Made in Chicago: Snacks & Sweets

Schon mal von Original Beef of Chicagoland gehört? Dieses Lokal im Stadtteil River North ist berühmt für seine italienischen Rindfleisch-Sandwiches, für seine chaotische Küchencrew und seinen talentierten Chef, der aus der runtergekommenden Sandwichbude seines Bruders ein Sternelokal machen will. Dies sind die Zutaten der erfolgreichen Fernsehserie, die Anfang 2024 mit mehreren Emmy Awards ausgezeichnet wurde. Auch wenn The Bear: King of the Kitchen erfunden ist, die Serie ist doch eine gute Einstimmung auf das Reiseziel Chicago. Die Skyline von Chicago, die ratternde Hochbahn Chicago Elevated und der Chicago River sind genauso präsent, wie die vielfältige Gastronomie der Stadt am Michigansee. In Chicago gibt es Sternerestaurants, Delis mit internationalen Spezialitäten, Bäckereien mit einer großartigen Auswahl und sogar Mr. Beef of Orleans, jene Sandwichbude, die als Vorbild für die Fernsehserie diente. In Chicago muss niemand in den Fast-Food-Ketten essen, die es auf der ganzen Welt gibt. Für kulinarische Abwechslung ist gesorgt.

Blick auf die Hochhäuser in Downtown Chicago und den Michigansee / © Foto: Georg Berg
Blick auf die Hochhäuser in Downtown Chicago und den Michigansee / © Foto: Georg Berg

Der Chicago-Mix – Garrett Popcorn seit 1949

Das erste Mal fielen sie mir auf der Michigan Avenue auf: Passanten trugen elegante Tüten mit blauen Streifen und einem goldenen Schriftzug in der Mitte. Ich dachte an ein Juweliergeschäft oder eine angesagte Parfümerie. Dass all diese Menschen Popcorn eingekauft hatten, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Garrett Popcorn gibt es seit 1949 in Chicago. Der Flagshipstore befindet sich auf der Michigan Avenue zwischen dem Millenium Park und der DuSable Brücke. 1949 brachte eine Hausfrau aus Milwaukee ihre Familienrezepte nach Chicago. Nach diesen Rezepten wird das Gourmet Popcorn noch heute täglich frisch und in kleinen Mengen hergestellt. Im Jahr 1977 wurden die beiden beliebtesten Sorten, CaramelCrisp und CheeseCorn, zu einem Chicago Mix vereint. Die Kunden hatten oft eine zusätzliche, leere Tüte verlangt, um das im Kupferkessel zubereitete Karamell-Popcorn und das Käsepopcorn mit echtem Käse, miteinander mischen zu können. Es gibt mehrere Garrett-Filialen in Downtown Chicago. Vor dem Eingang bildet sich nicht immer eine Schlange, sodass man schnell selbst zu einem dieser Passanten werden kann, die mit einer eleganten Tüte durch die Straßen laufen oder auf einer Parkbank sitzend Gourmet-Popcorn knabbern. Allerdings sind die Preise mittlerweile auch gourmethaft. Während eine Tüte Popcorn in den 1950er Jahren 5 Cent kostete, zahlt man heute für eine mittlere Portion Chicago-Mix acht Dollar.

Im Flagshipstore Garrett Popcorn auf der Michigan Avenue in Chicago. Popcorn nach Familienrezept seit 1949. Berühmt ist die Mischung mit Karamell-Popcorn und Cheddarcheese Popcorn / © Foto: Georg Berg
Im Flagshipstore von Garrett Popcorn auf der Michigan Avenue in Chicago / © Foto: Georg Berg

Bertha Palmer und die Erfindung des Brownie

Bertha Palmer war Geschäftsfrau, Mäzenin, Philantrophin und Ehefrau von Potter Palmer, einem der wohlhabendsten Geschäftsmänner Chicagos im 19. Jahrhundert. Zur Hochzeit schenkte er seiner 23 Jahre jüngeren Frau Bertha Honoré ein Hotel. Genauer gesagt, schenkte er es ihr zweimal, denn das erste Palmer House Hotel brannte 1871 nur 13 Tage nach der Eröffnung im großen Feuer von Chicago ab. Für den Neubau lieh sich Potter Palmer die Rekordsumme von 1,7 Millionen Dollar. Das war damals der höchste Kredit, der jemals einer Privatperson gewährt wurde. Bereits 1873 wurde das luxuriöse Hotel wiedereröffnet. Seitdem hält das Palmer House weitere Rekorde. Es war das erste Hotel in Chicago mit Aufzügen und das erste Hotel mit elektrischen Glühbirnen und Telefonen in den Gästezimmern. Es gehört zu den Historic Hotels of America und gilt, abgesehen von einer kurzen Pause während der Covid-19-Pandemie, als das am längsten ununterbrochen betriebene Hotel Nordamerikas.

Großer Salon im Palmer House, Chicago. Obwohl das Hotel als das am längsten ununterbrochen betriebene Hotel Nordamerikas bezeichnet wird, wurde es im März 2020 aufgrund der COVID-19-Pandemie geschlossen und am 17. Juni 2021 wiedereröffnet / © Foto: Georg Berg
Lockwood Lobby Bar im Palmer House, Chicago. Das Hotel war ein Hochzeitsgeschenk von Potter Palmer an seine Frau Bertha. Hochzeiten werden hier heute noch gerne gefeiert / © Foto: Georg Berg

Queen of Chicago

Zurück zu Bertha Palmer, über die sich weitaus mehr erzählen lässt, als diese kleine Episode über ein Gebäckstück. Bertha Palmer nutze ihre soziale Stellung, um die Rechte der Frauen zu stärken. Sie war Mitglied im Chicago Woman’s Club, dem sowohl Frauen der Oberschicht als auch der Arbeiterklasse angehörten. Sie setzten sich für die Idee der Kindergärten ein, bis die Stadt diese als Teil des Schulsystems einführte. Bertha Palmer half auch bei der Gründung einer Gewerkschaft und organisierte einen Streik. Sie vermittelte zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmer, engagierte sich für Kranken- und Armenhäuser und war eine der ersten Frauen, die Charity-Bälle veranstaltete. Als Mäzenin kaufte sie in Europa Gemälde von Monet und Renoir, noch bevor Impressionisten in Europa anerkannt waren. Auf der Chicago Weltausstellung 1893 bot sie den jungen Impressionisten eine Bühne und stellte ihre Werke in einem Kunstpavillon aus. Sie war Vorsitzende des Board of Lady Managers der World’s Columbian Exposition und setzte den Bau eines großen Pavillons für Frauen durch, um ein Bewusstsein für die Leistungen der Frauen zu schaffen. In den Pavillons der einzelnen US-Bundesstaaten fanden zudem Ausstellungen zu frauenspezifischen Themen statt. 

Der Brownie wurde Ende des 19. Jahrhunderts in der Küche des Palmer House auf Anweisung von Bertha Palmer für die Columbian Exposition World's Fair von 1893 kreiert. Er ist nach wie vor eine der beliebtesten Süßspeisen im Hotel und kann im Salon bestellt werden oder zum Mitnehmen in einem kleinen Shop in der ersten Etage gekauft werden / © Foto: Georg Berg
Der Brownie wurde Ende des 19. Jahrhunderts in der Küche des Palmer House auf Anweisung von Bertha Palmer für die Columbian Exposition World’s Fair von 1893 kreiert / © Foto: Georg Berg

Für die Chicago Weltausstellung gab Bertha Palmer eine Süßspeise in der Küche des Hotels in Auftrag. Sie benötigte für die vielen Empfänge im Rahmen der Weltausstellung eine leicht zu handhabende Süßspeise aus hochwertigen Zutaten. Der Palmer House Brownie wird bis heute nach Originalrezept im Hotel angeboten. Man kann ihn wahlweise im prunkvollen Salon bei einer Tasse Kaffee genießen oder in der ersten Etage in einem kleinen Geschäft zum Mitnehmen kaufen. Der Brownie ist nach wie vor eine der beliebtesten Süßspeisen des Hotels. Bertha Palmer wäre vermutlich not amused, dass sie, die erfolgreiche Geschäftsfrau, Mäzenin und Frauenrechtlerin im Palmer House Hotel vor allem mit einem Stück Kuchen in Verbindung gebracht wird.

Goldene Aufzüge im Palmer House, gebaut 1873. Das Palmer House war das erste Hotel in Chicago mit Aufzügen. Hier beleuchtete Hinweistafel mit Werbung für das berühmte Gebäck, den von Bertha Palmer erfundenen Brownie / © Foto: Georg Berg
Goldene Aufzüge im Palmer House. Die beleuchtete Hinweistafel mit Werbung für das berühmte Gebäck, den Palmer House Brownie / © Foto: Georg Berg

The Berghoff Restaurant und Bar

Das Restaurant Berghoff in der Adams Street in Downtown Chicago erhielt 1999 den James Beard Foundation Award in der Kategorie America’s Classics. Diese Auszeichnung ehrt legendäre Familienrestaurants in den USA. Natürlich reist man als Europäer nicht nach Chicago, um dort einen deutschen Sauerbraten oder ein Wiener Schnitzel zu essen. Beide Gerichte sind Klassiker auf der Speisekarte des Berghoff’s.

Klassiker aus dem Restaurant Berghoff, Chicago. Sauerbraten mit Kartoffelpüree. Das Restaurant wurde 1898 als Saloon eröffnet, aber während der Prohibition, als der Ausschank von Alkohol verboten war, wurde es für seine typisch deutsche Küche bekannt, wie Sauerbraten, Wiener Schnitzel, Rahmspinat und Apfelstrudel / © Angela Berg
Klassiker aus dem Restaurant Berghoff, Chicago. Sauerbraten mit Kartoffelpüree / © Angela Berg

Das Restaurant wurde 1898 von dem Deutschen Herman Joseph Berghoff als Saloon eröffnet und musste sich während der Prohibition von 1920 bis 1933 neu erfinden. Das landesweite Alkoholverbot, auch bekannt als Noble Experiment, verwandelte den Saloon in ein Restaurant. Von nun an servierten Keller ohne Notizblock, aber mit einem beeindruckenden Gedächtnis für die Bestellungen ihrer Gäste typisch deutsche Gerichte wie Sauerbraten, Wiener Schnitzel, Rahmspinat oder Apfelstrudel.

Gastraum mit Braukessel im Restaurant Berghoff in der 17 West Adams Street, nahe dem Zentrum des Chicago Loop. Es wurde 1898 von Herman Joseph Berghoff eröffnet und ist zu einer Institution in Chicago geworden. Im Jahr 1999 wurde das Berghoff mit dem James Beard Foundation Award in der Kategorie "America's Classics" ausgezeichnet, mit dem legendäre Familienrestaurants im ganzen Land geehrt werden / © Foto: Georg Berg
Gastraum mit Braukessel im Restaurant Berghoff in der 17 West Adams Street / © Foto: Georg Berg

Brauhaus mit großer Bierkarte

Das Restaurant und Brauhaus sind einen Besuch wert. Die Qualität der Biere ist hervorragend. Im Berghoff kann man sich durch eine Vielzahl an Bierspezialitäten aus aller Welt probieren. Die deutschen Wurzeln der Brauerei spiegeln sich auch in der Bierkarte wider. Zur Auswahl stehen unter anderem Münchner Dunkel, Hubert’s Hefeweizen, Kölsch sowie Kellerbier und sogar ein saisonales Oktoberfestbier. Die Bierkarte der Brauerei in der Adams Street gibt auch Auskunft über den Alkoholgehalt und die Bittereinheit (IBU) jedes Bieres. Die Kellner sind vom Fach und helfen bei der Auswahl der Biersorten. An der Theke fällt der Blick auf eine historische Schanklizenz. Nach dem Ende der Prohibition 1933 sicherte sich die Familie Berghoff die Lizenz als Retail Beverage Dealer mit der Nummer 1.

Lizenz Nummer 1 von 1935, City of Chicago. Nach der Prohibition erhielt das Restaurant Berghoff mit der Adams Brauerei  in 17 West Adams Street mit der Adams Brauerei die erste Schanklizenz / © Foto: Georg Berg
Lizenz Nummer 1, auch aus dem Jahr 1933, dem Ende der Prohibition / © Foto: Georg Berg

Die Recherche wurde von Choose Chicago unterstützt

Food Themen auf Tellerrand-Stories

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