Mitte Dezember sind alle Hotels in Konya ausgebucht. Straßenhändler bieten Figuren von Männern an, die sich in weißen Röcken drehen. Überall prangt in großen Lettern: Şeb-i Arus. Konya, eine Stadt mit zwei Millionen Einwohnern in Zentralanatolien, lebt wirtschaftlich von Landwirtschaft und Industrie. Kulturell dreht sich alles um Rūmī.

Rūmīs Tod als Fest
Şeb-i Arus – die „Hochzeitsnacht“ – markiert den Todestag von Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī, im Westen als Rumi bekannt. Der persischer Dichter und Mystiker starb 1273 in Konya. Jedes Jahr am 17. Dezember pilgern Tausende Pilger hierher, um am 17. Dezember seinen Tod als Vereinigung mit Gott zu feiern. Höhepunkt ist die Zeremonie der Derwische, Mitglieder eines Sufi-Ordens, die sich stundenlang im Kreis drehen. Kein Tanz, keine Show – eine meditative Praxis. Gläubige Muslime verehren Rūmī als spirituellen Meister und nennen ihn Mevlana.

Konya – Zentrum islamischer Mystik
Konya ist keine schöne Stadt. Zwei Millionen Menschen, Industrie, Verkehr. Doch im Zentrum leuchtet eine türkisfarbene Kuppel: das Mevlana Museum, Rūmīs letzte Ruhestätte und Wahrzeichen der Stadt. Vor dem Eingang drängen sich Besucher. Drinnen schiebt sich eine Schlange durch einen schmalen Gang, um den mit grünem Samt bedeckten Sarkophag zu sehen. Manche weinen, andere murmeln Gebete.



Im Hof stehen kunstvoll beschriftete Grabsteine, dazwischen blühen rote Rosen – selbst im Dezember. In einem Raum sitzt ein junger Mann, vertieft in ein altes Buch. Seine klare Stimme trägt Koranverse über einen Verstärker in den Innenhof des ehemaligen Dewischklosters.



Verboten und doch gefeiert
1925 verbot Atatürk die Sufi-Orden im Zuge seiner radikalen Säkularisierung. Das Gesetz gilt bis heute. Dennoch lizensiert die türkische Regierung Şeb-i Arus als immaterielles UNESCO-Kulturerbe – offiziell als „kulturelle Veranstaltung“, nicht als religiöse Praxis. Ein Widerspruch, der zeigt, wie die Türkei mit ihrem osmanischen Erbe umgeht: verbieten, aber nutzen. Die Pilger kommen aus der Türkei, Iran, Afghanistan, Pakistan, Europa und Nordamerika. Manche sind Muslime, viele nicht. Rūmī wird in mehr als zwei Dutzend Sprachen gelesen, in den USA gilt er als der meistverkaufte Dichter. In Konya trifft man beide: Den persischen Muslim-Mystiker des 13. Jahrhunderts, dessen Grab im Mevlana-Museum verehrt wird. Und den universellen Poeten, den internationale Besucher suchen.

Vom Gelehrten zum Mystiker
Professor Bilal Kuşpınar von der Universität Konya erklärt Rūmīs Werdegang: Er war ein angesehener Gelehrter, bis er Schams al‑Dīn aus Tabriz traf, einen wandernden Derwisch. Diese Begegnung machte ihn zu dem Mevlana, den man heute verehrt. Schams lehrte ihn, durch Tanz und Musik veränderte Bewusstseinszustände zu erreichen. Für Rūmī war Schams ein Spiegel, in dem er den göttlichen Glanz seines wahren Selbst erkannte.

Nach Schams‘ mysteriösem Verschwinden verfasste Rūmī sein Hauptwerk, das Mathnawi – 25.700 Verse über die Natur Gottes, der Liebe und der menschlichen Seele. Dazu kommt der Diwan-i Kabir mit etwa 40.000 Versen; philosophische Mammutwerke, die bis heute gelesen werden.
Die Sema – Meditation in Bewegung
Am Abend des 17. Dezember füllt sich das Mevlana Kültür Merkezi. 3.000 Plätze, bunte Beleuchtung, Kameras des türkischen Fernsehens. Was folgt, ist keine Folklore-Show, sondern eine religiöse Zeremonie, die als „Kulturveranstaltung“ deklariert werden muss, um das Verbot von 1925 zu umgehen. Die Derwische drehen sich nicht für das Publikum, sondern für sich selbst.
Die Ney, eine Schilfrohrflöte gibt den Ton an. Ihr klagender Ton symbolisiert die Sehnsucht der Seele, die von Gott getrennt ist. Der Kudüm, eine kleine Kesselpauke, gibt mit einem einzelnen Schlag das Signal für den Beginn.

Was 1244 als Begegnung zwischen Rūmī und Schams begann, wurde nach Rūmīs Tod zu einer festen Choreografie. Schams, ein Mensch ohne formale Bildung, lehrte Rūmī nicht Theologie, sondern Trance-Tanz, Fasten und Meditation. Der Unterschied zwischen Wissen und Erfahrung. Rūmīs Nachfahren systematisierten diese Praktiken zur Sema – einer Zeremonie mit festgelegten Bewegungen, Musik und Symbolik. Was als persönliche spirituelle Suche begann, ist heute ein präzises Ritual. Derwische verstehen sich primär als Praktizierende – manche sind zugleich Gelehrte.


Die Sema ist Meditation in Bewegung. Der Sikke, ein hoher Filzhut, symbolisiert den Grabstein, der Tennure, ein weißer Rock, das Totenhemd, der Hırka, ein schwarzer Mantel, das Grab. Das Ablegen des Mantels steht für den Übergang vom Tod zum Leben. Beim Wirbeltanz zeigt die rechte Hand nach oben, die linke nach unten – der Derwisch als Kanal zwischen Himmel und Erde. Sie drehen sich gegen den Uhrzeigersinn, in manchen Deutungen gilt das symbolisch gegen das Ego gerichtet. Der rechte Fuß bleibt fest, der linke treibt die Drehung an.

Drei Tage zuvor hätte ich nicht sagen können, was ein Derwisch ist. Jetzt sitze ich in einem vollen Saal und sehe Menschen, die sich drehen – 30, 40 Minuten ohne Unterbrechung. Ob sie dabei Gott spüren oder in einen neurologisch erklärbaren Trancezustand fallen, weiß ich nicht. Aber ich verstehe, warum Menschen aus aller Welt hierherkommen: Sie suchen ein Erlebnis, das sich nicht in Worte fassen lässt. Konya lebt von diesem Widerspruch – eine konservative Stadt, die einen radikalen Mystiker verehrt. Ein verbotener Orden, der als Kulturerbe gefeiert wird. Eine religiöse Praxis, die als Show verkauft werden muss, um legal zu bleiben. Rūmī hätte über diese Gegensätze wohl gelächelt. Er, der schrieb: „Die Religionen sind wie Lampen, aber das Licht ist dasselbe.“
Die Tickets zu den Şeb‑i Arus Veranstaltungen sind schnell ausverkauft. Deshalb empfielt sich eine rechtzeitige Buchung.
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