeit in diesem Ort wieder verflüchtigte.

Wen die Füße noch tragen und wer den Charme der alten Zeiten zu schätzen weiß, sollte stets über das Treppenhaus zu seinem Zimmer gehen. Gleichzeitig ein gutes Höhentraining für Gäste aus dem Flachland
Wen die Füße noch tragen und wer den Charme der alten Zeiten zu schätzen weiß, sollte stets über das Treppenhaus zu seinem Zimmer gehen. Gleichzeitig ein gutes Höhentraining für Gäste aus dem Flachland
Die Bibliothek: Wer mag wohl an diesen Tischen schon gelesen oder geschrieben haben? Elke Heidenreich kam in diesem Raum der Gedanke: Wie groß ist die Welt und wie still ist es hier“. Überhaupt das Thema Stille. Martin Mosebach schreibt „Das Weltende könnte stattfinden, und man würde davon im Walhaus erst eine Woche später erfahren, durch eine unaufgeregte Information des Portiers“ / © Foto: Georg Berg
Die Bibliothek: Wer mag wohl an diesen Tischen schon gelesen oder geschrieben haben? Elke Heidenreich kam in diesem Raum der Gedanke: Wie groß ist die Welt und wie still ist es hier“. Überhaupt das Thema Stille. Martin Mosebach schrieb „Das Weltende könnte stattfinden, und man würde davon im Walhaus erst eine Woche später erfahren, durch eine unaufgeregte Information des Portiers“

Waldhaus Sils – ein Denkort

Das Nietzsche-Haus liegt in der Ortsmitte von Sils / © Foto: Georg Berg
Das Nietzsche-Haus liegt in der Ortsmitte von Sils

Das Waldhaus Sils ist ein nostalgischer Ort und steckt voller Geschichten seiner illustren Gäste. Oft blieben sie lange und kehrten regelmäßig wieder. Aufenthalte von ein oder gar zwei Monaten in der Sommerfrische waren üblich. Marc Chagall weilte fünfmal im Waldhaus Sils, Hermann Hesse traf sich hier mit seinem Verleger Samuel Fischer, Gerhard Richter war oft zu Gast und hinterließ zwei kleine Bilder, Friedrich Dürenmatt schrieb ins Gästebuch und von Thomas Mann erzählt man, dass er viel zu mäkeln hatte. Viele Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, der Literatur und Kunst ließen sich noch hinzufügen. Einer der nie hier war, aber durch seine Aufenthalte das beschauliche Sils Maria zum Denk-Ort machte, war Friedrich Nietzsche, über dessen Leben und Wirken es eine Ausstellung im Historischen Museum von Basel gegeben hat.

Nostalgie und behutsame Erneuerung

Die alte Telefonkabine im Waldhaus ist heute Handy-Rückzugsort zum Wohle aller Gäste, die die Salons und vielen anderen Plätze im Haus zum Lesen, Spielen, Reden oder Denken nutzen möchten. Angenehme Zeiten, als das Telefon in einer eigenen Kabine verortet war und nicht in jedermanns Hosentasche / © Foto: Georg Berg

Es schneit unaufhörlich. Maria Dietrich führt uns in die Bar, dem Original seit 1908. Vor dem großen Fenster biegen sich die Lärchen unter der Schneelast. Maria Dietrich erzählt von ihrer Kindheit im Hotel. Von den Monaten ohne Gäste, als die Korridore den Kindern gehörten und in der Eingangshalle Badminton gespielt wurde. Sie erzählt auch, wie lange das Anheizen des Hauses nach dem Winter dauerte. Dass häufig die Leitungen platzten und man schon froh war, wenn es nicht wieder in einem der oberen Stockwerke passierte und somit der Wasserschaden etwas geringer ausfiel. Das Alte, das heute so geschätzt wird, konnte durch die Kontinuität eines Familienbetriebes, bewahrt werden.

Die Bar mit Blick ins Schneegestöber / © Foto: Georg Berg
Die Bar mit Blick ins Schneegestöber

In Zeiten der Krise war oft kein Geld für Neuerungen vorhanden, sondern reichte gerade für das Notwendige. Die alte Telefonkabine im Waldhaus ist heute Handy-Rückzugsort zum Wohle aller Gäste, die die Salons und vielen anderen Plätze im Haus zum Lesen, Spielen, Reden oder Denken nutzen möchten. Angenehme Zeiten, als das Telefon in einer eigenen Kabine verortet war und nicht in jedermanns Hosentasche.

Geldnot, so sagt man, sei der beste Denkmalschutz. Maria Dietrich zeigt die Währung, in der ein Hotel den Erfolg misst. Empfindlich wie ein Aktienkurs auf Ereignisse der Weltpolitik reagiert, bewegen sich die Übernachtungen pro Jahr auf dem Diagramm von Maria Dietrich durch das vergangene Jahrhundert. Dramatisch ist der Rückgang der Übernachtungen durch die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise ab 1929. Bis 1914 hatte das Haus rund 15.000 Übernachtungen. Im Sommer 1914 aber war kein einziger Gast im Waldhaus Sils. In den Kriegsjahren die folgten, blieb das Hotel geöffnet und wurde fast ausschließlich von Schweizern besucht. Damals wie heute gibt es 140 Zimmer.

Modernisierungen mit Maß – Schwimmbad und Spa

1908 bei der Eröffnung gab es 40 Badezimmer. Beschwerte sich Thomas Mann einst über Wasser-Kalamitäten, heute hätte er sicher nichts mehr zu mäkeln, sondern würde entspannt im Arven-Bad liegen und zum Himmel und in die Lärchenspitzen schauen. Seit 2017 verfügt das Waldhaus über einen modernen Spa, der teils wagemutig in den Fels gesprengt wurde. Ähnlich wie 1970 der Bau des Schwimmbades, der eine mutige Investition für die Hoteliersfamilie darstellte. Ein Hotel mit eigenem Schwimmbad war 1970 fast ein Alleinstellungsmerkmal und machte das Haus für Familien mit Kindern attraktiv.

Die neuen Anlagen haben das Schwimmbad von 1970 nicht verdrängt, sondern es großzügig mit einbezogen / © Foto: Georg Berg
Die neuen Anlagen haben das Schwimmbad von 1970 nicht verdrängt, sondern es großzügig mit einbezogen / © Foto: Georg Berg

Tägliches Tee-Konzert und Chef’s Table

Das Waldhaus führt, ganz der Tradition alter Grandhotels verpflichtet, ein eigenes Hausorchester. In der ganzen Saison spielen Musiker zum Teekonzert in der Halle und abends zum Tanz in der Bar. Ein Drittel der Fläche des Waldhauses ist öffentlicher Raum für alle Gäste. Selbst bei vollem Haus, so heisst es, findet jeder Gast ein gemütliches Plätzchen in den Salons, der Bar, in der Bibliothek oder der Halle.

In der Bar können Paare am Abend auch tanzen. 70 Jahre lang mussten die Kellner das Essen durch die tanzenden Paare tragen. Nach dem Umbau der Küche kommen sich Kellner und Musiker nicht mehr in die Quere / © Foto: Georg Berg
In der Bar können Paare am Abend auch tanzen. 70 Jahre lang mussten die Kellner das Essen durch die tanzenden Paare tragen. Nach dem Umbau der Küche kommen sich Kellner und Musiker nicht mehr in die Quere.

Der Chef’s Table im Waldhaus Sils beginnt immer mit einem Apero im Weinkeller.
Hier schenkt Sommelier Oscar Comalli ein und gibt Auskunft über die Weinvorräte des Hauses. Bis zu 40 Prozent der Weine im Waldhaus Sils stammen aus der Schweiz. Gefolgt von Weinen aus Italien, Frankreich und Portugal. Er wählt bewusst europäische Weine. Danach geht es in die großzüge Küche. Vor kurzem erst aufwändig renoviert, wirkt der Raum wie eine Kathedrale. Chefkoch Gero Porstein bereitet für den Chef’s Table mit seinem Team ein Dinner in mehreren Gängen, bei dem die Gäste ihm über die Schulter schauen können.

Eine Küche wie eine Kathedrale. Hier findet jeden Montag auch für externe Gäste ein Chef’s Table statt
Eine Küche wie eine Kathedrale. Hier findet jeden Montag auch für externe Gäste ein Chef’s Table statt / © Foto: Georg Berg

Schnee und Waldhaus adé

Der Vorhang aus Schneegestöber wurde zum Frühstück vor unserer Abfahrt zur Seite gepustet. Als hätte sich ein Mitglied der Familie überlegt, dass es doch zu schade wäre, wenn ein Gast während seines ganzes Aufenthaltes nie die Aussicht hat genießen können.  Ein Blick auf die Berge ist ebenso wichtig, wie der persönliche Gruß zum Abschied. Wuchtig bauen sich die Berge vor den großen Fenstern auf. Das Frühstück wird nebensächlich, die Gäste, an den anderen Tischen interessieren nicht mehr. Wie schade, dass jetzt keine Zeit mehr bleibt für einen Spaziergang ins Fextal oder zum Tscheppa-See. Zum Glück bleibt noch die Vorfreude auf eine Rückfahrt mit der Albula-Bahn. Noch einmal Karussell fahren durch die Schweizer Berge mit Puderzucker-Glasur.

Der englische Adel und die Schweizer Berge

Die Begeisterung für das Alpine ließ der englische Adel ab dem 19. Jahrhundert auch im eigenen Garten umsetzen. Zu jener Zeit bereisten die ersten wohlhabenden Engländer die Alpen und ließen sich als Erinnerung an das Gebirge, felsige Passagen, die sogenannte „Rockery“ in den Garten bauen. Ein schönes Beispiel dafür bieten die Gärten von Hotel Endsleigh. Hier lies der Herzog von Bedford sogar ein Swiss Cottage bauen.

Unsere Arbeitsweise ist geprägt durch selbst erlebte, gut recherchierte Textarbeit und professionelle, lebendige Fotografie. Für alle Geschichten gilt, dass Reiseeindrücke und Fotos am selben Ort entstehen. So ergänzen und stützen die Fotos das Gelesene und tragen es weiter.

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