Auf der früheren Galopprennbahn in Neuss entsteht ein Naherholungsgebiet. Was im April 2026 als Landesgartenschau beginnt, soll für die Menschen in Neuss und Umgebung ein grünes Herz bleiben: nah am Stadtkern, nah an der Geschichte des Ortes und nah am Gedanken der Kreislaufwirtschaft. Ein Beispiel dafür ist der Skaterpavillon. Wir haben den Bau fotografisch begleitet und mit Architektin Franziska Müller von Simple Architecture über nachhaltiges Bauen und Recycling als architektonisches Statement gesprochen.

Keep it simple!
Mit dem Bau des Skaterpavillons wurde Simple Architecture beauftragt, gegründet von Jan Glasmeier. Der deutsche Architekt setzt auf soziale und ökologische Bauweise mit einfachen, lokalen Materialien. „Wir kombinieren traditionelle Techniken mit moderner Architektur, um robuste, kostengünstige und zugleich ästhetische Gebäude zu schaffen“, erklärt Franziska Müller, die das Projekt als freie Mitarbeiterin begleitet. Charakteristisch ist der partizipative Ansatz: Planung und Bau erfolgen gemeinsam mit lokalen Handwerkern. So entsteht nicht nur Wissenstransfer, sondern auch eine stärkere Identifikation mit den Gebäuden. Dieses Prinzip funktioniert weltweit. Was sich für die Architekten von Simple Architecture bereits in Thailand und Afrika bewährt hat, lässt sich auch auf der alten Galopprennbahn umsetzen. Zum Glück blieb nach dem Ende des Rennbetriebs in Neuss vieles erhalten.

Vom Pferdestall zum Skaterpavillon
Im August 1875 galoppierten in Neuss die Pferde zum ersten Mal über die Rennbahn. Nach 144 Jahren endete der Rennbetrieb im Dezember 2019. Wo einst Jockeys aus dem Sattel stiegen, werden bald Spaziergänger durch Grünanlagen schlendern. Die Sandbahn, das Herzstück der Rennstrecke, bleibt als Biotop erhalten. Auch Flutlichtmasten und Kameratürme fügen sich in das neue Parkkonzept ein.

Die Wetthalle, das Tribünengebäude und der alte Totalisator bleiben mit ihrem Charme der 1950er Jahre ebenfalls erhalten. Die Skater-Community erhält neben den bestehenden Bowls und Rampen einen neuen Pavillon. Dieser entsteht zwar neu, doch größtenteils aus alten Materialien: Die Holztüren der ehemaligen Pferdeställe bekommen ein zweites Leben, die Wände werden mit Stroh gedämmt, der Putz besteht aus Lehm. Mit diesem ressourcenschonenden Ansatz entsteht ein Gebäude, das während der Landesgartenschau als Ausstellungsraum und überdachter Treffpunkt dient – und später den Skatern als neuer Anlaufpunkt.

Architektin Franziska Müller über ökologisches Bauen
Seit ihrem Architekturstudium in Aachen widmet sich Franziska Müller dem ökologischen und praktischen Bauen. „Mir war von Anfang an klar, dass Architektinnen und Architekten Verantwortung für die soziale und ökologische Verträglichkeit ihrer Projekte tragen“, sagt sie. Dieses Bewusstsein habe sie dazu bewegt, sich genau auf diesen Bereich zu spezialisieren. Parallel dazu engagiert sich die junge Architektin im Verein Social Architecture. Dort arbeitet sie derzeit an einem Projekt in Kenia, bei dem vor allem Lehm und wiederverwertbares Holz zum Einsatz kommen. Diese Materialien, erklärt Müller, seien nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch lokal verfügbar und leicht zu verarbeiten – ideale Voraussetzungen für nachhaltige und sozial verträgliche Architektur.



Ein besonders spannendes Projekt ist für sie der Skaterpavillon auf der ehemaligen Rennbahn in Neuss. „Hier kommen viele Ebenen zusammen: der Umgang mit Bestand, der Einsatz natürlicher Materialien und das gemeinsame, selbstorganisierte Bauen“, erzählt sie. Ausgangspunkt waren die alten Pferdeställe, deren Holzsubstanz sie zunächst genau untersuchen mussten. Müller berichtet, dass sie Holzgutachten erstellt, Genehmigungsverfahren abgeschlossen und festgestellt hätten, dass die Holzbelastungen unkritisch seien. So wurde klar, dass sie auf der vorhandenen Struktur aufbauen konnten.




Arbeitstreffen an der Halfpipe
„Für die Workshops im August und Oktober 2025 warben wir über Social Media um Teilnehmende: Ein Drittel waren Studierende, zwei Drittel Berufseinsteiger – darunter ein gelernter Lehmbauer und ein Industriekletterer“, berichtet Franziska Müller. Für den Bau des Skaterpavillons gab es zwei Workshops: einen für die Konstruktion, einen für den Einsatz von Stroh und Lehm. Müller betont, dass das „Selber bauen und mitmachen“ perfekt zum ökologischen Bauen passe. Es zeige, dass nachhaltige Architektur ein kollektiver Prozess sei, der auch Ungeplantes einbeziehe. Als Beispiel nennt sie alte Boxentüren aus Pferdeställen, die nach dem Umarbeiten plötzlich zwei Zentimeter zu breit waren. Solche Situationen erforderten Improvisation und schärften den Blick für den Umgang mit vorhandener Substanz.

Alle hätten sich gegenseitig helfen und ihr Wissen teilen können, was die Baustelle zu einem echten Ort des Lernens und der Begegnung gemacht habe. Pro Workshop haben sie vier Tage und drei Nächte im Haus der Jugend in Neuss verbracht, dort gelebt und gearbeitet. So sei eine nachhaltige, soziale Verbindung entstanden – ein Netzwerk aus purer Eigeninitiative und Interesse, ganz ohne Uni-Credits oder Notendruck, schwärmt die Architektin.

Fakten zur Landesgartenschau Neuss 2026
Die LAGA Neuss läuft vom 16. April bis 11. Oktober 2026 – 179 Tage voller Blütenpracht auf rund 20.000 Quadratmetern. Dazu gehören 3.500 Stauden und ein 1.000 Quadratmeter großer Rosengarten. Mehr als 2.000 Bäume wurden neu gepflanzt, ein Kilometer Hecken gesetzt. Auf einer Fläche von 18 Fußballfeldern entstehen artenreiche Wiesen. Ein großer Teich wurde ebenfalls angelegt. Veranstaltungen und Führungen über das Gelände kündigt die Website der Landesgartenschau Neuss an.