Azulejos in Portugal

In der Halle des Bahnhofs São Bento in Porto stehen Besucher dicht an dicht unter blauen Wandbildern. Rund 20.000 Fliesen bedecken die Wände. Jorge Colaço bemalte sie zwischen 1905 und 1916. Sie zeigen Reiterschlachten, eine Prozession, ein Volksfest und einen Ochsenkarren im Douro. Wer gab sie in Auftrag, und wem sollten sie nützen? Was ist aus dieser Tradition geworden, wenn man zwei Straßen weiter Magnete mit Sardinen kauft?

Touristen betrachten historische Azulejo-Wandgemälde in Lóios, Porto, Portugal
Besucher drängen sich in der Eingangshalle des Bahnhofs São Bento unter Wandbildern mit Reiterschlachten. Darüber läuft ein farbiges Band mit Kutschen und Reitern. Die Tafeln malte Jorge Colaço zwischen 1905 und 1916 / © Foto: Georg Berg

Vom arabischen Wort zum Blau aus China

Das Wort Azulejo stammt vom arabischen al-zillīj, „polierter Stein“. Die Mauren brachten die Technik auf die Iberische Halbinsel. Ihre Fliesen waren einfarbig glasiert, zugeschnitten und zu geometrischen Mustern gefügt. Diese Mosaike heißen Alicatados. Nach Portugal gelangte die Technik, als König Manuel I. 1503 Sevilla besuchte. Er ließ den Arabischen Saal im Nationalpalast von Sintra mit solchen Fliesen auskleiden.

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Ein Zellige-Mosaik aus Sternen in Rot, Grün, Blau und Gelb auf weißem Grund bedeckt die Wand am Königspalast in Fès, Marokko. Die Muster entstehen aus einzeln geschnittenen, glasierten Fliesenteilen. Rechts läuft ein schmaler Streifen mit Rauten / © Foto: Georg Berg

Das Blau kam später und aus einer anderen Richtung. Im 17. Jahrhundert führte Portugal blau-weiße Fliesen aus den Niederlanden ein. Ihre Farbgebung ahmte chinesisches Porzellan nach. Das Porzellan der Ming-Dynastie und die Fayence aus Delft dienten als Vorbilder.

Traditionelle blau-weiße Azulejo-Fliesen bedecken Wand in Virtudes, Porto, Portugal
Blau-weiße Azulejos bilden an einer Fassade in Porto ein Muster aus Rauten mit Sternen. Geometrische Muster prägten die frühe Azulejo-Tradition, lange bevor Maler ganze Bildtafeln anfertigten / © Foto: Georg Berg

Danach ging es schnell. Im frühen 18. Jahrhundert bestellten Portugal und Brasilien so viele Fliesen, dass die Werkstätten zur Serienfertigung übergingen. Die Epoche heißt „Goldenes Zeitalter des Azulejo“.

Von der Kirche auf die Straße

Das Erdbeben von Lissabon 1755 veränderte die Fliese. Beim Wiederaufbau unter dem Marquês de Pombal setzten die Bauherren auf kleine, schlichte Fliesen. Sie waren billig und schützten die Fassaden. Im 19. Jahrhundert kam Porto an die Reihe. Heimkehrer aus Brasilien ließen ihre Häuser mit Fliesen verkleiden. Die Fliesen hielten die Räume kühl und dämpften den Lärm. Seither trägt Porto Fliese.

In der Altstadt steht ein Eckhaus mit gelben Fliesen neben einem schmalen Haus mit blauen. Ein Fries aus Vase und Ornament schmückt die Brüstung eines grünen Hauses. Fassadenfliesen dieser Art kamen nicht aus der Hand eines Malers sondern lieferten Fabriken in Serie.

Bunte Azulejo-Fliesen schmücken historische Gebäude in Lóios, Porto, Portugal
Ein Eckhaus mit gelben Azulejos und schmiedeeisernen Balkonen steht in der Altstadt von Porto neben einem schmalen Haus mit blauen Azulejos und Spitzbogenfenstern / © Foto: Georg Berg
Historische Gebäudefront mit grünen Fliesen und Balkon in Corticeira, Porto, Portugal
Ein Haus mit grünen Fliesen, Rundbogenfenstern und schmiedeeisernem Balkon in Porto. Auf der Brüstung läuft ein Fries aus Azulejos mit Vase und Ornament. Um 1840 begann in der Stadt die industrielle Fertigung von Fassadenfliesen / © Foto: Georg Berg

Das Bilderbuch von São Bento

Der Bahnhof São Bento entstand auf dem Grund des Benediktinerklosters São Bento da Avé Maria. 1892 wurde das Kloster abgerissen. José Marques da Silva, ein Architekt aus Porto, entwarf den Bahnhof. Er wurde am 5. Oktober 1916 eröffnet. Jorge Colaço bedeckte die Halle mit den Tafeln, die er ab 1905 bemalte. Eine Fabrik in Sacavém brannte sie.

Colaço wurde 1868 in Tanger geboren und starb 1942 in Oeiras. Er malte vor allem Azulejos im spätromantischen Stil, der die portugiesische Geschichte feiert. In São Bento zeigt sich das deutlich. Die Tafeln stellen die Schlacht von Valdevez 1140 dar, den Einzug Johanns I. in Porto und die Eroberung Ceutas 1415. Darüber erzählt ein farbiges Band mit Kutschen, Ochsenwagen und Reitern die Geschichte des Transports.

Besucher erkunden die historische Bahnhofshalle mit großen Rundbogenfenstern und kunstvollen Kacheln in Lóios, Porto, Portugal
Die Eingangshalle des Bahnhofs São Bento hat sieben hohe Rundbogenfenster. Zwischen ihnen tragen schmale Pfeiler Azulejo-Tafeln. Unter der Decke steht in einer Stuckkartusche „DOURO“ / © Foto: Georg Berg

Daneben stehen Szenen vom Land. Eine Tafel zeigt eine Prozession mit Kindern, einem Ochsengespann samt Statue, Bannern und Geistlichen. Vermutlich handelt es sich um die Prozession der Nossa Senhora dos Remédios in Lamego. Eine zweite Tafel zeigt ein Volksfest mit Tänzern, Gitarre und Akkordeon. Über einem Zelt hängt das Schild Bom Vinho e Petiscos – guter Wein und kleine Gerichte. Auf einer dritten Tafel zieht ein Ochsengespann ein Fass durch das seichte Wasser des Douro. Daneben liegt ein Barco Rabelo, wie es früher die Portweinfässer flussabwärts brachte.

Historische Azulejos zeigen religiöse Prozession in Lóios, Porto, Portugal
Das Wandbild zeigt eine Prozession mit Kindern, einem Ochsengespann mit Statue, Bannern und Geistlichen. Es ist vermutlich die Prozession der Nossa Senhora dos Remédios in Lamego / © Foto: Georg Berg
Blau-weiße Azulejos zeigen historische Fest- und Tanzszenen in Lóios, Porto, Portugal
Das blaue Wandbild zeigt ein Volksfest mit Tänzern, Musikern und einem Fass. Ein Zelt trägt das Schild „BOM VINHO e PETISCOS“. Petiscos sind portugiesische Häppchen zum Wein / © Foto: Georg Berg
Traditionelle Azulejos zeigen historische Bootsszenen am Fluss in Lóios, Porto, Portugal
Zwei Frauen sitzen in einem schmalen Boot, rechts liegt ein Barco Rabelo. Links zieht ein Ochsengespann einen Karren mit einem Fass durch das seichte Wasser / © Foto: Georg Berg

Im Berufsverkehr zeigt sich der Bezug zur Gegenwart. Zwischen zwei Marktszenen führt ein Durchgang zu den Bahnsteigen. Schilder werben dort für „13 Restaurantes e Chefs“. Die Tafeln erzählen vom Markt von gestern, gleich dahinter läuft der von heute.

Passanten passieren traditionelle Azulejo-Wandbilder in Lóios, Porto, Portugal
Zwei blaue Wandbilder zeigen Marktszenen mit Zelten, Pferden, einer Kuh und sitzenden Frauen. Dazwischen strömen die Pendler vom Bahnsteig zur Arbeit / © Foto: Georg Berg

Latein an der Fassade

Jorge Colaço arbeitete auch für die Kirche. Der Bau der Igreja de Santo Ildefonso begann 1709, 1739 folgte die Weihe. Die Fassadenfliesen malte Colaço 1932. Sie zeigen Szenen aus dem Leben des Ildefons von Toledo, nach dem die Kirche benannt ist.

Historische Kirchenfassade mit blauen Azulejos präsentiert sich im Porto City Centre, Porto, Portugal
Die Fassade der Igreja de Santo Ildefonso besteht aus blau-weißen Azulejos zwischen zwei Glockentürmen. Rechts steht ein Gerüst. Jorge Colaço malte die Fliesen 1932 / © Foto: Georg Berg

Hier spricht nicht die Geschichte, sondern die Kirche. Auf den Kartuschen stehen lateinische Wörter: UNUS, TRINUS, DEUS, CARITAS. Einer, dreifaltig, Gott, Liebe. Eine Seitentafel zeigt eine Predigt vor einer Menschenmenge. Ein Künstler, zwei Aufträge, zwei Botschaften. Im Bahnhof erzählt Colaço von Reiterschlachten und Volksleben, an der Kirche von Glaubenssätzen. Rechts an der Fassade steht ein Gerüst. Auch das Blau braucht Pflege.

Weinlese am Bahnsteig

Auch der Bahnhof von Pinhão am Douro trägt Fliesen, doch sie stammen nicht von Colaço. 24 Tafeln aus mehr als 3.000 Fliesen bedecken dort die Wände. Die Fabrik Aleluia in Aveiro fertigte sie 1937; João Marques de Oliveira und Lourenço Rodrigues Limas entwarfen sie nach Fotografien des Ateliers Casa Alvão. Hier wurden Fotos zu Fliesen. Der Bahnhof selbst wurde am 1. Juni 1880 eröffnet.

Die Tafeln heißen „Condução para o Lagar“ (Transport zur Kelter), „Vindimadeira Douro“ (Weinleserin vom Douro), „Uma Quinta no Ferrão“ (ein Weingut in Ferrão) und „Panorama do Pinhão“. Sie zeigen Trauben, Fässer und Weinberge. Man kann sie als Werbung des Bahnhofs für seine Fracht lesen.

Reisende warten an historischer Bahnhofswand mit traditionellen Azulejos und Wanduhr in Bairro Chão da Armada, Pinhão, Portugal
Der Bahnhof Pinhão zeigt die Azulejo-Tafel „Condução para o Lagar“ (Transport zur Kelter) neben einer grünen Wanduhr. Das blaue Bild zeigt Menschen auf einem Weg zwischen Weinbergen. Daneben sitzen Wartende, rechts steht ein Fass / © Foto: Georg Berg
Frau steht im Eingang eines mit Azulejos verzierten Gebäudes in Bairro Chão da Armada, Pinhão, Portugal
Rechts neben der Tür zeigt die Tafel „Vindimadeira Douro“ eine Frau mit Trauben. Links folgt die Tafel „Uma Quinta no Ferrão“. Der Bahnhof besitzt 24 Azulejo-Tafeln aus mehr als 3.000 Fliesen von 1937 / © Foto: Georg Berg
Reisende warten am historischen Bahnhof mit traditionellen Azulejo-Fliesen in Bairro Chão da Armada, Pinhão, Portugal
Das Bahnhofsgebäude von Pinhão steht an zwei Gleisen. Die Fassade trägt blaue Azulejo-Tafeln unter dem Bahnsteigdach / © Foto: Georg Berg

Eine Treppe aus Fliesen und Stein

In Lamego führt eine Freitreppe zum Santuário de Nossa Senhora dos Remédios, dessen Bau 1750 begann. Auf den Treppenabsätzen sitzen Azulejo-Tafeln mit Figurenszenen in Zierrahmen; im Kirchenschiff zeigen Tafeln Szenen aus dem Leben Marias. Die Prozession auf der Tafel im Bahnhof São Bento gehört vermutlich zu diesem Ort. Fliesen verweisen aufeinander.

Prunkvolle Treppe mit Azulejos führt zur Wallfahrtskirche in Lamego, Portugal
Ein Azulejo-Panel mit Figurenszene in einem Zierrahmen schmückt den Treppenabsatz am Santuário de Nossa Senhora dos Remédios in Lamego. Links und rechts steigen Balustraden an, dahinter stehen die Türme der Kirche. Der Bau des Heiligtums begann 1750 / © Foto: Georg Berg

Wer bestellte die Bilder?

Die Bilder wenden sich an Menschen, die vorüberkommen: Reisende im Bahnhof, Gläubige vor der Kirche, Fahrgäste am Douro. Sie erzählen ihnen, wer sie sind. Ein Volk mit Schlachten und Festen. Eine Gemeinde mit Glaubenssätzen. Eine Region, die Wein erntet. Maler, Fabrik und Jahr stehen bei den großen Fliesenbildern meist dabei – der Auftraggeber fast nie.

Fliesen unter Folie

In Porto kleben teiltransparente Folien auf einigen Fliesenflächen und nehmen den Bildern ihre Brillanz. Sie sollen die Fliesen bei Bauarbeiten vor Vibrationsschäden schützen. Besonders deutlich zeigt sich der Unterschied in São Bento. Auf der Tafel „Egas Moniz apresentando-se, com a mulher e filhos, ao rei de Leão“ wirkt die obere Hälfte unter der Folie blass, während in der unteren das Blau leuchtet. Auch das große Schlachtbild im Eingangsbild dieses Artikels verliert oben an Brillanz.

Blau-weißes Azulejo-Wandbild zeigt historische Audienzszene in Sé, Porto, Portugal
Die Folie überzieht die obere Hälfte der Tafel in der Halle von São Bento. Dort wirken Figuren und Architektur blass, unten leuchtet das Blau. Die Messingtafel nennt das Thema: Egas Moniz stellt sich mit Frau und Kindern dem König von León / © Foto: Georg Berg

Der Zweck der Folie leuchtet ein. Trotzdem nimmt sie der Wand ihre Brillanz genau dort, wo der Blick hinfällt. Dass es sie braucht, zeigt den Wert dieser Wände. Der Bahnhof gilt seit dem 31. Dezember 1997 als Imóvel de Interesse Público, als Baudenkmal von öffentlichem Interesse. Der Schutz schließt die Azulejo-Paneele ein.

Wie es aussieht, wenn niemand schützt, zeigt ein Haus unweit der Sé. Seine Fassade trägt blau-gelbe Azulejos, die Fenster sind zerbrochen, das Dach ist eingestürzt. Zwischen den Fenstern hängt eine Tafel mit dem heiligen Antonius.

Verfallenes Gebäude mit traditionellen Azulejo-Fliesen und beschädigten Fenstern in Sé, Porto, Portugal
Ein Kachelbild des heiligen Antonius hängt in der Fassade eines verfallenen Hauses in Porto. Die Fenster sind zerbrochen, darüber liegen Trümmer des eingestürzten Dachs / © Foto: Georg Berg
Person hängt blaue Wäsche auf Balkon eines historischen Hauses in Sé, Porto, Portugal
Eine Frau hängt ein blaues Tuch über das Balkongeländer eines Hauses mit blau-weißen Azulejos. Am Balkon daneben hängen Fahnen des FC Porto. Ganz rechts steht die Ruine eines Hauses mit eingestürztem Dach / © Foto: Georg Berg

Der Witz der kleinen Fliese

Neben den großen Flächen gibt es in Porto die kleine Fliese mit Pointe. An einer Granitecke der Rua da Conceição kleben zwei Kacheln. Auf der einen steht „Ceci n’est pas un azulejo“, auf der anderen „proibido afixar azulejos“ – Azulejos anbringen verboten. Wer ein Verbot auf eine Fliese malt, spielt mit der Tradition. Die erste Kachel zitiert vermutlich René Magritte: „Ceci n’est pas une pipe“.

Zwei Fliesen an einer Hauswand zeigen auf einem Schwarz-Weiß-Foto ein Flussufer mit Segelbooten, Kaimauer und dichter Bebauung, das der Ribeira gleicht. Am Himmel schwebt ein UFO. Darüber steht „Ramba Zamba 2010“. Und Pontinhos bittet darum, keine Fassaden zu bemalen, wenn man dafür nicht reif genug ist.

Verkehrsschild und traditionelle Azulejos zieren eine Hauswand in Porto City Centre, Porto, Portugal
Die Bar Candelabro liegt in der Rua da Conceição 3 in Porto, Portugal. Sie nutzt die Räume einer früheren Antiquariatsbuchhandlung von 1952. An einer Granitecke daneben kleben Kacheln mit den Aufschriften „Ceci n’est pas un azulejo“ („Das ist keine Fliese“, ein Wortspiel auf René Magrittes „Ceci n’est pas une pipe“) und „proibido afixar azulejos“ („Azulejos anbringen verboten“). Ein Parkschild erlaubt Laden und Entladen für höchstens 15 Minuten. / © Foto: Georg Berg
Fliesenbild zeigt UFO über historischem Stadtpanorama in Porto City Centre, Porto, Portugal
Zwei Fliesen zeigen ein historisches Schwarz-Weiß-Bild von einem Flussufer mit Segelbooten und dichter Bebauung. Am Himmel schwebt ein UFO. Darüber hängt ein Schild mit der Aufschrift „Ramba Zamba 2010“ / © Foto: Georg Berg
Keramische Wandkacheln zeigen Fuchs-Illustration und mehrsprachigen Text in Batalha, Porto, Portugal
Eine Keramikkachel bittet in drei Sprachen darum, keine Fassaden zu bemalen / © Foto: Georg Berg

Das große Fliesengeschäft

Prometeu Artesanato ist in Porto ein Fachgeschäft für Fliesen. Dort gibt es Azulejos, bemalte Teller und Untersetzer aus Kork mit Fliesenmotiven. Auf den Preisschildern stehen 5, 6, 8 und 12 Euro. Bei den großen Bildern mit Fisch und Stillleben nennen die Schilder 25 Euro. Auf den Regalen sitzen Hähne, Blumen, ein Baum, Fische, Boote, Katzen und Eulen.

Eine Fliese trägt das Porträt einer Frau mit dem Schriftzug „AMÁLIA“, vermutlich der Fado-Sängerin Amália Rodrigues. Der Hahn erinnert an den Galo de Barcelos, ein verbreitetes Symbol des Landes. Der Legende nach krähte ein gebratener Hahn und bewies so die Unschuld eines zu Unrecht verurteilten Pilgers.

Besucher betrachten handgefertigte Keramik und Fliesen in einem Geschäft in Santo Ildefonso, Porto, Portugal
Besucher stöbern in einem Geschäft für Keramik und Fliesen in Porto. Der Boden zeigt ein wellenförmiges Muster aus dunklen und hellen Flächen. Auf Verkaufstischen liegen Magnete und Knöpfe aus Keramik, an den Wänden hängen Fliesenbilder / © Foto: Georg Berg
Bunte handbemalte Azulejos präsentieren sich auf Regalen in Porto City Centre, Porto, Portugal
Ein Regal zeigt handbemalte Fliesen mit Hähnen, Blumen, einem Baum, Fischen, Booten, Katzen und Eulen. Eine Fliese trägt das Porträt einer Frau mit dem Schriftzug „AMÁLIA“, vermutlich der Fado-Sängerin Amália Rodrigues (1920–1999) / © Foto: Georg Berg
Handgemachte Keramikfliesen und Teller zeigen kunstvolle Motive in Santo Ildefonso, Porto, Portugal
Zwei große Fliesenbilder hängen im Geschäft. Das linke zeigt ein Stillleben mit Teekanne, Krug und Zitronen vor einem Turm, das rechte Fische auf einem orangen Teller. Darunter stehen bemalte Teller. Die Preisschilder nennen 25 Euro / © Foto: Georg Berg

Nicht im Fachgeschäft, sondern in einem Souvenirladen finden wir Sardinen, einen roten Hahn, eine gelbe Straßenbahn und ein Boot auf dem Douro. Jorge Colaço malte Schlachten, Heilige und Winzer. Die Souvenirs zeigen, was Besucher nach Hause tragen: Sardine, Hahn, Tram.

Dekorative Azulejo-Fliesen zeigen Motive von Porto in Porto City Centre, Porto, Portugal
Souvenirplatten mit Azulejo-Mustern und Motiven aus Porto hängen dicht an einer Wand. Zu sehen sind Sardinen, ein roter Hahn, eine gelbe Straßenbahn, ein Boot auf dem Douro und eine Katze / © Foto: Georg Berg

Wer bist du, Porto?

Das größte Kachelbild, dem wir in Porto begegneten, stellt eine Frage. Auf schwarzen Fliesen formen große Buchstaben den Satz „Quem és, Porto?“ Wer bist du, Porto? Das Bild bedeckt die Fassade eines Hauses mit zwei Rundbögen an der Rua da Madeira nahe São Bento. Eine Tafel nennt den 27. Juni 2015 als Tag der Einweihung. Der Entwurf des Bildes brauchte vier Monate; es entstand im Rahmen des Projekts Locomotiva durch Miguel Januário. Eine Liste mit Vornamen folgt und endet mit „Para o Porto, pelo mundo. Para o mundo.“ Für Porto, durch die Welt. Für die Welt.

Orangener Baggerarm rahmt Gebäude mit künstlerischer Fassade in Aliados, Porto, Portugal ein
Das Kachelbild „Quem és, Porto?“ („Wer bist du, Porto?“) bedeckt die Fassade eines Hauses mit zwei Rundbögen. Auf schwarzen Fliesen bilden große Buchstaben die Frage / © Foto: Georg Berg

Das Stadtmarketing Visit Porto nennt als Urheber MAISMENOS, spricht von 135 Quadratmetern und 3.300 Azulejos und sagt, Einheimische und Touristen hätten sie bemalt. Jede Fliese zeigt die Sicht ihres Malers auf die Stadt – als Zeichnung oder als Satz, der die Frage beantwortet.

Die Frage an der Wand hat eine zweite Seite: Wer kann sich diese Stadt noch leisten? Neben der blauen Doppeltür eines gelb gefliesten Hauses hängt das Schild eines Ferienwohnungsanbieters. Fassade und Ferienwohnung teilen sich eine Wand. Gentrifizierung heißt, dass Besucher und zahlungskräftige Zuzügler den Wohnraum verteuern und Alteingesessene verdrängen.

Mit Graffiti bedeckte Kachelwand mit Infotafel im Porto City Centre, Porto, Portugal
Die Tafel zum Kachelbild steht auf schwarzen Fliesen unter Graffiti. Der Text beginnt mit „Este painel de azulejos foi inaugurado a 27 de junho de 2015“ (Dieses Kachelbild wurde am 27. Juni 2015 eingeweiht) / © Foto: Georg Berg
Historische Gebäude säumen Straße in Santo Ildefonso, Porto, Portugal
Die Fassade mit dem Kachelbild „Quem és, Porto?“ steht zwischen weißen und gelben Häusern / © Foto: Georg Berg

Die Städter malen selbst

Jorge Colaço malte für Auftraggeber; in diesem Bild malen die Städter selbst. Auf 3.300 Fliesen steht, wer Porto ist. Vor der Wand steht ein Bagger. Doch die Frage an der Wand stellt jede Fliesenfolge: Wer sind wir, und was sollen die anderen von uns sehen?

Die Recherche wurde unterstützt von Turismo do Porto e Norte und Thurgau Travel

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