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Frankreich und die Lust auf Bier

Im Biergarten in Lana verkostet man die Produktpalette der Hausbrauerei Pfefferlechner aus Degustationsgläsern / © Foto: Georg Berg

Im Biergarten in Lana verkostet man die Produktpalette der Hausbrauerei Pfefferlechner aus Degustationsgläsern / © Foto: Georg Berg

Gigors-et-Lozeron ist ein kleiner Ort in der Region Auvergne – Rhône – Alpes. Zugleich liegt hier soetwas wie das Epizentrum der französischen Braukunst. Innovation, Experimentierfreude und der Wille zu nachhaltigem Handeln spiegeln sich in einer besonders hohen Zahl an Brauereien. Die Region ist in den letzten Jahren mit 368 Produktionsstätten laut „Brasseur de France“ ein Zentrum der Braukunst in Frankreich geworden. Einer der ersten war Emmanuel Feraa. 2015 baute er die Brasserie des Trois Becs mitten in die Felder am Fuße der Gebirgsformation Trois Becs.

Les Trois Becs ist eine prägnante Felsformation im Tal der Drôme / © Foto: Georg Berg

Der Grund für die hohe Zahl an Brauereien in der Region Auvergne – Rhône – Alpes liegt für den studierten Agrarwissenschaftler Feraa an den gewachsenen Strukturen. Es gibt sehr viele und sehr gute Restaurants sowie ambitionierte Köche, hervorragende landwirtschaftliche Produkte und kulinarische Spezialitäten und eine Bevölkerung mit überdurchschnittlicher kulinarischer Kompetenz. Darüber hinaus war das Tal der Drôme, in dem Gigors-et-Lozeron die erste Gegend in ganz Frankreich, die den Fokus auf Bio-Landwirtschaft gerichtet hat.

Frankreich – Spitzenreiter und Schlusslicht

Die Zahl der aktiven Brauereien schießt in den Jahren 2014 bis 2020 laut Brewers of Europe von 663 auf 2.300 Betriebe. Frankreich ist im europäischen Vergleich nun Spitzenreiter, gefolgt vom Großbritannien mit 1.870 und Deutschland mit 1.528 Brauereien. Frankreich hat aber zugleich den niedrigsten Pro-Kopf-Verbrauch pro Einwohner mit gerade einmal 33 Litern. 70 Prozent des konsumierten Bieres in Frankreich wird im Land hergestellt. Doch die Lust auf Bier wächst kontinuierlich und dies auch bei jungen Menschen.

An der Bar im hauseigenen Pub der Brasserie des Trois Becs gibt es fünf Biere im Ausschank. Doch die Verkostung beginnt mit einem Glas Quellwasser / © Foto: Georg Berg

Biobauer und Bierbrauer

Gleich zu Beginn des Brau-Booms in Frankreich im Jahr 2015 gründet Emmanuel Feraa die Brasserie des Trois Becs. Sein Vorhaben ist komplex, denn von Anfang an setzt er auf lokale Rohstoffe in Bio-Qualität. Auch beim Bau der Produktionsstätte steht die ökologische Bauweise im Vordergrund. Der schlichte Holzbau wird von einem Fundament aus recyceltem Glas getragen. Auch die Kreislaufwirtschaft wird verfolgt. Den Treber verfüttern verschiedene Zuchtbetriebe in den Tälern an ihr Vieh. Aus dem Treber werden auch Cracker gebacken, die als Knabberei im hauseigenen Pub erhältlich sind. Außerdem wird das Kühlwasser im Anschluss zum Reinigen des Sudhauses verwendet. Neue Projekte sind bereits in Arbeit. So will die Brauerei durch die Installation von Sonnenkollektoren auch energieautark werden.

Brauerei und Sudhaus der Brasserie des Trois Becs sind in einem funktionalen Holzbau untergebracht / © Foto: Georg Berg

Bier vom Feld ins Glas

Von Beginn an, ist es der Plan von Emmanuel Ferraa ein echtes Bauernbier herzustellen. Ein Bier aus der Region sollte es sein. Seine eigene Rolle sieht Feraa nicht nur als Bierbrauer, sondern auch als Bio-Bauer. Den Standort wählte er nach der Qualität des Wassers. Brauerei und Event-Location von Trois Becs liegen an den südlichen Ausläufern des Parc du Vercors. Hier profitiert das Unternehmen vom kostbaren Quellwasser und von der Möglichkeit, Land für den eigenen Anbau von Gerste und Hopfen in Bio-Qualität nutzen zu können. Die Rolle als Bio-Bauer und Bio-Brauer in einem, macht Trois Becs bei der Beschaffung der Rohstoffe immer unabhängiger. Ein echter Vorteil, in einer Zeit wackeliger Lieferketten und steigender Rohstoffpreise. Die Gerste aus dem Eigenanbau wird zum Mälzen rund 60 Kilometer in die Region Ardèche gebracht. In direkter Nachbarschaft befindet sich keine Mälzerei, so dass dieser Transportweg in Kauf genommen werden muss. Ein Kostenvorteil, so stellt Emmanuel Feraa klar, ist die Eigenproduktion von Gerste und Hopfen aber nicht. Es wäre viel günstiger, die Rohstoffe einzukaufen, denn in den Getreideanbau sind hohe Investitionen und viel Arbeitszeit geflossen. Doch mit der ultra-lokalen Ausrichtung seines Betriebes möchte er auch Vorreiter sein für ein neues Konsumverhalten.

In Gigors-et-Lozeron steht seit 2015 ein schlichter Ökobau. Die hohe Qualität des Quellwassers war ausschlaggebend für den Standort / © Foto: Georg Berg

Das Terroir und das Bier

Auch beim Thema Bier geht es in Frankreich um das Terroir. So wie sich in einem guten Wein das Terroir widerspiegelt, so sieht Emmanuel Feraa auch die Zukunft des Bieres in seiner lokalen Verwurzelung. Wie konsequent er hier handelt, zeigt sich beim Thema Hopfen. Auf dem französischen Biermarkt stammen die Rohstoffe der im Land produzierten Biere häufig aus Deutschland, USA oder Neuseeland. Wir wollen aber, dass unser komplettes Biersortiment lokal, französisch und hier im Tal der Drôme verwurzelt ist, sagt Feraa. Die Brauerei wirbt für sich mit der Botschaft ein ultra-lokales Bier zu sein. Das Trois Bece wird schon jetzt aus Rohstoffen hergestellt, die zu 95% auf dem eigenen Hof produziert werden.

Hopfen aus eigenem Anbau. Im Hintergrund sieht man die namensgebende Bergkette Trois Becs / © Foto: Georg Berg

Heimischer Hopfen

In die Zucht und den Anbau einer heimischen Hopfensorte, legt Ferraa viel Zeit und Engagement. Er baut auf dem eigenen Land verschiedene Hopfensorten an. Begonnen haben er und seine Mitarbeiter mit Cascade, eine Sorte aus den USA mit blumigen und zitrusartigen Noten sowie der deutschen Sorte Hallertauer Hersbrucker, die ein würziges, blumiges Aromaprofil mit Kräuternoten hat. Für das Ziel, ein unverwechselbares und in der Region verankertes Bier zu schaffen, ist Emmanuel Feraa mit seinen acht Mitarbeitern auch am Anfang der Entwicklung einer eigenen Hopfensorte. Seit mehreren Jahren versuchen sie, Kreuzungen zwischen kultivierten Sorten und wilden Sorten, die an den Flussufern von Gervanne und Drôme wachsen, herzustellen. Die Idee dahinter ist, gesunde und an die Boden- und Klimabedingungen optimal angepasste und resistente Pflanzen zu schaffen, die gleichzeitig den Ausdruck des Terroirs an das Bier weitergeben. Wir hoffen, dass wir in etwa drei Jahren vollkommen autark beim Hopfen sind. Derzeit macht uns aber die extreme Hitze im Sommer zu schaffen, so Feraa.

2022 sind vier Stammbiere sowie Saisonbiere erhältlich. Das Herbst- und Winterbier stehen hier noch im Flaschendesign der Vorjahre / © Foto: Georg Berg

Vielfältiges Biersortiment

Die Brasserie Trois Becs produziert neun Biere und eine Zitronenlimonade. Davon bilder fünf Biersorten das Stammsortiment und vier weitere Biere sind saisonal im Angebot. Zu den Bestsellern gehören das Blonde Bio. Es ist ein leichtes Bier mit 4,5 % Alkohol und der Durstlöscher unter den Trois Becs-Bieren. Das Ambré Bio leuchtet im Glas bernsteingolden, der Alkoholgehalt liegt bei 6,5 % mit einer fruchtig-süßen Note. Dicht gefolgt in der Beliebtheit ist eine Kreation der ersten Stunde bei Trois Becs, das Ortie Bio. Das Etikett in grün und verheißt, was man im Glas dann riecht und schmeckt. Ein leicht krautiger und pflanzlicher Geschmack, der in einer trockenen, mineralischen Textur mit durstlöschender Wirkung endet. Das muss an Ortie liegen. Das im französischen hübsch klingende Ortie wird auf deutsch zur harsch klingenden Brennnessel. Mehr als 50 Prozent des Hopfens wird in diesem Sud durch getrocknete Brennesselblätter ersetzt und sorgt so für die leichte Kräuternote. Ein Bier, das gut zum Bauern-Image von Trois Becs passt und neben Rousse Bio, dem 9 % Starkbier und dem mahagonifarbigen Porter Bio mit Röstaromen von Kaffee aber nur 6,5 % Alkoholgehalt zum Stamm-Sortiment gehört. Ein IPA findet sich nicht im Sortiment von Trois Becs. Ein IPA, so Emmanuel Feraa, würde in der Produktion zu viel Hopfen verbrauchen. Bevor er aber Hopfen zukauft, verzichtet er lieber auf IPA’s, denn das Ziel eines Bieres, das zu 100 Prozent aus der Region stammt, ist ihm wichtiger.

Der Aperitif. Tradition und Trend

Französinnen und Franzosen essen nicht nur gerne, sie reden auch gerne über das Essen. In Frankreich nimmt man sich Zeit für das Essen. Produkte werden gerne frisch und von einem Händler aus der Region gekauft. Manchmal geraten sie in einen regelrechten Wettstreit darüber, welche Region für die besten Melonen, Pfirsiche, Kastanien oder Zwiebeln bekannt ist. Die hohe kulinarische Kompetenz bezieht natürlich die Welt der Getränke ein und das wird in Frankreich von klein auf geschult. Nehmen wir einen Apéritif! On prend l’apérif!

Autorin Angela Berg beim Einkauf auf einem der typischen kleinen Wochenmärkte in einem Dorf im Tal der Drôme / © Foto: Georg Berg

Das Getränk, der Drink vor dem Abendessen ist in Frankreich eine Institution. Zum Apéritif wird nach Hause eingeladen oder es geht in die Bar oder Brasserie. Ein Apéritif im Alltag ist keine abendfüllende Veranstaltung. Ein oder zwei Gläser von diesem und jenem, dazu ein paar Erdnüsse oder Oliven, das war’s. Dann verabschiedet man sich von den Kollegen oder schickt die Gäste wieder nach Hause. Denn es wartet das Abendessen. Der Apéritif hat die Aufgabe, den Magen zu öffnen und auf das Essen vorzubereiten. Soweit die Tradition. Kommen wir nun zum Trend. Statt ein Glas Wein oder einen Martini zu nehmen, bestellen inzwischen die Jüngeren gerne auch ein Bier. Zudem sind handwerklich gebraute Biere aus der Region mit ansprechendem Etikett zu einem beliebten Gastgeschenk avanciert. Neben der Vielfalt und den Geschmacksrichtungen, die es dabei zu entdecken gibt, ist für die jüngere Generation auch der Preis ein Argument, zum Bier zu greifen. Ein bière pression aus dem Zapfhahn ist günstiger als ein Cocktail. Zwei Flaschen Bier als Geschenk-Set günstiger als eine Flasche Wein. Aber auch das handwerklich gebraute Bier bietet genügend Substanz für eine gepflegte Verkostung samt Fachsimpelei. Ein weiterer Pluspunkt für Bier als Genussgetränk wird in allen Altersstufen geschätzt, denn Bier enthält weniger Alkohol als Wein und ist gerade in den heißen Sommermonaten besser verträglich.

Ein Apéritif muss kein Cocktail oder Crémant mehr sein. In Frankreich wird zu diesem Anlass immer öfter auch Bier getrunken / © Foto: Georg Berg

Nochmal zurück nach Gigors-et-Lozeron. Bei aller regionalen Identität schaut der Bierbrauer Emmanuell Feraa beim Verkauf seines Biersortiments über das Valée de la Drôme hinaus. Die Produktionsmenge steigt jährlich an und lag im Jahr 2022 bei 2.600 Hektoliter. 80 Prozent des Bieres geht als Flaschenabfüllung in den Verkauf. Vorrangig sind es Bio-Supermärkte, Getränkefachhändler und der eigene Online-Shop. Das Bier der Brasserie des Trois Becs ist auch in anderen Regionen wie der Bretagne oder in Paris erhältlich. Doch der Verkaufsschwerpunkt liegt mit Rhône, Alpes, Côte d’Azur und Okzitanien im Südosten des Landes. Sein langfristiges Ziel formuliert Emmanuel Feraa so: Wir arbeiten an dem französischen Bier von morgen und vielleicht gelingt es uns sogar, eines der ersten Biere mit kontrollierter oder geschützter Herkunftsbezeichnung zu schaffen.

Reisetipps Valée de la Drôme

Das Bier der Brauerei Brasserie de Trois Becs wird in vielen Gaststätten im Tal der Drôme ausgeschenkt. Das hauseigene Pub ist abends geöffnet und bietet auch kulturelles Programm. Mehr Informationen über die Region auf La Drôme Tourisme. Eine weitere Spezialität der Region wird in der Schokoladen-Manufaktur Frigoulette hergestellt. Im Valée de la Drôme lässt sich auch gut die Lavendelblüte genießen. Sie findet hier Anfang Juli statt, also etwas später, als in Aix en Provence und Umgebung.

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Die Kosten der Unterkunft wurden vom Drôme Tourisme übernommen.

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