Täglich treffen rund 300 neue Bücher und Zeitschriften ein. Alles, was auf Deutsch erscheint und mindestens ein Drittel Text enthält, muss hier landen – gesetzlich vorgeschrieben, ohne Ausnahme, ohne Bewertung. Die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) ist eine der wenigen Institutionen weltweit, die nichts auswählt. Sie ist das vollständige Gedächtnis der Nation.

Umso bemerkenswerter, dass das Deutsche Buch- und Schriftmuseum, Teil der DNB in Leipzig, kürzlich eine Ausstellung zeigte, die mit einer Gegenfrage begann: Forget it?!
Eine Zeitreise durch das Speichern
Forget it?! Zukünfte und Geschichten der Wissensspeicherung hieß die Ausstellung, die das Museum von Oktober 2025 bis März 2026 präsentierte. Ihr Ausgangspunkt war simpel: Seit Jahrtausenden sucht der Mensch nach Wegen, Wissen zu bewahren. Doch wie lange, in welcher Form, auf welchem Material – und vor allem: für wen?

Der Ausstellungskatalog zitiert den argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges: „Nur wer vergessen kann, ist gewappnet für diese Welt.“ Dass ausgerechnet eine Bibliothek, die nichts vergessen darf, diesen Satz an die Wand schreibt, ist kein Widerspruch – sondern Absicht. Die Ausstellung fragte nicht, ob Erinnern gut ist, sondern was es kostet, alles zu erinnern, und was verloren geht, wenn das Erinnern scheitert.
Der thematische Bogen war weit gespannt: von Hungersteinen in der Elbe, die seit Jahrhunderten vor Dürre warnen, über Sauerteigkulturen als lebende Gedächtnisträger, bis zur norwegischen Future Library, die seit 2014 jährlich ein unveröffentlichtes Manuskript einlagert – zur Lektüre erst im Jahr 2114. Auch die Wayback Machine des Internetarchivs, die täglich gegen das Verschwinden von Webseiten kämpft, fand ihren Platz.
Die zentrale Erkenntnis der Ausstellung: Speichern bedeutet immer entscheiden – über Material, Dauer, Zugang. Und jede Entscheidung schließt aus, was nicht gespeichert wird.
Eine Institution ohne Wahl – und darin einzigartig
Hier zeigt sich die Besonderheit der DNB. Andere Archive selektieren. Museen kuratieren. Bibliotheken empfehlen. Die Deutsche Nationalbibliothek aber sammelt alles: das Bestseller-Sachbuch und die Kleinstauflage, das Pamphlet und die Festschrift, die graue Literatur und die digitale Publikation ohne ISBN.

Damit spiegelt die DNB die deutsche Sprachproduktion – ohne Filter, ohne ästhetisches Urteil, ohne Verfallsdatum. Alles, was auf Deutsch gedacht und gedruckt wurde, landet hier. Und bleibt.
Zeichen – Bücher – Netze: von der Keilschrift zum Binärcode
Die kulturhistorische Sammlung zeigt Druckmaschinen aller Art: Zu sehen sind auch ein Steintrog, in dem vor 250 Jahren Lumpen zu Papierbrei zerfasert wurden, dazu eine Sammlung von Egoutteurwalzen, mit denen Papiermacher Wasserzeichen in nasses Papier prägten. Diese Wasserzeichen machen heute die Herkunft von Papier nachvollziehbar. Heute verfügt die Sammlung über eine halbe Million Herkunftsnachweise, genutzt von Bachforschern, Historikern und Juristen.


Besucher willkommen!
Der Name „Deutsche Nationalbibliothek“ klingt ehrfurchtgebietend, doch ein Besuch lohnt sich. Schon der erste Eindruck: ein einladendes Haus. Die Lesesäle sind gut gefüllt, bieten aber genug Raum, um sich wohlzufühlen. Kostenlose Führungen locken, und der Benutzerausweis für die Lesesäle ist erschwinglich.

Fünf Lesesäle, fünf Epochen
Wer durch die Lesesäle der DNB Leipzig geht, erlebt die Geschichte des Lesens. Der erste Saal, mit grünen Tischlampen und Fresken der Spätnazarener, erinnert an einen Sakralbau. Der zweite Saal, 1935/36 im Geist des Bauhauses entstanden, beherbergt 106 Freischwinger-Stühle nach Mart Stam – noch immer in Gebrauch. Dann die eckigen Nierentische der 1960er Jahre und der Musik-Lesesaal von 1972. Der neueste Saal, 2012 eröffnet, bietet Arbeitsplätze mit Miniaturversionen der Leipziger Peitschenleuchte als Leselampen – ein Detail, das zeigt, dass hier jemand an die Menschen denkt, die täglich wiederkommen.

Jeder Erweiterungsbau brachte einen neuen Lesesaal. Der Originalbau von 1914, entworfen von Oscar Busch, war von Anfang an als Projekt für Generationen gedacht – mit einer Vision bis ins Jahr 2212.




Der Kartenlesesaal
Die Kartensammlung der DNB, seit 1919 angelegt, zählt über 285.000 Blätter und Atlanten. Klimaforscher und Stadtplaner nutzen sie, um zu zeigen, wie sich Landschaften über Jahrhunderte verändert haben. Der Wert dieser Sammlung liegt in ihrer Kontinuität: Eine Karte allein sagt wenig. Hundert Jahre Karten in Serie erzählen Veränderung. Im Kartenlesesaal gibt es spezielle Einrichtungen, um die teilweise recht großen Materialien schonend auszuwerten.

Was nicht kopiert wird, geht verloren
Die Ausstellung Forget it?! zitierte die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann: „Was nicht umkopiert wird, geht verloren.“ Das gilt für analoge Bestände, die altern. Für digitale Formate, die veralten. Für Webseiten, die verschwinden. Und für Institutionen, die nicht weitergebaut werden.

Die DNB wächst täglich. Die Frage, wie sie das langfristig bewältigt, ist konkret – so konkret wie der Grundriss von Oscar Buschs Vision von 1914, der Platz für kommende Generationen ließ. Der Fünfte Erweiterungsbau ist an der Südostflanke des Gründungsbaus geplant1.

Ob der geplante Erweiterungsbau kommt, bleibt nach den Äußerungen von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer2 offen. Sicher ist: Die Fragen, die die Ausstellung Forget it?! stellte, beantwortet die DNB weiter – ohne Ausnahme. Auch diesen Text archiviert die DNB, zusammen mit allem, was Tellerrand-Stories unter der ISSN 2750-4069 veröffentlicht hat: dreifach gesichert, in Leipzig, Frankfurt am Main und Göttingen.
Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig, Deutscher Platz 1, ist für Besucher geöffnet. Informationen zur Benutzung der DNB und zu aktuellen Ausstellungen: dnb.de
Die Recherchereise wurde unterstützt von Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen