Charlevoix: Steinreich und schön

Charlevoix im Nordwesten von Michigan liegt an drei Seen. Wasser spielt in Charlevoix also eine große Rolle. Sandstrände, Promenaden, Hafenbecken mit Segelbooten, ein Kanal mit Hebebrücke, Fischhändler und ein knallroter Leuchtturm sorgen für eine üppige maritime Kulisse. Kleine Boutiquen, Cafés und Restaurants ergänzen das Bild und machen Charlevoix zu einem beliebten Ferienort am Michigansee.

Stafford's Weathervane Terrace Restaurant am Round Lake Kanal. Charlevoix, Michigan, Vereinigte Staaten / © Foto: Georg Berg
Stafford’s Weathervane Terrace Restaurant am Round Lake Kanal ist nach einem Entwurf von Earl A. Young gebaut / © Foto: Georg Berg

Charlexoix liegt 80 Kilometer nördlich von Traverse City. Weitere 80 Kilometer nördlich schwingt sich bereits Mighty Mac, die 8 Kilometer lange und ikonische Brücke hinüber zur Upper Peninsula von Michigan. Wer Michigan mit dem Auto bereist und auf dem Weg nach Norden ist, sollte in Charlevoix halt machen. Die Stadt nennt sich selbstbewusst The Beautiful. Auch wenn Schönheit im Auge des Betrachters liegt, lässt sich über Charlevoix zweifellos eines sagen: dieser Ort ist steinreich. Und das aus gleich zwei Gründen.

Petoskey Steine wurden erstmals im Ort Petoskey, Michigan gefunden. Auch am Strand von Charlevoix findet man den Stein, der aus versteinerten Korallenskeletten besteht. Feuchtet man den Stein an, so wird ein wabenförmiges Muster sichtbar / © Foto: Georg Berg
Petoskey Steine wurden erstmals im Ort Petoskey, Michigan gefunden. Auch am Strand von Charlevoix findet man den Stein, der aus versteinerten Korallenskeletten besteht. Feuchtet man ihn an, so wird ein wabenförmiges Muster sichtbar / © Foto: Georg Berg

Petoskey-Steine am Strand von Charlevoix

Wenn es Wappensteine gäbe, wäre der Petoskey-Stein wohl der Wappenstein von Michigan. Diesen Stein mit seinem markanten hektagonalen Muster ist am Strand von Charlevoix zu finden. Der Petoskey-Stein ist ein Kalksandstein mit Ablagerungen versteinerter Korallen auf der Oberfläche. Das Muster erkennt man besonders gut, wenn der Stein nass ist und die Exoskelletkammern der Koralle sichtbar werden. Die Petoskey-Steine wurden erstmals in Petoskey, nur 17 Kilomenter entfernt von Charlevoix, gefunden. Weniger bekannt ist der Charlevoix-Stein, dessen wabenförmiges Muster kleiner ist.

Stürmischer Tag am Strand von Charlevoix mit Charlevoix South Pier Leuchtturm im Hintergrund / © Foto: Georg Berg
Stürmischer Tag am Strand von Charlevoix mit Charlevoix South Pier Leuchtturm im Hintergrund / © Foto: Georg Berg

Die Petoskey-Steine sind schätzungsweise 350 Millionen Jahre alt. Nach stürmischen Tagen mit hohen Wellen ist die Chance schöne Exemplare zu finden besonders groß. Man kann die Steine entlang der Küste ab Leelanau und Old Mission Peninsula bis nach Petoskey finden. Um die Wabenstruktur besser sichtbar zu machen, werden die Steine mit feinem Sandpapier poliert. Wer am Strand kein Glück hat, kann auch in einen Souvenirshop gehen, wo polierte Steine ab fünf Dollar erhältlich sind. Es lohnt sich also, danach zu suchen.

Steinhaus in Charlevoix. Earl A. Young mit Kamin aus großen Steinen. Er wollte mit seinen Entwürfen zum Ausdruck bringen, dass ein kleines Steinhaus genauso beeindruckend sein kann wie ein Schloss / © Foto: Georg Berg
Steinhaus in Charlevoix von Earl A. Young mit Kamin aus großen Steinen / © Foto: Georg Berg

Die Steinhäuser von Earl A. Young

Earl A. Young ist vermutlich die bekannteste Persönlichkeit von Charlevoix. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, dass er sein Leben den Steinen gewidmet hat. Seine Sammelleidenschaft galt aber nicht den kleinen Petoskey-Steinen, sondern großen Findlingen und Felsbrocken. Über einen Zeitraum von 52 Jahren entwarf und baute er 28 Gebäude in Charlevoix. Earl Young war kein ausgebildeter Architekt. Er brachte sich selbst bei, wie man mit Steinen baut. Seine Arbeit als Immobilienmakler und Versicherungsvertreter lieferte das Geld für erste Bauprojekte. Im Jahr 1919 konstruierte Young das erste Steinhaus. Die natürlichen und runden Formen der Steine faszinierten ihn. Er verwendete hauptsächlich Kalkstein, Feldstein und Felsbrocken, die er in Nord-Michigan fand.

Reetgedecktes Steinhaus von Earl A. Young in Charlevoix. Die Entwürfe des Autodidakten, der nie als eingetragener Architekt arbeitete, ähnelten oft Schweizer Berghäusern, hatten aber auch orientalische und gotische Elemente / © Foto: Georg Berg
Reetgedecktes Steinhaus von Earl A. Young in Charlevoix. Die Häuser sind in Privatbesitz, einige werden als Ferienhäuser vermietet / © Foto: Georg Berg

Baumeister in Stein

Nach einem Jahr an der Architekturschule der University of Michigan kehrte Young der traditionellen Ausbildung den Rücken. Er ging zurück nach Charlevoix, mit der Idee seine Heimatstadt in einen märchenhaften Ort zu verwandeln. Seine Häuser bestehen aus Stein und Holz, haben Rundungen und kunstvoll platzierter Natursteine. Selbst die kleinsten seiner Häuser waren etwas Besonderes. Die Weltwirtschaftskrise 1929 vereitelte seinen ganz großen Plan von der Märchenstadt. Dennoch konnte Earl A. Young 25 Wohnhäuser und drei kommerzielle Gebäude realisieren, darunter das erste Motel der USA. Das reichte aus, um ihn und seine Bauwerke auch international bekannt zu machen.

Typisches Mushroomhouse von Earl A. Young. Er arbeitete hauptsächlich mit Stein und verwendete Kalkstein, Feldstein und Felsbrocken, die er in Nord-Michigan fand / © Foto: Georg Berg
Typisches Mushroomhouse von Earl A. Young / © Foto: Georg Berg

Obwohl er kein Architekturstudium absolviert hatte, wird Earl A. Young in Charlevoix heute als Baumeister in Stein bezeichnet. Seine Häuser hingegen werden als Pilzhäuser, Zwergenhäuser oder sogar Hobbit-Häuser bezeichnet. Eine unangemessene Trivialisierung, die sich leider etabliert hat. Es werden sogenannte Mushroom-House-Touren angeboten. Was zunächst nach Disney klingt, entpuppt sich dann doch als interessante Tour durch Youngs Werk.

Touristen auf einer geführten Tour entlang der Pilzhäuser von Earl A. Young in Charlevoix. Der Autodidakt baute überwiegend Häuser aus Steinen und Felsbrocken, die er in Nord-Michigan fand / © Foto: Georg Berg
Touristen auf einer geführten Tour entlang der Pilzhäuser von Earl A. Young in Charlevoix / © Foto: Georg Berg

Die meisten seiner Häuser befinden sich in einer Siedlung am Lakeshore Drive und an der Park Avenue in Charlevoix. Besucher können sich mit einem Golfmobil durch die Straßen fahren lassen oder auch eine Walking Tour buchen. Schnell wird klar, dass nur wenige Entwürfe tatsächlich wie Pilze aussehen. Die Kunst seiner Steinarbeit zeigt sich besonders bei den Häusern mit großen Außenkaminen und Tür- und Fensterbögen aus Feldstein. Young wollte zeigen, dass ein kleines Steinhaus genauso beeindruckend sein kann wie ein Schloss.

Steinhaus von Earl A. Young in Charlevoix. Die Entwürfe des Autodidakten, der nie als eingetragener Architekt arbeitete, ähnelten oft Schweizer Berghäusern / © Foto: Georg Berg
Steinhaus von Earl A. Young in Charlevoix. Hier wurde der Stil eines Schweizer Berghauses mit gotischen Elementen kombiniert / © Foto: Georg Berg

Irene Harsha-Young. Künstlerin, Bauleiterin und Ehefrau

Der allte Spruch Hinter jedem erfolgreichen Mann, steht eine starke Frau gilt auch für die Ehe von Earl Young und seiner Frau Irene Harsha-Young. Dieses Rollenmodell funktioniert seit Jahrhunderten und ist ein Grundpfeiler der patriarchalischen Gesellschaftsstruktur. Der Mann kümmert sich um die Geschäfte und die Ehefrau hält ihm den Rücken frei. Am Ende steht sein Name in den Geschichtsbüchern, während die Frau unerwähnt bleibt. In Charlevoix bekommt jedoch auch Irene Harsha-Young eine Bühne. Ihr Anteil am Werk ihres Mannes wird gewürdigt. Ihren Namen liest man in Broschüren und Werbeanzeigen und ihre kunstvollen Skizzen sind im Harsha-House Museum ausgestellt.

Großer Kamin im Weathervane Terrace Inn & Suites. Earl A. Young versteckte den großen Stein fast 30 Jahre lang in den Wäldern, bevor er ihn für den Kamin verwendete. Man sagt, der Hauptstein ähnelt einer Landkarte von Lower Michigan, mit den Adern, die die wichtigsten Highways markieren / © Foto: Georg Berg
Großer Kamin im Weathervane Terrace Inn & Suites. Earl A. Young versteckte den großen Stein fast 30 Jahre lang im Wald. Man sagt, der Hauptstein ähnelt einer Landkarte von Lower Michigan. Die weißen Adern stehen für die wichtigsten Highways / © Foto: Georg Berg

Als ehemalige Studentin des Art Institute of Chicago und erfolgreiche Künstlerin verstand Irene Harsha-Young es, die Ideen ihres Mannes in Zeichnungen umzusetzen. Dieses Talent fehlte Earl Young völlig. Sie war es, die seinen oft als verrückt bezeichneten Ideen Form und Struktur verlieh. Ohne ihre Skizzen, so ist man sich in Charlevoix sicher, hätten die Bauarbeiter die sehr individuellen Steinhäuser nicht umsetzen können.

Typisches Mushroomhouse von Earl A. Young. Er arbeitete hauptsächlich mit Stein und verwendete Kalkstein, Feldstein und Felsbrocken, die er in Nord-Michigan fand / © Foto: Georg Berg
Typisches Mushroomhouse von Earl A. Young / © Foto: Georg Berg

Weathervane Terrace Inn & Suites

Auch Reisende können in einem echten Earl-Young-Haus wohnen oder essen gehen. Das Weathervane Terrace Inn & Suites war das erste Motel der USA und die Stafford’s Weathervane Terrace ist ein beliebtes Restaurant im Ort. Die 25 Wohnhäuser dagegen sind in Privatbesitz. Einige werden als Ferienhäuser vermarktet. Die Familie von Irene und Earl Young besitzt keines der Häuser ihrer kreativen Vorfahren mehr. Aber die geführten Mushroom-Touren enden am Elternhaus von Irene Harsha-Young, das heute das Stadtmuseum ist.

Parkplatz des Weathervane Terrace Inn & Suites in Charlevoix,  Earl A Young plante es als Luxus-Motel mit 60 Zimmern / © Foto: Georg Berg
Weathervane Terrace Inn & Suites in Charlevoix, Earl A. Young plante es als Luxus-Motel mit 60 Zimmern / © Foto: Georg Berg

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Die Recherche wurde von Visit Charlevoix und Pure Michigan unterstützt

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