Auf einem der ältesten Grabsteine des Père Lachaise stehen zwei Worte, die alles versprechen: Concession à Perpétuité. Ewige Ruhestätte. Im 19. Jahrhundert klang das wie ein feierliches Versprechen der Stadt Paris. Heute weiß Paris: Ewigkeit ist verhandelbar – vor allem, wenn niemand mehr zahlt.

Rund 70.000 verwaiste Grabdenkmäler stehen allein auf den drei großen Pariser Friedhöfen Père Lachaise, Montparnasse und Montmartre. Monumentale Gräber aus dem 19. Jahrhundert, deren Konzessionen längst abgelaufen sind, deren Familien verschwunden oder ausgestorben sind, deren Namen die Zeit verwischt hat. Manche Gräber hat die Natur zurückerobert: Die Wurzeln eines mächtigen Baumes haben die dicken Steinplatten eines Grabes gesprengt, angehoben, verschoben – als hätte der Friedhof beschlossen, sich zu nehmen, was ihm gehört.

Knappes Gut: die letzte Ruhestätte
Die drei zentralen Friedhöfe sind seit Anfang des 20. Jahrhunderts voll. Wer in Paris beerdigt werden will, muss meist an den Stadtrand ausweichen. Für die verfallenden Denkmäler galt das Gegenteil: Sie standen unter Denkmalschutz. Abriss war bürokratisch kompliziert, denkmalpflegerisch heikel und teuer. Die Stadt steckte in der Klemme.
Im April 2025 fand der Pariser Stadtrat eine elegante und ungewöhnliche Lösung. Das Programm heißt parrainage patrimonial – Grabpatenschaft. Wer ein vergessenes, denkmalgeschütztes Grab auf eigene Kosten originalgetreu restauriert, darf es als Familiengrab nutzen. Für die Testphase wählte die Stadt 30 Gräber aus, je zehn pro Friedhof. Bewerben durften sich nur Pariserinnen und Pariser. Neben Édith Piaf oder Frédéric Chopin zur letzten Ruhe gebettet werden? Möglich – wenn das Losglück mitspielt.

Der Losentscheid als letztes Wort
Wer teilnehmen wollte, zahlte 125 Euro Anmeldegebühr und reichte zwei Restaurierungsangebote von Fachbetrieben ein. Manche Arbeiten mussten unter Aufsicht des Denkmalschutzes erfolgen. Der Kaufpreis der Konzession lag je nach Zustand und Lage zwischen 500 und 5.000 Euro – die Restaurierungskosten kamen hinzu. Am 19. Januar 2026 zog ein Gerichtsvollzieher die Gewinnlose. Wer leer ausging, darf hoffen: Das Programm ist ein Test und soll bei Erfolg fortgesetzt werden. Paris hat genug vergessene Denkmäler für weitere Runden.
Light my Fire. The Time to hesitate is Through!
Andere Gräber des Père Lachaise brauchen keine städtische Fürsorge. Jim Morrison etwa liegt seit 1971 hier – wer sein Grab sucht, folgt einfach den Touristen, die den charismatischen Leadsänger der Rockband The Doors bis heute huldigen. Ein Baum in der Nähe trägt eine eigenwillige Hommage: Seine Rinde ist mit Kaugummis übersät, manche beschriftet. Welches Denkmalschutzamt dafür zuständig ist, bleibt offen.

France, souviens-toi
Zwischen den weitläufigen Gräbern des Père Lachaise stehen Monumente, die niemand vergessen hat, und solche, die vergessen wurden, obwohl sie es nicht verdienen. Auf einem steinernen Grabmal hat eine Kinderskulptur die Worte hinterlassen: France souviens toi – Frankreich, erinnere dich. Woran genau, verrät das Denkmal nicht.

Ein paar Schritte weiter: ein verwahrloster Blumenkübel vor einem Grabstein. Auf dem Stein steht ein Name – Jubier. Kein Vorname, kein Datum, keine Widmung. Nur der Name und der leere Kübel davor.

Wer heute im Pariser Stadtrat über das parrainage patrimonial abstimmt, erfüllt ein altes Versprechen – das der Concession à Perpétuité. Nur anders als gedacht: Nicht die Familie sorgt für die Ewigkeit, sondern ein Fremder, den das Los bestimmt. Am 19. Januar 2026 wurde in Anwesenheit eines Huissier de Justice das Los gezogen — damit die Ewigkeit auch rechtssicher beginnt.
Wie das aussieht in der Praxis, zeigt ein Blick in die offiziellen Unterlagen der Stadt Paris. Für jedes der 30 zum Verkauf stehenden Grabmonumente hat der Service des cimetières ein mehrseitiges Exposé erstellt — mit Grundriss, Fotos, Zustandsbeschreibung und zwei Anfahrtswegen. Monument Nr. 3 im Père Lachaise, Division 44, Kataster 378: Kaufpreis 4.000 Euro, Restaurierungsfrist 6 Monate, Baujahr ca. 1884. Der Caveau hat vier Kammern — aber sie sind für moderne Särge zu schmal. Das steht wirklich so drin.