Duisburg: Unterwegs im Revier

Duisburg ist echt – so wirbt das Duisburg Kontor, die städtische Marketinggesellschaft. Ihr Ziel ist ehrgeizig: Bis 2030 will Duisburg im weltweiten Städteranking mitspielen. Nicht nur im Ruhrgebiet, nicht nur in NRW – ganz oben. „Duisburg – Glück auf“, möchte man wünschen. Doch wer heute durch Duisburg streift, merkt schnell: Hier entsteht mehr als eine schick beleuchtete Industriekulisse. Kaum eine andere Stadt im Pott hat den Strukturwandel so konsequent betrieben wie Duisburg seit den 1990er-Jahren. 

Tasche mit Aufschrift „Ruhrpott Glück auf“, dem Gruß aller Bergleute / © Foto: Georg Berg
Ruhrpott ist Heimat: Tasche mit Aufschrift „Ruhrpott Glück auf“, dem Gruß aller Bergleute / © Foto: Georg Berg

Expedition Stahl

Wo einst Hochöfen glühten, entstehen heute Urban Trails durch die Stadt. Besucher treffen auf Künstler, Architekten, Designer und Macher. Die nächsten Schritte sind geplant: 2027 wird Duisburg Teil der Internationalen Gartenausstellung Ruhrgebiet – mit dem RheinPark, einer ehemaligen Industriebrache am Rhein. Doch das Herzstück des Wandels bleibt der Landschaftspark Duisburg-Nord. Über eine Million Menschen besuchen das Areal in Meiderich jedes Jahr. 

Blick auf einen Teil des Hochseilgartens „Expedition Stahl“. Zwischen zwei stillgelegten Hochöfen spannt sich in 55 Metern Höhe ein Parcours mit Seilen, Brücken und Plattformen über eine ehemalige Gießhalle. Er bietet Kletterspaß in Industriehöhe und endet mit Ausblick auf den Park / © Foto: Georg Berg
Blick auf einen Teil des Hochseilgartens „Expedition Stahl“. Zwischen zwei stillgelegten Hochöfen spannt sich in 55 Metern Höhe ein Parcours mit Seilen, Brücken und Plattformen über eine ehemalige Gießhalle / © Foto: Georg Berg

Monte Schlacko, Hochofen-Flöhe und Hollywood

Der Landschaftspark Duisburg-Nord ist das Paradebeispiel für den Strukturwandel. Hier wird der Weg vom Eisenerz zum Stahl zur Erlebnisroute. Besucher klettern im Hochseilgarten zwischen Türmen und Erzbunkern, tauchen im ehemaligen Gasometer durch Autowracks oder spazieren durch das weitläufige Gelände. Der Großteil des Areals besteht aus Grün- und Vegetationsflächen. Dazu zählen spontan gewachsene Wiesen, Brachen mit Pionierpflanzen und renaturierte Zonen. In den Pfützen eines alten Erzbunkers laicht die bedrohte Kreuzkröte, während im Nachbarbunker Jugendliche an steilen Betonwänden klettern. Nur 15 der 180 Hektar sind befestigt. Dazwischen ragen Relikte wie Hochöfen und Gleise als stählerne Akzente empor. Der Park ist rund um die Uhr frei zugänglich

Hochofen Nr. 5 war der letzte und modernste Hochofen des Thyssen-Hüttenwerks Meiderich. Er wurde 1973 in Betrieb genommen und produzierte Spezialroheisen aus Erz als Vorprodukt für Thyssens Stahlwerke. Als letzter wurde er am 4. April 1985 stillgelegt, nach nur 12 Jahren aufgrund von Stahlmarktkrisen / © Foto: Georg Berg
Hochofen Nr. 5 war der letzte und modernste Hochofen des Thyssen-Hüttenwerks Meiderich / © Foto: Georg Berg

Manuela Sass, Gästeführerin, lässt sich vom Starkregen nicht beirren. Begeistert erzählt sie von den Attraktionen des Parks, der seit seiner Eröffnung 1994 Bühne, Abenteuerspielplatz und Erinnerungsort zugleich ist. Filmteams lieben ihn – von Manta, der Film bis zum Hollywood-Prequel der Tribute von Panem. Führungen auf Hochofen 5 erinnern an die harte Arbeit der Stahlarbeiter. Sass steht am Fuchs, der Roheisen von Schlacke trennte, und schildert, wie Arbeiter zwölf Stunden am Hochofen standen – ihr Arbeitsschutz bestand aus Holzschuhen und einem Filzhut als Schutz vor den Hochöfen-Flöhen, den Funken. Hochofen 5, der modernste des Thyssen-Hüttenwerks, produzierte ab 1973 Spezialroheisen bei bis zu 2.000 Grad. 1985 wurde er stillgelegt – nach nur zwölf Jahren, Opfer der Stahlkrise.

Tourguide Manuela Sass an der Abstichstelle am Hochofen Nr. 5. Er war der letzte und modernste Hochofen des Thyssen-Hüttenwerks Meiderich. Er wurde 1973 in Betrieb genommen und produzierte Spezialroheisen aus Erz bei bis zu 2.000 °C – als Vorprodukt für Thyssens Stahlwerke. Als letzter wurde er am 4. April 1985 stillgelegt, nach nur 12 Jahren aufgrund von Stahlmarktkrisen / © Foto: Georg Berg
Tourguide Manuela Sass an der Abstichstelle am Hochofen Nr. 5 / © Foto: Georg Berg

Malocher am Werk

Duisburg war die Malocherstadt des Ruhrgebiets. Weiterhin ist es der weltgrößte Binnenhafen, Heimat des Landschaftsparks Duisburg-Nord und der zweitgrößten Ruhrgebietsattraktion nach der Zeche Zollverein. „Wir hatten keine Chance – aber wir haben sie genutzt“, sagt Kai A. Homann von Duisburg Kontor lachend. Tatsächlich: Die graue Kulisse mit rauchenden Schloten ist längst Geschichte. Der Landschaftspark und der Innenhafen stehen für gelungenen Strukturwandel. Weitere Viertel folgen. Duisburg hat gelernt, mit dem Erbe der Schwerindustrie umzugehen – das war nicht immer so. 

Duisburger Innenhafen mit Landesarchiv NRW. Es entstand ab 2008 durch Umbau eines historischen Speichers. Der Neubau kombiniert den denkmalgeschützten Speicher von 1936 mit einem 77 Meter hohen Archivturm und einem wellenförmigen 160 Meter langen orangefarbigen Anbau / © Foto: Georg Berg
Duisburger Innenhafen mit Landesarchiv NRW. Es entstand ab 2008 durch Umbau eines historischen Speichers. Der Neubau kombiniert den denkmalgeschützten Speicher von 1936 mit einem 77 Meter hohen Archivturm und einem wellenförmigen 160 Meter langen orangefarbigen Anbau / © Foto: Georg Berg

Merkator und die Altstadtmauer

Dass Duisburg Neues wagt und Altes verliert, zeigt ein anderes Kapitel: Wo einst Gerhard Mercators Haus stand, ist heute ein Lehrerparkplatz. Fehlentscheidungen gehören zur Geschichte einer Stadt. Doch Mercator, der Duisburg im 16. Jahrhundert zum Zentrum der Kartografie machte, wird an vielen Orten geehrt: Die Mercatorhalle trägt seinen Namen, ebenso eine Insel im Innenhafen. Damit hier nichts mehr schief läuft, wacht Markus Lüpertz’ monumentaler Kopf Das Echo des Poseidon von der Mercatorinsel, über den Hafen.

Duisburg hat eine der ältesten erhaltenen Stadtmauern in Deutschland. Die Stadtmauer schützte die Duisburger Altstadt seit dem 12. Jahrhundert und wurde bis ins 14. Jahrhundert erweitert. Ursprünglich etwa 2,5 Kilometer lang, umfasste sie Türme, Gräben und Tore wie das Stapeltor oder Marientor / © Foto: Georg Berg
Duisburg hat eine der ältesten erhaltenen Stadtmauern in Deutschland / © Foto: Georg Berg

Erstaunlich viele Meter der alten Stadtmauer sind erhalten. Seit dem 12. Jahrhundert schützte sie die Altstadt, wurde bis ins 14. Jahrhundert erweitert und umfasste Türme, Gräben und Tore. Während andere Städte ihre Mauern als Steinbruch nutzten, blieb Duisburgs Mauer aus Bequemlichkeit stehen, vermutet Stadtführer Frank Switala. Heute zählt sie zu den ältesten erhaltenen Stadtmauern Deutschlands. Sie wird geschickt in neue Projekte integriert: 2026 entsteht das Holzhafen-Quartier, ein weiteres Puzzlestück im Masterplan von Norman Foster. Wohnen, Gastronomie und Freizeit am Wasser – eingebettet in die historische Kulisse. 

Großbaustelle Holzhafen als neues Wohn- und Hotelquartier in Duisburg. Das Vorhaben nutzt einen ehemaligen Industrieplatz im Rahmen des langjährigen Masterplans von Norman Foster für den Innenhafen. Es verbindet Wohnen, Gastronomie und Freizeit am Wasser, integriert in die historische Kulisse mit Stadtmauer-Resten zwischen Altstadt und Hafenbecken / © Foto: Georg Berg
Großbaustelle Holzhafen als neues Wohn- und Hotelquartier in Duisburg / © Foto: Georg Berg

Strukturwandel vom Feinsten

Am Innenhafen zeigt Duisburg, wie man sich neu erfindet. Hier steht das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, ein imposanter fensterloser Backsteinbau, der 2014 eröffnet wurde. Auf 148.000 Regalmetern lagert das Gedächtnis des Landes. Duisburg bekam den Zuschlag eher unerwartet – gegen die Konkurrenz von Städten wie Köln oder Düsseldorf. Die Handschrift von Sir Norman Foster findet sich im gesamten Innenhafen. Architekt Nicholas Grimshaw setzte mit den Five Boats elegante Akzente und das Architektenbüro Herzog & de Meuron verwandelte die alte Küppersmühle in ein Museum mit Werken von Gerhard Richter, Anselm Kiefer und Georg Baselitz

Mehrere Boote liegen im Hafen vor modernen Bürogebäuden in Duisburg, Germany
Bürogebäude Five Boats des britischen Stararchitekten Nicholas Grimshaw von 2004. Er entwarf die fünf sechsgeschossigen Baukörper in Schiffsform, die mit ihrem Bug zum Hafen zeigen / © Foto: Georg Berg
Garten der Erinnerung (Altstadtpark) in Duisburg wurde vom israelischen Künstler Dani Karavan konzipiert (1996–1999). Er lässt Überreste ehemaliger Lagerhallen und Nachkriegsarchitektur stehen, umgewandelt in Aussichtstürme, Bühnen und Landschaftselemente mit Bergkiefern und Gleditschien – ein Symbol für Industriegeschichte und Erinnerung / © Foto: Georg Berg
Garten der Erinnerung (Altstadtpark) in Duisburg wurde vom israelischen Künstler Dani Karavan konzipiert (1996–1999) / © Foto: Georg Berg

Nicht weit entfernt liegt der Garten der Erinnerung, gestaltet vom israelischen Künstler Dani Karavan. Industriefragmente, Betonskelette und Symbole des Glaubens verschmelzen zu einer poetischen Landschaft. Er lässt Überreste ehemaliger Lagerhallen und Nachkriegsarchitektur stehen, umgewandelt in Aussichtstürme, Bühnen und Landschaftselemente mit Bergkiefern – ein Symbol für Industriegeschichte und Erinnerung. Die Neue Synagoge, entworfen von Zvi Hecker, wirkt wie ein aufgeschlagenes Buch. Sie dient der jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen mit über 2.800 Mitgliedern. 

Neue Synagoge Duisburg und der angrenzende Garten der Erinnerung im Innenhafen. Architekt Zvi Hecker entwarf das Konzept der Synagoge (1996–1999, eingeweiht 1999), die wie ein aufgeschlagenes Buch wirkt und Sternformen integriert. Sie dient der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen mit über 2.800 Mitgliedern / © Foto: Georg Berg
Neue Synagoge Duisburg und der angrenzende Garten der Erinnerung im Innenhafen von Architekt Zvi Hecker © Foto: Georg Berg

Duisburger Originale: Schimmi, Olga, Gerda

Im Stadtteil Duisburg-Ruhrort trifft man ihn wieder: Horst Schimanski, den legendären TV-Kommissar, der Duisburgs raue Seele verkörperte. In der Horst-Schimanski-Gasse serviert man bei Hübi die Currywurst mit Kultfaktor, und die Posse um das Schimanski-Denkmal ist längst Stadtgeschichte. Denn die Fans des fluchenden Ermittlers ließen nicht locker. Bis heute hängt das provisorische Straßenschild Schimmi-Gasse neben einer König-PIlsener-Laterne.

Provisorisches von Fans erstellte Straßenschild „Schimmi-Gasse“ hängt bis heute. Bevor die Horst-Schimanski-Gasse ein offizielles Straßenschild erhielt, gab es einen langjährigen Streit zwischen Fans und Stadtverwaltung. Die Gasse selbst (ursprünglich namenlos) wurde erst 2014 nach heftigen Streits benannt – gegen Widerstand der Stadtverwaltung wegen “fiktiver Figur” und Verwechslungsgefahr mit Fußballer Horst Szymaniak (“Schimmi”). Gestrickter Fuchs hängt am Fenster in der Schimmi-Gasse / © Foto: Georg Berg
Provisorisches von Fans erstellte Straßenschild „Schimmi-Gasse“ hängt bis heute in der Horst-Schimanski-Gasse / © Foto: Georg Berg

Bevor die Horst-Schimanski-Gasse 2014 ein offizielles Straßenschild erhielt, gab es einen langjährigen Streit zwischen Fans und Stadtverwaltung. Ein Fuchskopf hängt an einem Fenster in der Schimmi-Gasse und schaut verschmitzt auf das Treiben unter ihm. Seit 2022 blickt er auch auf eine Gedenkbüste für die fiktive Fernsehfigur.

Die Büste für Horst Schimanski in der gleichnamigen Gasse in Duisburg-Ruhrort wurde am 16. September 2022 aufgestellt. Künstlerin Carolin Höbing / © Foto: Georg Berg
Die Büste für Horst Schimanski in der gleichnamigen Gasse in Duisburg-Ruhrort wurde am 16. September 2022 aufgestellt. Künstlerin Carolin Höbing / © Foto: Georg Berg

Kneipenkult um Gerda und Olga

Ruhrort ist wie ein Brennglas der Welt, sagt Tourguide Frank Switala: Hier leben Arbeitslose neben Millionären, Katholiken neben Protestanten, Arbeiter neben Großindustriellen. Haniel hat hier bis heute den Firmensitz. Von Ruhrort steuert die Familien-Holding seit 1756 die Geschäfte. Haniel ist Gründungsmitglied der Initiative Ruhrort-Plus, die den Stadtteil bis 2029 klimaneutral machen will.

Das restaurierte historische Packhaus von 1756 beherbergt heute das Haniel Museum mit Originalräumen, Schriftstücken und Möbeln zur Firmengeschichte. Es öffnet für Besuchergruppen und zeigt den Wandel vom Hafenhandel zur Industriegruppe / © Foto: Georg Berg
Das restaurierte historische Packhaus von 1756 beherbergt heute das Haniel Museum mit Originalräumen, Schriftstücken und Möbeln zur Firmengeschichte. Es öffnet für Besuchergruppen und zeigt den Wandel vom Hafenhandel zur Industriegruppe / © Foto: Georg Berg

Ruhrort war einst das St. Pauli des Ruhrgebiets. 1959 gab es hier 125 Kneipen auf einer Fläche von neun Fußballfeldern. Heute sind es nur noch fünf. Eine davon, Alt-Ruhrort, diente als Schimanski-Drehort. Gerda Verbeck führte die Schifferkneipe 33 Jahre lang. Bis heute ist sie Treffpunkt für Einheimische – auch wenn Gerda vor einigen Jahren aus Altersgründen ihren Dienst hinterm Tresen eingestellte. Den Look der Kneipe mit Schiffer-Accessoires, Holzpaneelen und Frikadellen-Vitrine gibt es noch. Tante Olgas Etablissement, einst Treffpunkt für Matrosen, Musiker und Tänzer, ist dagegen Geschichte. Der Laden war Kneipe, Club und Rotlicht-Etablissment in einem. Schon den jungen Udo Lindenberg zog es ins Tante Olga. Olga, eine Frau mit Herz, half Bedürftigen und wurde 1986 von den Ruhrortern einem Staatsbegräbnis gleich zu Grabe getragen. Heute ist ihr ehemaliges Lokal ein unscheinbares Wohnhaus. 

Gaststätte "Alt Ruhort" mit Schildern und Dekorationen in Duisburg, Germany
Kneipe „Alt-Ruhrort“ am Neumarkt 3 von Gerda Verbeck. Sieht geschlossen aus, öffnet jedoch weiterhin ab nachmittags / © Foto: Georg Berg

Alles klar – mit Currywurst!

„Kommste vonne Schicht – wat schönret gibt et nich – als wie Currywurst!“ Herbert Grönemeyers Hymne auf die Currywurst lebt in Duisburg weiter. Ob bei Hübi in Ruhrort oder bei Peter Pomm in Marxloh: Hier stammt die Wurst vom Metzger, die Soße ist hausgemacht. Peter Pomm beansprucht sogar, die Currywurst 1938 erfunden zu haben. Ein Duisburg-Besuch ohne Currywurst? Möglich, aber nicht erstrebenswert. 

Tablett mit Currywurst in der Hafenkneipe Zum Hübi in Duisburg Ruhrort. Die Currysauce ist hausgemacht und die Spezialität des Hauses / © Foto: Georg Berg
Tablett mit Currywurst in der Hafenkneipe Zum Hübi in Duisburg Ruhrort. Die Currysauce ist hausgemacht und die Spezialität des Hauses / © Foto: Georg Berg

Duisburg, echt abwechslungsreich

Duisburg hat mehr Brücken als Venedig, die zweitgrößte Moschee Deutschlands und Europas Hochzeitshotspot mit 52 Brautmodenläden in einer Straße. Wasser, Stahl, Kunst, Currywurst – die Stadt liebt ihre Widersprüche. Und sie hat gelernt, aus Industriebrachen Geschichten zu machen. Echte Geschichten. Entdeckenswerte Geschichten.  

Die Recherche wurde von Duisburg Kontor unterstützt

Reise Themen auf Tellerrand-Stories

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