Alle Stühle im Vortragsraum sind besetzt. Das Publikum im Museum der Niederrheinischen Seele in Grevenbroich wartet bereits. Währenddessen geht Thomas Baumgärtel wie ein Zirkusdirektor durch die Ausstellungsräume. Er trägt eine schwarze Rock-Militärjacke mit opullent besetzter bananangelber Strickborte. Die Hängung seiner großformatigen Stielbilder hat er selbst noch nicht gesehen. Es ist Tag vier seiner Niederrhein-Tour, und Baumgärtel schläft wenig. Gerade einmal drei Stunden seien es gestern gewesen, erzählt er. Das Projekt kreist um die Zahl 40, oder römisch: XL – in jeder Hinsicht.

Das Ausstellungsprojekt NiederrheinTour 2026 zeigt an 40 Kunstorten 40 Werkgruppen aus 40 Jahren. Die Tour ist eine Hommage an die Heimat des Künstlers. Schon ihre einzigartige Naturlandschaft und die hohe Dichte historischer Bauwerke machen sie sehenswert – auch ohne die Südfrucht. Die Banane ist das Motiv, das Thomas Baumgärtel bekannt machte. Seit 1986 markiert der aus Rheinberg stammende Künstler Kunst- und Kulturorte auf der ganzen Welt mit seiner Spraybanane. Die Banane steht für einen übergeordneten Freiheitsbegriff, für Meinungsvielfalt und kulturelle Offenheit. Baumgärtel nutzt das Motiv, um politisch und sozial Stellung zu beziehen. Die Niederrhein-Banane schuf er eigens für die gleichnamige Tour. Sie läuft in eine struppige Kopfweide aus.

40 Kunstorte – rekordverdächtig
In Grevenbroich zeigt Baumgärtel an gleich zwei Kunstorten Bananenmotive. In der Villa Erckens sind großformatige Stielbilder zu sehen. In der nahe gelegenen Versandhalle hängt an allen Wänden sein leuchtend gelber Bananenpointillismus. Während die Ausstellung in Grevenbroich schon eröffnet ist, wird anderswo noch gehängt. Bilder aus seinem Depot in Köln werden noch transportiert. Vernissagen und Aufbau laufen parallel. Allein im Mai 2026 beginnen 19 Ausstellungen. Viele Orte am Niederrhein kannte Baumgärtel vor Beginn der Planung im Jahr 2025 selbst noch nicht. Es sei ein spannender Mix an Kunstorten geworden, betont er. Seine Werke sind im Sommer 2026 in Burgen und Schlössern, in einem Wasserturm, in Gutshäusern, Fabrikhallen, einer Kirche und einer Mühle zu sehen. Besucher sollen sich auf die Bananenspur begeben. Rund um die Kunstorte wurden Radtouren konzipiert. Ein Stempelheft soll den Sammlerinstinkt wecken. So verschieden die Ausstellungsorte auch sind: Zu sehen gibt es immer Metamorphosen und Abstraktionen der Ur-Spraybanane von 1986, die wiederum auf die comicartige Banane von Andy Warhol zurückgeht, die 1966 das Cover des Debütalbums von Velvet Underground & Nico zierte.

Sein allererstes Stielbild zeigt eine Obstschale. Doch man müsse verdammt weit wegstehen, um die Kiwi erkennen zu können, sagt Baumgärtel beim Rundgang durch die Ausstellung in der Villa Erckens. Bei den nächsten Bildern habe ich die Stiele enger gesetzt. So entstanden ab 2012 großformatige Bilder mit bis zu 20.000 handgesprühten Bananenstielen. Tage verbrachte er mit Airbrush, Atemmaske und Schutzanzug in einem vernebelten Raum. In der Werkgruppe Stielbilder konzentriert sich Baumgärtel auf den markant geformten Stiel der Banane.
Vom Schmierfink zum Exzellenzspayer
Es ist eine Geschichte, die mit einem Zivildienst beginnt und bis in die großen Kunsttempel der Welt führt. Thomas Baumgärtel wurde 1960 in Rheinberg am Niederrhein geboren. In den frühen 1980er Jahren leistete er seinen Zivildienst in einem katholischen Krankenhaus seiner Heimatstadt. Als dort eines Tages ein Holzkreuz von der Wand fiel, nagelte der junge Zivi kurzerhand seine Frühstücksbanane an die Stelle der zerbrochenen Jesusfigur. Das war ein erster Akt künstlerischer Provokation. Die Patienten waren erheitert, die Ordensfrauen entsetzt. 1985 begann Baumgärtel ein Studium der Freien Kunst an der Fachhochschule Köln und wurde Meisterschüler bei Professor Franz Dank. Gleichzeitig studierte er Psychologie, was ihm, wie er betont, half, die Reaktionen von Galeristen und Museumsleuten zu verstehen und mit der Ablehnung und Kritik der Anfangsjahre besser umzugehen.

German Urban Pop Art
1986 markierte Baumgärtel zum ersten Mal einen Kunstort mit der Spraybanane – nachts, illegal, mit Schablone und Sprühdose. Es folgte kein reibungsloser Aufstieg. Als er 1986 mit einem Freund am Museum Ludwig in Köln auftauchte, umstellte die Polizei die beiden mit gezogenen Waffen. Die Beamten vermuteten zunächst eine Bombe. Als über Funk das Wort „Spraybanane“ fiel, entspannte sich die Lage. Die Banane musste trotzdem weg. Es hagelte Anzeigen wegen Sachbeschädigung, in München nahm die Polizei Baumgärtel sogar fest, und Beschimpfungen wie „Schmierfink“ gehörten noch zu den milderen Reaktionen. Erst als das Museum Ludwig unter seinem neuen Direktor Siegfried Gohr den künstlerischen Sinn der Bananenaktion erkannte, begann sich das Bananenblatt zu wenden. Mehr als 20 Jahre nach der Comic-Banane von Andy Warhol und lange vor Banksy ging Baumgärtel hinaus auf die Straße und gab der Banane in einem völlig anderen Kontext eine neue Bedeutung: als Wegweiser zu Kunstorten.

Künstlerische Beharrlichkeit
Grevenbroich hat zur Ausstellungseröffnung im Mai 2026 gleich zwei Spraybananen erhalten. In schwarz-gelber Gardeuniform, mit Schablone und Spraydosen besprüht Baumgärtel bei letztem Tageslicht und unter den Augen der Eröffnungsgäste geradezu feierlich die Eingangssäule der alten Fabrikantenvilla sowie die Backsteinfassade der Versandhalle. Was in den Anfangsjahren wie Vandalismus aussah, entwickelte sich zum inoffiziellen Gütesiegel der internationalen Kunstszene. Heute tragen das MoMa und das Guggenheim Museum in New York sowie die Tate Modern in London und weitere Institutionen in Athen, Basel, Moskau oder Zürich eine Spraybanane. Rund 4.000 Kunstorte weltweit hat Baumgärtel inzwischen „ausgezeichnet“. Galerien und Museen betrachten es längst als Ehre, die gelbe Frucht an ihrem Eingang zu tragen. Museumsdirektorin Eva Struckmeier stellt in ihrer Rede die künstlerische Beharrlichkeit heraus, mit der Baumgärtel die Spraybanane in die Welt trug.

„Sie sind ja ein echter Künstler!“
Es greift zu kurz, Baumgärtel auf den Bananensprayer zu reduzieren. Sein künstlerischer Beitrag liegt in der konsequenten Erweiterung des Graffiti-Begriffs. Er machte aus einem Vandalismusakt ein weltumspannendes Zeichensystem für kulturelle Qualität. Daneben schuf er ein breites malerisches und grafisches Werk: großformatige Acrylarbeiten, Installationen, Serigrafien und politische Kunst. Seine Werkserien reichen von der „Holocaust“-Serie über den „Medizinischen Block“ bis zu Aktionen für Amnesty International und politischen Kommentaren zu Erdoğan, Putin und der Corona-Pandemie. Zum „Medizinischen Block“ gehört auch das erste OP-Graffiti der Welt von 2018. 1996 gründete er die Ateliergemeinschaft CAP Cologne, die heute 28 Künstlerinnen und Künstler vereint. Bis heute passiert es, dass Menschen beim Blättern in seinem Werkkatalog staunend in dieser Bandbreite den Künstler erkennen.

Die Niederrhein-Tour 2026
Das Großprojekt läuft von Mai bis Ende September 2026. Es steht unter dem Motto Freiheit für die Kunst. Die zentrale Eröffnung fand am 8. Mai 2026 im Niederrheinischen Museum Kevelaer statt. Die zentrale Finissage ist für den 27. September 2026 im Museum Kurhaus Kleve geplant. An jeder der 40 Stationen erwartet die Besucher eine andere Werkgruppe: von German Urban Pop Art und Grauen Bildern in Kevelaer über den Europablock im Niederrheinmuseum Wesel bis zu den Stielbildern und Bananenpointillismus in Grevenbroich. Die Bandbreite der Werkgruppen ist groß. Ausstellungsplakate, Deutsche Einheit, Holocaust-Serie, kinetische Objekte, politische Arbeiten und Spraygramme bilden nur einen Teil des Spektrums der Tour. Jede Station wurde nach Möglichkeit auf die Sammlung oder die Geschichte des jeweiligen Ortes abgestimmt.

Wer alle Stationen erkunden möchte, findet auf der offiziellen Website 40jahrebananensprayer.de eine interaktive Übersichtskarte sowie einen Eventkalender mit Vernissagen und Ausstellungsdauern. Für Radbegeisterte wurden eigens Fahrradtouren entlang der sogenannten B(anane)9-Route konzipiert. Weitere Informationen gibt es auf der Tourwebsite. Das Museum der Niederrheinischen Seele Villa Erckens in Grevenbroich lohnt einen Besuch mit gleich zwei wichtigen Werkgruppen und einem abwechslungsreichen Begleitprogramm zur Ausstellung.
Alles Banane?
Echte Kenner der Banane wissen, die Banane wächst an der Staude und nicht am Baum. Anders als es uns die Spraybanane glauben lässt, biegt sich die Frucht vom Stiel Richtung Licht, steht also in Wirklichkeit Kopf und eine Bananenhand besteht üblicherweise aus sieben Fingern. Mehr Bananenlatein in der Reportage über eine Bananenplantage in Malawi. Andere Länder, andere Street Art: In Frankreich treibt sich seit 2017 der Street Artist MifaMosa herum. Er spielt mit den Straßennamen französischer Städte, platziert seine Mosaike direkt neben einem Straßenschild und bezieht sich auf dessen Bedeutung. Angoulême ist die französische Hauptstadt der Comics. Was in den 1970er Jahren mit einem kleinen Comic-Festival begann, ist heute UNESCO-Kulturerbe. 2009 verlieh die UNESCO Angoulême den Titel „Creative City of Literature“ – eine Auszeichnung, die auch die Verbindung von Comics und Stadtentwicklung würdigt.