Die Glücksperle aus Ise-Shima

„Schwein gehabt“ sagt man auf Deutsch, wenn man unverhofft Glück hat. An einem Novembermorgen in der Präfektur Mie wusste ich nicht, dass dieser Tag beides für mich bereithielt: Glück und Schwein. Wie auch? In der Ago-Bucht öffnet sich der Blick auf den weiten Pazifik. Seit jeher leben die Menschen hier vom Meer. Doch seit 130 Jahren dreht sich an der Küste der Shima-Halbinsel mit ihren tiefen Buchten alles um die Perle. Genauer gesagt, seit dem 11. Juli 1893. An diesem Tag gelang dem Japaner Kokichi Mikimoto nach 13 mühsamen Jahren voller Rückschläge die erste vollständig gezüchtete Perle. Mikimoto ahmte den natürlichen Prozess der Perlenbildung nach und startete die Perlenzucht im großen Stil. Von Mie aus eroberten seine Zuchtperlen die Welt.

Ein mit Perlen und Edelsteinen besetzter Globus wird in einem Museum in Toba, Japan, ausgestellt
Ausstellungsstück im Mikimoto Museum: Globus bestückt mit Zuchtperlen / © Foto: Georg Berg

Besuch im Perlendorf

In einer versteckten, von Bäumen umrahmten Bucht stehen ein paar Hütten am Wasser, verbunden durch schwimmende Holzstege. Alles schaukelt sanft im Rhythmus der Wellen. Nichts lässt ahnen, dass hier originelle Souvenirs entstehen. Doch Shinju no Sato, das Perlendorf, hat sich darauf spezialisiert, Besuchern die Kunst der Perlenzucht nach Mikimoto näherzubringen – mit allem, was dazugehört: dem Einsetzen eines Kerns in eine Auster, dem Ernten der Perlen und dem Entwerfen von Schmuck. 

Fischzuchtanlagen mit Holzbauten am Wasser in Shima, Japan
Steg mit Außenbecken für die Austernzucht von Shinju no Sato / © Foto: Georg Berg

Von der Naturperle zur Zuchtperle

Kokichi Mikimoto trieb seit 1880 die Sorge um, dass die jahrhundertelange Jagd auf Naturperlen die Muscheln der Ago-Bucht ausrottete. Er hatte beobachtet, wie Austern Fremdkörper in ihrem Inneren mit Perlmuttschichten umhüllen, bis daraus eine Perle entsteht – ein Zufallsprodukt der Natur. Mikimoto fragte sich, ob man diesen Prozess nicht gezielt steuern könnte, sodass jede Muschel eine Perle hervorbringt. Er begann zu experimentieren, setzte den Muscheln kleine Fremdkörper wie Splitter oder Schuppen ein. Doch die Ergebnisse waren oft unförmig – sogenannte Schneemann-Perlen, bei denen zwei unterschiedlich große Kugeln aneinanderwuchsen, wie die Kugeln eines Schneemanns. 

Frau präsentiert Austernnetz auf einem Steg in Shima, Japan
Shinju no Sato Pearl Experience ist eine Perlenfarm- und Mitmachanlage in der Präfektur Mie / © Foto: Georg Berg

Pearl Picking in Mie

Zurück ins Perlendorf. Dreißig Austern hängen ordentlich aufgereiht in einem Netz. Ich soll eine auswählen. Nur eine. Aber welche? Welche Auster hat die schönste Perle geformt? Mit den Augen wandere ich von Muschel zu Muschel, zähle drei, zwei, eins – meine! Ein scharfes Messer öffnet die Auster. Nicht durch mich, das überlasse ich dem Fachmann. Dann ziehe ich Handschuhe an, tauche die Finger ins weiche, glitschige Fleisch der Muschel. Irgendwo darin soll eine kleine, harte Kugel stecken. Ich taste, schiebe vorsichtig, spüre schließlich einen Widerstand. Und dann halte ich sie in der Hand: meine Perle. 

Hand präsentiert frisch geöffnete Auster mit Perle in Shima, Japan
Die Auster wird geöffnet. Beim „Pearl Picking“ tasten die Teilnehmer im Fleisch der Auster nach der Perle / © Foto: Georg Berg

Man sagt mir, sie sei guter Durchschnitt. Das klingt, als hätte meine Auster eine Prüfung mit „befriedigend plus“ bestanden. Aber es ist meine Perle, aus meiner Auster! Ein Tuch poliert sie, ein Messgerät vermisst sie. Kleines Kaliber, aber Charakter: ein winziger Ansatz, ein Häubchen auf der sonst runden Form. Nicht perfekt. Ein Hauch Schneemann. Wäre ich Juwelier, würde ich vielleicht enttäuscht seufzen. Aber ich bin keiner. 

Schmuckkatalog mit Perlenanhängern und Preisen in Shima, Japan
Aus einem Katalog wählen die Teilnehmer des „Pearl Picking“ ein Schmuckstück aus, mit dem die selbst geerntete Perle kombiniert werden soll / © Foto: Georg Berg

Nun der Katalog. Ein dicker Wälzer voller Schmuckstücke, mit denen meine Perle kombiniert werden könnte. Glitzerndes, Funkelndes, Herzchen, Blüten, filigrane Metallarbeiten – alles schön, aber nichts für mich. Die Zeit drängt, die Gruppe wartet, ich blättere hektisch. Und dann entdecke ich es: ein kleines, rundes Schwein aus goldglänzendem Metall, mit freundlichem Gesicht. Dazu meine Perle – diese kleine, nicht ganz perfekte Kugel aus dem Meer. 

Hände halten ein goldenes Schweinchen-Schmuckstück mit Perle in Shima, Japan
Mitarbeiter von Shinju no Sato kombiniert die Perle mit einem ausgwählten Schmuckstück / © Foto: Georg Berg

Perlen vor die Säue werfen

„Perlen vor die Säue werfen“ – das Sprichwort meint, Wertvolles an die Falschen zu verschwenden. Doch ich denke: Der Kontext entscheidet. Hier treffen sich Perle und Schwein auf Augenhöhe – beide ein bisschen schräg, beide mit Geschichte, beide nicht ganz der Norm entsprechend. Eine perfekte Verbindung. Der Mitarbeiter von Shinju no Sato nimmt die Perle mit der Präzision eines Chirurgen entgegen. Er bohrt – ruhig, exakt, genau ins kleine Häubchen, das ich fast für einen Makel gehalten hätte. Ein Bohrloch, etwas Kleber – und Perle und Schwein sind untrennbar verbunden. Ich halte den Anhänger in der Hand und bin gerührt. Das ist kein Souvenir. Das ist ein Unikat. Jenseits jeder Perlenkette, die meine Oma so gerne zu ihrem Twin-Set trug.

Mikimoto Perlenfarm mit Bojen im Wasser vor Gebäuden in Shima, Japan
Vom Wasser der Ago Bucht aus sieht man die weiläufigen Anlagen des Perlenzuchtbetriebs Mikimoto und die vorgelagerten Austernbänke / © Foto: Georg Berg

Mikimoto Pearl Island. Wo alles begann

Wer die Geschichte der Perle verstehen will, reist von Shinju no Sato nach Toba. Dort führt eine Brücke vom Bahnhof zur kleinen Mikimoto Pearl Island – dem Ort, an dem Neugier und Beharrlichkeit eine ganze Industrie schufen. Das Museum zeigt auf zwei Etagen, wie Perlen entstehen: Im Erdgeschoss erklärt eine anschauliche Ausstellung den Prozess der Perlenzucht – vom Einsetzen des winzigen Kerns in die Auster bis zur Ernte und Sortierung. Im Obergeschoss funkelt antiker Perlenschmuck neben Kunstwerken aus Perlen. Darunter: eine fünfstöckige Pagode, ein Globus aus Perlen und Edelsteinen sowie königliche Kronen. Handwerkskunst, bei der man sich fragt, wie viel Lebensarbeitszeit darinsteckt.

Ein detailreiches Modell eines japanischen Pagoden-Gebäudes steht in Toba, Japan
Schaustück aus Perlen im Mikimoto Museum: Yumedo wurde 1993 nach dem Original-Yumedono des Horyu-Tempels in Nara entworfen. Anlass war der 100 Jahrestag der Perlenzucht / © Foto: Georg Berg

Perlenkönig Kokichi Mikimoto

Kokichi Mikimoto, Sohn eines Nudelsuppenverkäufers aus Toba, verließ mit 15 die Schule, verkaufte Gemüse und widmete sich später der Aufzucht von Perlaustern. Seine bahnbrechende Idee: Er implantierte einen rund geschliffenen Perlmuttkern zusammen mit einem Stück Mantelgewebe in die Auster. Es folgten Jahre des Scheiterns, Zweifelns und Experimentierens – bis 1893 der Durchbruch gelang. Mikimoto präsentierte die erste Zuchtperle der Welt, ließ seine Methode patentieren und baute in der Ise-Bucht eine Perlenzuchtindustrie auf. 1908 erhielt er das Patent für kugelrunde Zuchtperlen, doch schon 1899 eröffnete er sein erstes Geschäft in Ginza, Tokios Luxusviertel. Der Sohn eines Nudelkochs wurde zum Perlenkönig.  

Bronzestatue eines Mannes mit Hut und Stab steht auf einem Sockel in Toba, Japan
Kokichi Mikimoto Denkmal, erbaut 1953, zeigt den Perlenkönig im höheren Alter mit seiner kaiserlichen Auszeichnung / © Foto: Georg Berg

Mikimotos Arme des Meeres

Mikimoto träumte davon, den Hals jeder Frau der Welt mit Perlen zu schmücken. Ein Satz, der heute altmodisch klingt – nicht nur, weil die klassische Perlenkette aus der Mode gekommen ist. Er klingt nach dem alten Besitzdenken, das Frauen als Oberfläche begreift, die es zu dekorieren gilt. Als wäre der Schmuck das Subjekt und die Frau nur sein Träger. Mehr nicht. Dass ausgerechnet Frauen es waren, die diesen Glanz erst möglich machten, geriet ebenfalls in den Hintergrund. Die Ama, die „Frauen des Meeres“, tauchten in den Anfangsjahren der Mikimoto-Perlenzucht in der Ise-Bucht. Sie holten die Austern aus dem Wasser, setzten sie nach der Kernimplantation zurück ins Meer und schützten die Hängereußen vor Sturm und Ebbe. Ohne Sauerstoffgerät, ohne Aufhebens, nur mit Körperkraft und dem Wissen, das sie von ihren Müttern gelernt hatten. Ihre Arbeit war unverzichtbar, ihre Entlohnung bescheiden.

Drei Bronzestatuen von Frauen stehen in einem Museum in Toba, Japan
Drei Statuen von Perlentaucherinnen im Mikimoto Musuem in Toba. Die Ama Divers unterscheiden sich in der Tauchkleidung. Vor mehr als 2.000 Jahren tauchten die Frauen unbekleidet, später mit weißen Kleidern und Taucherbrille / © Foto: Georg Berg

Auf Mikimoto Pearl Island kann man einen kleinen Einblick in ihre Arbeit gewinnen. Mehrmals täglich zeigen Ama-Taucherinnen in einer Tauchshow, wie ihre Vorgängerinnen arbeiteten. In weißer Berufskleidung und ohne moderne Ausrüstung tauchen sie vor den Augen der Besucher in die Bucht. Ein Auftritt, der nur erahnen lässt, wie viel Mühe hinter jeder Perle steckt. Doch die ganze Geschichte der Ama – ihre Tradition, ihre Stärke, ihr bedrohtes Handwerk – bleibt ein eigenes Kapitel. Wer nach Mie reist und nur die Perlen sieht, verpasst die eigentliche Geschichte: die der Ama, die Mikimoto seine „Arme des Meeres“ nannte. 

Personen in Schutzanzügen arbeiten auf einem Boot am See Toba, Japan
Ama-Diver, in der traditionellen weißen Kleidung bei einer Demonstration vor der Küste der Mikimoto Perleninsel / © Foto: Georg Berg

Die Perle, die noch wächst

Zurück ins Perlendorf. Wer von Shinju no Sato abreist, nimmt eine Perle mit. Wer wiederkommt, kann etwas Besonderes erleben: Im Perlendorf dürfen Geduldige selbst einen Kern in eine lebende Auster pflanzen. Diese wird ins Wasser gehängt, gepflegt und bewacht – bis nach zwei bis drei Jahren die eigene Perle geerntet wird. Drei Jahre für ein Souvenir – das erfordert buddhistische Gelassenheit. Für alle, die wie ich das „Pearl Picking to go“ wählen, gibt es eine gute Nachricht: Auch wenn die erste Auster leer bleibt, endet kein Pearl Picking ohne Perle. Man darf eine weitere Auster öffnen. Und mit etwas Glück gesellt sich zur Perle noch ein Schwein.

Die Recherchereise wurde von Iseshima Tourism and Convention Organization unterstützt


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Permalink der Originalversion: https://tellerrandstories.de/japan-mie-perlenzucht