In Tanabe begegnen wir vor allem Menschen mit Rucksäcken und Wanderschuhen. Die kleine Stadt in der japanischen Präfektur Wakayama ist Ausgangspunkt für einen der beliebtesten Abschnitte des Pilgerwegs Kumano Kodo. Hier gibt es Restaurants, Unterkünfte, Souvenirläden und eine Umeshu-Bar, in der man regionale Pflaumenliköre probieren kann. Doch der Umeshu muss warten. An diesem sonnigen Oktobertag herrschen ideale Bedingungen für die Wanderung zum Hongu Taisha-Schrein. Das Tanabe City Kumano Tourism Bureau versorgt Pilger mit detaillierten Karten und dem Kumano Kodo-Pilgerpass, um die begehrten Stempel zu sammeln. Es bietet zudem Informationen zu Busfahrplänen, Wetter und Ausrüstung.

Start in Tanabe
Mit dem Bus der Ryujin Bus Kumano Hongu Line fahren wir in etwa zwei Stunden in die Kii-Berge. Die Strecke führt über kurvige Straßen, durch dichte Wälder, vorbei an Reisfeldern und kleinen Dörfern – eine stimmungsvolle Einstimmung auf die spirituelle Wanderung. Wir steigen nahe dem Hosshinmon-oji aus, dem uralten Tor der spirituellen Erweckung. Selbst hier, im hügeligen Kii-Bergwald, stehen Getränkeautomaten – typisch Japan. Die Fürsorglichkeit der Japaner zeigt sich auch unterwegs: Es mangelt nie an Getränken, Snacks oder blitzsauberen öffentlichen Toiletten.


Der Einstieg: Hosshinmon-oji als spirituelles Portal
Hosshinmon-oji gehört zu den bedeutendsten Orten des Kumano Kodo und markiert den äußeren Eingang zum heiligen Bezirk des großen Schreins Kumano Hongu Taisha. Historisch dienten die Tore entlang des Pilgerwegs als Markierungen für religiöse Ritualphasen, erklärt unser Guide Kennis Wong. Zum Hongu Taisha gehören über 3.000 kleinere Kumano-Schreine, die in ganz Japan verteilt sind. Seit dem 6. Jahrhundert gilt der Hongu Taisha als spirituelles Zentrum. Mit Ehrfurcht und den ersten Erläuterungen von Kennis trete ich an den kleinen Schrein am Hosshinmon-oji – und stutze. Wer lässt hier Bierdosen stehen?


Opfergabe als Dank an die Götter
Die Bierdosen sind kein Müll, sondern Opfergaben. Sie werden bewusst als moderne shinsen platziert, um die Kami (Götter) zu ehren, etwa den Inari-Kami, der für Reichtum steht. Vor allem bei lokalen Schreinen sieht man Marken wie Asahi oder Kirin. Alkohol symbolisiert Lebensfreude, Gemeinschaft und Fülle. Die Dosen, oft geöffnet oder leer, ergänzen Sake als zeitgemäße Gabe. Das shintoistische Prinzip, alltägliche Güter mit den Göttern zu teilen, spiegelt sich darin wider. Kennis’ Erklärung beruhigt mich. Müll am Schrein? Unvorstellbar, besonders in einem Land, wo selbst in Großstädten die Straßen trotz fehlender Mülleimer sauber bleiben. Nun kann ich mich auf mein erstes Gebet auf dem Kumano Kodo konzentrieren.

So geht nirei-ni-hakushu-ichi-rei
Das Beten an einem Shinto-Schrein folgt einem festen Ritual, das Respekt, Reinigung und die Verbindung zu den Kami ausdrückt. Es beginnt mit einer Spende von 5 Yen in die hölzerne Opferbox, die saisenbako. An einem dicken Seil ziehe ich zweimal kräftig, um böse Geister zu vertreiben und die Kami auf mich aufmerksam zu machen. Dann folgt die Abfolge nirei-ni-hakushu-ichi-rei: zweimal verbeugen, zweimal klatschen, ein kurzes Gebet oder ein Wunsch, abschließend eine letzte Verbeugung. Spielerisch statt spirituell wirkt dagegen das Sammeln der Stempel im Pilgerbuch. Bevor es auf den Waldpfad geht, setze ich schnell den ersten Stempel in mein Nōkyōcho.

Durch dichten Wald: Natur und Atmosphäre
Wir tauchen ein in einen subtropischen Urwald, ein Meer aus immergrünen Riesen: japanische Zypressen (hinoki), mächtige Zedern (sugi), Lorbeerbäume, umgeben von Farnen, Moosen und Orchideen. Sonnenstrahlen brechen durch das Blätterdach, malen Lichtflecken auf den moosbedeckten Boden und schaffen eine mystische, fast unwirkliche Atmosphäre. Es duftet nach Harz und feuchter Erde. Der Kii-Bergwald, Teil des UNESCO-Welterbes, lädt mit seiner Morgenstimmung zu einer meditativen Haltung ein.

Bald stoßen wir auf Spuren der Pilger vergangener Jahrhunderte: verwitterte Steinlaternen (tōrō), von Moos umrankt, kleine Jizō-Statuen mit roten Mützen, die stumm über Reisende wachen, und die Ruinen winziger Oji-Kapellen, einst Rast- und Gebetsstätten. Über 100 säumten früher den Kumano Kodo. Wir gehen über Wege, die dicke Baumwurzeln durchziehen, und über glatte Steinpfade, die ishi-ji. Sie sind von den Schritten unzähliger Pilger aus der Kamakura- und Muromachi-Zeit glattgeschliffen, als jährlich bis zu 300.000 Gläubige hier wanderten. Diese Pfade erzählen von Askese, Glauben und Naturverehrung: Kaiser wie Go-Shirakawa, Samurai und Bauern suchten hier Reinigung, Buße und Nähe zu den heiligen Kumano-Sanzan-Schreinen.



Zwischen Pilgerspuren und Kulturlandschaft
Je weiter wir absteigen, desto öfter öffnen sich Ausblicke auf Dörfer mit Fachwerkhäusern, Reisfeldern und Teeplantagen, die wie ein Mosaik in den Tälern liegen. Heilige Goshinkō-Bäume, riesige Zedern, schützen die Dörfer und stehen selbst unter Schutz. Verblasste Steininschriften mit Sutras, Pilgermarken und Schreine für Inari, den Reisegott, säumen den Weg. In Fushiogami entdecken wir einen kleinen Trödelstand: Reisschalen, Chi-Gong-Kugeln, gebrauchte Kimonos – alles in Selbstbedienung und auf Vertrauensbasis. An anderer Stelle werden getrocknete Kakifrüchte und Anzündholz nach demselben Prinzip angeboten.
Die Dörfer sind still. Viele leiden unter Überalterung, was brachliegende Felder erklärt. Einmal pro Woche fährt ein Bus aus Fushiogami in die nächste Stadt – die einzige Verbindung für Einkäufe und Arztbesuche. Ansonsten vertrauen die Bewohner auf die Jizō-Figuren entlang des Pilgerwegs, die oft spezielle Aufgaben haben, etwa bei Zahnschmerzen oder Rückenleiden zu helfen.

Waldbad am Wegesrand
Auf einem leicht abschüssigen Waldweg ändert unser Guide Kennis plötzlich die Richtung und steigt eine Böschung hinauf. Nach wenigen Metern erreichen wir die Waldbetten: drei Holzstämme mit Querbalken am Kopfende. Die meisten Wanderer laufen daran vorbei, erzählt Kennis. Doch dieser Ort ist ein Geheimtipp ihrer Route. Auch ohne spirituelle Einstellung spürt man hier die wohltuende Kraft der Natur.

Ich lege mich hin und blicke in die Wipfel der Zypressen. Sie schwanken im Wind, ein Raubvogel fliegt von Baum zu Baum. Mit geschlossenen Augen höre ich das Rauschen der Blätter und den Schrei einer Krähe. Die Kii-Wälder mit ihrer mystischen Atmosphäre scheinen wie geschaffen für Shinrin-Yoku, das Waldbaden. Seit jeher suchten Pilger hier Reinigung, Meditation und den Übergang ins Göttliche. In den 1980er Jahren, als der Urbanisierungsstress in Japan zunahm, startete das Landwirtschaftsministerium eine Werbekampagne und erinnerte an die heilende Kraft der Natur. Shinrin-Yoku wurde 2004 weltweit bekannt, im Jahr der Aufnahme der Kii-Wälder ins UNESCO-Welterbe.
Auf einen Tee im Takahara-Café
Es liegen nur sieben Kilometer zwischen dem Hosshinmon-oji und dem Hongu Taisha, für die wir aber mehr als vier Stunden benötigen. Nicht, weil der Weg so schwer wäre – er führt mehr bergab als bergauf und ist leichter als viele andere Strecken des Kumano Kodo. Aber es gibt viel zu entdecken, und die Rituale der Pilger wollen verstanden werden. Kurz vor dem letzten Waldstück stoßen wir auf das Takahara-Café. Hier bereiten die Pächter Tee und Kaffee mit Wasser aus der Onsenquelle des nahen Yonomine zu. Wer mag, kann sein mitgebrachtes Essen dazu genießen.

Ankunft am Kumano Hongu Taisha Grand Shrine
Auf dieser Route nähert man sich dem Herzstück der Wanderung, dem Kumano Hongu Taisha Grand Shrine, von hinten. Vier Hauptschreine stehen im Mittelpunkt der Verehrung des Kumano Hongu Taisha, dem Hauptschrein der Kumano Sanzan. Pilger besuchen traditionell jeden der vier Schreine, beten und führen Rituale wie das dreimalige Klatschen (naisai) aus. Ursprünglich war der Schrein in Oyunohara noch größer: 12 Schreine in fünf Komplexen zählte er, bevor Überschwemmungen 1889 seine Verlegung erzwangen.



Ein letzter, heiliger Pfad von 10 bis 15 Minuten führt uns zum Abschluss der Tour zum großen Oyunohara Torii Gate, das wir schon aus den Bergen erblickten. Dieses freistehende Torii – mit 33 Metern das größte Japans – ragt aus weißem Kies empor und markiert den alten Standort des Schreins. Der Hongu Taisha stand einst auf einer Sandbank, wo die Flüsse Kumanogawa und Otonashi-gawa zusammenfließen. Die Flut von 1889 zerstörte fast alle Gebäude. Zwei Jahre später verlegte man die Überreste auf einen Hügel und baute vier der ursprünglichen 12 Unterschreine wieder auf.

Die Wanderung vom Hosshinmon-oji zum Kumano Hongu Taisha und Oyunohara Torii Gate gilt als eine der leichteren Touren des Kumano Kodo und wird auf offiziellen Seiten als halbtägige Wanderung beschrieben. Sportliche schaffen sie in zwei Stunden reiner Gehzeit. Doch wer will hier schon stramm wandern? Es gibt so viel zu entdecken und zu lernen. Wir brauchten mit Pausen für Fotos, Waldbaden, Tee trinken, Stöbern an Trödelständen, das Betrachten der Jizo-Figuren mit ihren roten Lätzchen und Mützen sowie das Erlernen der richtigen Gebetsabfolge am Schrein über vier Stunden. Denn wo, wenn nicht hier, ist der Weg das Ziel?

Vom Oyunohara Torii Gate fahren Busse zurück nach Tanabe oder Yunomine Onsen, einem der ältesten Thermalbäder Japans. Seit rund 1800 Jahren liegt es in den Kii-Bergen von Wakayama, nahe dem Kumano Hongu Taisha. Es diente den Pilgern schon vor über 1.000 Jahren als Reinigungsstätte vor dem Schreinsbesuch. Heute freuen sich Reisende eher auf ein Onsenbad nach der Wanderung. Im Ortskern von Yunomine gibt es ein Yuzutsu-Kochbecken, in dem man Gemüse oder rohe Eier zu Onsen-Tamago garen kann – praktisch für Einheimische. Pilger auf der Durchreise freuen sich dagegen auf ein Onsen-Bad in einem der Ryokans oder Hotels und ein klassisches Kaiseki-Menü am Abend.
Bei unserem Rundgang durch den Ort treffen wir die Pächter des Takahara-Cafés wieder. Die Ladefläche ihres Pickups ist voll mit Kanistern frisch abgefüllten Onsenwassers. Es ist Oktober, Hochsaison. Auch morgen werden wieder viele Wanderer auf eine Tasse Tee bei ihnen einkehren.

Die Recherchereise wurde von Visit Wakayama unterstützt