Die alte Wellblechhütte riecht nach Holzkohle. Jahrzehnte lang haben sich die Schwaden in jede Ritze gefressen. Hier wärmten sich Frauen, triefend nass, mit roten Wangen und klammen Fingern, am offenen Feuer. Sie bereiteten das Mittagessen zu, während die Kälte aus ihren Körpern wich. Kimiyo Hayashi sitzt mir gegenüber, gestikuliert lebhaft und erzählt: So sei es gewesen. Ihre Mutter habe hier gesessen, am Feuer, und sei jeden Tag in der tiefen Bucht getaucht – selbst hochschwanger, mit ihr im Bauch.

Kimiyo lässt den Satz wirken, bevor sie weiterspricht. Die Amas tauchten. Das war ihr Leben, ihr Beruf, ihr Alltag. Man machte weiter, solange es ging. Kimiyo begann mit 15 Jahren. Heute ist sie 71. Nach 56 Jahren als Ama fühlt sie sich im Wasser wohler als an Land, sagt sie. Krank war sie nie. Gefährliche Situationen? In ihrer ruhigen Bucht, in die sich nie ein Hai verirrte, gab es keine. Für ihre Großmutter Kogika und ihre Mutter Yakako war es noch entscheidend, einen Fischer zu heiraten. Fischer und Ama – das galt lange als perfektes Paar. Eine Ama war immer eine gute Partie, scherzt Kimiyo. Sie konnte die Familie versorgen und gleichzeitig Geld verdienen, während der Mann auf See war. Dann zeigt sie mir ihr Schutzamulett, einen goldenen, ovalen Anhänger. „Ohne das gehe ich nicht ins Wasser“, sagt sie. Es sei ein wenig Aberglaube, aber vor allem Konzentrationshilfe. Fehle das Amulett, fehle die Fokussierung. Und ohne Konzentration dürfe man gar nicht erst tauchen.

Tradition seit mehr als 2000 Jahren
Ama – das Wort bedeutet im Japanischen schlicht „Frau des Meeres“. Diese Frauen gibt es, der Überlieferung nach, seit über 2.000 Jahren entlang der japanischen Küsten. Aufzeichnungen aus der Heian-Zeit (794–1184) belegen, dass sie damals vor allem nach Abalonen tauchten, die bei den Daimyō, den regionalen Fürsten, begehrt waren. Früher tauchten die Ama nur im Lendenschurz, später in der charakteristischen weißen Tracht, die bis heute ihre Arbeitskleidung ist. Das Weiß ist nicht nur Tradition: Es schützt vor Sonnenbrand, lässt die Taucherin im Wasser größer wirken und soll Haie und Feuerquallen abschrecken. Praktisch gedacht, wie so vieles bei den Ama.

Die Arbeit der Taucherinnen fordert den Körper bis an die Grenzen. Sie gleiten senkrecht, kopfüber, in die Tiefe – bis zu zwanzig Meter hinab. Eine Minute bleiben sie unter Wasser, dann tauchen sie zurück an die Oberfläche. Apnoetauchen ist die älteste bekannte Form des Tauchens. Die Ama wiederholen diesen Vorgang während ihrer mehrstündigen Arbeitsschichten 150 bis 250 Mal – unabhängig von Wetter und Wassertemperatur. Zwischen den Tauchgängen ruhen sie zwei bis drei Minuten an der Oberfläche.

Alte Erzählungen erklären, warum Frauen diesen Beruf ausüben: Ihr höherer Körperfettanteil und ihre Fähigkeit, die Luft länger anzuhalten, sollen sie dafür prädestinieren. Wissenschaftlich lässt sich das nicht belegen. Analysen aus dem Sporttauchen zeigen jedoch, dass Frauen oft leichter in einen meditativen Zustand gelangen und stärker im Moment bleiben. Der natürliche Tauchreflex entfaltet sich bei größerer Entspannung besser, senkt den Sauerstoffverbrauch und stabilisiert die Herzfrequenz. Vielleicht ist es genau das, was Kimiyo meint, wenn sie sagt, dass ohne ihr Amulett die Konzentration fehlt. Der Kopf bleibt dann nicht frei, und ohne innere Ruhe gelingt kein perfekter Tauchgang.

Den Fang – Jakobsmuscheln, Turbanschnecken, Seeigel, Abalone – legen die Ama nach jedem Tauchgang in einen hölzernen Schwimmkorb, der an einem Seil mit ihnen verbunden ist. Drei bis vier Stunden täglich tauchen sie, bei jedem Wetter, das ganze Jahr über. Behutsam nutzen sie die Ressourcen des Meeres: Muscheln, die zu klein sind, werfen sie zurück ins Wasser. Dafür nutzen sie ein Messwerkzeug. In der Präfektur Mie verbietet das Gesetz, Abalone unter einer bestimmten Größe zu ernten. Kein Raubbau, keine Verschwendung.

Seit der Meiji-Zeit (1868–1912) tragen die Ama Taucherbrillen, um unter Wasser besser zu sehen. Seit etwa 1964 nutzen sie außerhalb von Vorführungen auch Neoprenanzüge. Apnoetauchen birgt Risiken. Seit über 90 Jahren untersuchen Wissenschaftler die Langzeiteffekte. Nur wer die überlieferten Sicherheitsregeln beachtet, kann bis ins hohe Alter tauchen. Eine Besonderheit ihrer Technik ist das Isobue, ein tiefes, pfeifendes Ausatmen nach dem Auftauchen, das Lungenschäden vorbeugt. Die Ama hören auf das Meer und ihren Körper, sie synchronisieren sich mit beiden. Das wirkt fast meditativ – und ist es wohl auch.

Doch die Zahl der Ama schrumpft dramatisch. In den 1950er-Jahren gab es noch etwa 70.000 Taucherinnen, 2010 waren es nur noch 2.100, und 2025 nur noch 1.000. Das Durchschnittsalter liegt heute bei etwa 70 Jahren. Mehr als die Hälfte der verbliebenen Ama lebt in Toba und Shima in der Präfektur Mie. Der Tourismus hält die Tradition am Leben. Kimiyo Hayashi taucht mit 71 Jahren noch. Ihre älteste Kollegin ist über 80. Manchmal wagen Frauen aus der Stadt einen Neuanfang. Es sind wenige, doch die Freude ist groß, wenn das Team Verstärkung von Frauen bekommt, die erst 30, 40 oder 50 Jahre alt sind. Kimiyos Tochter hat die Familientradition nicht fortgeführt. Sie arbeitet in einem Büro.

Lunch mit Kimiyo. Ama Hut Experience
Im Satoumian Ama Hut, einem Nachbau einer traditionellen Ama-Hütte an der Küste von Mie, erleben Besucher ein Mittagessen wie das der Taucherinnen zwischen zwei Tauchgängen. Frisch gefangene Meeresfrüchte werden mit einfachsten Zutaten zubereitet. Wir sitzen um einen offenen Holzkohlegrill. Kimiyo Hayashi steht dahinter, hebt einen lebenden Ise-Lobster in die Höhe. Dann legt sie Jakobsmuscheln auf die Glut, später Tintenfisch, Turbanschnecken, japanische Makrele – und schließlich den Lobster. Der Duft ist betörend. Das Gespräch kommt von allein. Kimiyo erzählt, erklärt, zeigt – und nimmt sich Zeit für jede Frage.

Perlenkönig Mikimoto und die Ama
Wer mehr über die Geschichte der Ama erfahren möchte, fährt weiter nach Toba, auf die Mikimoto Pearl Island. Im Pearl Museum wird auch der Anteil der Ama an der Perlenzucht dokumentiert – eine Rolle, die lange im Schatten des Namens Mikimoto stand. Doch ohne die Ama gäbe es keine Perlen: Sie holten die Austern aus dem Meer, setzten sie nach der Kernimplantation zurück ins Wasser und retteten die Hängereußen bei Sturm. Kein Mikimoto, kein Weltruhm ohne die Ama. Mehrmals täglich zeigen Taucherinnen auf dem Museumsgelände ihre Kunst – in weißer Berufskleidung. Die Demonstration dauert nur 15 Minuten, doch sie reicht, um die körperliche und mentale Stärke zu erahnen, die es braucht, senkrecht in die Tiefe zu gleiten und mit der Ernte wieder aufzutauchen. Im Museum stehen drei Statuen, die den Wandel der Ama-Kleidung zeigen: von der unbekleideten Taucherin der Frühzeit zur weißen Tracht mit Taucherbrille. Drei Frauen aus Stein – jede von ihnen erzählt eine Geschichte, die das Museum nur anreißt.

Haben die Ama eine Zukunft?
Zurück in der windschiefen Wellblechhütte am Meer. Ich frage Kimiyo, wie es um den Nachwuchs steht. Sie seufzt. Das Thema beschäftigt sie täglich. Fast alle Kolleginnen sind über 70. Ihre Tochter hat sich für den Bürojob entschieden – warm, sicher, ohne Salzwasser in den Haaren. Kimiyo sagt das ohne Vorwurf. Sie versteht es, doch es schmerzt. Es ist schwer, die Tradition weiterzugeben oder Auszubildende zu finden. In der Präfektur Mie leben die meisten Ama inzwischen vom Tourismus. Der reine Fang von Meeresfrüchten lohnt sich kaum noch: Industrieller Fischfang hat die Bestände dezimiert, der Klimawandel lässt die Meerestemperaturen steigen und die Seegraswiesen schrumpfen – die Grundlage für alles, was die Ama ernten. Perspektiven auf eine gute Bezahlung gibt es nur im Tourismus. Doch selbst hier ist es schwer, Frauen für die Rolle als Hüterinnen der uralten Tradition zu begeistern.

Kimiyo hat ihre Rolle neu erfunden. Heute tritt sie als Botschafterin der Ama-Kultur auf, spricht auf Veranstaltungen, gibt Interviews – auch international. Sie erzählt die Geschichte dieser Frauen, weil sie weiß, dass dies hilft, die Tradition zu bewahren. Die Ama stehen für die emanzipierte japanische Frau: Frauen, die seit Jahrtausenden für sich selbst sorgten, Familien ernährten und eine Küstenkultur am Leben hielten, ohne dass die Welt es bemerkte. Ob das Werben für Nachwuchs hilft? Kimiyo zuckt die Schultern. Vielleicht. Manchmal kommen junge Frauen aus den Städten, fasziniert von der Tradition, auf der Suche nach einem Neuanfang. Doch es sind wenige. Kimiyo steht auf, nimmt ihr Amulett in die Hand, betrachtet es kurz. Dann steckt sie es weg. Morgen früh taucht sie wieder.
Die Recherchereise wurde von Iseshima Tourism and Convention Organization unterstützt