Frischvermählt auf 43 Kilometern

Am Morgen des 30. Mai 2026 drängen sich vor der Rennsteighalle in Steinbach am Wald Wohnmobile und Campingbusse. Drinnen duftet es nach Kaffee und frischem Brot. Hunderte Wanderer sitzen an langen Tischreihen in der Sporthalle und stärken sich für die 43 Kilometer und etwas über 1.000 Höhenmeter, die vor ihnen liegen.

Zahlreiche Teilnehmer frühstücken gemeinsam an langen Tischen in einer Halle an der Edwin-Trebes-Straße, Steinbach am Wald, Germany
In der Rennsteighalle in Steinbach am Wald frühstücken die 555 Teilnehmer des 14. Frankenwald-Wandermarathons, bevor sie sich kurz nach sieben Uhr auf die 43 Kilometer lange Strecke begeben / © Foto: Georg Berg

Kurz vor dem Start um 7 Uhr sorgt eine Szene auf dem Balkon für Aufsehen. Eine junge Frau im weißen T-Shirt mit der Aufschrift: „Crazy Runners“ dreht sich um, schließt die Augen und wirft einen Brautstrauß in die Menge. Christine, die am Vorabend im Naturbad Rothenkirchen geheiratet hat, beginnt ihren ersten Tag als Ehefrau mit einem Marathon durch den Frankenwald. Neben ihr lacht ihr Mann Johannes. Eine unverheiratete Frau fängt den Strauß – ob sie im nächsten Jahr mit einem Bräutigam an der Startlinie steht, bleibt offen.

Eine Frau wirft ein kleines Bündel von einem Balkon, während eine Gruppe Menschen zuschaut in der Edwin-Trebes-Straße, Steinbach am Wald, Germany
Christine wirft vom Balkon der Rennsteighalle ihren Brautstrauß in die wartende Menge. Das Brautpaar hatte am Vorabend im Freien am Naturbad Rothenkirchen geheiratet / © Foto: Georg Berg

Kult-Event mit 555 Startplätzen

Eine Wandergruppe wandert auf einem grünen Pfad an der B 85 in Ludwigsstadt Germany
Auf den ersten Kilometern ist es noch eng auf den Wanderwegen: Alle 555 Teilnehmer starten gemeinsam, aber die letzten kommen rund sechs Stunden nach den schnellsten an / © Foto: Georg Berg

Seit 2012 hat der Frankenwald-Wandermarathon Kultstatus in der deutschen Wanderszene. Jedes Jahr richtet eine andere Gemeinde das Event aus. Die 555 Startplätze, die Anfang Februar in drei Verkaufsrunden vergeben werden, sind heiß begehrt. Oft sind sie in Sekunden ausverkauft. Wer einen Platz ergattert, gehört zu einer Gemeinschaft, die unterwegs die Ruhe sucht und zuvor um das Ticket gekämpft hat.

Der Wald erzählt

Eine Gruppe Wanderer steigt einen bewachsenen Pfad bergauf in der Kehlbacher Straße Ludwigsstadt Germany
Abgestorbene Fichtenstümpfe, Folge von Borkenkäferbefall und Trockenstress der vergangenen Jahre, wechseln sich mit Reihen frisch gepflanzter Jungbäume in Schutzmanschetten ab. Die Bayerischen Staatsforsten setzen bei der Wiederaufforstung auf gemischte Baumarten statt der anfälligen Fichtenmonokultur / © Foto: Georg Berg

Aufmerksame Wanderer lesen in der Landschaft eine zweite Geschichte. An mehreren Stellen öffnet sich der Wald: kahle Hänge, gesäumt von Baumstümpfen, dazwischen zarter Jungwuchs in Reih und Glied. Der Borkenkäfer hat in den letzten Jahren ganze Arbeit geleistet. Trockenheit, Stürme und Schädlingsbefall setzten vor allem den Fichtenmonokulturen zu. Bayerische Staatsforsten und private Waldbesitzer räumen das Schadholz und pflanzen eine widerstandsfähigere Baumartenmischung.

Eine Gruppe von Wanderern und Interessierten betrachtet und lernt über eine Eule Mikroskope und Gesteine an einem Informationsstand an der Kehlbacher Straße in Ludwigsstadt
Direkt an einer Schieferhalde informiert der Naturpark Frankenwald über Landschaftspflege und Artenvielfalt. Ein präparierter Uhu dient als Anschauungsobjekt – die alten Schieferhalden sind heute Lebensraum für Mauereidechsen und spezialisierte Insekten / © Foto: Georg Berg

Eine Station entlang der Strecke erzählt vom Schieferbergbau, der die Region prägte. Über Jahrhunderte wurde in Lichtenfels und im Umland Schiefer abgebaut. Noch heute zeugen Halden und alten Stolleneingänge davon. Wer sich Zeit nimmt, entdeckt, dass der Frankenwald nicht nur Natur, sondern auch Industriegeschichte birgt – verborgen unter Moos und Farn.

Älterer Mann bearbeitet Schieferplatten mit einem Schieferhammer im Geopark Schieferland an der Bergstraße in Ludwigsstadt Germany
Ein Handwerker bearbeitet eine Schieferplatte mit dem Hippe – einem für die Schieferbearbeitung typischen schmalen Hammer. Der Abbau von Dachschiefer war im Frankenwald über Jahrhunderte ein prägender Erwerbszweig; die Technik hat sich seit dem Mittelalter kaum verändert / © Foto: Georg Berg
Lachende Wanderinnen feiern mit roten Getränken und Wanderstöcken Am Berg Tettau Germany beim Frankenwald-Event
Wanderinnen stoßen am Skilift von Langenau mit Schnäpsen an. Zahlreiche Vereine und Privatpersonen betreiben auf der 45 Kilometer langen Strecke durch den Frankenwald Verpflegungs- und Erlebnisstationen / © Foto: Georg Berg
Mehrere Wanderer gehen auf einem Pfad durch grüne Landschaft Am Berg Tettau Germany
Im Winter geht es mit dem Skilift hoch, aber beim Wandermarathon sorgen alle selbst für den Schwung / © Foto: Georg Berg

Mittagessen und ein Dom im Wald

Bei Kilometer 19,5 wartet in Buchbach eine Pause. Freiwillige Helfer schöpfen heiße Suppe aus großen Töpfen, der Duft zieht durch den Dorfkern. Für einen Moment wird der Marathon zum Dorffest. Die Beine schmerzen, doch die Wanderer ignorieren sie.

Zahlreiche Besucher essen und trinken an Biertischen vor der markanten Kirche in der Laurentiusstraße, Steinbach am Wald, Germany
Mittagspause in Buchbach: Wanderer essen im Freien vor der St.-Laurentius-Kirche, dem sogenannten „Dom des Frankenwaldes“. Der vergrünte Kupferturm des 1971 errichteten Zentralbaus ist weithin sichtbar / © Foto: Georg Berg

Neben der Verpflegungsstation steht ein Bauwerk, das in einem Dorf überrascht: Die katholische Pfarrkirche St. Laurentius bekannt als „Dom des Frankenwaldes“. Der sechseckige Zentralbau mit seinem Pyramidendach und den zackigen Gauben symbolisiert die Dornenkrone Christi. Der 33 Meter hohe Turm erinnert an einen Nadelbaum. Der Darmstädter Architekt Gerhard Mantke entwarf die Kirche, die Gemeindemitglieder leisteten 40.000 freiwillige Arbeitsstunden. Mit ihrer Kupferverkleidung, die über die Jahre grün oxidierte, wirkt die Kirche wie ein Fremdkörper – und zugleich wie eine Hommage an die waldreiche Region.

Die moderne Kirche am Glasersteig Steinbach am Wald präsentiert farbenprächtige Buntglasfenster, eine Orgel und kreisförmige Sitzreihen
Der Innenraum der St.-Laurentius-Kirche in Buchbach: ein umlaufendes Buntglasfenster rahmt den kreisförmigen Kirchensaal, der Altar steht in der Mitte, die Orgelpfeifen greifen die Zackenform des Außendachs auf. Gemeinde und Priester versammeln sich im Kreis um den Altar – ein konsequentes Raumkonzept des Zweiten Vatikanischen Konzils / © Foto: Georg Berg

Entenangeln, neu interpretiert

Nicht jede Station erzählt von Geschichte oder Ökologie. An einem Bach auf halber Strecke sollten Wanderer Entenangeln spielen – ein Kinderspiel, bei dem Plastikenten aus dem Wasser gefischt werden. Doch Kinder, die den Aufbau beobachtet hatten, versteckten die Enten vor dem Start im Bach. Die Erwachsenen standen ratlos vor dem leeren Becken, während es aus den Büschen kicherte.

Zwei Jungen spielen mit gelben Quietscheentchen in einem Bach in Pressig Germany
Kinder spielen mit Plastikenten in einem Bach an der Strecke des 14. Frankenwald-Wandermarathons. An dieser Station war ursprünglich ein Entenangeln für die erwachsenen Wanderer vorgesehen / © Foto: Georg Berg

Solche Momente machen den Wandermarathon aus. Vereine, Familien, Feuerwehren und lokale Unternehmen gestalten die Stationen – mal aufwändig, mal schlicht, aber immer mit dem Ziel, den Wanderern Freude zu bereiten. Wer hier läuft, erlebt nicht nur Natur, sondern auch das gesellschaftliche Leben einer Region, die sich für einen Tag auf die Strecke stellt.

Wanderer passieren jubelnde Helfer und Kinder mit Süßigkeiten unter einem Willkommensbanner am Glasersteig, Steinbach am Wald
Kinder wissen am besten, wie wichtig Süßigkeiten sind. Für die Teilnehmer des Wandermarathons legen sie auch Samstags eine Begrüßungsschicht im Kindergarten ein / © Foto: Georg Berg

Obacht! Frankenwaldweiber

An der Dammbachsleite, bei Kilometer 36, übernehmen die Frankenwaldweiber aus Heislaberg das Kommando. In Kittelschürzen und Kopftüchern servieren sie Bier, Schnaps und „Wärscht“ und singen ihr eigenes Lied. Der Refrain „ritschibi“ bleibt nach drei Strophen unweigerlich im Kopf.

Eine ältere Frau präsentiert zwei Wanderern einen Weidenkorb auf einem Waldweg in Steinbach am Wald Germany
Die Frankenwälder Weiber aus Heislaberg betreiben seit Jahren eine der beliebtesten Erlebnisstationen des Wandermarathons. Sie massieren Waden, servieren Bier, Wurst und Hochprozentiges / © Foto: Georg Berg

Ein Liedblatt hängt an einem Baum. Diese Station ist keine improvisierte Verpflegung, sondern eine Institution. Erfahrene Wanderer kündigen sie schon auf den ersten Kilometern als Highlight an.

Frau mit CRAFT TRAIL Kappe und CRAZY RUNNERS Shirt hält Mönchshof Kellerbier in Steinbach am Wald während sie gefilmt wird
Christine wird an der Frankenwaldweiber-Station von einem Kamerateam des Bayerischen Fernsehens interviewt / © Foto: Georg Berg

Der Berg ruft

Am Ende zählt der Körper. 1.000 Höhenmeter klingen machbar, doch nach dem siebten Anstieg fühlen sie sich anders an. Der Frankenwald ist kein Hochgebirge, aber er ist auch kein flaches Terrain: Die Wege wechseln zwischen Forstpisten, Wiesenpfaden und steilen Steigen. Der Untergrund variiert von festem Boden über weiches Moos bis zu Bachquerungen.

Schild des Frankenwald Wandermarathons mit Bergillustration und Spruch 'Steigla berchnou' in KC 9 Pressig Germany
„Steigla berchnou!“ – fränkischer Dialekt für „Steil bergab“ – kündigt ein Streckenhinweis das nächste Wegstück an. Solche mundartlichen Wegweiser sind Teil des Streckenkonzepts, das lokale Eigenart bewusst in Szene setzt / © Foto: Georg Berg
Wandergruppe steigt einen grasbewachsenen Hang hinauf an der Kehlbacher Straße Ludwigsstadt Germany
Teilnehmer des 14. Frankenwald-Wandermarathons steigen einen grasbewachsenen Hang hinab. Die Strecke wechselt ständig zwischen Forstpisten, Wiesenpfaden und steilen Waldsteigen / © Foto: Georg Berg

Wer nicht mehr kann, ruft den Shuttle-Bus. An mehreren Punkten weisen Schilder auf die kostenlose Mitfahrgelegenheit hin. Das ist keine Niederlage, sondern Teil der Logistik. Manche steigen nach 30 Kilometern in den Bus, andere laufen die vollen 43 Kilometer. Beides ist richtig.

Blaue Toi Toi Miettoiletten mit Hinweisschildern für den Frankenwald Wandermarathon stehen in KC 19, Steinbach am Wald
Blaue Toi Toi Miettoiletten mit Hinweisschildern für den Frankenwald Wandermarathon und der Telefonnummer, mit der man den Shuttlebus rufen kann / © Foto: Georg Berg

Das Hochzeitspaar schafft die gesamte Strecke gemeinsam. Als ich sie zuletzt sehe, irgendwo auf einer blühenden Bergwiese kurz vor Steinbach, hat Christine ihre Wanderstöcke weggepackt.

Eine Braut und Wanderer gehen auf einem Pfad durch eine blühende Wiese Zur Aumühle Steinbach am Wald Germany
Mit einer Flasche Bier über die blühende Wiese. Der Hochzeitsstrauß liegt schon 40 Kilometer hinter ihnen / © Foto: Georg Berg

Was die Karte zeigt

Die Infografik mit GPS-Track, Höhenprofil und Tempokurve macht die Strecke anschaulich, die sich in den Beinen anders anfühlt als auf dem Papier. Der Start in Steinbach am Wald liegt auf 620 Metern über dem Meeresspiegel. Zunächst fällt die Strecke ins Haßlach-Tal auf 470 Meter ab, bevor sie gleichmäßig auf 712 Meter ansteigt – den höchsten Punkt am Rennsteig, der historischen Wasserscheide zwischen Bayern und Thüringen bei Kilometer 13. Danach geht es in Wellen hinunter auf 416 Meter, den tiefsten Punkt beim Floßteich südlich von Rothenkirchen. Die letzten 13 Kilometer führen kontinuierlich bergauf zurück nach Steinbach.

Meine Apple Watch misst 45,01 Kilometer und 1.142 Höhenmeter – drei Kilometer mehr als offiziell angegeben. Ein Unterschied, den ich mit beruflichen Umwegen für Fotos erklären kann.

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Die Recherche wurde unterstützt vom Frankenwald Tourismus Service Center in Kronach, bei dem es auch alle Informationen über den nächsten Wandermarathon gibt.

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Permalink der Originalversion: https://tellerrandstories.de/frankenwald-wandermarathon