Georgiens bewegte Geschichte

Georgien wird manchmal als Balkon Europas bezeichnet, da die Grenze zwischen Europa und Asien bis heute nicht eindeutig festgelegt ist. Geologisch gesehen sind beide Kontinente sogar auf der Eurasischen Kontinentalplatte vereint. An der Südflanke des Großen Kaukasus gelegen, ist Georgien bis heute von politischen und ideologischen Richtungskämpfen geprägt.

Die Stadt Schatili liegt in einer strategisch wichtigen Lage in der historischen georgischen Provinz Chewsuretien. Sie ist oft belagert aber nie besiegt worden. Im Jahr 2023 wehen die georgische und die Europafahne an einem Mast / © Foto: Georg Berg
Die Stadt Schatili liegt in einer strategisch wichtigen Lage in der historischen georgischen Provinz Chewsuretien. Sie ist oft belagert aber nie besiegt worden. Im Jahr 2023 wehen die georgische und die Europafahne an einem Mast / © Foto: Georg Berg

Läuft man durch die Hauptstadt Tiflis, fallen vor allem die zahlreichen Graffiti auf, die sich vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine gegen Russland und für eine Annäherung Georgiens an Europa positionieren. Insgesamt strahlt die Stadt jedoch eine freundliche Willkommenskultur aus. Menschen aus Russland, Armenien, Aserbaidschan und der Ukraine können es fast nur hier gemeinsam an einem Tisch aushalten.

Musik und georgischer Wein helfen, die Grenzen zwischen den Nationalitäten zu überwinden  / © Foto: Georg Berg
Musik und georgischer Wein helfen, die Grenzen zwischen den Nationalitäten zu überwinden / © Foto: Georg Berg
Das Reiterstandbild des Königs Wachtang I. Gorgassali, der im 5. Jahrhundert die Stadt Tiflis gründete, vor der Metechi-Kirche, die sich über dem Steilufer der Kura auf dem Gelände der ehemaligen Königsresidenz erhebt / © Foto: Georg Berg
Das Reiterstandbild des Königs Wachtang I. Gorgassali, der im 5. Jahrhundert die Stadt Tiflis gründete, vor der Metechi-Kirche, die sich über dem Steilufer der Kura auf dem Gelände der ehemaligen Königsresidenz erhebt / © Foto: Georg Berg

Die heutige Hauptstadt Tbilisi1Tbilisi bedeutet auf georgisch warmes Wasser. Der in Deutschland verwendete Name Tiflis lehnt sich an die alte Persische Bezeichnung an verdankt ihren Namen den heißen Schwefelquellen, die der iberische König Wachtang I. im 5. Jahrhundert entdeckte, als ein Fasan, den er auf der Jagd erlegt hatte, hineinfiel und sofort gekocht wurde. In 5.000 Jahren herrschten Perser, Mongolen, Türken und Russen über Georgien, dessen Hauptstadt Tiflis 26 Mal völlig zerstört wurde. In der Altstadt sticht unter den vielen halbverfallenen Gebäuden eines besonders hervor. Das nach ihm benannte Puppentheater wurde von Rezo Gabriadze seit den 1990er Jahren aus Materialien gebaut, die er in verfallenen Gebäuden fand. Damit hat er nicht nur in seinen noch immer gespielten Marionettenstücken für Erwachsene ein Statement gegen seelenlose Modernisierung gesetzt.

Der zerzauste Uhrenturm des Puppentheaters Gabriadze ist gebaut aus Material von zerstörten Gebäuden aus Tiflis / © Foto: Georg Berg
Der zerzauste Uhrenturm des Puppentheaters Gabriadze ist gebaut aus Material von zerstörten Gebäuden aus Tiflis / © Foto: Georg Berg

Die heilige Nino als „Erleuchterin Georgiens“

Eine junge Frau überzeugte im 4. Jahrhundert den georgischen König durch ihre Heilkunst vom Christentum. Das Christentum verbreitete sich zunächst im Kaukasus und wurde in Georgien als zweitem Land nach Armenien zur Staatsreligion. Viele Kirchen in Georgien sind der Heiligen Nino geweiht. In der Sioni-Kathedrale in Tiflis wird das Weinrebenkreuz von Nino verehrt, das immer noch von ihren eigenen Haaren zusammengehalten wird.

Ein Fesselballon am Himmel über Tbilisi hinter der Sioni-Kathedrale, die als eine der heiligsten Stätten der georgischen Orthodoxie gilt / © Foto: Georg Berg
Ein Fesselballon am Himmel über Tbilisi hinter der Sioni-Kathedrale, die als eine der heiligsten Stätten der georgischen Orthodoxie gilt / © Foto: Georg Berg

Chronik von Georgien

Außerhalb der Hauptstadt, auf einem Hügel über dem künstlich als Wasserreservoir angelegten Tifliser See, steht ein merkwürdiges Monument. Der Bildhauer Surab Zereteli begann noch zu Sowjetzeiten mit der Planung und 1985 war es zwar noch nicht fertiggestellt, aber in seiner brachialen Gigantomanie schon weithin sichtbar. Was die vielen biblischen Motive aus dem Neuen Testament mit der Geschichte Georgiens zu tun haben sollen, ist aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar. Schließlich wurden zur gleichen Zeit in Georgien viele Kirchen von den Sowjets zu Versammlungshallen, Tierställen und Gefängnissen umfunktioniert.

Die Chronik von Georgien ist ein weithin sichtbares Monument auf dem Berg Kenisi bei Tbilisi, der Hauptstadt Georgiens. Geschaffen wurde es 1985 vom Bildhauer Surab Zereteli / © Foto: Georg Berg
Die Chronik von Georgien ist ein weithin sichtbares Monument auf dem Berg Kenisi bei Tbilisi, der Hauptstadt Georgiens. Geschaffen wurde es 1985 vom Bildhauer Surab Zereteli / © Foto: Georg Berg
Die Chronik von Georgien ist ein weithin sichtbares Monument auf dem Berg Kenisi bei Tbilisi, der Hauptstadt Georgiens. 16 Säulen erheben sich 35 Meter hoch. Im unteren Bereich sind biblische Szenen dargestellt. Darüber sind für die Geschichte Georgiens bedeutende Persönlichkeiten abgebildet. Begonnen wurde das Monument 1985 vom Bildhauer Surab Zereteli und ist bis heute noch nicht fertig gestellt / © Foto: Georg Berg
16 Säulen erheben sich 35 Meter hoch. Im unteren Bereich sind biblische Szenen dargestellt. Darüber sind für die Geschichte Georgiens bedeutende Persönlichkeiten abgebildet. Begonnen wurde das Monument 1985 vom Bildhauer Surab Zereteli und ist bis heute noch nicht fertig gestellt / © Foto: Georg Berg
Ein Hund döst in der Chronik von Georgien, einer monumentalen Skulptur in den Nähe von Tbilisi, der Hauptstadt Georgiens. 16 Säulen erheben sich 35 Meter hoch. Im unteren Bereich sind biblische Szenen dargestellt. Darüber sind für die Geschichte Georgiens bedeutende Persönlichkeiten abgebildet. Begonnen wurde das Monument 1985 vom Bildhauer Surab Zereteli und ist bis heute noch nicht fertig gestellt / © Foto: Georg Berg
Ein Hund döst zwischen riesigen Bronze-Reliefs. 16 Säulen erheben sich 35 Meter hoch. Im unteren Bereich sind biblische Szenen dargestellt. Darüber sind für die Geschichte Georgiens bedeutende Persönlichkeiten abgebildet. Begonnen wurde das Monument 1985 vom Bildhauer Surab Zereteli und ist bis heute noch nicht fertig gestellt / © Foto: Georg Berg

Heute führen viele Denkmäler aus der Sowjetzeit in Georgien ein zwiespältiges Dasein. In einer Zeit, in der Kriege zwischen ehemals unter dem Dach der Sowjetunion vereinten Ländern geführt werden, wirkt Heldenverehrung schal. Und auch die Position des Geschichtserzählers kann zu der Frage führen, ob sich die Geschichte wirklich so zugetragen hat, wie sie dargestellt wird. Viele Georgier stören sich an der Nähe Surab Zeretelis zu den politischen Machtzirkeln in Moskau. Sie bezweifeln, dass Aussagen, die mit solcher Wucht vorgetragen werden, wahrer sind als die politischen Meinungsäußerungen an den Hauswänden der Innenstadt.

Eine mehrtägige Wanderung durch Tuschetien hat unseren Blick auf das Leben der Menschen in dieser schwer erreichbaren Grenzregion Georgiens gelenkt. Bonuspunkt dabei, dass unser georgischer Reiseführer Geschichte studiert hat.

Für ein Touristenattraktion relativ schwer erreichbar. Die Chronik von Georgien ist ein weithin sichtbares Monument auf dem Berg Kenisi bei Tbilisi, der Hauptstadt Georgiens. Geschaffen wurde es 1985 vom Bildhauer Surab Zereteli / © Foto: Georg Berg
Auf die Touristenattraktion weisen keine Schilder hin. Inzwischen kennen immerhin die Taxifahrer den Weg / © Foto: Georg Berg

Fußnoten

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    Tbilisi bedeutet auf georgisch warmes Wasser. Der in Deutschland verwendete Name Tiflis lehnt sich an die alte Persische Bezeichnung an
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