Dudelsack, Fiedel und Gälisch

Das KitchenFest auf Cape Breton ist an diesem Sonntag, dem 5. Juli, seit einem Tag zu Ende. Im Red Shoe Pub in Mabou spielt trotzdem eine Band. Mehrere Dudelsackspieler sitzen dicht beieinander, neben ihnen ein Fiedler. Zwischen den Tischen tanzen Paare. Am frühen Abend sind wir an dem Haus vorbeigefahren. Gegen acht kommen wir wieder und bleiben bis in den späten Abend.

Musiker spielen Dudelsack und Gitarre in Mabou, Canada
Dudelsackspieler spielen im Red Shoe Pub in Mabou, Nova Scotia. Das KitchenFest ist an diesem Abend schon vorbei, das Haus ist trotzdem voll / © Foto: Georg Berg

Ein Fest ohne festen Ort

Das Festival feierte 2026 seine 13. Ausgabe an vielen Orten der Insel. Das Programm besteht aus Konzerten, Céilidhs, Pub-Abenden und Square Dances. Das Motto steht auf gelben T-Shirts: „Where friends meet to tap their feet“. Das heißt: Hier treffen sich Freunde, um mit den Füßen zu wippen.

Kellnerin serviert Essen an Gäste in einem Restaurant am Highway 19, Mabou, Canada
Gäste und Bedienung im Red Shoe Pub in Mabou. Ein Gast trägt das gelbe T-Shirt des KitchenFest mit dem Motto „Where friends meet to tap their feet“ / © Foto: Georg Berg

Auf Gälisch nennt man in Schottland oder Nova Scotia einen Abend, an dem Nachbarn und Verwandte zusammenkommen, singen, spielen und tanzen Céilidh (Aussprache: „KAY-li“; schottisch-gälisch [kʲʰeːlɪ]). In Nova Scotia trägt das KitchenFest diese Abende in Pubs und Gemeindehallen.

Ein Haus mit zwei Schildern

Das Red Shoe Pub steht in Mabou am Highway 19 und war früher ein Gemischtwarenladen. Seit Mai 2005 führt die Familie Rankin das Haus. Das Schild vor der Tür zeigt einen roten Schuh und den Gruß „Fàilte, thig a-steach“: Willkommen, komm herein. Ein zweites Schild nennt die Rankin Sisters als Inhaberinnen.

The Red Shoe Pub mit Rankin Sisters Proprietors Schild in Mabou, Canada
Das Schild des Red Shoe Pub in Mabou zeigt einen roten Schuh und den gälischen Gruß „Fàilte, thig a-steach“ / © Foto: Georg Berg

Die Rankins sind auf Cape Breton eine bekannte Musikerfamilie. Sie machte 1993 das Lied „Rise Again“ bekannt, das Leon Dubinsky geschrieben hat. Es gilt als inoffizielle Hymne der Insel und erzählt von Heimat, Zusammenhalt und Aufbruch. Der Titel heißt auf Deutsch „Wieder aufstehen“. Dubinsky schrieb das Lied 1984 für das Musical „The Rise and Follies of Cape Breton“. Die Insel steckte damals in einer Wirtschaftskrise. Das Lied sollte Widerstandskraft und Hoffnung ausdrücken. Nach Dubinskys Worten handle es von den Zyklen der Einwanderung, von der wirtschaftlichen Unsicherheit auf Cape Breton, von der Kraft des Ozeans, von der Bedeutung der Kinder und von der Stärke der Heimat, die Familien, Freunde und Musik geben. Kohle und Stahl, die großen Arbeitgeber der Insel, gibt es seit 2001 nicht mehr. Die Musik ist geblieben. Im Pub sehen wir es: Das Haus ist voll, Jüngere und Ältere tanzen gemeinsam, eine Besucherin filmt die Dudelsackspieler mit dem Smartphone.

Frau filmt Dudelsackspieler mit Smartphone in Mabou, Canada
Eine Besucherin filmt die Dudelsackspieler mit dem Smartphone. An der Wand hängt ein altes Schild mit der Aufschrift „Beaton’s Clothing“ / © Foto: Georg Berg

Im Pub hängt an der Wand ein altes Schild: „Beaton’s Clothing, Footwear, Dry Goods“. Der Name Beaton gehört zu Mabou. Die Beatons sind eine Fiedlerfamilie, deren Vorfahren aus Lochaber in Schottland eingewandert sind. die für den Mabou-Coal-Mines-Stil bekannt ist. 2003 spielen Kinnon Beaton und seine Tochter Andrea im Red Shoe Pub Fiedel, Betty Beaton begleitet am Klavier, im Raum sitzt die übrige Familie.

Wenn die Familien nach Hause kommen

2026 hat sich die MacKenzie-Familie im Red Shoe Pub verabredet. Kenneth MacKenzie ist Piper und Fiddler aus Mabou, wuchs mit Gälisch auf und unterrichtet gälische Sprache sowie traditionelle Musik am Mabou-Campus des Gaelic College (Colaisde na Gàidhlig). Seine Geschwister sind aus Ottawa, aus Inverness und von der Isle of Skye in Schottland zu Besuch. Die Familie sitzt an einem großen Tisch zusammen und im Verlauf des Abends treten die Musiker in verschiedenen Formationen auf.

Mann spielt Geige vor einem Klavier in Mabou, Canada
Kenneth MacKenzie spielt die Fiddle vor einem historischen Klavier im Red Shoe Pub in Mabou. Fiedel und Klavier gehören zur Cape-Breton-Tradition / © Foto: Georg Berg

Die Cape-Breton-Fiddle gilt als eigener Stil innerhalb der keltischen Musik. Tanz und Fiedelspiel gehören eng zusammen: Die Tänzer setzen den Rhythmus mit Fuß- und Fersenschlägen um. Zwei Paare fassen sich an den Händen, andere bilden einen Kreis.

Menschen halten Hände vor einem Klavier in Mabou, Canada
Tänzerinnen und Tänzer fassen sich beim KitchenFest im Red Shoe Pub in Mabou, Nova Scotia, Kanada, an den Händen. Im Hintergrund hängt ein handgefertigter Wandbehang mit rotem Schuhmotiv, der auf den Namen des Lokals anspielt / © Foto: Georg Berg
Menschen tanzen und musizieren in einem Geschäft für Kleidung und Trockenwaren in Mabou, Canada
Paare tanzen im Red Shoe Pub unter dem Schild „Beaton’s Clothing“. Jüngere und Ältere tanzen gemeinsam / © Foto: Georg Berg

Eine Brennerei im Tal

Wir übernachten nicht weit vom Pub entfernt, im Glenora Inn in Glenville. Das Gasthaus liegt auf dem Gelände der Glenora Distillery in einem bewaldeten Tal der Mabou Highlands. Auf dem Gelände lagern Fässer zwischen blühenden Lupinen. Wir bekommen eine Führung und eine Verkostung.

Holzfässer stapeln sich am Highway 19 in Glenville, Canada
Fässer lagern im Freien auf dem Gelände der Glenora Distillery in Glenville, Nova Scotia, zwischen blühenden Lupinen / © Foto: Georg Berg

Bruce Jardine gründete die Brennerei 1990. Er holte sich Hilfe bei der Bowmore Distillers auf der schottischen Insel Islay. Bowmore brachte Fachwissen, Brennblasen und einen Maischbottich über den Atlantik. Die Brennblasen stammen von Forsyths im schottischen Rothes. Im November 2000 kam der erste Glen Breton Rare auf den Markt: 500 nummerierte Flaschen. Die Brennerei nennt sich „Canada’s First Single Malt Distillery“.

Destillationsanlagen und Kupferrohre in einer Brennerei am Highway 19, Mabou, Canada
Zwei Kupferbrennblasen mit den Aufschriften „Spirit Still“ und „Pot Ale Tank“ stehen im Brennhaus der Glenora Distillery. Die Anlage entstand 1990 mit Hilfe der schottischen Brennerei Bowmore / © Foto: Georg Berg

Den Namen Scotch darf der Whisky nicht tragen. Die Scotch Whisky Regulations von 2009 verlangen: Er wird in Schottland destilliert und dort mindestens drei Jahre in Eichenfässern von höchstens 700 Litern gelagert, mit mindestens 40 Prozent Alkohol. Glenora liegt in Nova Scotia. Trotzdem stritten Schotten und Kanadier neun Jahre lang um ein einziges Wort. Im November 2000 meldete Glenora die Marke „Glen Breton“ an. Die Scotch Whisky Association legte Widerspruch ein. Sie argumentierte, „Glen“ stehe in Kanada für schottischen Whisky, und das Federal Court folgte ihr zunächst. Am 22. Januar 2009 entschied das Federal Court of Appeal für Glenora. Am 11. Juni 2009 lehnte der Supreme Court of Canada eine weitere Berufung ab, ohne Begründung.

Alte Aufzeichnungen liegen auf einem Holzfass mit der Aufschrift "ONE 1990"
Auf einem Eichenfass mit der Aufschrift „ONE 1990″ liegt das handschriftlich geführte „Glenora Still Log“. Die Beschriftung deutet auf eines der ersten Fässer des Gründungsjahres hin / © Foto: Georg Berg

Das Wort Whisky geht auf das gälische uisge beatha zurück, das Wasser des Lebens. Der Name Scotch ist gesetzlich definiert. Bei Musik und Sprache gibt es keinen vergleichbaren Ortsschutz: Man kann sie überall lernen und spielen.

Was vom Gälischen bleibt

Im Celtic Music Interpretive Centre erklären Tafeln die gälische Erzähl- und Gesangstradition. Die nächste Tafel zeigt, wie man eine Fiedel baut. Daneben hängt ein Wandbild: Musiker, davor eine Pianistin in grünem Kleid.

Ausstellung über gälische Traditionen und Sprache in Judique, Kanada
Tafeln im Celtic Music Interpretive Centre in Judique erklären die gälische Erzähl- und Gesangstradition („The Gaelic Oral Tradition“, „The Gaelic Song Tradition“) / © Foto: Georg Berg
Geige und Noten sind in einer Ausstellung am Highway 19, Judique, Canada ausgestellt
Ausstellung zum Bau der Cape-Breton-Fiddle im Celtic Music Interpretive Centre am Highway 19 in Judique, Nova Scotia, Kanada: Instrumente und Erklärtafeln neben einem Wandgemälde musizierender Fiddler und einer Pianistin, das die Hausmusik-Tradition der Region illustriert. / © Foto: Georg Berg

Zwei Tage später stehen wir vor dem Gaelic College in St. Ann’s. Der presbyterianische Pfarrer Angus William Rugg MacKenzie gründete es 1938, als das Gälische vom Aussterben bedroht war. Keith MacDonald spielt auf dem Parkplatz Dudelsack. Er trägt in Nova Scotia seinen MacDonald Tartan schon in achter Generation. Eine Anzeigetafel wirbt für die Mittags-Céilidhs.

Mann in Kilt spielt Dudelsack vor dem Blas Math Lunchtime Ceilidhs am Cabot Trail, St. Anns, Canada
Ein Dudelsackspieler spielt vor dem Gaelic College (Colaisde na Gàidhlig) in St. Ann’s am Cabot Trail. Die Anzeige wirbt für die Mittags-Céilidhs im Sommer / © Foto: Georg Berg

Von 1815 bis 1870 kamen mehr als 50.000 gälischsprachige Siedler nach Nova Scotia. Um 1850 sprachen in Britisch-Nordamerika mehr als 200.000 Menschen Gälisch. Bei der Volkszählung 2021 gaben in Nova Scotia 635 Menschen an, die Sprache zu sprechen, 65 davon als Muttersprache.

Vom Besuch zum Tanzabend

Das Wort Céilidh heißt auf Gälisch „Besuch“. In Schottland war es zuerst ein Hausbesuch. An langen Winterabenden trugen die Gäste Geschichten, Gedichte und Lieder vor, stellten Rätsel und zitierten Sprichwörter. Getanzt wurde nicht unbedingt. Heute überwiegt in Schottland der Tanzabend mit Band und Ansager.

Zwei Tänzerinnen tanzen traditionelle Tänze vor Publikum in Albert Place, Dufftown, Scotland
Zwei Tänzerinnen tanzen vor Publikum beim Ceilidh in der Dufftown Memorial Hall, Schottland / © Foto: Georg Berg

Auf Cape Breton ging es ähnlich los. Gälischsprachige Familien besuchten einander, und diese Besuche überlieferten die Tradition: Kinder lernten Geschichten, Lieder und Musik von Verwandten und Nachbarn. Getanzt wurde zuerst im Haus, später im Schulhaus, nach 1900 in den Gemeindehallen. Der Pub in Mabou führt diese Reihe fort. Er ist Wirtshaus, Konzertsaal und Tanzboden in einem.

Ein Paar tanzt im Beaton's Clothing Mabou, Canada
Ein Paar tanzt im Red Shoe Pub. An der Wand hängt das Schild „Beaton’s Clothing – Footwear“. Im Raum sitzen Gäste an Tischen, die Tanzfläche liegt dazwischen / © Foto: Georg Berg

Whisky, Musik und Sprache kamen mit den Auswanderern über den Atlantik und leben auf Cape Breton fort. Wir hatten den Eindruck, dass Cape Breton die Tradition mindestens so lebendig bewahrt wird wie in Schottland.

Mehr über Nova Scotia

Wer wissen will, wie aus Mi’kmaq, Akadiern, Schotten und Black Loyalists das heutige Nova Scotia wurde, liest Die Siedler von Nova Scotia. Von Birchtown nach Freetown erzählt, warum Familien 1792 nach Afrika aufbrachen. Dudelsack, Fiedel und Gälisch kamen mit den schottischen Siedlern nach Cape Breton. Hummer galt in Atlantik-Kanada lange als Essen der Armen. Heute ist die Lobster Roll ein nationales Symbol. Wer wissen will, wie der Fang abläuft, fährt bei einer Nachtschicht mit: Auf Hummerfang in Nova Scotia zeigt, was Bestandsschutz bedeutet. Kanada ist auch das Land des Ahornsirups. Das meiste liefert Quebec, doch auch Nova Scotia zapft den Zuckerahorn. In Halifax, der Hauptstadt der Provinz, ist das Angebot groß. Der kulinarische Kompass für Halifax führt zu den guten Adressen. Die Stadt bietet aber mehr als Essen. Der Sightseeing-Guide reicht von der Parfumwerkstatt 7 Virtues bis zur Immigrationstour im Einwanderermuseum am Pier 21. Halifax war auch Schauplatz mehrerer Tragödien. Als die Titanic 1912 sank, war es der nächstgelegene große Hafen. Viele Opfer wurden hierher gebracht. Auf dem Fairview Lawn Cemetery erinnern ihre Gräber an die Katastrophe. Am Himmel wird es ruhiger. Das Deep Sky Eye Observatory zeigt die Milchstraße an Nordamerikas erstem Starlight-Reiseziel. Stargazing auf Meereshöhe heißt hier: Mückenschutz für die Milchstraße.

Die Recherche wurde unterstützt von Visit Nova Scotia

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Permalink der Originalversion: https://tellerrandstories.de/gaelic-nova-scotia