Die Goldene Route von Hakone

Hakone liegt in der Präfektur Kanagawa, keine hundert Kilometer südwestlich von Tokio, mitten im Fuji-Hakone-Izu-Nationalpark. Hakone-Yumoto ist der Zielbahnhof. In gut anderthalb Stunden ist man da: mit dem Shinkansen bis Odawara, umsteigen, weiter nach Hakone. Die Region gilt als Naherholungsgebiet der Hauptstadt und ist entsprechend gut erschlossen. Das merkt man. 

Fahrgäste der Hakone Tozan Tetsudo. An der Decke wirbt ein Plakat für die Partnerschaft der Hakone Tozan Bahn mit der Rhätischen Bahn in der Schweiz / © Foto: Georg Berg

Der Ruf Hakones ruht auf drei Säulen: der Blick auf den Fuji, die heißen Quellen, die Kunst. Zeigt sich der heilige Berg Japans und versteckt sich nicht, wie so oft, hinter Wolken, bietet Hakone etliche Aussichtspunkte auf die, wie die Japaner sagen, schüchterne Schöne. Dazu kommen die Onsen-Orte mit ihren Ryokan, in denen sich Reisende seit der Edo-Zeit von den Strapazen auf dem beschwerlichen Handelsweg, der alten Tokaido-Straße, erholen. 1878 entstand in Hakone auch Japans erstes Resort-Hotel. Das Fujiya Hotel in Miyanoshita wurde nach der Öffnung des Landes über Jahrzehnte zum Treffpunkt internationaler Persönlichkeiten. Zu den Gästen zählten Charlie Chaplin, Albert Einstein, John Lennon und Mitglieder von Kaiser- und Fürstenhäusern.

Historisches Schwarzweißfoto zeigt eine Prozession auf dem alten Tokaido-Weg durch Hakone – aufgenommen am selben, heute noch von Sugi-Zedern (Kryptomerien) gesäumten Wegabschnitt. Das Bild-im-Bild-Motiv illustriert die visuelle Kontinuität dieses Abschnitts des historischen Landwegs zwischen Edo und Kyoto / © Foto: Georg Berg

Heute gibt es zahlreiche große Hotelanlagen mit eigenen Onsenbädern, um die enorme Nachfrage zu decken. Außerdem locken Museen wie das Hakone Open-Air Museum, Japans erstes Freilichtmuseum, mit Skulpturen von Henry Moore und einem eigenen Picasso-Pavillon – darauf ist man in der Region stolz. Wer länger bleibt, findet auch das Pola Museum of Art, die französischen Gartenanlagen im Gora Park und, im Herbst, ganze Hänge in Ahornrot. Die internationale Kunst macht Hakone zum beliebten Kurztrip aus der Megacity Tokio. Reisende, die das typisch Japanische suchen, konzentrieren sich besser auf alles rund um den Vulkanismus: den Mount Fuji, die Schwefelfelder von Ōwakudani, die gut erschlossenen Wanderwege und die vielen Onsenhotels der Region. 

Frau zeigt auf eine Wanderkarte am 湯本元箱根線, Hakone, Japan
Wanderguide Kotoyo Okugawa zeigt auf eine Karte des Sukumogawa-Naturlehrpfads (須雲川自然探勝歩道) im Fuji-Hakone-Izu-Nationalpark. Der Pfad folgt dem historischen östlichen Passabschnitt der alten Tōkaidō-Straße zwischen Hakone-Yumoto und Hatajuku / © Foto: Georg Berg

Wer diese Attraktionen an einem Tag verbinden will, kommt am Hakone Freepass kaum vorbei. Die Odakyu-Bahngesellschaft bündelt darin acht Verkehrsmittel zu einem Ticket, gültig für zwei oder drei Tage: Zahnradbahn, Standseilbahn, Seilbahn, Bus und Schiff. Wir haben den klassischen Rundkurs getestet: jene Strecke, die in Hakone schlicht Golden Route heißt. 

Train-Hopping

Der Tag beginnt früh, kurz nach acht Uhr, an der Station Hakone-Yumoto. Das hat einen Grund. Hakone liegt auf der Route vieler Japanreisender und ist zugleich das beliebteste Wochenendziel der Tokioter. Wer spät startet, wird vom steten Besucherstrom mitgetragen. Wer früh startet, behält sich eine Spur Autonomie. 

Blick durch die Frontscheibe eines Triebwagens der Hakone Tozan Tetsudo auf einen entgegenkommenden Triebwagen Die Hakone Tozan Bahn verbindet Odawara mit Gora und ist mit bis zu 80 ‰ Steigung die steilste Adhäsionsbahn Japans; für die Abschnitte mit größter Steigung werden Dreischienenweichen genutzt / © Foto: Georg Berg

Die Hakone Tozan Railway bringt uns in rund vierzig Minuten von Yumoto nach Gora. Die Strecke zählt zu den steilsten Adhäsionsbahnen Japans und wechselt unterwegs mehrfach die Fahrtrichtung, um die Steigung zu bewältigen. In Gora wartet die Hakone Tozan Cable Car, eine Standseilbahn, die auf etwas mehr als einem Kilometer gut zweihundert Höhenmeter zur Bergstation Sounzan überwindet. Der Anschluss klappt famos: Kaum verlässt man den einen Wagen, wartet schon die nächste Kabine. Man fällt beinahe von einem Verkehrsmittel ins nächste. 

Fahrgast fotografiert Landschaft aus fahrendem Zug in Hakone, Japan
Die Zugfahrten sind Teil der Attraktion auf der Golden Route in Hakone. Seit 1979 verbindet eine Partnerschaft die Bernina-Linie der Schweizer Rhätischen Bahn mit der Hakone-Bergbahn. 2014 besiegelten Hakone und St. Moritz zusätzlich eine Städtepartnerschaft / © Foto: Georg Berg

Ōwakudani. Blick in die Große Hölle 

In Sounzan beginnt der spektakulärste Abschnitt des Tages: die Hakone Ropeway. Sie gehört zu den längsten Umlaufseilbahnen der Welt und führt mitten über ein aktives Vulkanfeld. Unter den Gondeln dampft und zischt es, Schwefelgeruch zieht durch die Fensterritzen, während die kahlen, gelblich verfärbten Hänge von Ōwakudani näher rücken. 

Eine Gondel der Hakone Ropeway überquert das Owakudani-Tal / © Foto: Georg Berg

Vor rund 3000 Jahren riss eine gewaltige Dampfexplosion die Nordflanke des Kamiyama auf und ließ jenes Tal einbrechen, das lange schlicht Ōjigoku hieß, die Große Hölle. Erst 1873, kurz vor dem Besuch des Kaiserpaares, tauften die Behörden den Ort in Ōwakudani um, das große kochende Tal. Der Name klang weniger nach Verdammnis, büßte an Dramatik aber nichts ein. Bis heute drängen aus hunderten Fumarolen Wasserdampf, Kohlendioxid und Schwefelwasserstoff an die Oberfläche. Kühlt das Gas ab, kristallisiert reiner Schwefel und überzieht das Gestein mit jenem giftgelben Belag, der dem Tal seinen Ruf einbrachte.

Fumarolenfeld mit schwefelgelben Ablagerungen und Dampfüberwachungsstation im Owakudani-Krater / © Foto: Georg Berg

Die Faszination liegt im Kontrast: Aus der sicheren Kabine blicken wir auf einen Prozess, der anderswo tief unter der Erde verborgen bliebe, hier aber offen zutage tritt. In Ōwakudani wird vor allem Geothermie genutzt. Das bekannteste Produkt des Tals sind die Kuro-tamago. Eier, die in den schwefelhaltigen heißen Quellen vor Ort gekocht werden und dabei schwarz werden. 

Verpackte, vom Hakone-Vulkan geschwärzte Eier mit Seilbahn-Motiv. Die sogenannten Kuro-Tamago gelten als Spezialität des Ōwakudani-Tals / © Foto: Georg Berg

Shopping am Schwefelschlot

An der Zwischenstation Ōwakudani steigen wir aus. Die Pause lohnt sich: Von den Aussichtsterrassen reicht der Blick über das brodelnde Vulkanfeld. Im großen Stationsgebäude warten ein riesiger Souvenirladen, Cafés und Restaurants. Verkauft werden hier natürlich auch die schwarzen Eier. Der Legende nach verlängert der Verzehr eines einzigen Eis das Leben um sieben Jahre. 

moderne Zwischenstation der Owakudani Station mit Souvenirshops. HIer kann man weit mehr als schwarze Eier kaufen! / © Foto: Georg Berg

Wir kaufen keine Wundereier und steigen in die zweite Sektion der Seilbahn. Auf der Fahrt talwärts zum Ashi-See öffnet sich bei klarer Sicht rechts der Blick auf den Fuji. Die Chancen darauf sinken im Tagesverlauf; meist bilden sich am Nachmittag Wolken. Noch ein Grund, früh loszufahren. An der Talstation Togendai wartet ein Schiff, das aussieht wie ein überdimensioniertes Playmobil-Piratenschiff. Für europäische Augen wirkt es kitschig, das verspielte Manga-Dekor kommt beim asiatischen Publikum dagegen bestens an. Ob es gefällt oder nicht: Es trägt seine Passagiere gemächlich über den Ashi-See. 

Lake Ashi und der neunköpfige Drache

Der Name des Sees, Ashi, bedeutet Schilfrohr. Eine Legende erzählt von einem neunköpfigen Drachen, der einst in seinen Tiefen hauste und Menschenopfer verlangte, bis ihn der Mönch Mangan im achten Jahrhundert bezwang. Seither gilt der gezähmte Drache, Kuzuryu genannt, als Schutzgott der Region. Am Ufer erinnert der Kuzuryu-Schrein daran. 

Bug und Oberdeck des Ausflugsschiffs „Queen Ashinoko“ auf dem Ashi-See. Die Sightseeing Cruise auf dem Kratersee ist Teil der Golden Route / © Foto: Georg Berg

Auf zu neuen Ufern

Am gegenüberliegenden Ufer, zwischen Motohakone und Hakone-machi, endet die Bootsfahrt. Ein Spaziergang am Wasser führt zum Hakone Checkpoint, der originalgetreuen Rekonstruktion einer Kontrollstation aus der Edo-Zeit. Zweieinhalb Jahrhunderte lang überwachte hier das Shogunat den Verkehr auf der Tokaido-Straße, der wichtigsten Verbindung zwischen Edo und Kyoto. Kontrolliert wurde, was die Beamten knapp mit „Waffen hinein, Frauen hinaus“ umschrieben: Niemand sollte unbemerkt Waffen nach Edo schmuggeln, und die als Geiseln in der Hauptstadt gehaltenen Familien der Provinzfürsten sollten die Stadt nicht heimlich verlassen. Wachhäuser, Gefängniszelle und Aussichtsturm stehen seit der Rekonstruktion von 2007 wieder an ihrem alten Platz, beschattet von jahrhundertealten Sicheltannen, Reste der historischen Alleebepflanzung entlang der Tokaido-Straße. 

Eingangstor des Hakone Checkpoint. Die Kontrollstation am Tokaido wurde in der Edo-Zeit (1619–1869) zur Überwachung von Reisenden und Warentransporten auf der wichtigsten Landverbindung zwischen Edo und Kyoto betrieben; das heutige Gebäude ist eine historische Rekonstruktion aus dem Jahr 2007 / © Foto: Georg Berg

Wenige Gehminuten weiter liegt der Hakone-Schrein. Sein rotes Torii im Wasser des Sees zählt zu den meistfotografierten Motiven der Region. Der Schrein geht auf das achte Jahrhundert zurück und genoss schon bei den Samurai-Familien Kamakuras hohes Ansehen. 

Das historische Hakone Hotel am Ufer des Ashi-Sees mit seiner charakteristischen Kuppel, es zählt zu den ältesten Tourismusunterkünften der Region / © Foto: Georg Berg
Besucher betreten die Haiden (Gebetshalle) des Hakone-jinja-Schreins. Der Schrein, gegründet 757 unter Kaiser Kōken, gilt als einer der bedeutendsten Schreine der Kantō-Region und ist dem Bergkamikaze-Gott Yamasachi-hiko geweiht / © Foto: Georg Berg

Von hier bringt der Hakone Tozan Bus viele Reisende zurück nach Motohakone, wo der Tag endet – in einer heißen Quelle, die nach den vielen Wechseln zwischen Bahn, Standseilbahn, Seilbahn, Schiff und Bus wie die folgerichtige letzte Etappe wirkt.

Herbstlaub umgibt einen kleinen Wasserfall am 滝通り, Hakone, Japan
Onsen-Hotels am Ufer des Hayakawa in Hakone-Yumoto / © Foto: Georg Berg

Die Recherchereise wurde von Hakone Tourism Association unterstützt

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Permalink der Originalversion: https://tellerrandstories.de/hakone-golden-route