Am 20. Juni 1995 standen im Großen Sendesaal des WDR in Köln zwei junge Männer auf der Bühne. Sie trugen futuristische Brillen, eigens für diesen Abend entworfen. Henry Schmidt und Benjamin Seide, Filmstudenten aus Ludwigshafen und Saarbrücken, hatten gerade 14.000 Deutsche Mark (rund 7.200 Euro, damals ein guter Jahresstudentenlohn) und ein dreimonatiges Stipendium bei der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung gewonnen – für ein Konzept, das das Fernsehen der Zukunft beschreiben sollte.
Der Preis hieß Cyberstar. Heute erinnert sich kaum jemand daran. Dieser Text will das ändern.

1994: Ein Blick zurück
Bevor die Geschichte beginnt, ein kurzer Blick auf die Zeit, in der sie entstand. Wer sie nicht selbst erlebte, dem fehlt der Maßstab.
Es gibt keine Smartphones, keine Apps. Fotografiert wird analog. Digitalfotografie existiert, ist aber selten und liefert Auflösungen, die heute kein Handy akzeptieren würde. Ins Internet gelangt man per Modem über die Telefonleitung. Während der Verbindung bleibt die Leitung besetzt – niemand kann anrufen. Eine Website mit drei Bildern lädt länger als eine Minute.
Das Netz ist kein Web, sondern ein Labyrinth namens Gopher – ein textbasiertes Menüsystem, das an den Zettelkasten einer Universitätsbibliothek erinnert. Man navigiert durch Ordner, ohne Suchmaschine. Adressen kennt man, weil man sie aus Mailinglisten abgeschrieben hat. Das World Wide Web existiert seit drei Jahren, doch die meisten wissen nichts davon. Der Mosaic-Browser, der erstmals Text und Grafiken kombiniert, kursiert seit einem Jahr in Universitäten. Netscape Navigator, der das Web populär machen wird, erscheint im Dezember 1994. Den Internet Explorer gibt es noch nicht.
Wer heute „Cyberstar“ googelt, findet IT-Sicherheitsfirmen. Das Wort „Cyber“ hat seine Bedeutung verändert: von Zukunftsvision zu Bedrohung. Damals stand es für das Gegenteil von Angst. Kybernetik ist die Wissenschaft der Feedback-Mechanismen.
Drei Welten, die sich fremd waren
Die vernetzte Welt hatte ein Problem – oder besser: drei. Broadcast-Fernsehen, Telekommunikation und Computer existierten nebeneinander, ohne sich zu verstehen. Jede Welt sprach ihre eigene Sprache, folgte ihrer eigenen Logik.
Georg Berg leitete damals das Referat Technische Information beim WDR. Weil die Einheit zur Öffentlichkeitsarbeit wechselte, konnte er redaktioneller arbeiten. Georgs Beobachtung zuvor in der Technischen Direktion: Erfinder entwickeln oft, was sich leicht erfinden lässt – nicht unbedingt, was gebraucht wird. Was, wenn man die Kreativität der drei Welten nicht durch Planung, sondern durch einen offenen Wettbewerb bündelte? Eine Schwarmintelligenz, die Ideen hervorbringt, die kein einzelner Bereich allein entwickeln könnte.
Im WDR stieß die Idee zunächst auf wenig Interesse. Doch Knut Fischer, Fernsehkulturredakteur, verstand sie. Obwohl von Krankheit gezeichnet, ließ er sich nicht bremsen. Gemeinsam entwickelte er mit mir den Cyberstar. Der Name war Programm: ein Gegenentwurf zum Telestar, dem etablierten Fernsehpreis, der ARD- und ZDF-Produktionen bevorzugte. Der Telestar war eine glamouröse Gala mit Prominenten, Live-Auftritten und Branchen-Selbstbeweihräucherung. Der Cyberstar sollte das Gegenteil sein: kein Preis für das bestehende Fernsehen, sondern für das Fernsehen der Zukunft. Keine Gala für Etablierte, sondern ein Wettbewerb für Ideen. Die Jury sollte unabhängig urteilen, die Teilnehmer als Ideengeber respektiert werden. Der Cyberstar war eine Aufforderung zur Vision in eine Medienzukunft, die bis dahin in ihrer Dimension von vielen geahnt und ertastet, aber noch von niemandem wirklich gesehen wurde.
Wer Knut Fischer kannte und sich an diese Zeit erinnert, möge sich melden: 1995@tellerrandstories.de.

Der Wettbewerb und die Einreichungen
Am 28. März 1995 unterzeichneten WDR und GMD den Kooperationsvertrag. Das Preisgeld: 35.000 DM (rund 18.000 Euro), finanziert vom WDR. Die GMD stellte dem Erstplatzierten ein dreimonatiges Arbeitsstipendium zur Verfügung.
Der Wettbewerb wurde früh und international beworben. Bereits im Februar 1995 präsentierten wir den Cyberstar auf der Imagina in Monte-Carlo, dem führenden europäischen Festival für Computergrafik und interaktive Medien. Eine gemeinsame Presseerklärung von GMD, WDR und dem französischen Institut National de l’Audiovisuel machte den Wettbewerb bekannt. Die Resonanz überraschte: Die ersten Bewerbungen kamen aus den USA, nicht aus Deutschland.
Am Ende lagen 88 Videoexposés vor – eingereicht auf Videokassetten, per Post. Sie kamen aus Deutschland, den USA, Kanada, Frankreich, Großbritannien, Spanien, den Niederlanden, Österreich, der Schweiz, Belgien, Tschechien und anderen Ländern. Die Einreichungen reichten von interaktiven Bühneninstallationen über telematische Skulpturen bis zu frühen Internetprojekten.
Unter den Teilnehmern war das Schweizer Kollektiv etoy, das mit seinem INTERNET-TANK eines der frühesten dokumentierten Projekte einreichte. Das Kölner Kollektiv Knowbotic Research präsentierte Dialogue with the Knowbotic South, später zweifach ausgezeichnet beim Prix Ars Electronica. Der Kanadier Luc Courchesne zeigte Family Portrait, eine interaktive Installation. David Rokeby und Paul Sermon reichten ebenfalls wegweisende Arbeiten ein. Rafael Lozano-Hemmer und Will Bauer präsentierten The Trace, ein Werk über Telepräsenz und digitale Körpererweiterung.
Waren Sie einer der 88 Einreicher? Haben Sie noch Unterlagen oder das damalige Videoexposé? Schreiben Sie: 1995@tellerrandstories.de.
Die Jury und ihre Entscheidung
Vom 22. bis 24. Mai 1995 traf sich die Jury in Schloss Birlinghoven, dem Sitz der GMD. Sie sichtete die Videokassetten und machte handschriftliche Notizen. Keine Suchmaschine, keine Datenbank, kein Server.



Die fünf Jurymitglieder waren so ausgewählt, dass sie die drei Welten des Wettbewerbs repräsentierten – Kunst, Medientheorie und die Praxis des Machens. Keiner von ihnen war der Logik eines deutschen Fernsehsenders verpflichtet.
Jill Scott kam aus der Praxis interaktiver Installationen. In einer Zeit, in der Computerkünstler oft entweder Techniker oder Konzeptualisten waren, verband sie beides: den Körper im Raum, die Maschine, das Narrativ. Als Künstlerin am ZKM Karlsruhe, dem damals führenden Zentrum für Medienkunst in Deutschland, kannte sie die Spannungsfelder zwischen künstlerischem Experiment und institutionellen Erwartungen. Sie wusste, was umsetzbar war – und was nur so klang.
Valie Export galt damals als eine der radikalsten Medienkünstlerinnen Europas. Seit den sechziger Jahren nutzte sie den menschlichen Körper als Medium, thematisierte Überwachung und Identität im öffentlichen Raum und prägte Video als Kunstform. Als Professorin an der Hochschule der Künste Berlin vertrat sie eine Tradition, die Fernsehen nicht als Unterhaltungsgerät, sondern als Machtinstrument begriff – und als Ort, an dem sich diese Macht brechen ließ.
Derrick de Kerckhove, enger Mitarbeiter von Marshall McLuhan, übersetzte dessen Werk ins Französische und führte es als Leiter des McLuhan Institute in Toronto weiter. McLuhan interessierte am Fernsehen, wie es als „erweitertes Nervensystem“ nicht nur Inhalte transportiert, sondern Denkweisen formt. De Kerckhove übertrug diese Idee auf das entstehende Internet. Für den Cyberstar brachte er die Frage mit: Wie verändert ein neues Medium das Bewusstsein seiner Nutzer?
John Thackara leitete seit 1993 das Niederländische Design Institut in Amsterdam. Diese Institution kümmerte sich nicht um Produktgestaltung, sondern um die gesellschaftlichen Folgen technologischer Entscheidungen. Thackara sah Fernsehen nicht als Medium, sondern als Infrastruktur: Wer entscheidet, wer sendet? Wer gestaltet die Erfahrung? Welche sozialen Folgen hat die Technik? Seine handschriftlichen Notizen aus Birlinghoven spiegeln diese Fragen wider.
Peter Krieg, Dokumentarfilmer, Regisseur und künstlerischer Leiter des High Tech Center Berlin-Babelsberg, dachte in Geschichten und Produktionen. Er fragte, was von einem Konzept übrig blieb, wenn man es umsetzte, und was ein reales Fernsehpublikum damit anfangen konnte. Krieg war der Pragmatiker der Jury, der auf Machbarkeit und Reichweite pochte. Er starb 2009.
John Thackara schrieb: Keine Einreichung löse die Aufgabe, neue Fernsehformen zu schaffen, vollständig. Doch vier Arbeiten ragten heraus.
Erster Preis: Paramatrix von Henry Schmidt und Benjamin Seide. Eine offene Interface-Architektur, die wie ein virtueller Organismus wächst und das Internet auf dem Fernsehschirm navigierbar macht. Jill Scott lobte den intelligenten, humorvollen Ansatz.
Zweite Preise: The Venus Home Page von Lynn Hershman Leeson, Neighbourhood Works von Dan Northrup und The Trace von Rafael Lozano-Hemmer und Will Bauer. (Eine Installation von Lozano-Hemmer fanden wir Jahrzehnte später im Foyer eines polnischen Hotels.)
Eine Ehrenmeldung erhielt The CyberSphinx von Catherine Ikam und Louis Fléri.
Erinnerungen an die Jurysitzung? Schreiben Sie: 1995@tellerrandstories.de.
Die Preisverleihung
Am 20. Juni 1995, 18.30 Uhr, im Großen Sendesaal des WDR. Über 600 Gäste. WDR-Fernsehdirektor Jörn Klamroth erklärte, der Cyberstar solle über dem Cyberspace leuchten und die Richtung weisen.
Henry Schmidt und Benjamin Seide trugen die futuristischen Brillen des Künstlers Parzival. Statt einer Showband spielte eine dreiköpfige Combo. Die Medienforumzeitung schrieb: „Erstmals wurde im WDR der ‚Cyberstar‘ für die Entwicklung interaktiver Fernsehkonzepte vergeben.“
Auch die musikalische Begleitung unterstrich den Gegenentwurf zum Telestar. Statt Showband und Starauftritten spielte eine dreiköpfige Combo – Flügel, Schlagzeug, Tänzer – unter dem Namen Mike Herting & Partner. Wer dabei war, erinnert sich noch daran.
Wer war dabei und hat Fotos, Notizen, Erinnerungen? Schreiben Sie: 1995@tellerrandstories.de.
Was der Cyberstar voraussah
Die Preisträgerprojekte von 1995 wirken heute wie eine Landkarte der Zukunft. Paramatrix antizipierte personalisierten Medienkonsum. The Venus Home Page dachte über Identität im Netz nach, lange vor Social Media. Neighbourhood Works träumte von digitaler Gemeinschaft, bevor Facebook und Twitter kamen. The Trace erforschte Telepräsenz – ein Thema, das heute mit Remote Work und virtueller Realität Alltag ist.
Der Unterschied zwischen dem, was der Cyberstar sich vorstellte, und dem, was wurde: Die Konzepte von 1995 dachten in Richtung Ermächtigung: Mehr Möglichkeiten für Kreative, mehr Stimmen für Communities, mehr Werkzeuge für den einzelnen Menschen.
Doch die Realität folgte anderen Regeln. Der Cyberstar fragte: Was sollte gebaut werden? Der Markt antwortete: Was bringt Geld?
Ein Archiv, das fast verloren ging
Ich schreibe diesen Text mit einem Archiv vor mir: Faxe, Protokolle, Notizen, Verträge, Flyer. Fotos vom Abend? Keine. 1995 dachte kaum jemand daran, Erlebnisse digital zu dokumentieren. Fotografiert wurde analog, und wer eine Kamera dabei hatte, war die Ausnahme. Das Web war zu neu, um als Gedächtnis zu dienen.
1998 gab es eine zweite Ausgabe des Cyberstar, diesmal unter dem Titel Shared Visions. Doch die erste war die radikalere: Sie fand statt, bevor Institutionen das Thema kanonisierten.
Knut Fischer, ohne den der erste Cyberstar nicht entstanden wäre, erlebte die zweite Ausgabe nicht mehr.
Was wir nicht wissen
Dieser Artikel basiert auf dem persönlichen Archiv von Georg Berg und ist der Anfang einer Suche. Was wurde aus den Künstlern? Was erinnern die Teilnehmer? Gibt es Fotos vom Abend? Wenn Sie dabei waren, schreiben Sie: 1995@tellerrandstories.de. Der Cyberstar lebte von Schwarmkreativität. Die Erinnerung daran auch.