Deutsche Nationalbibliothek vergisst nichts

Täglich treffen rund 300 neue Bücher und Zeitschriften ein. Alles, was auf Deutsch erscheint und mindestens ein Drittel Text enthält, muss hier landen – gesetzlich vorgeschrieben, ohne Ausnahme, ohne Bewertung. Die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) ist eine der wenigen Institutionen weltweit, die nichts auswählt. Sie ist das vollständige Gedächtnis der Nation.

Bücherregale in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig / © Foto: Georg Berg
Bücherregale in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig / © Foto: Georg Berg

Umso bemerkenswerter, dass das Deutsche Buch- und Schriftmuseum, Teil der DNB in Leipzig, kürzlich eine Ausstellung zeigte, die mit einer Gegenfrage begann: Forget it?!

Eine Zeitreise durch das Speichern

Forget it?! Zukünfte und Geschichten der Wissensspeicherung hieß die Ausstellung, die das Museum von Oktober 2025 bis März 2026 präsentierte. Ihr Ausgangspunkt war simpel: Seit Jahrtausenden sucht der Mensch nach Wegen, Wissen zu bewahren. Doch wie lange, in welcher Form, auf welchem Material – und vor allem: für wen?

Sonderausstellung "forget it". Deutsches Buch- und Schriftmuseum in Leipzig / © Foto: Georg Berg
Sonderausstellung forget it?! Deutsches Buch- und Schriftmuseum in Leipzig / © Foto: Georg Berg

Der Ausstellungskatalog zitiert den argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges: „Nur wer vergessen kann, ist gewappnet für diese Welt.“ Dass ausgerechnet eine Bibliothek, die nichts vergessen darf, diesen Satz an die Wand schreibt, ist kein Widerspruch – sondern Absicht. Die Ausstellung fragte nicht, ob Erinnern gut ist, sondern was es kostet, alles zu erinnern, und was verloren geht, wenn das Erinnern scheitert.

Der thematische Bogen war weit gespannt: von Hungersteinen in der Elbe, die seit Jahrhunderten vor Dürre warnen, über Sauerteigkulturen als lebende Gedächtnisträger, bis zur norwegischen Future Library, die seit 2014 jährlich ein unveröffentlichtes Manuskript einlagert – zur Lektüre erst im Jahr 2114. Auch die Wayback Machine des Internetarchivs, die täglich gegen das Verschwinden von Webseiten kämpft, fand ihren Platz.

Die zentrale Erkenntnis der Ausstellung: Speichern bedeutet immer entscheiden – über Material, Dauer, Zugang. Und jede Entscheidung schließt aus, was nicht gespeichert wird.

Eine Institution ohne Wahl – und darin einzigartig

Hier zeigt sich die Besonderheit der DNB. Andere Archive selektieren. Museen kuratieren. Bibliotheken empfehlen. Die Deutsche Nationalbibliothek aber sammelt alles: das Bestseller-Sachbuch und die Kleinstauflage, das Pamphlet und die Festschrift, die graue Literatur und die digitale Publikation ohne ISBN.

Die Karteikarten in der Musik-Karteikartensammlung der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig sind originale Unikate ohne digitale Kopie / © Foto: Georg Berg
Die Karteikarten in der Musik-Karteikartensammlung der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig sind originale Unikate ohne digitale Kopie / © Foto: Georg Berg

Damit spiegelt die DNB die deutsche Sprachproduktion – ohne Filter, ohne ästhetisches Urteil, ohne Verfallsdatum. Alles, was auf Deutsch gedacht und gedruckt wurde, landet hier. Und bleibt.

Zeichen – Bücher – Netze: von der Keilschrift zum Binärcode

Die kulturhistorische Sammlung zeigt Druckmaschinen aller Art: Zu sehen sind auch ein Steintrog, in dem vor 250 Jahren Lumpen zu Papierbrei zerfasert wurden, dazu eine Sammlung von Egoutteurwalzen, mit denen Papiermacher Wasserzeichen in nasses Papier prägten. Diese Wasserzeichen machen heute die Herkunft von Papier nachvollziehbar. Heute verfügt die Sammlung über eine halbe Million Herkunftsnachweise, genutzt von Bachforschern, Historikern und Juristen.

Stephanie Jacobs (Direktorien des Deutschen Buch- und Schriftmuseums) in der kulturhistorischen Sammlung mit Druckwerkzeugen. Hier ein Steintrog von 1789, in dem aus Lumpen ein Faserbrei für die Papierherstellung erzeugt wurde / © Foto: Georg Berg
Stephanie Jacobs (Direktorien des Deutschen Buch- und Schriftmuseums) in der kulturhistorischen Sammlung mit Druckwerkzeugen. Hier ein Steintrog von 1789, in dem aus Lumpen ein Faserbrei für die Papierherstellung erzeugt wurde / © Foto: Georg Berg
Wasserzeichen- bzw. Siebwalze eines Egoutteurs in der Sammlung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums. Solche Walzen verbessern die Blattbildung und dienten historisch auch dazu, Wasserzeichen ins Papier zu prägen. Ein rundes Emblem mit der Aufschrift "ICK VAER ENDE CAMP" und einem Segelschiff ist zu erkennen / © Foto: Georg Berg
Wasserzeichen- bzw. Siebwalze eines Egoutteurs in der Sammlung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums. Solche Walzen verbessern die Blattbildung und dienten historisch auch dazu, Wasserzeichen ins Papier zu prägen. Ein rundes Emblem mit der Aufschrift „ICK VAER ENDE CAMP“ und einem Segelschiff ist zu erkennen / © Foto: Georg Berg

Besucher willkommen!

Der Name „Deutsche Nationalbibliothek“ klingt ehrfurchtgebietend, doch ein Besuch lohnt sich. Schon der erste Eindruck: ein einladendes Haus. Die Lesesäle sind gut gefüllt, bieten aber genug Raum, um sich wohlzufühlen. Kostenlose Führungen locken, und der Benutzerausweis für die Lesesäle ist erschwinglich.

Vorbestellte Bücher für die Lesesääle werden in der Deutschen Nationalbibliothek automatisch zur Verfügung gestellt / © Foto: Georg Berg
Vorbestellte Bücher für die Lesesäle werden in der Deutschen Nationalbibliothek automatisch zur Verfügung gestellt / © Foto: Georg Berg

Fünf Lesesäle, fünf Epochen

Wer durch die Lesesäle der DNB Leipzig geht, erlebt die Geschichte des Lesens. Der erste Saal, mit grünen Tischlampen und Fresken der Spätnazarener, erinnert an einen Sakralbau. Der zweite Saal, 1935/36 im Geist des Bauhauses entstanden, beherbergt 106 Freischwinger-Stühle nach Mart Stam – noch immer in Gebrauch. Dann die eckigen Nierentische der 1960er Jahre und der Musik-Lesesaal von 1972. Der neueste Saal, 2012 eröffnet, bietet Arbeitsplätze mit Miniaturversionen der Leipziger Peitschenleuchte als Leselampen – ein Detail, das zeigt, dass hier jemand an die Menschen denkt, die täglich wiederkommen.

Der erste Lesesaal in der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig mit grünen Leselampen und grüner Linoleum Arbeitsfläche. An den Wänden befinden sich Fresken mit Spätnazarener-Motiven / © Foto: Georg Berg
Der erste Lesesaal in der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig mit grünen Leselampen und grüner Linoleum Arbeitsfläche. An den Wänden befinden sich Fresken mit Spätnazarener-Motiven / © Foto: Georg Berg

Jeder Erweiterungsbau brachte einen neuen Lesesaal. Der Originalbau von 1914, entworfen von Oscar Busch, war von Anfang an als Projekt für Generationen gedacht – mit einer Vision bis ins Jahr 2212.

Bauhaus-Lesesaal von 1935/36 mit Bücherregalen und Schreibtischen in der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig. Hier befindet sich mit 106 Exemplaren die größte Sammlung von Mart Stam Freischwinger-Stühlen / © Foto: Georg Berg
Bauhaus-Lesesaal von 1935/36 mit Bücherregalen und Schreibtischen in der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig. Hier befindet sich mit 106 Exemplaren die größte Sammlung von Mart Stam Freischwinger-Stühlen / © Foto: Georg Berg
Der Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek aus den 1960-er Jahren mit eckigen Nierentischen und für die DDR typischer Wanddekoration / © Foto: Georg Berg
Der Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek aus den 1960-er Jahren mit eckigen Nierentischen und für die DDR typischer Wanddekoration / © Foto: Georg Berg
Im Innenhof der Deutschen Nationalbibliothek befindet sich der 1972 gebaute Musik-Lesesaal / © Foto: Georg Berg
Im Innenhof der Deutschen Nationalbibliothek befindet sich der 1972 gebaute Musik-Lesesaal / © Foto: Georg Berg
Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek von 2012. An den Arbeitsplätzen Miniaturen der Leipziger Peitschenleuchte als Leselampe / © Foto: Georg Berg
Museumslesesaal von 2012. An den Arbeitsplätzen Miniaturen der Leipziger Peitschenleuchte als Leselampe / © Foto: Georg Berg

Der Kartenlesesaal

Die Kartensammlung der DNB, seit 1919 angelegt, zählt über 285.000 Blätter und Atlanten. Klimaforscher und Stadtplaner nutzen sie, um zu zeigen, wie sich Landschaften über Jahrhunderte verändert haben. Der Wert dieser Sammlung liegt in ihrer Kontinuität: Eine Karte allein sagt wenig. Hundert Jahre Karten in Serie erzählen Veränderung. Im Kartenlesesaal gibt es spezielle Einrichtungen, um die teilweise recht großen Materialien schonend auszuwerten.

Eine von 285.000 Karten und Atlanten in der Deutschen Nationalbibliothek: Die Flusslaufkarte der Donau, gefaltet gemäß der Krümmung des Flusses / © Foto: Georg Berg
Eine von 285.000 Karten und Atlanten in der Deutschen Nationalbibliothek: Die Flusslaufkarte der Donau, gefaltet gemäß der Krümmung des Flusses / © Foto: Georg Berg

Was nicht kopiert wird, geht verloren

Die Ausstellung Forget it?! zitierte die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann: „Was nicht umkopiert wird, geht verloren.“ Das gilt für analoge Bestände, die altern. Für digitale Formate, die veralten. Für Webseiten, die verschwinden. Und für Institutionen, die nicht weitergebaut werden.

"Was nicht umkopiert wird, geht verloren" (Aleida Assmann). Sonderausstellung "forget it". Deutsches Buch- und Schriftmuseum / © Foto: Georg Berg
„Was nicht umkopiert wird, geht verloren“ (Aleida Assmann). Sonderausstellung forget it?! Deutsches Buch- und Schriftmuseum / © Foto: Georg Berg

Die DNB wächst täglich. Die Frage, wie sie das langfristig bewältigt, ist konkret – so konkret wie der Grundriss von Oscar Buschs Vision von 1914, der Platz für kommende Generationen ließ. Der Fünfte Erweiterungsbau ist an der Südostflanke des Gründungsbaus geplant1.

Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig. Oscar Busch entwarf eine Vision "auf Zubau verdammt" die bis 2212 reicht. Der Grundstein des ersten Gebäudes wurde 1914 gelegt / © Foto: Georg Berg
Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig. Oscar Busch entwarf eine Vision „auf Zubau verdammt“ die bis 2212 reicht. Der Grundstein des ersten Gebäudes wurde 1914 gelegt / © Foto: Georg Berg

Ob der geplante Erweiterungsbau kommt, bleibt nach den Äußerungen von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer2 offen. Sicher ist: Die Fragen, die die Ausstellung Forget it?! stellte, beantwortet die DNB weiter – ohne Ausnahme. Auch diesen Text archiviert die DNB, zusammen mit allem, was Tellerrand-Stories unter der ISSN 2750-4069 veröffentlicht hat: dreifach gesichert, in Leipzig, Frankfurt am Main und Göttingen.

Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig, Deutscher Platz 1, ist für Besucher geöffnet. Informationen zur Benutzung der DNB und zu aktuellen Ausstellungen: dnb.de

Die Recherchereise wurde unterstützt von Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen

  1. https://www.dnb.de/DE/Ueber-uns/EB5/eb5_node.html ↩︎
  2. https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/leipzig/leipzig-leipzig-land/weimer-hoffnung-ausbau-nationalbibliothek-kultur-news-102.html ↩︎
Moment mal!

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Permalink der Originalversion: https://tellerrandstories.de/leipzig-deutsche-nationalbibliothek