Am 4. September 2026 stimmte die UN-Generalversammlung mit 164 zu 1 Stimmen für die Resolution Correct the Map. Sechs Staaten – Estland, Georgien, Litauen, Moldau, Serbien und die Ukraine – enthielten sich. Die Resolution empfiehlt Regierungen, Schulen, Medien und Technologiekonzernen, künftig flächentreue Projektionen wie Equal Earth für Größenvergleiche zu nutzen, statt der 1569 vom Duisburger Geografen Gerhard Mercator entwickelten Projektion. Sie dominiert bis heute die meisten digitalen Karten. Verbindlich ist die Empfehlung nicht. Mercator bleibt erlaubt.
Togo brachte die Resolution im Namen der Afrikanischen Union ein. Die Begründung ist geometrisch einleuchtend: Mercator vergrößert Flächen, je weiter sie vom Äquator entfernt liegen. Afrika, das größtenteils in Äquatornähe liegt, wirkt dadurch kleiner als Grönland, obwohl es laut dem französischen Außenministerium fast vierzehnmal so groß ist.
Die USA stimmten als einziges Land dagegen. Ihre UN-Vertretung nannte die Resolution ein „radikales ideologisches Projekt“ und warf der Generalversammlung vor, sich von wesentlichen Aufgaben abzulenken. Eine eigene Stellungnahme von US-Präsident Donald Trump zur Resolution selbst liegt nicht vor. Die Geografie-Professoren Jack Swab und Derek Alderman von der University of Tennessee sehen dennoch einen Zusammenhang zu seiner Grönland-Politik: Trumps wiederholte Behauptung, die Insel sei „massiv“ groß, während er eine Übernahme durch die USA forderte, sei wahrscheinlich durch die Verzerrung der Mercator-Karte beeinflusst, schreiben sie in einer Analyse bei The Conversation. Auf Mercator-Karten erscheint Grönland durch die Nähe zum Pol stark vergrößert – nahezu so groß wie der gesamte afrikanische Kontinent, der in Wirklichkeit vierzehnmal größer ist.
Warum wir trotzdem bei Google Maps bleiben
Für unseren Reiseatlas, die interaktive Weltkarte mit rund 280 Reisezielen von Tellerrandstories, hätte die Resolution auf den ersten Blick Folgen haben können. Doch das bleibt aus: Unsere Karte läuft weiterhin über Google Maps – und Google Maps nutzt nach wie vor Mercator.
Der Grund liegt in der Technik, nicht in der Redaktion. Interaktive Kartendienste wie Google Maps laden die Welt in quadratischen Kacheln, die beim Zoomen nachgeladen werden. Dieses Verfahren, seit anderthalb Jahrzehnten Industriestandard, funktioniert nur mit einer winkeltreuen Projektion – also einer, die Formen und Richtungen exakt erhält, unabhängig vom Maßstab. Genau das leistet Mercator. Sie wurde 1569 für die Seefahrt entwickelt, weil ein Kurs, der auf der Karte eine gerade Linie ist, auf See einem konstanten Kompasskurs entspricht.
Flächentreue Projektionen wie Equal Earth können das nicht. Sie zeigen Kontinente im richtigen Größenverhältnis, verzerren dafür aber Formen und Winkel – und zwar unterschiedlich stark, je nach Position auf der Karte. Deshalb bietet derzeit kein interaktiver Kartendienst eine flächentreue Alternative an, auch nicht Anbieter, die auf OpenStreetMap oder andere Tile-Server setzen. Wir haben es bei der flächentreuen Projektion mit Interaktivität versucht. Die eingezeichneten Punkte sind aber schwer zu treffen, weil man in die Equal Earth Projektion nicht hineinzoomen kann.
Das eigentliche Problem: keine Karte kann alles zugleich
Die Debatte um Mercator lenkt von einem grundsätzlicheren Problem ab, das auch Equal Earth nicht löst: Eine Kugeloberfläche lässt sich nicht ohne Verzerrung auf eine Ebene übertragen. Das bewies Carl Friedrich Gauß im 19. Jahrhundert mit seinem Theorema Egregium. Jede Projektion muss eine Eigenschaft opfern: Fläche oder Winkeltreue. Keine Karte kann beide zugleich korrekt darstellen.
Wie stark dieser Kompromiss sichtbar wird, zeigt sich besonders an den Polen. Bei Mercator wächst die Verzerrung zu den Polen hin ins Unermessliche; der Nordpol liegt rechnerisch im Unendlichen und bleibt darstellbar. Bei Equal Earth, die wir für unseren statischen Reiseatlas nutzen, erscheint derselbe Punkt als kurze Linie – ein sichtbarer Beleg dafür, dass die Projektion zwar Flächen korrekt wiedergibt, dafür aber Formen in Polnähe streckt.
Für Leser bedeutet das: Es gibt keine „richtige“ Weltkarte, nur Karten mit unterschiedlichen Zwecken. Für die Navigation bleibt Mercator sinnvoll, was selbst die UN-Resolution anerkennt. Für den Größenvergleich von Kontinenten eignet sich Equal Earth besser. Für interaktive Karten mit Zoomfunktion bleibt technisch vorerst nur Mercator übrig, solange keine flächentreue Kartenengine mit vergleichbarer Zoomleistung existiert.
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