Das Faltblatt des Black Loyalist Heritage Centre ist zweisprachig, Englisch und Französisch. Das passt zu unserem Bild von Kanada – zwei Sprachen, zwei Gründungsmächte. Doch auf unserer Reise erfahren wir auch, wie die europäischen Einwanderer mit den indigenen First Nations umgingen. Und dass Kanada eine schwarze Geschichte hat, entdecken wir in Birchtown bei Shelburne, Nova Scotia. Sie erzählt von Menschen, die als Versklavte begannen und dort eine eigene Siedlung gründeten. Ihre Geschichte führt bis nach Sierra Leone.

Ein Boden aus Glas
Im Black Loyalist Heritage Centre schreitet man über Glas. Darunter liegt die Grabungsfläche des alten Birchtown. Im späten 18. Jahrhundert war es die größte freie Schwarze Siedlung in Britisch-Nordamerika. Das Haus erzählt nicht nur von diesem Ort. Es steht auf ihm.

An den Wänden hängen bunte Bänder mit kurzen Sätzen der Ankömmlinge. Sie sprechen von Hoffnung und Enttäuschung. Einer lautet: „Port Roseway. Birchtown. Harbour of hope.“ Ein anderer: „But your black skin marked you less than equal.“

Loyal wem gegenüber?
Der Name irritiert. Loyalisten, das kennen wir aus der Amerikanischen Revolution. Aber Schwarze Loyalisten? Die Antwort liegt in einer Vitrine. Die Briten hatten versklavten Menschen im Unabhängigkeitskrieg die Freiheit versprochen, wenn sie für die Krone kämpften. Nach Kriegsende 1783 stellten britische Beamte Freilassungsurkunden aus und führten ein Verzeichnis, das Book of Negroes. Es nennt über 3.000 Namen. Wer darin stand, durfte ausreisen. Rund 3.500 Black Loyalists kamen nach Nova Scotia.

Andrea Davis, die Direktorin des Zentrums, führt uns durch die Ausstellung. Sie schildert, was nach der Ankunft geschah. Das Land, das man den Ankömmlingen zuwies, war steinig. Die Löhne blieben weit unter denen weißer Arbeiter. Die Freiheit existierte auf Papier, im Alltag kaum. Bald kam es in Shelburne zu Unruhen.

Das ist keine ferne Vergangenheit. Davis stammt aus der Gegend. Sie gehört zu den Nachfahren, die hier African Nova Scotians heißen. Sie arbeitete in Toronto und kehrte 2022 zurück, um das Zentrum zu leiten. Hier erklärt kein Fremder die Geschichte. Hier spricht jemand über die eigene Familie.
Sierra Leone – Ziel und Ursprung
Das Gespräch erinnerte mich an Freetown, wo ich erfuhr, was Freiheit für ehemalige Sklaven bedeutete. Freetown, die Hauptstadt Sierra Leones, trägt die Freiheit im Namen. Sie entstand 1792 durch Ankömmlinge aus Nova Scotia. Für Andrea Davis ist Sierra Leone ein Ziel. Sie war noch nie dort. Doch in zwei bis drei Jahren will sie mit ihrer Familie reisen. Sie möchte verstehen, warum 1792 so viele Menschen aus Birchtown und anderen Orten Nova Scotias aufbrachen – und was aus ihnen wurde, auf der anderen Seite des Ozeans.

Ich war 2016 in Sierra Leone. Ich kann ihr ein Land beschreiben, das sie noch nicht kennt. Sie erzählt mir eine Geschichte, die ich damals nicht kannte. Plötzlich reden wir nicht mehr über ein Museum. Sie erwähnt, dass sie ein Stück des Cotton Trees bei sich zu Hause hat. Und ich begreife: Freetown wurde von Menschen aus Nova Scotia gegründet.
Sie führt uns in den Meeting Room. Bücher füllen die Regale, Bilder schmücken die Wände. Ich hatte einen Nebenraum erwartet. Es ist der Raum, in dem wir am längsten bleiben. An der Wand hängt eine gerahmte Ansicht: Schiffe im Hafen von Freetown, Winter 1792. Rund 1.200 Menschen verließen Nova Scotia in jenem Jahr. Thomas Peters bat jahrelang vergeblich um Land. In London fand er in der Sierra Leone Company einen Partner – sie suchte Siedler. Im März 1792 gründeten die Ankömmlinge Freetown.

Starke Frauen
Andrea Davis nennt Elizabeth Cromwell, die Gründerin der Black Loyalist Heritage Society, als ihr Vorbild. Im Zentrum begegnen uns weitere Frauen: die Läuferin Marjorie Turner-Bailey, Viola Desmond, die sich 1946 weigerte, im Kino den Platz für Weiße zu räumen, und Rose Fortune, die in Annapolis Royal am Hafen für Ordnung sorgte und als Kanadas erste Polizistin gilt. Sie alle sind Nachfahrinnen oder Zeitgenossinnen dieser Geschichte.




Ein Name im Briefwechsel
In Birchtown fällt mir noch etwas ein. Mein Vater Gustav Berg studierte in den frühen 1950er-Jahren in Bonn. Dort lernte er Frank Fraser aus Sierra Leone kennen. Die beiden schrieben sich lange Briefe. Nach dem Tod meines Vaters führte meine Mutter Marianne den Briefwechsel fort. 2016 suchte ich in Sierra Leone nach ihm. Ich fand keine Spur. Der Name war zu häufig.

In der kleinen Kirche von Birchtown steht eine Tafel mit dem Titel About the Names. Sie listet Namen aus den Verzeichnissen der Black Loyalists. Menschen, die vor mehr als 200 Jahren gingen, haben dort mehr hinterlassen als Frank Fraser bei mir. Von ihm blieb ein Name, ein Foto und eine Erinnerung an die Briefe.

Wenn Andrea Davis in Freetown ankommt, wird sie Namen suchen. Das Book of Negroes hat die Namen von über 3.000 Menschen festgehalten, die trotz Freiheitsversprechen quasi als Besitz aufgelistet wurden. Andreas Familie lässt sich über acht Generationen auf einen Black Loyalist zurückführen, der 1783 nach Nova Scotia kam. Sie möchte klären, warum schon 1792 viele andere Familien Birchtown verließen und wie es ihnen auf der anderen Seite des Wassers erging.
Mehr über Nova Scotia
Wer wissen will, wie aus Mi’kmaq, Akadiern, Schotten und Black Loyalists das heutige Nova Scotia wurde, liest Die Siedler von Nova Scotia. Von Birchtown nach Freetown erzählt, warum Familien 1792 nach Afrika aufbrachen. Hummer galt in Atlantik-Kanada lange als Essen der Armen. Heute ist die Lobster Roll ein nationales Symbol. Wer wissen will, wie der Fang abläuft, fährt bei einer Nachtschicht mit: Auf Hummerfang in Nova Scotia zeigt, was Bestandsschutz bedeutet. Kanada ist auch das Land des Ahornsirups. Das meiste liefert Quebec, doch auch Nova Scotia zapft den Zuckerahorn. In Halifax, der Hauptstadt der Provinz, ist das Angebot groß. Der kulinarische Kompass für Halifax führt zu den guten Adressen. Die Stadt bietet aber mehr als Essen. Der Sightseeing-Guide reicht von der Parfumwerkstatt 7 Virtues bis zur Immigrationstour im Einwanderermuseum am Pier 21. Halifax war auch Schauplatz mehrerer Tragödien. Als die Titanic 1912 sank, war es der nächstgelegene große Hafen. Viele Opfer wurden hierher gebracht. Auf dem Fairview Lawn Cemetery erinnern ihre Gräber an die Katastrophe. Am Himmel wird es ruhiger. Das Deep Sky Eye Observatory zeigt die Milchstraße an Nordamerikas erstem Starlight-Reiseziel. Stargazing auf Meereshöhe heißt hier: Mückenschutz für die Milchstraße.
Die Recherche wurde unterstützt von Visit Nova Scotia
