Kotoyo Okugawa kennt jeden Stein auf diesem Weg. Sie muss ihn kennen: Ihre Familie führt seit dreizehn Generationen das Teehaus, auf das dieser Weg zuläuft. Als Wanderführerin führt sie ihre Gäste über den Sukumogawa-Naturlehrpfad im Fuji-Hakone-Izu-Nationalpark, entlang des historischen Ostabschnitts der alten Tōkaidō-Straße zwischen Hakone-Yumoto und Hatajuku. Am Ende der Tour wartet, fast zwangsläufig, ihre eigene Familie.

Doch vorher verlangt der Weg seinen Tribut. Kurz hinter Hatajuku führt der Sarusuberi-Zaka steil bergauf. Uns erwartet der „Affenrutsch-Hang“, benannt nach einer Steigung, die selbst Affen ins Straucheln bringen soll. Es ist die letzte anstrengende Passage vor dem Ziel. Wer die Etappe von Yumoto aus geht, hat da bereits den Wariishi-Zaka hinter sich, den „Spaltstein-Hang“. Der Legende nach zerschlug hier Soga Gorō, der jüngere der beiden Soga-Brüder, auf dem Weg zur Rache am Mörder seines Vaters mit einem einzigen Schwerthieb einen Felsblock. Historiker halten die Geschichte für eine spätere Erfindung. Erzählt wird sie trotzdem bis heute, an einer Stelle, an der sich einst auch eine Wasserstelle für Pilger und Packpferde befand.

Die Straße am östlichen Meer
Der Tōkaidō, die „Straße am östlichen Meer“, verband vom frühen 17. Jahrhundert an Edo, das heutige Tokio, mit Kyoto: rund 500 Kilometer, aufgeteilt in 53 Poststationen mit Herbergen und Raststätten. Die Tokugawa-Shogune machten ihn zur wichtigsten von fünf Fernstraßen ihres Reiches. In seiner Blütezeit, über weite Strecken der Edo-Periode (1603–1868), zogen so Beamte, Kaufleute, Pilger und ganze Fürstenzüge über die Route. Mit der Eisenbahn und später der gleichnamigen Shinkansen-Linie verlor die alte Straße ihre Funktion, blieb in Teilabschnitten wie dem Hakone-Übergang jedoch als Wanderweg erhalten.

Amazake: Energydrink der Pilger und Händler
Am Ziel des Sarusuberi-Zaka liegt, seit der Überlieferung nach dem Jahr 1618, das Amazake Chaya. Ganz sicher datieren lässt sich die Gründung nicht, doch die Kontinuität ist es, die zählt: Seit dreizehn Generationen führt Familie Yamamoto das Teehaus, heute unter Satoshi Yamamoto. Berühmt ist es für hausgemachten Amazake, stark gesüßten Reistee, einen Tag lang mit Kōji-Pilzkultur fermentiert. Es war der Energydrink der Reisenden auf dem Weg nach Edo, dem heutigen Tokio. Von hier sind es noch 100 meist flache Kilometer bis Tokio. Kurz vor der letzten Etappe war das Amazake Chaya ein Kraftort zum Auftanken.

Das Teehaus der Familie Yamamoto
Leicht hatte es die Familie nicht immer. In den 1950er-Jahren, unter Satoshis Großvater, kam mitunter nur ein Wanderer pro Woche vorbei. Kaum genug zum Leben, der Großvater verdiente in dieser Zeit nebenbei in einem nahen Onsenbad dazu. Das ursprüngliche Teehaus ging Familie Yamamoto jedoch verloren. Beim Kita-Izu-Erdbeben von 1930 löste sich am Futagoyama ein Felsbrocken und zerstörte das Teehaus, das damals noch auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand. In den 1970er Jahren zerstörte ein Brand Teile des Hauses. Das heutige Haus mit seinem Reetdach entstand erst 2009, doch möglichst viel historische Substanz, wie Teile der seit Jahrhunderten vom Rauch der Feuerstelle geschwärzten Balken, wurden wieder eingebaut.

Dem Neubau vorangegangen, so Satoshi, waren in der Familie viele Diskussionen darüber, ob sich ein Weiterführen des Teehauses lohnt. Doch in den 2000er Jahren kamen immer mehr ausländische Touristen nach Japan. Die Begeisterung dieser Menschen aus aller Welt über diesen besonderen Ort gab Familie Yamamoto einen Sinn und die Bestätigung, das Teehaus weiterleben zu lassen. Heute boomt der Tourismus in Japan, das Teehaus ist sehr gut besucht und Satoshis Sohn Tatsuhito, vierzehnte Generation, hilft bereits im Service.

Irori, die Feuerstelle im Raum
Der Irori ist der Mittelpunkt des Hauses: eine meist quadratische, mit Asche gefüllte Grube im Holzboden. Seit der Kofun-Zeit fester Bestandteil japanischer Berghäuser. Über der Glut hängt an einem verstellbaren Haken, dem Jizaikagi, ein gusseiserner Kessel. Ringsum, auf der breiten Holzumrahmung, stehen Schalen mit Reis, gedünstetem Gemüse und Tofu, dazu gegrillter Fisch und geröstete Mochi. Es ist die klassische Küche des offenen Feuers, wie sie in den Bergregionen Zentraljapans über Jahrhunderte kaum verändert blieb. Der stetige Rauch, so heißt es, konservierte nebenbei die Deckenbalken und hielt Ungeziefer fern.

Im Amazake Chaya von Familie Yamamoto ist der Irori rund, zwei ineinanderlaufende Kreise umrahmt von einem breiten Holzrand. Darüber schwebt an einem Haken ein Fisch aus Holz, häufig ein Karpfen. Der Fisch soll, so erzählt es uns Satoshi Yamamoto, der Überlieferung nach, vor Feuer schützen: Er lebt im Wasser, dem natürlichen Gegenspieler der Flamme. Satoshi hat auch noch eine weitere Erklärung für das Fischmotiv am Feuer und verweist auf die Augen des Fisches, die keine Lider haben. Sie seien, so sagt er, ein Sinnbild dafür, dass an der Kochstelle niemand einschlafen und das Feuer aus den Augen verlieren soll.

Wir sitzen an diesem warmen und kommunikativen Ort, während Satoshi Yamamoto von der langen Geschichte des Teehauses erzählt. Tatsuhito, sein Sohn, mittlerweile mit passablem Englisch ausgestattet, hilft im Service und erzählt, wie sehr er den Austausch mit Gästen aus aller Welt genießt. Die Holzbalkendecke, die Shōji-Fenster, der Rauch des Feuers: Wer selbst eine Etappe des alten Tokaido gegangen ist und jetzt auf die Glut blickt, kommt dem Gefühl der Pilger vergangener Jahrhunderte so nah, wie es im 21. Jahrhundert eben noch geht.
Das Amazake Chaya hat an 365 Tagen im Jahr geöffnet. Bereits um 7 Uhr am Morgen und schließt um 5.30 am Nachmittag. Dazwischen gibt es alles, was auch die Wanderer von heute freut: ein süßer, lauwarmer Amazake gehört auf jeden Fall dazu!

Unscheinbar am Wegesrand
Für Kotoyo Okugawa ist das Teehaus ihrer Familie mehr als eine Zwischenstation ihrer Touren. Es gehört zu den letzten lebendigen Relikten des alten Tōkaidō-Abschnitts zwischen Hakone-Yumoto und Hatajuku. Es ist ein Ort, an dem sich noch etwas von der alten Reiseatmosphäre Hakones erfahren lässt. Darauf, sagt sie, ist sie stolz.

Wer mit Kotoyo unterwegs ist, entdeckt auch die unscheinbaren Dinge am Wegesrand: sei es die winzige, aber wunderschöne Kröten-Lilie oder die majestätischen Sugi, japanische Zedern, die seit Jahrhunderten in den Himmel ragen und stumme Zeugen der zahllosen Reisenden auf dem Tōkaidō sind. Eine dieser faszinierenden Geschichten teilt Kotoyo mit uns während unserer gemeinsamen Wanderung.
Das Schicksal des Mädchens Otama
Es ist nur ein schlichter, schon stark verwitterter Gedenkstein am Rand eines kleinen Teichs. Europäern, die die Inschrift nicht lesen können, bleibt die Tragödie verborgen. Kotoyo erzählt uns von dem Mädchen Otama. Fast noch ein Kind, wird sie 1702 aus einem kleinen Fischerdorf auf der Halbinsel Izu nach Edo zum Arbeiten geschickt. In der Ferne hält sie es nicht aus. Nach nur zwei Monaten läuft sie fort, will nach Hause. Den Checkpoint Hakone, den sie über die bewaldeten Hügel umgehen will, erreichen ihre Verfolger vor ihr. Der Kontrollpunkt ist streng bewacht, die Regeln rigide und die Strafen drakonisch. Durch darf nur, wer einen Passierschein hat.

Der Hakone-Checkpoint war im Edo-Zeitalter eine streng bewachte Kontrollstelle an der Tōkaidō. Vor allem sollte er verhindern, dass Waffen nach Edo gelangten. Reisende mussten ihre Erlaubnispapiere vorzeigen; bei Frauen wurden die Dokumente besonders genau geprüft, oft verbunden mit einer körperlichen Kontrolle durch weibliche Aufseherinnen. Die Beamten achteten auf Verkleidungen, auffällige Merkmale und den Reisezweck. Der Zweck war nicht nur die Kontrolle des Grenzverkehrs, sondern Machtsicherung des Tokugawa-Shōgunats. Besonders wichtig war die Überwachung der Familien der Regionalfürsten, die in Edo als eine Art Geiseln lebten, damit sie nicht unkontrolliert in ihre Heimatgebiete zurückkehrten.

Zur Abschreckung unerlaubter Grenzüberschreitungen waren die Strafen drastisch und unmenschlich. Das Mädchen Otama wurde verhaftet, eingesperrt und zur Warnung für Nachahmer am kleinen Teich wenige Kilometer vom Checkpoint Hakone entfernt hingerichtet. Einheimische errichteten einen Gedenkstein und gaben dem Gewässer den Namen Otamagaike – „Otas Teich“.

Zugegebenermaßen ist dies eine traurige Geschichte, doch sie zeigt die machtpolitische Bedeutung des japanischen Wegenetzes: Vor allem der Tōkaidō und auch der Nakasendo waren für das Shogunat von großer Tragweite. Auch der Nakasendo und der Pilgerweg Kumano Kodo sind heute beliebte Wanderrouten mit gut erhaltenen Poststationen, Tempelanlagen und Schreinen. Auf Teilabschnitten, wie in Hakone mit dem Amazake Chaya, lässt sich die Zeit der Pilger, Händler und Samurai nachspüren: Auf dem Nakasendo wanderten wir dafür von Poststation zu Poststation; auf dem Kumano Kodo ging ich ein Stück im Kimono und in Hakone nutzen wir Verkehrsmittel der Gegenwart und schwebten mit einer Gondel über die große Hölle.
Die Recherchereise wurde von Hakone Tourism Association unterstützt