Die Siedler von Nova Scotia

Kanada versteht sich als Einwanderungsland. Entsprechend offen und neugierig begegnen uns die Menschen auf unserer Reise durch Nova Scotia. Wer mit Kanadiern ins Gespräch kommen will, fragt nach der Familie: Welche Generation kam wann, und woher? Die Antworten reichen oft weit zurück. 

Skulptur eines Mannes mit Koffer auf einem Schiff am Tall Ships Quay, Halifax, Canada
Die Bronzeskulptur „The Emigrant“ des Künstlers Armando Barbon an der Uferpromenade beim Pier 21 in Halifax, Kanada. Die 2013 aufgestellte Figur zeigt einen Auswanderer mit Koffer und erinnert an die Menschen, die zwischen 1928 und 1971 über Pier 21 nach Kanada einwanderten. / © Foto: Georg Berg

Kanada zeigt sich heute weltoffen und tolerant. Schon am Flughafen Halifax begrüßt es die Gäste in drei Sprachen: Englisch, Französisch und Mi’kmaq. Die Geschichte von Einwanderung, Vertreibung und Unterdrückung arbeitet es sichtbar bewusst auf. Es gibt Museen und Gedenkstätten, Gemeinden und Reservate. Reisende können hier begreifen, wie verwickelt das Zusammenleben von Einwanderern und Indigenen begann. Das ist oftmals keine leichte Kost für eine Urlaubsreise. Man kann sich in Nova Scotia auch in der Kunst der Weltflucht üben, Lobsterrolls genießen, atemberaubend schöne Golfplätze bespielen und Weingüter besuchen. Man kann sich aber auch auf die bewegte Geschichte der Provinz einlassen, Parallelen zu unserer heutigen Zeit entdecken. Damals wie heute können die Entscheidungen einzelner Mächtiger, das Leben vieler aus den Fugen reißen.

Musiker spielen Dudelsack und Gitarre in Mabou, Canada
Dudelsackspieler treten beim Musikfestival KitchenFest im Red Shoe Pub in Mabou, Nova Scotia, Kanada, auf. Das seit 2005 von den Rankin-Schwestern geführte Lokal am Ceilidh Trail auf Cape Breton Island ist ein regelmäßiger Treffpunkt für gälisch-keltische Live-Musik. / © Foto: Georg Berg

Neues Schottland. Alte Konflikte.

Nova Scotia ist dafür ein gutes Beispiel. Der Name verführt zu der Annahme, hier hätten vor allem Schotten gesiedelt. Tatsächlich lebten lange vor ihnen die Mi’kmaq und andere indigene Gruppen, in einer Region, die heute Atlantik-Kanada oder The Maritimes heißt. Die ersten dauerhaften europäischen Siedler waren die Akadier. Sie wanderten aus Frankreich aus. Dann setzten sich die Engländer durch. Sie misstrauten den Akadiern und vertrieben sie ab 1755. Die Deportation dauerte bis 1762. An ihre Stelle traten die New England Planters. Später kamen Schotten aus den Highlands, in großer Zahl Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts. Der Name Nova Scotia ist jedoch älter als diese Welle und war anfangs nur ein Eintrag auf Papier. König Jakob VI. von Schottland und I. von England übertrug 1629 ein großes Gebiet in Nordamerika an Sir William Alexander, gab ihm den Namen Nova Scotia. Eine Siedlung am Annapolis Basin hielt nur kurz. Zur bewegten Siedlungsgeschichte der Provinz kamen 1783 Black Loyalists, ehemalige Sklaven, die auf britischer Seite gekämpft hatten, ursprünglich aus Sierra Leone stammten und in Nova Scotia Freiheit suchten. 

Blumen und Flaggen schmücken ein Fenster an der Old Post Road, Grand Pre, Canada
In einem Fenster an der Old Post Road in Grand Pré, Nova Scotia, Kanada, hängen zwischen Geranientöpfen die kanadische Flagge, die Flagge des Grand Council der Mi’kmaq (Santé Mawiómi) und die acadische Flagge nebeneinander. Die Kombination steht für die Mi’kmaq als Ureinwohner, die acadischen Siedler und das heutige Kanada, die die Geschichte der Region prägen. / © Foto: Georg Berg

Patchwork am Atlantik

Heute gleicht eine Reise durch die Provinz dem Blick auf einen vielschichtigen Flickenteppich. Auf schottisches Erbe mit Ceilidh und Dudelsack folgen die Kulturlandschaften der Akadier, auf die Festungen französischer und englischer Armeen die Kultureinrichtungen der Mi’kmaq und die größte Gemeinschaft der Black Loyalists. Viele Geschichten wurzeln in den Konflikten der Alten Welt. In der Neuen Welt führten sie zu Vertreibung und Leid. Auf unserer Reise durch die Provinz begegnen wir daher immer wieder einer komplexen Siedlungsgeschichte. Wie bei einem Puzzle fügte sich mit jedem besuchten Gedenkort und Museum ein weiteres Teil hinzu, und der Blick auf das Ganze wurde zunehmend klarer. Die folgende Übersicht führt die Siedler sozusagen „in order of appearance“ auf und nennt die wichtigsten Einrichtungen, die dieses Erbe zugänglich machen.

Soldaten in historischen Uniformen stehen vor dem Orderly Room in Ann Street, Shelburne, Canada
Mitglieder der Shelburne Reenactment Association versammeln sich in Uniformen des 3rd Battalion, New Jersey Volunteers, vor dem „Orderly Room“ in der Ann Street in Shelburne, Nova Scotia. Die New Jersey Volunteers waren ein loyalistisches Regiment der Amerikanischen Revolution, das nach der britischen Niederlage 1783 in Nova Scotia und New Brunswick aufgelöst wurde. / © Foto: Georg Berg

Wer zuerst da war: Die Mi’kmaq

Die Mi’kmaq sind das indigene Volk von Mi’kma’ki. Ihre Heimat liegt im atlantischen Kanada und umfasst das heutige Nova Scotia. Ihre Kultur lebt in Sprache, Gesang, Trommeln, Erzählkunst und Spiritualität. Und in der engen Bindung an Land und Wasser. 

Kunstwerk mit indigenen Motiven in St George Street, Annapolis Royal, Canada
Gemälde mit indigenen Motiven – Kanufahrt, Wigwam, Elch und Hirsch – in den Officers‘ Quarters von Fort Anne, Annapolis Royal, Nova Scotia. Das Werk steht im Kontext der dort gezeigten Ausstellung zum 300. Jahrestag des Peace and Friendship Treaty von 1726 zwischen der britischen Krone und den Nationen der Mi’kmaq, Wolastoqiyik und Peskotomuhkati. / © Foto: Georg Berg

Sie nennt sich die größte Mi’kmaq-Gemeinde der Welt. Eskasoni auf Cape Breton zählt zu den bedeutendsten Gemeinden. 2021 hatte sie fast 5.000 Mitglieder. Der kanadische Staat und die Kirchen versuchten lange, die Mi’kmaq zu enteignen, zu assimilieren und ihre kulturelle Eigenständigkeit zu brechen. Das Werkzeug dafür war der Indian Act von 1876. Von 1884 bis 1951 verbot er Zeremonien wie Potlatch und Sonnentanz. Menschen kamen dafür ins Gefängnis. Das Verbot galt in ganz Kanada. Internate, die sogenannten Residential Schools, rissen Kinder aus ihren Familien. Sie sollten Sprache und Identität aufgeben. Für die Mi’kmaq gab es eines in Nova Scotia. Die Shubenacadie Indian Residential School war von 1930 bis 1967 die einzige in den Maritimes. Berichte zu den Residential Schools dokumentieren körperliche, seelische und sexuelle Gewalt. 2015 bewertete die Wahrheits- und Versöhnungskommission diese Politik als kulturellen Völkermord. Die letzte Schule schloss 1996. 

Ein Mann spielt Trommel auf dem Goat Island Trail, Eskasoni First Nation, Canada
Der Kulturvermittler Levi Herney schlägt mit einem Klöppel eine handgehaltene Rahmentrommel und singt dazu, fotografiert am Goat Island Trail in der Eskasoni First Nation, Nova Scotia, Kanada. Sein Federkopfschmuck und die perlenbestickte Kleidung gehören zur traditionellen Mi’kmaq-Regalia. / © Foto: Georg Berg

Auch die Sprache erhielt erst spät Rückhalt. Am 17. Juli 2022 trat bei einer Zeremonie in Potlotek First Nation der Mi’kmaw Language Act in Kraft. Er erkennt Mi’kmaw als Originalsprache der Provinz an. Wer heute durch Nova Scotia reist, liest Infotafeln an historischen Orten auf Englisch, Französisch und Mi’kmaq. Bei Führungen durch Museen heißt es ausdrücklich, dass alles Land ursprünglich Mi’kmaq-Land war. Sie waren zuerst da, alle anderen kamen nach ihnen. 

Mann in traditioneller Kleidung spielt Trommel am Goat Island Trail, Eskasoni First Nation, Canada
Der Kulturvermittler Steven Julien schlägt in traditioneller orangefarbener Kleidung eine große stehende Rahmentrommel am Ufer des Sees entlang des Goat Island Trail in der Eskasoni First Nation, Nova Scotia, Kanada. / © Foto: Georg Berg

Auf Goat Island bringt Eskasoni Cultural Journeys Kultur und Menschen nah. Mi’kmaq-Guides führen über einen rund 2,5 Kilometer langen Kulturpfad. Sie erzählen Geschichte und Gegenwart ihrer Gemeinde aus eigener Sicht. Ryan zeigt, wie man mit Axt und Speer jagt und wie aus Biberfell wasserdichte Stiefel entstehen. Einige hundert Meter weiter erklärt Elisa das Spiel Waltes. Es ist viel älter als die Ankunft der Europäer, Elisa spricht von 5.000 Jahren. Man spielte es zur Hochzeit und entschied mit ihm über Jagdgründe oder Streit. Diva und Tilda tanzen zum Klang der Tschidemahang, Klapperlöffeln, die gegeneinanderschlagen. Trommler Steven ist froh, dass er heute mit seiner Band auf Festivals spielen kann. Nahe am See steht Theresa Bernard an einem Holztisch, in den Bäumen hängen rote Kleider. Sie erinnert an den Red Dress Day und macht auf die bis heute überproportionale Gewalt gegen indigene Frauen aufmerksam. 

Ein Mann steht neben einem Informationsschild über Mi'kmaq-Kultur am Goat Island Trail, Eskasoni First Nation, Canada
Der Kulturvermittler George steht neben einer Infotafel zu den jährlichen Mawio’mi-Versammlungen der Mi’kmaq am Goat Island Trail in der Eskasoni First Nation, Nova Scotia, Kanada. Die Tafel erläutert traditionelle Reinigungszeremonien mit Salbei sowie die Bedeutung solcher Versammlungen für Gemeinschaft und mündliche Überlieferung. / © Foto: Georg Berg

Die Eskasoni Cultural Journey zeigt, wie lange und auf wie vielen Ebenen indigene Völker Kanadas unterdrückt wurden. Man spürt das Bemühen um Aufarbeitung. Viele Menschen, denen wir begegneten, sprachen das Thema von sich aus an. In vielen Museen der Einwanderergeschichte stößt man deshalb auch auf die Geschichte der Mi’kmaq. 

Ergänzend gibt es auf Goat Island eine Heilpflanzen-Tour und eine Kajaktour. So bleibt die Mi’kmaq-Kultur nicht Vergangenheit, sondern wird als lebendige Sprache, Musik-, Familien- und Alltagstradition sichtbar. Wichtig zu wissen: Eine Eskasoni Cultural Journey muss vorab gebucht werden. Ort: Goat Island, 1 Goat Island Trail, Eskasoni, Cape Breton eskasoniculturaljourneys.ca

Kirche mit Turm und Felder am Old Post Road, Grand Pre, Canada
Blick über die eingedeichten Marschwiesen von Grand Pré, Nova Scotia, Kanada, mit einer Kirche im Talgrund vor einer Nebelbank über der Minas Basin. Die Dykelands gehören zur UNESCO-Welterbestätte „Landscape of Grand Pré“, die an die Landgewinnung der Acadiens im 17. Jahrhundert erinnert. / © Foto: Georg Berg

Die Akadier in Grand Pré, Annapolis und Pubnico

Die Akadier stammen von französischen Siedlern ab. Familien aus Westfrankreich ließen sich in den 1630er-Jahren im heutigen Nova Scotia nieder. Aus der Heimat brachten sie wertvolles Wissen über Deichbau mit. An der Bay of Fundy stießen die Akadier auf eines der stärksten Tidegebiete der Welt. Sie zogen Entwässerungsgräben und setzten Aboiteaux ein: Schleusentore, die sich mit der Flut von selbst öffnen und schließen. So wurde Salzmarsch zu Ackerland. Grand-Pré ist das Musterbeispiel. Das Dorf wuchs zur größten Siedlung Akadiens. Um 1750 lebten dort schätzungsweise 1.350 Menschen. Heute ist die Kulturlandschaft ihr größtes Erbe und UNESCO-Welterbe. 

Informationsschild mit historischen Darstellungen steht am Wharf Road, Horton Landing, Canada
Eine Informationstafel neben dem Deportation Cross in Horton Landing, Nova Scotia, Kanada, schildert die Zwangsverschiffung der Acadiens im Sommer 1755. Horton Landing, auch als Pointe Noire bekannt, liegt rund drei Kilometer vom Besucherzentrum des Grand-Pré National Historic Site entfernt / © Foto: Georg Berg

Das Verhältnis der Akadier zu den Mi’kmaq gilt als gut. Die Mi’kmaq hießen die ersten Siedler willkommen, trieben Handel und erneuerten ein Bündnis jedes Jahr. Die Akadier schufen ihr Ackerland selbst. So mussten sie nicht um Ressourcen konkurrieren. Es gab viele Ehen zwischen beiden Gruppen. In Grand-Pré lebten vor 1755 mehr Familien mit gemischter Herkunft als in jeder anderen akadischen Gemeinde. Wie viel die Akadier von den Mi’kmaq lernten, lässt sich schwer sagen. Die Gewinnung von Ahornsaft und das Einkochen zu Sirup gehört dazu. Ein Idyll war es trotzdem nicht. 1755 verlangten die Briten einen bedingungslosen Treueeid. Die Akadier lehnten ab. Fast 6.000 wurden aus Nova Scotia in weit entfernte Gebiete deportiert, ihre Häuser brannte man nieder. Die fruchtbaren Felder der Acadier gibt es bis heute.

Miniaturfiguren von Bauern arbeiten auf Feldern am Harvest Moon Trailway Grand Pre Canada
Ein Diorama in der Ausstellung des Grand-Pré National Historic Site in Nova Scotia, Kanada, zeigt Miniaturfiguren bei der Heuernte auf den einstigen Marschländern der Acadiens. Es veranschaulicht die Deichbautechnik, mit der die französischen Siedler im 17. Jahrhundert Ackerland aus dem Gezeitenland der Bay of Fundy gewannen. Die „Landscape of Grand Pré“ ist seit 2012 UNESCO-Welterbe. / © Foto: Georg Berg

Grand-Pré National Historic Site und Landscape of Grand-Pré 

Grand-Pré ist der Ort, an dem die Akadier ihre Geschichte erinnern. Die Stätte erzählt von der Siedlung von 1682 bis 1755 und von der Deportation, die 1755 begann und bis 1762 dauerte. Die Anlage umfasst Besucherzentrum, Memorial Church, Deportationskreuz und Evangeline-Statue. Evangeline ist die Heldin von Longfellows Versepos von 1847. Das Mädchen aus Grand-Pré verliert ihren Verlobten und gilt seither als Sinnbild akadischer Beharrlichkeit. Die Kirche bauten 1922 die Akadier selbst, mit Spenden aus ganz Nordamerika. Die Landschaft rundum erkannte die UNESCO 2012 als Welterbe an. 
Ort: 2205 Grand Pré Road, Grand Pré, Annapolis Valley

Ein Mann und eine Frau tanzen fröhlich auf einer Veranstaltung in Miner Lane, Grand Pre, Canada
Ein Paar tanzt eine acadische Rundtanz-Figur (Danse Callée) vor applaudierenden Zuschauern bei den „Acadian Days“ im Grand-Pré National Historic Site in Grand Pré, Nova Scotia, Kanada. / © Foto: Georg Berg

Fort Anne National Historic Site, Annapolis Royal 

Ein spannender Stopp. Parks Canada führt Fort Anne als erste verwaltete National Historic Site des Landes und als einen der umkämpftesten Flecken Nordamerikas. Schotten, Franzosen und Engländer stritten um das Land und zogen die Mi’kmaq oft in den Konflikt hinein. Die kleine Ausstellung im Officers‘ Quarters Museum bringt alle Gruppen zusammen, die Siedler und die First Nations. Sie berichtet von Mi’kmaq, Schotten, Franzosen, Briten, Akadiern und African Nova Scotians. 
Adresse: 323 St. George Street, Annapolis Royal

Ein Radfahrer fährt auf einem Weg am Fort Anne National Historic Site in Annapolis Royal, Canada
Wallgraben des Fort Anne National Historic Site in Annapolis Royal, Nova Scotia, Kanada. Die sternförmigen Erdwälle der Anlage stammen aus der französischen und britischen Kolonialzeit; rechts ist das Denkmal für Pierre Dugua de Monts am Ufer des Annapolis River zu erkennen. / © Foto: Georg Berg
Besucherin betrachtet historische Wandteppiche im Museum am Counterscarp path, Annapolis Royal, Canada
Fort Anne Heritage Tapestry in den Officers‘ Quarters von Fort Anne, Annapolis Royal, Nova Scotia. Mehr als 100 Freiwillige stickten in vierjähriger Arbeit rund drei Millionen Stiche für das 2,4 mal 5,5 Meter große Wandbild, das 400 Jahre Lokalgeschichte zeigt. / © Foto: Georg Berg

Le Village historique acadien de la Nouvelle-Écosse 

Pubnico hat eine Besonderheit. Sieur Philippe Mius d’Entremont gründete es 1653. Es ist die älteste akadische Region, die noch Nachfahren des Gründers bewohnen. Das Museum zeigt allerdings kein Siedlungsdorf des 17. Jahrhunderts. Es stellt ein Dorf des frühen 20. Jahrhunderts nach, auf einem 17 Acres großen Gelände über dem Pubnico Harbour. Zu sehen sind originale Holzhäuser, ein Leuchtturm und ein Friedhof. Dazu Fischerei und Landwirtschaft, wie man sie vor über hundert Jahren betrieb. Im modernen Café mit Blick in das Siedlungsdorf gibt es auch täglich Rappie Pie, akadische Hausmannskost. Ort: 91 Old Church Road, Lower West Pubnico, Web levillage.novascotia.ca

Zwei alte landwirtschaftliche Geräte stehen auf einer Wiese am Old Church Road, Argyle Municipal, Canada
Ein Heurechen und ein Kultivator aus der Zeit um 1900 stehen im Le Village historique acadien de la Nouvelle-Écosse an der Old Church Road in Lower West Pubnico, Nova Scotia, mit Blick auf vorgelagerte Inseln von Pubnico Harbour. Das Freilichtmuseum bewahrt historische Landmaschinen als Teil der akadischen Landwirtschaftsgeschichte. / © Foto: Georg Berg

Musée des Acadiens des Pubnicos 

Schon vor dem Freilichtmuseum lohnt ein Halt. In West Pubnico liegt ein kleineres Museum, das ebenfalls die Siedlungsgeschichte der Akadier erzählt. Die Société historique acadienne de Pubnico-Ouest kaufte 1977 ein Wohnhaus im Dorf, baute es zum Museum um und eröffnete es 1979. Das Haus selbst stammt von 1864. Man geht über knarzende Dielen durch die kleinen Zimmer. Mal sieht man einen alten Küchenraum. Dann wieder Fundstücke aus der Landwirtschaft der Akadier, darunter einen alten Aboiteau. Das Schleusentor, das sich mit der Flut von selbst schließt und bei Ebbe das Süßwasser aus dem Marschland ablaufen lässt, machte aus Salzmarsch Ackerland. Das kleine Museum nimmt auch die Sprache in den Blick. Im Französisch der Akadier haben sich viele alte Wendungen erhalten. Für französische Muttersprachler klingt es altmodisch. Im Dachgeschoss erzählen Ausstellungsstücke von der Fischerei und vom Hummerfang. Ein beachtlicher Dokumentarfilm aus den 1940er-Jahren zeigt das Leben der Walfänger. 
Ort: West Pubnico, Highway 335, Yarmouth County. Web: museeacadien.ca

Rotes Gebäude mit Schildern und Fahnen am Highway 335, Argyle Municipal, Canada
Das rote Gebäude des Musée des Acadiens des Pubnicos und des Centre de recherche père Clarence-d’Entremont steht an der Route 335 in West Pubnico, Nova Scotia. Vor dem Eingang weht die akadische Flagge, an der Fassade hängt ein Quilt-Stern als traditionelles Scheunenzeichen. / © Foto: Georg Berg

Schottisches Erbe

Wer Nova Scotia mit dem Auto erkundet, kommt am Ceilidh Trail vorbei. Die Kulturroute trifft auf den Cabot Trail, und so folgt man unweigerlich den Spuren der schottischen Siedler. Mehrere Einrichtungen halten ihr Erbe lebendig. Wer Fiddler und Tänzer beim Lunch oder im legendären Red Shoe Pub erleben will, plant besser voraus. Vier Orte, die den Halt lohnen. 

Frau erntet Pflanzen vor einem grasbewachsenen Steingebäude am Highway 223 in Iona, Kanada
Eine Animatorin in historischer Kleidung arbeitet in einem Gemüsebeet vor dem sogenannten Black House im Highland Village Museum Baile nan Gàidheal in Iona, Nova Scotia, Kanada. Das strohgedeckte Rundhaus aus Feldsteinen stellt die Lebenswelt schottisch-gälischer Siedler der Jahre 1770 bis 1830 dar, aus denen die meisten Einwanderer Cape Bretons stammten. / © Foto: Georg Berg

Der Ceilidh Trail beginnt in Port Hastings, gleich hinter dem Canso Causeway, der Cape Breton mit dem Festland verbindet. Der Name verweist auf die gälisch-schottische Musik- und Festkultur der Region. Die Strecke folgt der Route 19 an der Westküste der Insel, am Sankt-Lorenz-Golf entlang. Nach rund 112 Kilometern endet sie in Margaree Harbour, wo sie auf den Cabot Trail stößt. Unterwegs liegen Port Hood, Judique, Mabou und Inverness. 

Celtic Music Interpretive Centre in Judique

Von Juni bis Oktober spielt das Zentrum an mehreren Tagen auf. In der Hauptsaison läuft der Lunch Céilidh in der Regel montags bis freitags von 11:30 bis 14:00 Uhr. Die Musik kostet keinen Eintritt, bezahlt wird nur das Essen im Restaurant. Das Sonntags-Céilidh findet ganzjährig statt, meist von 14:00 bis 17:00 Uhr. 

Celtic Music Interpretive Centre präsentiert Live-Musik am Highway 19, Judique, Canada
Das Celtic Music Interpretive Centre liegt am Highway 19 in Judique, Nova Scotia, Kanada, am sogenannten Ceilidh Trail auf Cape Breton Island. Das Kulturzentrum vermittelt mit interaktiven Ausstellungen und Live-Konzerten die gälisch-schottische Musiktradition der Region, die maßgeblich von schottischen Einwanderern geprägt wurde. / © Foto: Georg Berg

Red Shoe Pub in Mabou

Die Rankin Sisters, in Nova Scotia bekannte Musikerinnen, gründeten den Pub 2005. Sie wollten ihrer Heimatgemeinde etwas zurückgeben: gute regionale Küche, verbunden mit traditioneller Musik. In der Hauptsaison gibt es Hausmannskost mit lokalem Fisch und Meeresfrüchten, dazu Bier aus der Gegend. Auf der Bühne klingen Cape-Breton-Fiddle, Piano und Gesang, gelegentlich setzt jemand zum Stepptanz an. Die Atmosphäre bleibt intim, professionelle Auftritte und spontane Sessions gehen ineinander über. Wer einen guten Tisch will, kommt früh. Manche Abende kosten Eintritt, das Programm steht saisonal fest. 

The Red Shoe Pub mit Rankin Sisters Proprietors Schild in Mabou, Canada
Das Schild des Red Shoe Pub in Mabou, Nova Scotia, Kanada, zeigt einen roten Schuh und den gälischen Willkommensgruß „Fàilte, thig a-steach“. Ein zweites Schild weist die Rankin-Schwestern als Inhaberinnen des seit 2005 bestehenden Lokals aus. / © Foto: Georg Berg

Highland Village Museum Baile nan Gàidheal in Iona 

Das Eingangsgebäude des Highland Village Museum steht modern auf einem Hügel. Man geht am Ticketschalter vorbei, durch einen schlichten Museumsshop und einen Flur mit Schautafeln. Der Flur wirkt wie eine Zeitschleuse. Am Ende wartet eine schwere Metalltür. Man drückt sie auf und steht im Freien. Der Weg führt bergauf, der Blick weitet sich über den Bras d’Or Lake. Eine Frau in Kleid und weißer Schürze jätet ein Blumenbeet, dahinter steht ein Steinhaus mit Grasdach, wie es in den Highlands üblich war. Man steht im Jahr 1770. Das Freilichtmuseum erzählt Geschichte, Kultur und Identität der Gälen in Nova Scotia. Elf historische Gebäude verteilen sich auf 43 Acres, kostümierte Darsteller führen hindurch. Das Museum arbeitet zweisprachig, auf Englisch und Gälisch. 

Zwei Personen gehen auf einem Schotterweg vor der Alex Matheson Schmiede in Iona, Kanada
Zwei kostümierte Museumsangestellte gehen auf einem Schotterweg an der historischen Schmiede Alex Matheson Blacksmith vorbei, umgeben von Fichten am Hang des Highland Village Museum “ Baile nan Gàidheal in Iona, Nova Scotia, Kanada. Im Hintergrund ist der Bras d’Or Lake zu sehen. / © Foto: Georg Berg

Gaelic College of Arts & Crafts in St. Ann’s

Das College bei Baddeck am Cabot Trail ist keine Touristenattraktion, sondern eine Bildungseinrichtung, die das ganze Jahr arbeitet. Sie vermittelt gälisch-schottische Kultur: Sprache und Lieder, Cape-Breton-Fiddle, Klavier, Dudelsack, Stepptanz, Highland Dance, Weberei und andere Handwerke. Uns lockte das Dudelsackspiel von Keith MacDonald. In der Hauptsaison gibt es jeden Mittwochabend ein Céilidh mit Fiddle, Klavier, Stepptanz und Geschichten, gelegentlich mit gälischen Begriffen oder Liedern.

Dudelsackspieler spielt vor dem Besucherzentrum am Cabot Trail, St. Anns, Canada
Ein Dudelsackspieler unterhält Besucher vor dem Hauptgebäude der Colaisde na Gàidhlig (Gaelic College) in St. Ann’s am Cabot Trail, Nova Scotia, Kanada. Die 1938 gegründete Bildungseinrichtung pflegt als einzige ihrer Art in Nordamerika die schottisch-gälische Kultur Cape Bretons. / © Foto: Georg Berg

The Black Loyalist in Birchtown

Der Name irritiert. Loyal wem gegenüber? Der britischen Krone. Im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg nannte man alle Loyalists, die zu den Briten hielten. Birchtown ist kein Zufall. In den 1780er-Jahren lag hier, an der Birchtown Bay am Shelburne Harbour, nach Angaben des Zentrums die größte freie Siedlung schwarzer Menschen. Sie hatten die Sklaverei hinter sich gelassen und bauten sich ein neues Leben auf. Die Bedingungen waren hart. Die versprochene Belohnung für ihre Loyalität blieb aus. Das Zentrum erzählt ihre Geschichte in Amerika, in Nova Scotia und in Sierra Leone. Mitarbeiter führen durch die Schau, interaktive digitale Displays vertiefen sie. In einer virtuellen Ausgabe des Book of Negroes lassen sich unter mehr als 3.000 Einträgen die Namen der ersten Black Loyalists finden. Der Heritage Trail Aminata’s Walk trägt den Namen der Heldin aus Lawrence Hills Roman The Book of Negroes und führt an einer Nachbildung eines Pit House vorbei. So nannte man die Behelfsunterkunft der ersten Siedler. Dazu gehört auch das restaurierte Old Birchtown Schoolhouse von 1835, das bis 1961 in Betrieb war. 

Besucher betrachten eine Ausstellung über Birchtown Road, Municipality of the District of Shelburne, Canada
Besucher betrachten die Wandausstellung „Birchtown“ im Black Loyalist Heritage Centre in Birchtown, Nova Scotia; Zitate auf den Texttafeln schildern Hoffnungen und Enttäuschungen der Black Loyalists nach ihrer Ankunft 1783. / © Foto: Georg Berg

Hinter dem Heritage Centre steht eine Bürgerinitiative. 1989 traf sich in Shelburne eine kleine Gruppe um die spätere Gründerin Elisabeth Cromwell, meist Nachfahren der ersten Siedler, um die Geschichte der Black Loyalists zu sammeln. Heute leitet Executive Director Andrea Davis das Zentrum. Sie ist Nachfahrin der Black Loyalists in achter Generation. 
Gruppe: Black Loyalists. Ort: 119 Birchtown Road, Birchtown. Web: blackloyalist.com

Zwei Frauen betrachten eine Ausstellung mit historischen Artefakten in Birchtown Road, Municipality of the District of Shelburne, Canada
Eine Vitrine im Black Loyalist Heritage Centre in Birchtown, Nova Scotia, zeigt für einen Film verwendete historische Kleidung, geschnitzte afrikanische Holzfiguren und eiserne Fußfesseln neben einer Reproduktion des „Book of Negroes“. Davor erklärt Andrea Davis, Direktorin des Zentrums, die Ausstellung „Carleton’s Book of Negroes“. / © Foto: Georg Berg

Pier 21 Canadian Museum of Immigration

Das letzte große Kapitel der Einwanderung spielt in den Jahren zwischen 1928 und 1971. Pier 21 in Halifax war eine der wichtigsten Anlaufstellen für Einwanderer in Kanada. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Pier zum verkehrsreichsten Seehafen des Landes für die Einreise. Auch knapp 400.000 heimkehrende kanadische Soldaten gingen hier an Land. Das Museum arbeitet mit Zeitzeugen. Kurzfilme erzählen Einzelschicksale, Karten zeigen fast alle Schiffsrouten zwischen Europa und Kanada. Wegen seiner Bedeutung zählt das Haus zu den Nationalmuseen Kanadas.

Ein Mann in blauem Hemd spricht zu Besuchern in einer Ausstellung über Einwanderung in Halifax, Kanada
Ein Museumsmitarbeiter erklärt Besuchern im Canadian Museum of Immigration at Pier 21 in Halifax, Kanada, einen nachgebauten Einreise-Kontrollraum mit historischen Fotografien und einem mehrsprachigen „Welcome to Canada“-Schild. Die interaktive Station vermittelt den Ablauf der Einreiseprüfung, die Neuankömmlinge hier bis 1971 durchliefen. / © Foto: Georg Berg

Mehr über Nova Scotia

Wer wissen will, wie aus Mi’kmaq, Akadiern, Schotten und Black Loyalists das heutige Nova Scotia wurde, liest Die Siedler von Nova Scotia. Hummer galt in Atlantik-Kanada lange als Essen der Armen. Heute ist die Lobster Roll ein nationales Symbol. Wer wissen will, wie der Fang abläuft, fährt bei einer Nachtschicht mit: Auf Hummerfang in Nova Scotia zeigt, was Bestandsschutz bedeutet. Kanada ist auch das Land des Ahornsirups. Das meiste liefert Quebec, doch auch Nova Scotia zapft den Zuckerahorn. In Halifax, der Hauptstadt der Provinz, ist das Angebot groß. Der kulinarische Kompass für Halifax führt zu den guten Adressen. Die Stadt bietet aber mehr als Essen. Der Sightseeing-Guide reicht von der Parfumwerkstatt 7 Virtues bis zur Immigrationstour im Einwanderermuseum am Pier 21. Halifax war auch Schauplatz mehrerer Tragödien. Als die Titanic 1912 sank, war es der nächstgelegene große Hafen. Viele Opfer wurden hierher gebracht. Auf dem Fairview Lawn Cemetery erinnern ihre Gräber an die Katastrophe. Am Himmel wird es ruhiger. Das Deep Sky Eye Observatory zeigt die Milchstraße an Nordamerikas erstem Starlight-Reiseziel. Stargazing auf Meereshöhe heißt hier: Mückenschutz für die Milchstraße.

Die Recherche wurde unterstützt von Visit Nova Scotia

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Permalink der Originalversion: https://tellerrandstories.de/nova-scotia-immigration