Duisburg ist echt – so wirbt das Duisburg Kontor, die städtische Marketinggesellschaft. Ihr Ziel ist ehrgeizig: Bis 2030 will Duisburg im weltweiten Städteranking mitspielen. Nicht nur im Ruhrgebiet, nicht nur in NRW – ganz oben. „Duisburg – Glück auf“, möchte man wünschen. Doch wer heute durch Duisburg streift, merkt schnell: Hier entsteht mehr als eine schick beleuchtete Industriekulisse. Kaum eine andere Stadt im Pott hat den Strukturwandel so konsequent betrieben wie Duisburg seit den 1990er-Jahren.

Expedition Stahl
Wo einst Hochöfen glühten, entstehen heute Urban Trails durch die Stadt. Besucher treffen auf Künstler, Architekten, Designer und Macher. Die nächsten Schritte sind geplant: 2027 wird Duisburg Teil der Internationalen Gartenausstellung Ruhrgebiet – mit dem RheinPark, einer ehemaligen Industriebrache am Rhein. Doch das Herzstück des Wandels bleibt der Landschaftspark Duisburg-Nord. Über eine Million Menschen besuchen das Areal in Meiderich jedes Jahr.

Monte Schlacko, Hochofen-Flöhe und Hollywood
Der Landschaftspark Duisburg-Nord ist das Paradebeispiel für den Strukturwandel. Hier wird der Weg vom Eisenerz zum Stahl zur Erlebnisroute. Besucher klettern im Hochseilgarten zwischen Türmen und Erzbunkern, tauchen im ehemaligen Gasometer durch Autowracks oder spazieren durch das weitläufige Gelände. Der Großteil des Areals besteht aus Grün- und Vegetationsflächen. Dazu zählen spontan gewachsene Wiesen, Brachen mit Pionierpflanzen und renaturierte Zonen. In den Pfützen eines alten Erzbunkers laicht die bedrohte Kreuzkröte, während im Nachbarbunker Jugendliche an steilen Betonwänden klettern. Nur 15 der 180 Hektar sind befestigt. Dazwischen ragen Relikte wie Hochöfen und Gleise als stählerne Akzente empor. Der Park ist rund um die Uhr frei zugänglich

Manuela Sass, Gästeführerin, lässt sich vom Starkregen nicht beirren. Begeistert erzählt sie von den Attraktionen des Parks, der seit seiner Eröffnung 1994 Bühne, Abenteuerspielplatz und Erinnerungsort zugleich ist. Filmteams lieben ihn – von Manta, der Film bis zum Hollywood-Prequel der Tribute von Panem. Führungen auf Hochofen 5 erinnern an die harte Arbeit der Stahlarbeiter. Sass steht am Fuchs, der Roheisen von Schlacke trennte, und schildert, wie Arbeiter zwölf Stunden am Hochofen standen – ihr Arbeitsschutz bestand aus Holzschuhen und einem Filzhut als Schutz vor den Hochöfen-Flöhen, den Funken. Hochofen 5, der modernste des Thyssen-Hüttenwerks, produzierte ab 1973 Spezialroheisen bei bis zu 2.000 Grad. 1985 wurde er stillgelegt – nach nur zwölf Jahren, Opfer der Stahlkrise.

Malocher am Werk
Duisburg war die Malocherstadt des Ruhrgebiets. Weiterhin ist es der weltgrößte Binnenhafen, Heimat des Landschaftsparks Duisburg-Nord und der zweitgrößten Ruhrgebietsattraktion nach der Zeche Zollverein. „Wir hatten keine Chance – aber wir haben sie genutzt“, sagt Kai A. Homann von Duisburg Kontor lachend. Tatsächlich: Die graue Kulisse mit rauchenden Schloten ist längst Geschichte. Der Landschaftspark und der Innenhafen stehen für gelungenen Strukturwandel. Weitere Viertel folgen. Duisburg hat gelernt, mit dem Erbe der Schwerindustrie umzugehen – das war nicht immer so.

Merkator und die Altstadtmauer
Dass Duisburg Neues wagt und Altes verliert, zeigt ein anderes Kapitel: Wo einst Gerhard Mercators Haus stand, ist heute ein Lehrerparkplatz. Fehlentscheidungen gehören zur Geschichte einer Stadt. Doch Mercator, der Duisburg im 16. Jahrhundert zum Zentrum der Kartografie machte, wird an vielen Orten geehrt: Die Mercatorhalle trägt seinen Namen, ebenso eine Insel im Innenhafen. Damit hier nichts mehr schief läuft, wacht Markus Lüpertz’ monumentaler Kopf Das Echo des Poseidon von der Mercatorinsel, über den Hafen.

Erstaunlich viele Meter der alten Stadtmauer sind erhalten. Seit dem 12. Jahrhundert schützte sie die Altstadt, wurde bis ins 14. Jahrhundert erweitert und umfasste Türme, Gräben und Tore. Während andere Städte ihre Mauern als Steinbruch nutzten, blieb Duisburgs Mauer aus Bequemlichkeit stehen, vermutet Stadtführer Frank Switala. Heute zählt sie zu den ältesten erhaltenen Stadtmauern Deutschlands. Sie wird geschickt in neue Projekte integriert: 2026 entsteht das Holzhafen-Quartier, ein weiteres Puzzlestück im Masterplan von Norman Foster. Wohnen, Gastronomie und Freizeit am Wasser – eingebettet in die historische Kulisse.

Strukturwandel vom Feinsten
Am Innenhafen zeigt Duisburg, wie man sich neu erfindet. Hier steht das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, ein imposanter fensterloser Backsteinbau, der 2014 eröffnet wurde. Auf 148.000 Regalmetern lagert das Gedächtnis des Landes. Duisburg bekam den Zuschlag eher unerwartet – gegen die Konkurrenz von Städten wie Köln oder Düsseldorf. Die Handschrift von Sir Norman Foster findet sich im gesamten Innenhafen. Architekt Nicholas Grimshaw setzte mit den Five Boats elegante Akzente und das Architektenbüro Herzog & de Meuron verwandelte die alte Küppersmühle in ein Museum mit Werken von Gerhard Richter, Anselm Kiefer und Georg Baselitz.


Nicht weit entfernt liegt der Garten der Erinnerung, gestaltet vom israelischen Künstler Dani Karavan. Industriefragmente, Betonskelette und Symbole des Glaubens verschmelzen zu einer poetischen Landschaft. Er lässt Überreste ehemaliger Lagerhallen und Nachkriegsarchitektur stehen, umgewandelt in Aussichtstürme, Bühnen und Landschaftselemente mit Bergkiefern – ein Symbol für Industriegeschichte und Erinnerung. Die Neue Synagoge, entworfen von Zvi Hecker, wirkt wie ein aufgeschlagenes Buch. Sie dient der jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen mit über 2.800 Mitgliedern.

Duisburger Originale: Schimmi, Olga, Gerda
Im Stadtteil Duisburg-Ruhrort trifft man ihn wieder: Horst Schimanski, den legendären TV-Kommissar, der Duisburgs raue Seele verkörperte. In der Horst-Schimanski-Gasse serviert man bei Hübi die Currywurst mit Kultfaktor, und die Posse um das Schimanski-Denkmal ist längst Stadtgeschichte. Denn die Fans des fluchenden Ermittlers ließen nicht locker. Bis heute hängt das provisorische Straßenschild Schimmi-Gasse neben einer König-PIlsener-Laterne.

Bevor die Horst-Schimanski-Gasse 2014 ein offizielles Straßenschild erhielt, gab es einen langjährigen Streit zwischen Fans und Stadtverwaltung. Ein Fuchskopf hängt an einem Fenster in der Schimmi-Gasse und schaut verschmitzt auf das Treiben unter ihm. Seit 2022 blickt er auch auf eine Gedenkbüste für die fiktive Fernsehfigur.

Kneipenkult um Gerda und Olga
Ruhrort ist wie ein Brennglas der Welt, sagt Tourguide Frank Switala: Hier leben Arbeitslose neben Millionären, Katholiken neben Protestanten, Arbeiter neben Großindustriellen. Haniel hat hier bis heute den Firmensitz. Von Ruhrort steuert die Familien-Holding seit 1756 die Geschäfte. Haniel ist Gründungsmitglied der Initiative Ruhrort-Plus, die den Stadtteil bis 2029 klimaneutral machen will.

Ruhrort war einst das St. Pauli des Ruhrgebiets. 1959 gab es hier 125 Kneipen auf einer Fläche von neun Fußballfeldern. Heute sind es nur noch fünf. Eine davon, Alt-Ruhrort, diente als Schimanski-Drehort. Gerda Verbeck führte die Schifferkneipe 33 Jahre lang. Bis heute ist sie Treffpunkt für Einheimische – auch wenn Gerda vor einigen Jahren aus Altersgründen ihren Dienst hinterm Tresen eingestellte. Den Look der Kneipe mit Schiffer-Accessoires, Holzpaneelen und Frikadellen-Vitrine gibt es noch. Tante Olgas Etablissement, einst Treffpunkt für Matrosen, Musiker und Tänzer, ist dagegen Geschichte. Der Laden war Kneipe, Club und Rotlicht-Etablissment in einem. Schon den jungen Udo Lindenberg zog es ins Tante Olga. Olga, eine Frau mit Herz, half Bedürftigen und wurde 1986 von den Ruhrortern einem Staatsbegräbnis gleich zu Grabe getragen. Heute ist ihr ehemaliges Lokal ein unscheinbares Wohnhaus.

Alles klar – mit Currywurst!
„Kommste vonne Schicht – wat schönret gibt et nich – als wie Currywurst!“ Herbert Grönemeyers Hymne auf die Currywurst lebt in Duisburg weiter. Ob bei Hübi in Ruhrort oder bei Peter Pomm in Marxloh: Hier stammt die Wurst vom Metzger, die Soße ist hausgemacht. Peter Pomm beansprucht sogar, die Currywurst 1938 erfunden zu haben. Ein Duisburg-Besuch ohne Currywurst? Möglich, aber nicht erstrebenswert.

Duisburg, echt abwechslungsreich
Duisburg hat mehr Brücken als Venedig, die zweitgrößte Moschee Deutschlands und Europas Hochzeitshotspot mit 52 Brautmodenläden in einer Straße. Wasser, Stahl, Kunst, Currywurst – die Stadt liebt ihre Widersprüche. Und sie hat gelernt, aus Industriebrachen Geschichten zu machen. Echte Geschichten. Entdeckenswerte Geschichten.
Die Recherche wurde von Duisburg Kontor unterstützt