Der Feinschmecker-König von Nancy

So sehr Nancy seinen Stanislas bis heute liebt, so hemmungslos liebte der König das gute Essen. In seinen Schlössern soll er die Uhren vorgestellt haben, um die nächste Mahlzeit früher beginnen zu können. Als er am 23. Februar 1766 mit 88 Jahren starb, kursierten in Lothringen sofort Anekdoten über sein Gewicht und seinen Bauchumfang. Er soll 150 Kilo gewogen haben, das Bauchfett 8 Zentimeter dick gewesen sein. Es sind Zahlen, die in unzähligen Nacherzählungen fortleben. Belegt ist der Unfall, der sein Leben beendete. Am 5. Februar 1766 fing seine Kleidung am Kamin Feuer. Er erlitt schwere Verbrennungen und starb nach wochenlangen Qualen im Schloss Lunéville. Der hochbetagte König saß offenbar allein vor dem Kamin, um seine Pfeife neu zu entzünden, bemerkte die Flammen an seinem Morgenmantel zu spät und war zu schwerfällig, um sich rechtzeitig zu befreien. 

Marmor-Büste eines Mannes mit Perücke und Rüstung im Place Vaudémont, Nancy, Frankreich
Marmorbüste von Stanislas Leszczynski mit beeindruckendem Doppelkinn, des Bildhauers René-Michel Slodtz, steht im Treppenhaus des Musée des Beaux-Arts de Nancy / © Foto: Georg Berg

Genussmensch und Freund der Aufklärung

Nach seinem Tod trauerten die Lothringer aufrichtig um einen Herrscher, den sie dreißig Jahre zuvor bei seiner Ankunft noch eiskalt empfangen hatten. Der Grund für diesen Sinneswandel lässt sich bis heute in Nancy besichtigen. Stanislas war Genussmensch und Freund der Aufklärung. 1750 gründete er die Bibliothèque royale, eine öffentliche Bibliothek, eine der ersten in Frankreich, und machte sie zum Sitz seiner Académie Stanislas. Er richtete Wohltätigkeitswerkstätten ein, die Armen Arbeit und Einkommen verschafften, überließ Geistlichen kostenlos ein Gebäude für unentgeltliche Schulen für arme Jungen und ermöglichte den Sœurs de Saint-Charles, Schulen für Mädchen zu betreiben. Ein Herzog ohne wirkliche Macht und doch einer, der seinem Land Bildung und Fürsorge brachte. Seine ausgeprägte Passion für Süßes und Salziges verbindet ihn bis heute mit Nancy. 

Bronzestatue von Stanislas Leszczynski zeigt auf Place Stanislas, Nancy, France
Die Bronzestatue von König Stanislas Leszczynski auf dem Place Stanislas in Nancy. Bildhauer Georges Jacquot schuf die 1831 aufgestellte Statue anstelle eines zuvor entfernten Standbilds von Ludwig XV / © Foto: Georg Berg

Bergamote de Nancy

Zuverlässig dokumentiert ist die Geschichte der Bergamote, jenes Bonbons aus dem Öl der Zitrusfrucht, die aus Kalabrien stammen muss. Ihren Weg nach Lothringen soll sie schon drei Jahrhunderte vor Stanislas gefunden haben. Der Überlieferung nach brachte René I. von Anjou, der 1431 Herzog von Lothringen wurde und als König von Neapel auch über Kalabrien herrschte, die Frucht von seinen Italienfeldzügen mit; andere Versionen lassen ihn sie in einer Abtei nahe Bergamo entdecken, wo Mönche kalabrische Bergamotten destillierten.

Bergamotes de Nancy in einer Dose mit Bonbons umgeben auf der Rue Saint-Dizier, Nancy, France
Bergamote-Bonbons in einer historischen Blechdose der Marke „A. Lalonde Confiseur“. Der Dosendeckel zeigt einen berittenen Fahnenträger vor dem lothringischen Wappen; Lalonde gehört zu den vier Betrieben mit dem seit 1996 geschützten IGP-Siegel „Bergamote de Nancy“./ © Foto: Georg Berg

Ihre endgültige Form als Bonbon erhielt sie erst 1857 durch den Konditor Jean Frédéric Godefroy Lillich. Heute trägt sie die quadratische Form des Place Stanislas im Herzen von Nancy, mit der Statue des Regenten in der Mitte. Seit 1996 schützt eine Indication Géographique Protégée, kurz IGP, das Rezept – ein Jubiläum, das die Stadt 2026 mit einem eigenen Programm feiert. Nur vier Konditoreien dürfen das Gütesiegel heute tragen: die Maison Jean Lalonde, die Confiserie Stanislas, die Maison des Sœurs Macarons und die Confiserie des Hautes-Vosges. 

Bergamottebonbons und eine Dose mit der Aufschrift "La Bergamote de Nancy" liegen auf einem Steinboden in der Rue Saint-Dizier, Nancy, Frankreich
Bergamote-Bonbons vor einer historischen Bronzewalze zum Prägen der Süßigkeiten, umgeben von Blättern eines Bergamotten-Bäumchens. Konditor Jean Frédéric Godefroy Lillich gab dem Bonbon aus Bergamotte-Öl 1857 seine bis heute typische quadratische Form; Die Jubiläumsdose 2026 anlässlich 30 Jahre IGP-Siegel die Herkunftsbezeichnung „Bergamote de Nancy“. / © Foto: Georg Berg

Madeleine de Commercy

Die charmanteste aller Legenden dreht sich um die Madeleine. Der Erzählung nach hatte Stanislas 1755 hochrangige Gäste in sein Schloss Commercy geladen, als sein Konditor – Version 1: nach einem Streit mit dem Haushofmeister fluchtartig verschwand und den vorbereiteten Nachtisch gleich mitnahm; Version 2: nach einer Kollision mit dem Hofnarren die vorbereitete Torte fallen ließ und wütend das Schloss verließ. Eine junge Küchenhilfe namens Madeleine Paulmier rettete den Abend mit einem einfachen Rührkuchen nach dem Rezept ihrer Großmutter, gebacken in Muschelformen, weil keine passende Backform zur Hand war.

Frau mit Hut kauft Madeleines de Liverdun im Geschäft in der Rue des Dominicains, Nancy, France
Filiale „Madeleines de Liverdun“ in der Rue des Dominicains in Nancy / © Foto: Georg Berg

Der König war entzückt, ließ sich die Bäckerin vorstellen und benannte das Gebäck kurzerhand nach ihr. Der lothringische Historiker Charles Sadoul vertrat später zwar die Ansicht, das Rezept stamme von einer Köchin des Kardinals de Retz, ein ganzes Jahrhundert früher. Doch gegen eine gute Geschichte hatte diese Konkurrenztheorie nie eine Chance. Wer die Madeleine heute noch nach überliefertem Handwerk sucht, wird in Commercy selbst und im nahen Liverdun fündig, wo die Tradition seit über hundert Jahren gepflegt wird. 

Madeleines von Maison des Sœurs Macarons werden in Nancy, France, zum Verkauf angeboten
Eine Packung Madeleines der Konditorei Maison des Sœurs Macarons, je zur Hälfte mit Mirabellen- und mit Bergamote-Geschmack / © Foto: Georg Berg

Baba au Rhum

Erfunden wurde der Baba au Rhum zu Beginn des 18. Jahrhunderts von Nicolas Stohrer, dem Konditor des exilierten Königs, der einen zu trockenen Kouglof mit Wein tränkte, um ihn für seinen betagten, inzwischen 80-jährigen und zahnlosen Herrn genießbarer zu machen. Rum kam dabei zunächst nicht zum Einsatz – den gab es in Lothringen schlicht nicht. Stattdessen griff man zu Tokajer oder Malaga. Erst 1835 goss ein Nachfahre Stohrers, inzwischen als Pariser Konditor etabliert, erstmals Rum über die frisch aus der Form gelösten Kuchen. Nach Paris kam die Süßspeise mit Marie Leszczyńska, die ihren Konditor an den Hof Ludwigs XV. mitnahm. 1730 eröffnete Stohrer in der Rue Montorgueil seine eigene Patisserie. Sie existiert bis heute und gilt als älteste Pariser Konditorei. Wer dort einen Baba au Rhum bestellt, isst – meist ohne es zu ahnen – ein Stück Lothringen. 

Gläser mit Babas du Roi à la Mirabelle de Lorraine stehen zum Verkauf in Nancy, Frankreich
Gläser mit Babas du Roi à la Mirabelle de Lorraine in Nancy / © Foto: Georg Berg

Quiche Lorraine

Die Quiche Lorraine, in die auf keinen Fall Käse gehört, wohl aber reichlich Eier und Eigelb, zählt zu den Spezialitäten, die man gern mit Stanislas in Verbindung bringt – als hätte der genussfreudige König ihr eigenhändig Speck hinzugefügt. Tatsächlich ist die Quiche älter als Stanislas: erstmals 1586 dokumentiert, im Ausgabenbuch eines seiner Vorgänger, des Herzogs Charles III. von Lothringen. Speck kam laut den meisten Quellen erst im 19. Jahrhundert dazu, als der ursprüngliche Brotteig dem heutigen Mürbteig wich. Als Feinschmecker jedoch war Stanislas nachweislich ein großer Anhänger der Quiche Lorraine. 

Quiche Lorraine wird für 21,90€/kg in Nancy, Frankreich angeboten
Eine angeschnittene Quiche Lorraine in einer Vitrine in Nancy. Der goldbraune Speck-Ei-Belag ist deutlich zu erkennen / © Foto: Georg Berg

Bouchée à la reine

Die Bouchée à la reine, eine Blätterteigpastete mit herzhafter Füllung aus Geflügel, Champignons und weißer Sauce, wird traditionell mit Marie Leszczyńska verbunden, der Tochter von König Stanislas und Ehefrau Ludwigs XV. Inspiriert von den Puits d’amour, die Hofkonditor Vincent La Chapelle für Marias Rivalin Madame de Pompadour kreiert hatte, soll Maria bei Nicolas Stohrer eine pikante Variante in Auftrag gegeben haben, um sich die Gunst ihres Gatten zurückzuerobern. Der Legende nach machte das Häppchen die Königin überaus fruchtbar – hübsch zu hören, wenn man bedenkt, dass Maria und Ludwig XV. tatsächlich binnen zehn Jahren zehn Kinder bekamen. Ob die Bouchée daran wirklich einen Anteil hatte, sei dahingestellt; an der Beliebtheit der Geschichte in Lothringen hat das jedenfalls nichts geändert. 

Zwei Personen stehen vor Maison des Sœurs Macarons in der Rue Stanislas, Nancy, France
Die traditionsreiche Konditorei „Maison des Sœurs Macarons“ in der Rue Stanislas in Nancy / © Foto: Georg Berg

Nancy Passions Sucrées et Salées 

Wer durch die Geschäfte der Innenstadt zieht, stößt auf ein rundes Gütesiegel mit der Aufschrift Nancy Passions Sucrées. Die Metropole Grand Nancy vergibt das Label seit 2019 an Konditoren, Confiseure und Chocolatiers, die eine der gut zwanzig geschützten Süßspezialitäten der Stadt nach überliefertem Handwerk herstellen – von der Bergamote bis zum Baba. 2025 kam mit Nancy Passions Salées das herzhafte Gegenstück hinzu, verliehen an Metzgereien, Käsereien und Bäckereien für Klassiker wie die Quiche Lorraine oder den Pâté Lorrain. Zwei Gütesiegel also, die belegen, wie ernst Nancy seine kulinarische Tradition nimmt. Ganz im Sinne des Königs, der sie einst mitbegründet hat.

Bäcker präsentiert frisch gebackene Kekse in der Rue Saint-Dizier, Nancy, France
Ein frisch gebackener Stapel Sœurs Macarons. Die traditionellen Mandel-Makronen gehören zu den Nancy Passions Sucrée. Sie unterscheiden sich von den bekannteren französischen Macaron-Sandwiches durch ihre rissige, ungefüllte Kruste. Der Überlieferung nach fanden während der Französischen Revolution Ordensschwestern Zuflucht im Haus der Konditorei und stellten dort die ersten Macarons her daher der Name „Sœurs Macarons“ / © Foto: Georg Berg

Kult um Stanislas. Wie alles begann.

Wie es dazu kam, dass ein exilierter polnischer König Herzog von Lothringen werden konnte, hat mit einem jungen französichen König und einem Casting-Wettbewerb von 99 Prinzessinen zu tun: Nancy, verrückt nach Stanislas.

Zwei Stofftaschen mit Pop-Art-Porträts von David Bowie und dem Schriftzug "STAN IS GLAM" und "STAN IS BABA" in Nancy France
Zwei Stofftaschen der Souvenirserie „Stan is…“ im Shop der Touristinformation Nancy. Beide Entwürfe mit Pop-Art-Portraits spielen mit dem Kosenamen „Stan“ für König Stanislas Leszczynski / © Foto: Georg Berg

Die Recherche wurde unterstützt von Destination Nancy und Atout France

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