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Die Heimat und das Klima

Lützerath ist von Klima-Aktivisten besetzt. Die Vorbesitzer haben aufgegeben und ihre Anwesen an RWE verkauft / © Foto: Georg Berg

Lützerath ist von Klima-Aktivisten besetzt. Die Vorbesitzer haben aufgegeben und ihre Anwesen an RWE verkauft / © Foto: Georg Berg

Der kleine Ort Lützerath hatte selten mehr als 100 Einwohner. Dennoch ist er für Klimaaktivisten international bekannt und zum Symbol geworden. Im rheinischen Braunkohlegebiet ist Lützerath wohl der letzte von mehreren hundert Orten, der den Braunkohlebaggern und dem Energiehunger zum Opfer fällt.

Der Ort Lützerath besteht aus sieben Häusern / © Foto: Georg Berg

Während in anderen Orten der Protest und das Mitgefühl vor allem den Bewohnern galt, die zwangsweise ihre Heimat aufgeben mussten, ist es jetzt das Klima. Dass fossile Brennstoffe immer schon klimaschädlich waren, war irgendwie klar, stand bei früheren Protesten nur nicht im Vordergrund.

Hängematte über der Spülstraße im Hüttendorf / © Foto: Georg Berg

Die Besetzer von Lützerath haben sich in ihrem Camp auch heimelig gemacht. Die selbst gebauten Hütten und Gemeinschaftseinrichtungen in dieser Siedlung zeugen davon. Alle die hierhin kamen, konnten an der Verwirklichung dieser Idee mitarbeiten: Lützerath versiegelt unter sich eine dicke Lage Braunkohle, die nicht verbrannt werden darf. Denn nur so kann das Klimaziel eingehalten werden.

Polizisten versuchen, einen Klimaaktivisten aus einem Autowrack zu entfernen, in dem er sich zusammen mit einem Kanaldeckel festgeklebt hat. Das Autowrack ist mit einem stabilen Pfeiler als Barrikade auf einer Zufahrtsstraße nach Lützerath fixiert / © Foto: Georg Berg

Bei aller Entschlossenheit bleibt der Widerstand gewaltfrei. Wer hier ist, geht nicht freiwillig sondern sorgt mit viel Kreativität für Verzögerung. Je aufwändiger der Einsatz ist und je länger er dauert, desto mehr stellt sich die Frage, ob der politische Kompromiss diesen Preis wert ist.

Auch wenn man auf der anderen Seite steht, kann man über Klimaziele durchaus einer Meinung sein / © Foto: Georg Berg

Die Gespräche der Aktivisten mit den beteiligten Polizisten sind größtenteils sachlich. „Ich nehme das alles auch für deine Kinder auf mich.“ Der Gedankenaustausch, der auf solche Aussagen folgt, macht manch einen Polizisten nachdenklich.

Hoffnungsträger am Abgrund / © Foto: Georg Berg

Nur an Orten wie Lützerath kann man versuchen, manche Probleme wirklich zu begreifen.

Aktivität gegen Resignation

Sieben Jahre früher im Nachbardorf Borschemich war die Situation noch ganz anders.

Blick von Lützerath in die Grube des Braunkohle-Tagebaus Garzweiler II. Dort stand noch vor wenigen Jahren Borschemich, das Nachbardorf von Lützerath / © Foto: Georg Berg

Am Grubenrand bei Lützerath hat man einen weiten Blick in den Braunkohlen-Tagebau. Wo jetzt das riesige Loch gähnt, waren viele Dörfer, deren Einwohner umgesiedelt wurden. Wo jetzt der große Bagger steht, trafen sich am 27. Februar 2016 die ehemaligen Einwohner von Borschemich, die sich inzwischen verstreut eine neue Heimat aufgebaut haben. Sie hatten sich am alten Dorfplatz verabredet, um gemeinsam die alte Dorflinde selbst zu fällen.

Letztes Erinnerungstreffen im verlassenen Dorf Borschemich / © Foto: Georg Berg

Alle ehemaligen Dorfbewohner mussten ihren je eigenen Verlust durch die Umsiedelung ertragen. Gemeinsam aber wollten sie die alte Linde, mit der jeder etwas angenehmes verband, nicht der herzlosen Vernichtung durch RWE überlassen. Bei Suppe und Bier traf man sich, tauschte Erinnerungen aus und am Ende nahm der ein oder andere ein Stück des alten Lindenbaums mit in seine neue Heimat. Der Dorftrutz ist gefällt.

Unsere Arbeitsweise zeichnet sich durch selbst erlebte, gut recherchierte Textarbeit und professionelle, lebendige Fotografie aus. Für alle Geschichten gilt, dass Reiseeindrücke und Fotos am selben Ort entstehen. So ergänzen und stützen die Fotos das Gelesene und tragen es weiter.

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