Die Stämme winden sich wie gedrehte Seile. Astlöcher durchbrechen die Rinde. Wurzeln schieben sich über den Boden, als wollten sie Halt fassen. Darüber hängen silbrige Blätter. Am Fuß des Mont Coudon bei La Farlède nahe Toulon stehen uralte Olivenbäume. Der Frost im Februar 1956 verschonte sie. Hunderttausende andere Olivenbäume in der Provence erfroren damals.

Ein knorriger Ast spannt sich über den Hain L’Oliveraie royale du Partégal bei La Farlède. Zwischen den Kronen ragt der felsige Kamm des Mont Coudon auf, der 702 Meter hoch ist / © Foto: Georg Berg
Der Eistod von 1956
In Frankreich fiel die Temperatur ab dem 30. Januar 1956 binnen 48 Stunden um 20 bis 25 Grad. In Marseille sank das Thermometer auf minus 17 Grad, der Februar 1956 lähmt die Provence. Die Halbinsel von Saint-Tropez war abgeschnitten. An der Côte d’Azur fielen bis zu 60 Zentimeter Schnee. Im südlichen Rhônetal erfroren fast 800.000 Olivenbäume, manche bis zur Wurzel. Im Var standen vor dem Frost 2,5 Millionen Bäume. Heute steht noch knapp ein Drittel.
Warum der Olivenbaum nicht stirbt
Olivenbäume wachsen langsam und können mehr als 1.000 Jahre alt werden. Der Baum von Vouves auf Kreta gilt mit geschätzten 3.500 Jahren als einer der ältesten. Im Alter wird der Stamm innen hohl und wächst außen weiter. Er verdreht sich und reißt auf. Jahrringe lassen sich dann nicht mehr zählen. Das Alter bleibt eine Schätzung. Sie stützt sich auf Stammumfang, Radiokarbonmessung oder alte Urkunden. So ist es auch in La Farlède: Das Tourismusbüro spricht von über 650 Jahren, die Gemeinde von bis zu 600. Die Schätzmethoden unterscheiden sich.
Stirbt ein Ast, stirbt der Baum nicht. Nach Feuer oder Frost treibt er aus gesundem Gewebe neu aus. Die Wurzeln bilden immer wieder neue Triebe. An manchen Stämmen des Hains sind Spuren eines früheren Feuers zu sehen. Gegen starken Frost hilft das nur begrenzt. Als Grenze gelten etwa minus zehn Grad. Wie der Frost den Anbau im Norden prägt, zeigt der Beitrag über den nördlichsten Olivenhain Europas bei Köln.

Der Berg im Rücken
Der Mont Coudon ist einer von drei Bergen um Toulon, neben Faron und Caume. Gemeinde und Tourismusbüro führen das Überleben der Bäume im Jahr 1956 auf seinen Schutz zurück. Der Hain liegt in einer kleinen Ebene an seinem Fuß.
Später bedrohten Menschen die Bäume auf andere Weise. Früher zog sich eine größere Pflanzung durch die Ebene, die der Bach Régana durchfloss. Gewerbegebiete und Wohnsiedlungen verdrängten den größten Teil. 1989 kaufte das Département Var den Hain und erklärte ihn zu schutzwürdigen Naturraum. Die Gemeinde pflegt ihn.

Ein Hain für alle
Das Gelände misst gut zwei Hektar und umfasst nach Angaben der Gemeinde mehr als 300 Bäume. Der Eintritt ist frei. Der Hain ist Tag und Nacht zugänglich. Seit August 2019 führt ein anderthalb Meter breiter Holzweg zwischen den Stämmen hindurch. Er ist auch für Kinderwagen geeignet. 1996 drehte der Regisseur James Ivory hier Szenen für den Film Surviving Picasso mit Anthony Hopkins.

Wie im Var aus Oliven Öl wird, beschreibt der Beitrag Olivenöl aus der Provence. Wie ein Gut an der Küste mit Trockenheit und Waldbrand umgeht, steht im Beitrag über das Château Léoube.

Die Recherchereise ist vor Ort vom französischen Tourismus-Verband unterstützt worden
