Kloster Neuzelle. Das Barockwunder

Das Zisterzienserkloster Neuzelle gilt als das Barockwunder Brandenburgs. Es behauptete sich als Zentrum der Gegenreformation im protestantischen Preußen. Seit seiner Gründung 1268 überstand das Kloster Raubzüge, Brände und ganze Systemwechsel. Heute präsentiert es sich als vollständig erhaltene Klosteranlage mit zwei Barockkirchen, einem spätgotischen Kreuzgang und einem weitläufigen Klostergarten, der ebenfalls nach barocken Plänen gestaltet wurde.

Beschädigte Figuren und Verzierungen im Kreuzgang von Kloster Neuzelle zeugen von den Überfällen durch die Hussiten im 15. Jahrhundert / © Foto: Georg Berg
Beschädigte Figuren und Verzierungen im Kreuzgang von Kloster Neuzelle zeugen von den Überfällen durch die Hussiten im 15. Jahrhundert / © Foto: Georg Berg

Das historische Erbe des Ortes wird von der Stiftung Stift Neuzelle erfolgreich bewahrt. Alle Gebäude werden genutzt, als Schule und Internat, als Veranstaltungsräume, Café oder moderne Museumsräume. Beeindruckend sind der Klostergarten mit weitem Blick über die Oderaue bis nach Polen und die opulenten Kirchenräume. Ein Netz von Rad- und Wanderwegen führt die Besucher auch vor die Klosterpforte. Die über 750-jährige Geschichte des Klosters erzählt von Aufbruch und Krise, von Ende und Neubeginn. Der Name Neuzelle scheint Programm zu sein, denn noch immer entsteht hier erstaunlich viel Neues.

Der Innenraum der Klosterkirche wirkt nach Osten ungewöhnlich lang. Dieser Eindruck entsteht durch die Vielzahl der Nebenaltäre. Sie umschließen die Pfeiler, wachsen an ihnen empor und bilden so eine Prachtstraße zum Hochaltar / © Foto: Georg Berg
Der Innenraum der Klosterkirche wirkt nach Osten ungewöhnlich lang. Dieser Eindruck entsteht durch die Vielzahl der Nebenaltäre. Sie umschließen die Pfeiler, wachsen an ihnen empor und bilden so eine Prachtstraße zum Hochaltar / © Foto: Georg Berg

Die Mönche sind zurück

Bis zu seiner Auflösung 1817 war Neuzelle ein kleines, aber aktives Zisterzienserkloster. Nie lebten mehr als 40 Mönche in Neuzelle. Als sie im 19. Jahrhundert auf Beschluss des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. weichen mussten, wurden die Klostergebäude als Kirchen für die evangelische und katholische Gemeinde sowie als Schule und Lehrerseminar genutzt. Diese Nutzung hatte Bestand und überdauerte auch die ideologische Diaspora, in der sich die Kirche zu DDR-Zeiten befand. Nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands ging die Klosteranlage in den Besitz der Stiftung Stift Neuzelle über und es begann eine Phase der aufwendigen Restaurierung.

Klostermuseum im Kreuzgang von Kloster Neuzelle. Es erzählt vom Leben und Alltag der Mönche, Novizen und Arbeiter / © Foto: Georg Berg
Klostermuseum im Kreuzgang von Kloster Neuzelle. Es erzählt vom Leben und Alltag der Mönche, Novizen und Arbeiter / © Foto: Georg Berg

Fundraising for Future

2018 kehren nach über 200 Jahren sogar die Mönche zurück. Der Orden der Zisterzienser, der einst das Kloster Neuzelle errichtete, gründet in Neuzelle ein Priorat. Der kleine Konvent mit derzeit sechs Mönchen, zwei Kandidaten und einem Novizen hat sich viel vorgenommen. Rund acht Kilometer von der historischen Klosteranlage entfernt soll in Treppeln mitten im Wald auf dem Gelände einer ehemaligen Stasi-Einrichtung ein neues Kloster entstehen. Die Frage, warum 2023 neben einer wunderschönen historischen Klosteranlage der Grundstein für ein neues Kloster gelegt werden soll, beantworten die Mönche ganz weltgewandt über eine Social-Media-Kampagne. Da das Kloster Neuzelle vollständig in eine kulturelle Nutzung überführt wurde, alle Gebäude belegt sind und das ganze Jahr über viele gut besuchte Veranstaltungen auf dem Klostergelände stattfinden, wünschen sich die Mönche einen Rückzugsort, an dem sie Ruhe für ein spirituelles Leben finden. Doch bis es soweit ist, müssen sie viel in der Öffentlichkeit stehen, um das nötige Geld zu sammeln. Was früher Kollekte hieß, nennt sich heute Fundraising. Per YouTube-Video und Podcast verkünden die Mönche bereits ihre frohe Botschaft.

Kuppel des Weinbergs Kloster Neuzelle mit Blick auf die Stiftskirche. Heute stehen hier wieder Rebstöcke, die von der Klostergärtnerei bewirtschaftet werden / © Foto: Georg Berg
Kuppel des Weinbergs Kloster Neuzelle mit Blick auf die Stiftskirche. Heute stehen hier wieder Rebstöcke, die von der Klostergärtnerei bewirtschaftet werden / © Foto: Georg Berg

Auferstehung in 14 Akten

Eine weitere Auferstehung ist seit 2015 im Kloster Neuzelle zu bestaunen. Das Museum Himmlisches Theater widmet sich einem Überraschungsfund, der 1997 mitten in der Restaurierungsphase des Klosters entdeckt wurde. Ein Trend des Barock, vor allem in Böhmen, Bayern und Tirol, war die Nachbildung des Grabes Jesu. Zwischen Ostern und Pfingsten wurden wuchtige Kulissen vor dem Altar aufgebaut. In Neuzelle hat sich ein komplettes Kulissentheater erhalten, das in fünf Bühnenbildern 14 Passionsszenen und eine Auferstehungsszene zeigen konnte. Für diesen ungewöhnlichen und vollständigen Fund wurde in den Weinberg des Klosters ein eigenes Museum gebaut. Durch einen dunklen Tunnel werden die Besucher zu einer Leuchtschrift mit einem Zitat des Propheten Jesaya geführt. Sein Grab wird herrlich sein. In der Tat verfehlen die beleuchteten Kulissen im dunklen Raum ihre Wirkung nicht. In barocker Pracht und fast lebensgroß werden jeweils zwei Passionsszenen gezeigt. Die Bühnenbilder dienten ab 1750 in Neuzelle zur Dramatisierung des Oster- und Passionsgeschehens. In ihnen wurde kein Theater gespielt. Die aufgestellten Figuren und Kulissen dienten der Betrachtung und Meditation. Vermutlich um 1863 war Schluss mit dem himmlischen Theater. Bis zur Wiederauferstehung dauerte es 135 Jahre und viel mühevolle Restaurierungsarbeit.

Passionsdarstellung vom Heiligen Grab. In Neuzelle hat sich ein komplettes Theater mit 14 Passionsszenen erhalten. Um 1750 vom böhmischen Maler Joseph Felix Seyfried erschaffen. Hier Szene 1: Gebet auf dem Ölberg / © Foto: Georg Berg
Passionsdarstellung vom Heiligen Grab. In Neuzelle hat sich ein komplettes Theater mit 14 Passionsszenen und einer Auferstehungsszene erhalten. Um 1750 vom böhmischen Maler Joseph Felix Seyfried erschaffen. Hier Szene 1: Gebet auf dem Ölberg / © Foto: Georg Berg

Geometrie im Klostergarten

Im Barock sollte selbst ein Nutzgarten schön sein. Davon profitiert heute jeder, der den Klostergarten Neuzelle besucht. Wer das Klostergelände noch nicht kennt, bekommt zum freien Eintritt einen besonderen Wow-Effekt geschenkt. Um zum Garten zu gelangen, überquert man den weitläufigen Stiftsplatz. Hinter den eisernen Stäben eines Gartenzauns liegt plötzlich drei Terrassen tiefer der Klostergarten mit seinen Sichtachsen und geometrischen Formen. Der Blick schweift über die barocke Gartenanlage in die Auenlandschaft der Oder bis nach Polen. Ab 1755 ließ Abt Gabriel im Geiste des Absolutismus, sich alles, auch die Natur, untertan zu machen, diese prachtvolle Gartenanlage bauen. Es war eine perfekte und schon damals sehr kostspielige Inszenierung. Die Natur wurde geometrisiert und einige Eitelkeiten des Barock hinzugefügt, wie eine Orangerie mit 120 Pomeranzen oder ein Nelkenpavillon für die Dianthus, die göttliche Blume, die an die Leiden Christi erinnert.

Panoramablick vom Klosterplatz auf den Klostergarten Neuzelle mit Orangerie und barocker Gartengestaltung über die Auenlandschaft der Oder bis nach Polen. Der Neuzeller Klostergarten gehört zu den bedeutendsten Gartenanlagen in Deutschland / © Foto: Georg Berg
Panoramablick vom Klosterplatz auf den Klostergarten Neuzelle mit Orangerie und barocker Gartengestaltung über die Auenlandschaft der Oder bis nach Polen. Der Neuzeller Klostergarten gehört zu den bedeutendsten Gartenanlagen in Deutschland / © Foto: Georg Berg

Der Klostergarten Neuzelle ist der einzige Barockgarten in Brandenburg und gehört zu den 50 bedeutendsten Gärten Deutschlands. 25 Jahre dauerte die Erforschung und Neuanlage des Gartens. Fast die gesamte Anlage war bewaldet. Bei der Restaurierung habe man sich behutsam an die alten Strukturen angenähert, erzählt Chefgärtner Ralf Mainz. Unter den vielen Bäumen, die im geordneten Barock nichts zu suchen hatten, fanden sich auch fünf Eiben. Die Lücken zwischen den 300 Jahre alten Senioren wurden wieder mit kegelförmigen Eiben geschlossen.

Markantes Gestaltungsmerkmal im Barockgarten von Kloster Neuzelle sind die kegelförmigen Eiben. Bei der Restaurierung der Anlage wurden im alten Baumbestand noch fünf 300 Jahre alte Original-Eiben entdeckt / © Foto: Georg Berg
Markantes Gestaltungsmerkmal im Barockgarten von Kloster Neuzelle sind die kegelförmigen Eiben. Bei der Restaurierung der Anlage wurden im alten Baumbestand noch fünf 300 Jahre alte Original-Eiben entdeckt / © Foto: Georg Berg

Naschobst und Wilde Klosterküche

Im Nutzgarten ist Anfang März noch nicht viel los. Etagenzwiebeln stehen im Beet und der Rhabarber hat sich schon aus der Erde gewagt. Die 120 Orangenbäume stehen noch in ihrem Winterquartier. Sobald es warm genug ist, machen sie Platz in der Orangerie, die den Besuchern dann als Café und Veranstaltungsort zur Verfügung steht. Regelmäßig finden Gartengespräche mit Fachleuten über die Tradition der Küchengärten oder die Pflege von Zitrusbäumen statt. Die Orangerie hat schon viele Nutzungen erlebt. Nach der Auflösung des Klosters war sie vermutlich eines der ersten Gebäude, das als Turnhalle genutzt wurde.

Orangerie im Barockgarten von Kloster Neuzelle. Winterquartier für 120 Citrusbäume / © Foto: Georg Berg
Orangerie im Barockgarten von Kloster Neuzelle. Winterquartier für 120 Citrusbäume / © Foto: Georg Berg

Die Beete in der Küche werden das ganze Jahr über vom Gartenteam des Klosters bewirtschaftet. Naschwein und Schnurbäumchen mit Äpfeln sollen wie zu Barockzeiten im Vorbeischlendern genossen werden. Bis es soweit ist, müssen sich die Besucher mit Nascherdbeeren begnügen, was sie auch mit Begeisterung tun, verrät Gärtner Ralf Mainz. Die Ernte aus den Küchenbeeten wandert zum großen Teil in die Wilde Klosterküche von Manuel Bunke.

Küchenchef Manuel Burke im Restaurant WKK, Wilde Kloster Küche, Newcommer im Gault & MIllau 2021 sowie Nennung im Michelin Guide 2023 / © Foto: Georg Berg
Küchenchef Manuel Bunke im Restaurant WKK, Wilde Kloster Küche, Newcommer im Gault & MIllau 2021 sowie Nennung im Michelin Guide 2023 / © Foto: Georg Berg

Küchenchef Bunke hat unweit des Klosters das Restaurant WKK eröffnet. Er strebt nach einer modernen, urbanen Kochkunst im Einklang mit der Natur. Die Kooperation mit dem Klostergarten steht für besonders kurze Wege. Er schätzt die alten Gemüsesorten wie Topinambur und Haferwurz oder den Kohl, den er aus dem Klostergarten erhält. Nose-to-Tail und Leaf-to-Root sind die Credos seiner gelebten Heimatliebe. Nach vielen Jahren des Unterwegsseins kocht er seit 2018 eine saisonale Karte, die besonderen Wert auf die regionale Herkunft und die ganzheitliche Verwertung der Lebensmittel legt.

Vorspeise Restaurant WKK,Wilde Kloster Küche, von Küchenchef Manuel Burke, Neuzelle. Reduktion aus Roter Beete und Dillöl angegossen an Selleriecreme, Ziegenkäse-Eis und Rote Beete / © Foto: Georg Berg
Vorspeise Restaurant WKK,Wilde Kloster Küche, von Küchenchef Manuel Bunke, Neuzelle. Reduktion aus Roter Beete und Dillöl angegossen an Selleriecreme, Ziegenkäse-Eis und Rote Beete / © Foto: Georg Berg

Bierrevolution in der Klosterbrauerei

Seit 1589 wird in der Klosterbrauerei Bier zum Verkauf gebraut. Der Bestseller der Brauerei ist der Schwarze Abt, ein Schwarzbier mit langer Tradition, das mit Zucker und dem Segen von Papst Franziskus angereichert wird. Diesen Neuzeller Klassiker sollte man unbedingt bei einer Brauereiführung oder in der umliegenden Gastronomie probieren. Neben einem breiten und kreativen Biersortiment macht die Klosterbrauerei seit Anfang 2023 vor allem mit einer Idee von sich reden, die den Biermarkt revolutionieren könnte. Es handelt sich um ein Bier ohne Brauprozess. Mehr über das Bierpulver aus der Klosterbrauerei Neuzelle.

Klosterbrauerei Neuzelle (links) mit Barockkloster Neuzelle. Die Brauerei blickt auf 400 Jahre Geschichte zurück / © Foto: Georg Berg
Klosterbrauerei Neuzelle (links) mit Barockkloster Neuzelle. Die Brauerei blickt auf 400 Jahre Geschichte zurück / © Foto: Georg Berg

Weitere Informationen über das Zisterzienserkloster Neuzelle, das Klostermuseum im Kreuzgang, das Himmlische Theater und den Klostergarten hier. Für einen Besuch der Wilden Klosterküche, dem Restaurant WKK von Chefkoch Manuel Bunke sollte man einen Tisch reservieren. Weitere Tipps und Reiseziele gibt es unter Reiseland Brandenburg. Umbedingt empfehlenswert ist die Kombination mit der nur 10 Kilometer entfernten sozialistischen Musterstadt und dem zugleich größten zusammenhängenden Flächendenkmal in Deutschland Eisenhüttenstadt.

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Die Recherchereise wurde vom Brandenburg Tourismus unterstützt

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