Leben im Leuchtturm

Wie ist es wohl, in einem Leuchtturm zu leben? Bei jedem Wetter, vom heulenden Wind bis zum strahlendem Sonnenschein? Mit einer großartigen Aussicht auf Wasser und Wellen? Gelegentlich sieht man ein Schiff am Horizont, das dank moderner Navigationstechnik den Leuchtturm an der Küste nicht mehr braucht. Die Zeiten, in denen Leuchttürme das Leben der Seeleute sicherten, sind vorbei. Aber die markanten Bauwerke stehen immer noch.

Stürmischer Tag am Strand von Charlevoix mit Charlevoix South Pier Leuchtturm im Hintergrund / © Foto: Georg Berg
Stürmischer Tag am Strand von Charlevoix mit Charlevoix South Pier Leuchtturm im Hintergrund / © Foto: Georg Berg

Leuchttürme sind heute Botschafter ihrer Region. Sie sind das strahlenden Zentrum von Logos, schmücken Reisebroschüren und sogar Kanaldeckel. Die West Michigan Tourist Association listet 105 Leuchttürme auf ihrer Karte. Die Urlaubsroute entlang der Leuchttürme führt einmal um den gesamten Michigansee. Viele der Leuchttürme können besichtigt werden und in einigen kann man sogar wohnen. Im Mission Point Lighthouse bei Traverse City lässt sich das Leben als Leuchtturmwärter auf Zeit testen.

Manhole Charlevoix The Beautiful mit Segelboot und Leuchtturm / © Foto: Georg Berg
Manhole Charlevoix The Beautiful mit Segelboot und Leuchtturm / © Foto: Georg Berg

Be a keeper! Aktivurlaub im Leuchtturm

Die Halbinsel Old Mission teilt die Grand Traverse Bay in zwei Arme. Die Landzunge ist nur 27 Kilometer lang und so schmal, dass man an vielen Stellen einen wunderbaren Blick auf den See hat. Auf der Spitze dieser Landzunge liegt der Leuchtturm von Old Misssion Peninsula. Er wurde im Jahr 1870 erbaut, um die mit Holz beladenen Schiffe sicher in die fast 50 Kilometer tiefe Bucht nach Traverse City zu führen. Heute befinden sich im Leuchtturm ein kleines Museum, ein Souvenirshop und eine Ferienwohnung. Auf der Halbinsel gibt es Obstplantagen, Weingüter, Wanderwege und Fahrradrouten. Es riecht nach Urlaub.

Mission Point Lighthouse, Leuchtturm von 1870 an der Nordspitze der Old Mission Peninsula, Traverse City / © Foto: Georg Berg
Mission Point Lighthouse, Leuchtturm von 1870 an der Nordspitze der Old Mission Peninsula, Traverse City / © Foto: Georg Berg

Das Mission Point Lighthouse ist ein ganz besonderer Ort für einen Urlaub. Die Ferienwohnung in exponierter Lage kann aber nur mieten, wer sich als Leuchtturmwärter auf Zeit bewirbt. Dieser Job ist besonders bei Frauen beliebt. Bis zu vier Personen finden Platz in der Ferienwohnung. Vom Wohnzimmer aus gelangt man direkt hinter den Verkaufstresen im Souvenirshop. Die Aufgaben als Leuchtturmwärter umfassen den Ticketverkauf, Smalltalk mit den Museumsbesuchern, Auskünfte zur Geschichte des Leuchtturms sowie Stau-Management an der steilen Treppe hoch in die Lichtkuppel.

Unterkunft für die Leuchtturmwärter im Mission Point Leuchtturm. Volontäre können die Unterkunft buchen, wenn sie während des Aufenthalts den Souvernirshop im Leuchtturm betreuen und Eintrittskarten an Besucher verkaufen / © Foto: Georg Berg
Unterkunft für die Leuchtturmwärter im Mission Point Leuchtturm. Wohnen und Arbeiten liegt dicht beeinander. Eine Tür verbindet das Wohnzimmer mit dem Souvenirshop / © Foto: Georg Berg

Aber früh am morgen und nach 17 Uhr gehört der Leuchtturm den Wärterinnen. Diese Stunden verbringen sie mit Spaziergängen am Strand oder durch den umliegenden Wald. Abends kann man auch eines der nahegelegenen Weingüter besuchen. Den Aufenthalt im Mission Point Lighthouse kann man nicht buchen, man muss sich bewerben, mindestens zu zweit sein und gerne mit Menschen aus aller Welt in Kontakt kommen wollen. Das Keeper-Program ist sehr beliebt und es hilft der Gemeinde den historischen Ort zu erhalten. Die Unterkunft muss von den Gästen bezahlt werden, ist aber mit weniger als 300 Dollar pro Woche sehr günstig. Der eigentliche Wert liegt in der Arbeit der Freiwilligen. Die Sommermonate auf Mission Point sind Monate im Voraus ausgebucht. Für die Gemeinde bedeutet das eine solide Planungssicherheit, um den historischen Standort erhalten zu können. Und die arbeitenden Gäste? Sie schwärmen vom Blick aus der Turmspitze bei Sonnenuntergang, von Sternenhimmel und himmlischer Ruhe, wenn die Tagestouristen fort sind.

Beliebt bei Frauen. Hier drei Freundinnen, die für zwei Wochen im Mission Point Leuchtturm wohnen und den Souveniershop betreuen / © Foto: Georg Berg
Beliebt bei Frauen. Hier drei Freundinnen, die für zwei Wochen im Mission Point Leuchtturm wohnen und den Souvenirshop betreuen / © Foto: Georg Berg

Leuchtturm in Frauenhand

Im Jahr 1933 knipste der letzte Leuchtturmwärter auf Mission Point das Licht aus. Über fünfzig Jahre lang war der Leuchtturm in Betrieb und hatte in dieser Zeit sieben Leuchtturmwärter. In der kleinen Ausstellung in Mission Point ist ein ganzer Raum einer Frau gewidmet. Sarah Lane lebte 26 Jahre in Mission Point. Sie war die Ehefrau von Kapitän John Lane und arbeitete gemeinsam mit ihm auf dem Leuchtturm. Sie beobachteten Schiffe, hielten das Licht am Brennen und kümmerten sich um das Gelände.

Blick aus der Kuppel des Mission Point Leuchtturms, Old Mission Peninsula, heute ein Museum / © Foto: Georg Berg
Blick aus der Kuppel des Mission Point Leuchtturms, Old Mission Peninsula, heute ein Museum / © Foto: Georg Berg

Im Dezember 1906 starb John Lane. Sarah wurde daraufhin im Alter von 67 Jahren die erste und einzige weibliche Wärterin in der Geschichte von Mission Point. Der Lokalzeitung berichtete damals über diese ungewöhnliche Geschichte einer Frau, die die Arbeit eines Leuchtturmwärters verrichtete. Sarah Lane wurde für ihr Pflichtbewusstsein und ihre gute Arbeit gelobt. Unbeachtet blieb, dass sie für die gleiche Arbeit nach dem Tod ihres Mannes nur noch die Hälfte des Gehalts erhielt. Ihr Jahreslohn betrug 540 Dollar. In Mission Point sind einige ihre persönlichen Gegenstände ausgestellt und Besucher können sich über den Arbeitsalltag und die ständige Verantwortung für ein verlässliches Leuchtfeuer für die Schifffahrt rund um die Old Mission Peninsula informieren.

Ausstellung mit Möbeln und Kleidung der Leuchtturmwärterin Sarah Lane. Nach dem Tod ihres Mannes John Lane, übernahm sie alle Aufgaben im Leuchtturm. Sie lebte und arbeitete von 1881 - 1907 im Mission Point Lighthouse. Sie war die einzige Frau in diesem Beruf und bekam nur halb so viel Gehalt wie ihr Mann für die gleiche Arbeit / © Foto: Georg Berg
Ausstellung mit Möbeln und Kleidung der Leuchtturmwärterin Sarah Lane. Nach dem Tod ihres Mannes John Lane, übernahm sie alle Aufgaben im Leuchtturm / © Foto: Georg Berg

Leuchtturm-Hopping

Ginger Schultz steht auf der steilen Treppe und zeigt auf die Lichtkuppel. Seit 1933 ist dieser Leuchtturm außer Betrieb. Ein automatisches Bojenfeuer in der Nähe der Küste hat den Job der Leuchtturmwärter übernommen. Viele Jahre später entstanden neue Jobs rund um das nun historische Gebäude. Ginger Schultz ist Leuchtturmmanagerin und kümmert sich auch um das Keeper-Programm. Seit einigen Jahren gibt es mehr Bewerber als verfügbare Buchungswochen. Zwischen Mai und Oktober geben sich Leuchtturmwärter aus dem ganzen Land die Klinke in die Hand und schwärmen von der Ruhe am Abend, von Sonnenuntergängen in der Leuchtturmkuppel und von netten Begegnungen mit Menschen aus aller Welt. Viele Gruppen buchen bereits ihre Freiwilligendienste für das nächste Jahr, kaum dass ihre Dienstwoche vorbei ist. Ginger Schultz erzählt von Freundinnen, die ein regelrechtes Leuchtturm-Hopping betreiben. Denn von insgesamt 129 Leuchttürmen in Michigan bieten rund ein Dutzend ein Keeper Programm an.

Leuchtturmmanagerin Ginger Schultz im Mission Point Leuchtturm. Der Leuchtturm von 1870 ist heute ein Museum über das Leben und die Arbeit der Leuchtturmwärter / © Foto: Georg Berg
Leuchtturmmanagerin Ginger Schultz im Mission Point Leuchtturm. Der Leuchtturm von 1870 ist heute ein Museum über das Leben und die Arbeit der Leuchtturmwärter / © Foto: Georg Berg

Seenotrettung am Michigansee

Mitte des 19. Jahrhunderts sicherten immer mehr Leuchttürme die Küsten der Großen Seen. Doch nicht immer konnten die Leuchttürme Schiffbrüche verhindern. Im Maritim Museum erinnert man an die Geschichte des U.S. Life-Saving Service, der U.S. Coast Guard und der Schifffahrt auf den Großen Seen. Es handelt sich dabei um die ursprüngliche US-Rettungsstation Sleeping Bear Point, die an ihren heutigen Standort verlegt wurde, um nicht von wandernden Sanddünen verschüttet zu werden.

Maritim Museum Sleeping Bear Point Coast Guard Station westlich von Glen Haven. Ein freiwilliger Mitarbeiter hält das Endstück eines Rettungsseils hoch, auf dem Anweisungen zum Einsatz im Rettungsfall stehen / © Foto: Georg Berg
Maritim Museum Sleeping Bear Point Coast Guard Station westlich von Glen Haven. Ein freiwilliger Mitarbeiter hält das Endstück eines Rettungsseils hoch, auf dem Anweisungen zum Einsatz im Rettungsfall stehen / © Foto: Georg Berg

In einem kleinen Bootshaus neben dem Museum ist Lebensrettungsausrüstung ausgestellt. Ein Museumsmitarbeiter erklärt, wie diese Gegenstände in den frühen 1900er Jahren verwendet wurden, um in der Manitou Passage in Seenot geratenen Seeleute zu retten. Mit der Lyle Gun konnte eine Rettungsleine vom Ufer aus über 400 Meter weit zu einem Schiff in Seenot geschossen werden, um die Besatzung sicher an Land zu bringen.

Schifffahrtsmuseum der Sleeping Bear Point Coast Guard Station westlich von Glen Haven / © Foto: Georg Berg
Schifffahrtsmuseum der Sleeping Bear Point Coast Guard Station westlich von Glen Haven / © Foto: Georg Berg

Das Schifffahrtsmuseum der Sleeping Bear Point Coast Guard Station liegt westlich von Glen Haven. Von hier aus ist es nicht weit zur Hauptattraktion der Region, den Sleeping Bear Dunes. Hier entstand eine Dünenlandschaft mit steilen Sandbergen, die zum See hin abfallen. Die schroffen Steilufer, die bis zu 140 Meter über dem Lake MIchigan aufragen, bieten großartige Aussichtspunkte auf die beiden Manitou-Inseln. Hier oben weht oft ein starker Westwind und man kann sich vorstellen, wie gefährlich die Navigation entlang der Küsten der Großen Seen sein kann. Allein in der Manitoupassage liegen fast 50 Schiffswracks. Auch in Bezug auf Schiffsunglücke hat der Michigansee das Ausmaß eines Ozeans.

Karte mit Markierungen von Schiffswracks im Michigansee, Manitoupassage, South Manitou Island und North Manitou Island, Maritim Museum Sleeping Bear Dunes / © Foto: Georg Berg
Karte mit Markierungen von Schiffswracks im Michigansee, Manitoupassage, South Manitou Island und North Manitou Island, Maritim Museum Sleeping Bear Dunes / © Foto: Georg Berg

Urlaub in Traverse City und Grand Traverse Bay

Falls es mit dem Einsatz als Leuchtturmwärter auf Zeit nicht klappt, gibt es natürlich noch andere Unterkünfte und Möglichkeiten zum Zeitvertreib. Seit einigen Jahren zieht das Mikroklima immer mehr Winzer auf die Halbinseln entlang des 45. Breitengrads. Old Mission Peninsula und Leelanau bilden zusammen die Traverse Wine Coast mit 25 Weingütern. In dem kühlen und zugleich maritimen Klima der beiden Halbinseln werden die Rebsorten Riesling, Chardonnay, Gewürztraminer, Pinot Gris, Cabernet Franc, Pinot Noir und Merlot angebaut. Die Winzerinnen und Winzer bieten das ganze Jahr über Weinverkostungen und kulinarische Events an. Von Chateau Chantal, einem Weingut in der Mitte der Halbinsel, blickt man auf eine kleine grüne Insel, die heute den Namen Power Island trägt. Schon vor über 100 Jahren wusste ihr damaliger Eigentümer den Erholungswert der Region zu schätzen. Henry Ford kaufte die Insel 1917 und nutzte sie als Rückzugsort und für ungestörte Gespräche unter Freunden. Thomas Alva Edison, Harvey Firestone und Theodore Roosevelt gehörten dazu.

Be A Keeper – Das Leuchtturmwärter-Programm von Mission Point Lighthouse

Die Recherche wurde von Traverse City Tourism und Pure Michigan unterstützt

Unsere Arbeitsweise zeichnet sich durch selbst erlebte, gut recherchierte Textarbeit und professionelle, lebendige Fotografie aus. Für alle Geschichten gilt, dass Reiseeindrücke und Fotos am selben Ort entstehen. So ergänzen und stützen die Fotos das Gelesene und tragen es weiter.

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