Maximilian Kiener führt uns in einen kleinen Raum hinter der Bühne des Salzburger Marionettentheaters. Es ist eng, dunkel, Treppen führen nach oben und unten, der Geruch von Holz und Werkstatt liegt in der Luft. Gleich beginnt Mozarts Zauberflöte. Vom Vogelfänger Papageno fehlt jede Spur, doch Hohepriester Sarastro hängt in drei Ausführungen wie in einer Warteschleife am Rand des Raumes. Weitere Puppen zeigt Kiener zunächst nicht. Die meisten stehen verschlossen im „Puppenkammerl“ geschützt vor Licht und Staub, erklärt er uns. Stattdessen greift Kiener nach einem Stück Bühnenbild: eine Säule, massiv im Aussehen, federleicht in der Hand. Noch bevor eine Figur auftritt, steht der erste Eindruck fest: Nichts ist hier, wie es scheint und genau darin liegt die Kunst.

Maximilian Kiener spricht vom handwerklichen Geschick, das jeder Puppenspieler braucht. Er selbst ist ausgebildeter Opernsänger, kein gelernter Handwerker, aber ein vielseitiger Tüftler mit geschickten Händen. Genau diese Mischung, sagt er, braucht man hier: Musikalität trifft auf praktisches Können, das sich viele erst am Theater aneignen. Das Spielen der Marionette, ist wie das Lernen eines Instruments, erklärt er, und wenn wir unsere Marionette beherrschen, legen wir noch Gefühl hinein.“ Wenige Schritte weiter hängen an den Wänden Kostüme, aufgereiht wie in einer detailverliebten Schneiderei: winzige Stickereien, Borten, die man nur mit der Lupe erkennt, Stoffe, gerafft und drapiert, als müssten sie einer echten Sängerin passen. Die Sorgfalt, die in ein Objekt von der Größe eines Kleinkindes fließt, weckt die Neugier auf das Stück.

Ein Bildhauer, drei Generationen, ein Welterbe
Das Salzburger Marionettentheater geht auf den Bildhauer Anton Aicher zurück. Am 27. Februar 1913 stellte er bei einer Faschingsveranstaltung der Künstlergenossenschaft „Gral“ erstmals seine handgeschnitzten Figuren vor, mit Mozarts „Bastien und Bastienne“. Aicher hatte zuvor bei Münchner Puppenmachern gelernt und wollte, dem Vorbild des Münchner Marionettentheaters von Josef Leonhard Schmid folgend, ein eigenes Künstler-Marionetten-Theater in Salzburg gründen. Fast einhundert Jahre lang blieb das Haus in Familienhand: Nach Anton Aicher führten seine Nachkommen über zwei weitere Generationen die Bühne. Seit 1971 spielt das Ensemble im heutigen Haus zwischen Mozarteum und Landestheater, einem Saalbau im Barockstil mit 350 Plätzen. Heute leitet Geschäftsführerin Susanne Tiefenbacher das Theater.

2016 nahm die österreichische UNESCO-Kommission die Spielpraxis des Salzburger Marionettentheaters in die Liste des immateriellen Kulturerbes auf. Begründung: die außergewöhnliche Verbindung von künstlerischer Fertigkeit und handwerklicher Tradition, vom Schnitzen der Köpfe bis zur Führung an den Fäden. Weltweit ist das Salzburger Haus das einzige Marionettentheater, das ganze Opern aufführt.
Die Zauberflöte, seit 1952 im Programm
Seine „Zauberflöte“ brachte das Ensemble nicht in Salzburg, sondern am 8. Oktober 1952 in Boston zur Uraufführung, während einer frühen US-Tournee. Neuinszenierungen folgten 1960 und 2015, seither steht das Stück ununterbrochen auf dem Spielplan. Für eine Aufführung kommen zwischen zwanzig und neunzig Figuren zum Einsatz, insgesamt besitzt das Theater mehr als siebenhundert Marionetten. Sarastro und die Königin der Nacht, Pamina und Tamino, die Drei Damen, die Papageno vor der Schlange retten, und die Drei Knaben, die ihn später zu Sarastros Palast führen: Ein Puppenspieler übernimmt oft mehrere Rollen, denn das Ensemble zählt nur zehn feste Mitglieder.

Musikalisch läuft die Aufführung vom Band. Bei der „Zauberflöte“ ist das seit vielen Jahren dieselbe historische Aufnahme: Ferenc Fricsay dirigiert das RIAS-Symphonie-Orchester Berlin, eingespielt 1954/55 für die Deutsche Grammophon. Den Papageno singt darin ein 29-jähriger Dietrich Fischer-Dieskau, wenige Jahre nach seinem Durchbruch bei den Salzburger Festspielen und noch weit vor dem Ruhm als Jahrhundertsänger. Wer im Zuschauerraum sitzt, hört also keine Konserve, sondern eine der bedeutendsten Einspielungen der Operngeschichte. Die Sänger bleiben unsichtbar, die Puppen tragen die Musik allein mit ihren Bewegungen.

12 Fäden und ein Kilo Holz
Am sogenannten Spielsteg, einer schmalen Brücke über der Bühne, führen die Puppenspieler ihre Figuren stehend und oft gebückt. Maximilian Kiener, seit sieben Jahren im Ensemble, demonstriert die Technik mit ausgebreiteten Armen, das sogenannte Salzburger Spielkreuz in der Hand, jenes Steuerelement, das Anton Aicher vor über hundert Jahren entwickelte und das bis heute unverändert im Einsatz ist. Normalerweise zwölf, manchmal sogar über 20 Fäden steuern eine einzelne Figur mit bis zu einem Kilogramm Gewicht. Jeder Faden bewegt ein eigenes Detail: ein Augenlid, eine Fingerspitze, die Drehung im Hüftgelenk. Auch einfache Gegenstände wie Papagenos Vogelkäfig hängen als Einzelelement an Fäden; nur so kann der Vogelfänger den Käfig schwungvoll von den Schultern heben und abstellen. Es komme schon mal zu kleinen Missgeschicken auf der Bühne. Einmal, so erzählt Kiener, hat Baron Georg von Trapp in der Inszenierung von The Sound of Music seinen Fuß auf der Bühne stehen lassen. Das Publikum lachte, der Fuß wurde eingesammelt und das Spiel ging weiter.

Puppenspieler am Salzburger Marionettentheater sind zugleich Handwerker. Das Ensemble betreibt eine eigene Schneiderei, Tischlerei und Schlosserei, dazu die Puppenwerkstatt. Wer hier arbeitet, muss musikalisch sein, ein Gefühl für Bewegung mitbringen und zugleich nähen, schnitzen und löten können. Hinter der Bühne stapeln sich Requisiten, Kulissenteile lehnen an den Wänden, Scheinwerfer werfen ihr kaltes Blau auf halb bemalte Kostüme. Der Raum wirkt improvisiert und hochprofessionell zugleich.

Vorhang auf mit Blick hinter die Kulissen
Als sich der Vorhang hebt und die ersten Takte der Ouvertüre erklingen, sieht man zwei Puppenspieler wie Riesen in einem Aquarium. Sie bauen die Kulisse auf, bringen die Marionetten in Stellung und bereiten die erste Szene von Mozarts Zauberflöte vor; erst danach schließen sich die schwarzen Vorhänge, sodass das Publikum nur noch die Bühnenwelt und die Figuren sieht. Das ist keine Panne, sondern Teil der Inszenierung von Thomas Reichert aus dem Jahr 2015. Sie zeigt am Anfang, wie Theater entsteht, um anschließend umso stärker an die Zauberwelt der Marionetten glauben zu lassen. Das passt zum Selbstverständnis des Salzburger Marionettentheaters, bei dem die Puppen als eigentliche Hauptdarsteller auf der Bühne stehen.

Die Figuren bewegen sich mit einer Geschmeidigkeit, die man Holz nicht zutraut: Papageno stolpert, zögert, blickt sich um, mit einem Tempo, das komisch wirkt, nicht mechanisch. Die Königin der Nacht schwebt heran, ihr blaues Kostüm fängt das Licht, während ihre Koloraturen den Saal füllen. Die Falten in den Gewändern der Puppen lassen ihre Bewegungen fließender wirken, hatte uns Puppenspieler Kiener noch verraten. Die Fäden verlieren an Bedeutung, die Figuren gewinnen Eigenleben. Erwachsene im Publikum lachen an denselben Stellen wie die Kinder neben ihnen. Das ist die eigentliche Leistung des Marionettenspiels: eine Kunstform, die niemanden ausschließt, weder durch Sprache noch durch Alter.

Von Salzburg in die Welt
Rund einhundertsechzig Vorstellungen zeigt das Theater jährlich im eigenen Haus, dazu kommen internationale Gastspiele. So reisten die Salzburger Marionetten schon bis nach China, Japan, Taiwan und Südamerika, spielten in Paris, London und Rom vor gekrönten Häuptern.

Im Herbst 2026 geht eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen auf Tournee: Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten“ in einer Inszenierung von Matthias Bundschuh, mit Marionetten und Bühnenbild von Georg Baselitz. Für das Haus war es die erste Zusammenarbeit seiner Geschichte mit einem bedeutenden zeitgenössischen Künstler: Baselitz verzichtete auf Gesichter und Kostüme im klassischen Sinn und baute seine Figuren stattdessen aus Pappröhren, Draht und Blech, mit abstrakten, farbcodierten Köpfen von eigenwilliger, fast archaischer Prägnanz. Diese Puppen sind ein besonderer Schatz des Theaters. Am 30. April 2026 starb Georg Baselitz im Alter von 88 Jahren. Die Marionetten für Strawinskys Soldatengeschichte waren seine letzte Auftragsarbeit.

Im Repertoire bleiben zwei Titel die verlässlichsten Publikumsmagnete: Mozarts „Zauberflöte“, seit über siebzig Jahren im Programm, und „The Sound of Music“. Seit 2007 ist die Adaption des oscarprämierten Hollywoodfilms fester Bestandteil im Programm. Für viele internationale Fans sind diese beide Stücke ausschlaggebend für einen Besuch im Salzburger Marionettentheater.
Mehr Salzburger Geschichten
Im Barocksaal findet mehrmals in der Woche, das bei Touristen sehr beliebte Mozart-Dinner im St. Peter Stiftskuliarium statt, das stets mit dem Dessert-Klassiker Salzburger Nockerln endet. Über diese und weitere Spezialitäten mehr in der Reportage Süßes Salzburg. Welche Spuren Mozart in seiner Heimatstadt Salzburg hinterlassen hat, verrät der Artikel Stadtwanderung mit Mozart. Das Salzburger DomQuartier geht neue Wege und lädt in die Prunkräume der Residenz zu Yoga-Flow mit Live-Musik von Mozart. Den Ausschank im Augustiner Bräu und ein kühles Märzen unter alten Kastanienbäumen oder im historischen Stockhammer-Saal sollte ebenfalls auf einem Rundgang durch Salzburg dabei sein. Jedes Jahr strömen Setjetter aus aller Welt nach Salzburg und begeben sich auf die Spuren von The Sound of Music per Panoramafahrt im Bus oder auf dem Sound-of-Music Trail.
Die Recherche wurde unterstützt vom SalzburgerLand