Bis heute verehren die Bewohner von Nancy ihren König, obwohl oder gerade weil er nie wirklich über sie geherrscht hat. Sein Name prangt an Bäckereien wie „Aux Délices de Stan“ in der Rue Stanislas, an Hotels, an einer Fahrschule und sogar an einer Heißmangel. Das berühmte Bonbon Bergamote de Nancy trägt die quadratische Form des zentralen Platzes, der seit dem 19. Jahrhundert seinen Namen führt. Im Souvenirladen der Touristinformation findet man Stanislas im in grellen Siebdruckfarben auf Tassen und Stofftaschen, als wäre er ein Popstar. Und auf seine Weise war er das tatsächlich.

Wie ein polnischer Exkönig Lothringen verzückte
Der Mann, dem Nancy diese Verehrung entgegenbringt, war ein König ohne Reich und ohne eigenes Vermögen. Stanisław Leszczyński bestieg den polnischen Thron zweimal und verlor ihn ebenso oft, zuletzt 1736. Fortan lebte er von der Gunst seiner Wohltäter. Sein größter Schatz war seine Tochter Maria. Am französischen Hof suchte man zu dieser Zeit dringend eine Frau für den jungen König Ludwig XV., der mit fünfzehn Jahren bereits kränkelte. Sollte er ohne Erben sterben, würde der Thron an eine Nebenlinie fallen. Man wollte also früh mit der Fortpflanzung beginnen und veranstaltete dafür eine Art Casting quer durch die Adelshäuser Europas. Wer infrage kam, musste bei guter Gesundheit sein, eine höfische Erziehung genossen haben, aus einem Adelsgeschlecht stammen und zwischen zwölf und maximal fünfundzwanzig Jahre alt sein. Die ursprünglich als Braut vorgesehene spanische Infantin schied aus, da sie gerade einmal fünf Jahre alt war. So entstand eine Liste mit 99 Kandidatinnen, versehen mit Portraitzeichnungen, wie ein höfischer Katalog zur Auswahl der nächsten Königin.

Aus diesem riesigen Angebot von Prinzessinen fiel Ludwigs Wahl ausgerechnet auf die mittellose Maria, sieben Jahre älter als er selbst und ohne nennenswerte Mitgift, aber, wie es heißt, von angenehmem Wesen und hübschem Gesicht. Am 4. September 1725 begegneten sich Ludwig und Maria zum ersten Mal, tags darauf, am 5. September, heirateten sie offiziell in Schloss Fontainebleau. Aus der zunächst glücklichen Ehe gingen zehn Kinder hervor. Am französischen Hof, wo man die Verbindung als Mesalliance betrachtete, wurde die junge Königin kühl empfangen.

Vom König ohne Land zum Landesvater
Für Marias Vater Stanisław Leszczyński ergab sich aus der guten Partie seiner Tochter eine unverhoffte Wendung. Just in der Zeit des Prinzessinnen-Castings von Paris hatte sich die österreichische Erzherzogin Maria Theresia in Herzog Franz Stephan von Lothringen verliebt, und Wien bestand auf seiner Hand, was das Herzogtum frei machte. Lothringen bot sich als Wohnsitz für den polnischen Exkönig an, der Lothringen auf Lebenszeit erhielt, mit der Auflage, dass Lothringen nach seinem Tod an Frankreich zurückfallen sollte. So begrenzte Frankreich den Einfluss Österreichs an der eigenen Landesgrenze und sicherte sich den Anspruch auf das Gebiet.

Wirkliche Verwaltungsmacht besaß Stanislas nicht. Diese lag bei einem von Paris eingesetzten Kanzler, ebenso wenig militärische. Dafür erhielt er als Ausgleich eine jährliche Rente von zwei Millionen Livres. Der junge Ludwig XV., der seinen Schwiegervater Berichten zufolge nicht besonders schätzte, soll dabei kalkuliert haben, der in seinen Augen alte Mann werde mit sechzig Jahren ohnehin sterben. Eine krasse Fehleinschätzung. Stanislas wurde 88 Jahre alt, und sein Tod war, wie sich noch zeigen sollte, kein natürlicher.

Ein Platz für zwei Könige
Mit seiner Rente baute Stanislas Lothringen zu einem Zentrum der Aufklärung um, humanistisch, genussfreudig und, wie man auf dem Sockel seines heutigen Denkmals nachlesen kann, ausgesprochen wohltätig. Dort sind Krankenhäuser für die Armen aufgeführt, jährliche Almosen für die Landbevölkerung, Nothilfe bei Feuer, Hagel und Seuchen, kostenlose Sprechstunden, Altersheime für gebrechliche Geistliche, Darlehenskassen für Kaufleute, Grundschulen und Kollegs für Jungen und Mädchen, Waisenpensionate, ein Collège royal de médecine mit botanischem Garten, eine Wissenschaftsakademie und die öffentliche Bibliothek, die er 1750 gründete, eine der ersten ihrer Art in Frankreich.

Place Stanislas. Einer der schönsten Plätze der Welt
Sein bedeutendstes Bauwerk aber blieb der zentrale Platz, den er zwischen 1751 und 1755 von seinem Hofarchitekten Emmanuel Héré errichten ließ, um die mittelalterliche Altstadt mit der Neustadt aus dem 16. Jahrhundert zu verbinden. Vergoldete Gitter des Schmieds Jean Lamour umrahmen ihn, dazu zwei prächtige Brunnen von Barthélemy Guibal und der Arc Héré, ein kleiner Triumphbogen, der zum benachbarten Place de la Carrière und weiter zum Palais du Gouvernement führt. Ursprünglich hieß der Platz Place Royale und war seinem Schwiegersohn gewidmet, ein Denkmal Ludwigs XV. stand in seiner Mitte.

Doch die Französische Revolution räumte mit Ludwig XV. auf und stürzte die königliche Statue. Im Jahr 1831, gut sechzig Jahre nach Stanislas‘ Tod, errichtete man an genau dieser Stelle ein neues Denkmal, diesmal für ihn selbst, mit ausgestrecktem Zeigefinger, der auf den Arc Héré und damit symbolisch auf seinen Schwiegersohn weist. Seither trägt der Platz den Namen Place Stanislas. 1983 wurde er zusammen mit dem Place de la Carrière und dem Place d’Alliance zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

Wer im Sommer abends dort steht, kann beim Lichtspektakel La Belle Saison künstlerische und großflächige Licht- und Bildprojektionen auf dem architektonischen Ensemble von Rathaus (Hôtel de Ville), dem Grand Hôtel de la Reine, der Oper und dem Museum der Schönen Künste bewundern. Das Volk nimmt die Lichtershow begeistert an. Bei gutem Wetter ist der Platz zum Einbruch der Dunkelheit stets gut gefüllt. Musik und kurze Erläuterungen zur künstlerischen Idee der Bildprojektionen laufen Hand in Hand mit den Illusionen aus Farbe und Form. Stanislas, der noch echts Gold an die Gitter der vier Tore am Platz anbringen ließ, hätte die flüchtige Fassadenpracht sicherlich gut gefallen.

So verrückt wie Nancy nach Stanislas ist, mindestens so verrückt war Stanislas nach Essen, besonders nach Süßem. Doch das ist eine andere Geschichte, die Geschichte eines Königs, der die kulinarische Landschaft der Stadt bis heute beeinflusst. Und den seine Leidenschaft für gutes Essen am Ende das Leben kostete.

Die Recherche wurde unterstützt von Destination Nancy und Atout France
