Der Tokaido-Shinkansen bringt uns nach Nagoya, von dort geht es mit dem Regionalzug weiter bis nach Nakatsugawa, einem kleinen Städtchen am Fuß der Kiso-Berge in der Präfektur Nagano. Hier wartet schon unser Guide Yuki. Er ist im Kisotal aufgewachsen und kennt die Wanderwege am Nakasendo bestens. Ein Glück, denn schon auf der kurzen Autofahrt zum Trailhead beginnt er zu erzählen: von der langen Geschichte des Handelsweges, von den Menschen, die ihn einst benutzten, und von den Mühen, die sie auf sich nahmen, um bis nach Edo zu gelangen, dem Verwaltungssitz des mächtigen Shogun und heutigen Tokio. Draußen ziehen Kiefern und Zedern vorbei, das laub zeigt erste Herbstfärbung und die Luft wird kühler. Nach zwanzig Minuten stehen wir am Ausgangspunkt unserer Wanderung.

Von hier aus laufen wir nach Magome, dem Startpunkt der berühmtesten Tagestour auf dem Nakasendo. Knapp acht Kilometer trennen die beiden Poststationen Magome und Tsumago, und der Weg dorthin ist stellenweise noch mit jenen alten Steinplatten gepflastert, über die einst Prinzessinnen in Sänften reisten, um in die Familie des mächtigen Shogun einzuheiraten. Begleitet wurden sie dabei von einem Hofstaat aus 20.000 Menschen. Ein Tross, der sich, wie Yuki erzählt, über die Distanz von gleich drei Poststationen erstreckte.

Heute geht es entlang des Nakasendo deutlich ruhiger zu. Mächtige Baumstämme ragen in den Himmel, manche der Zypressen sind 350 Jahre alt und spendeten schon damals einer Prinzessin Schatten. An einem dieser Bäume bleibt Yuki stehen: Ein unterer Ast ragt waagerecht zur Seite, bevor er wieder Richtung Himmel wächst, fast wie ein Sitz, der zum Ausruhen einlädt. Doch dieser Rastplatz, weiß unser Guide, war den Gottheiten vorbehalten. Die Reisenden der Edo-Zeit hätten sich nie getraut, hier Platz zu nehmen. Im Shintoismus spielt die Natur eine zentrale spirituelle Rolle: Berge, Bäume, Felsen, Flüsse oder Wasserfälle können als heilig gelten, weil in ihnen Kami wohnen.

Kami sind dabei keine „Götter“ im streng westlichen Sinn, sondern eher göttliche, spirituelle Wesen oder Kräfte, die sich in Orten, Naturphänomenen oder außergewöhnlichen Dingen manifestieren. Ein alter Baum ist deshalb nie einfach nur ein Baum, sondern wird als Wohnort eines Kami verehrt. Ohne diese Erklärung wäre uns das alles entgangen. Am Wegesrand stehen außerdem in regelmäßigen Abständen steinerne Jizō, Schutzgeister für Reisende, Kinder und Verstorbene. Manche tragen rote Stoffe, um Dämonen abzuwehren, und auch heute noch suchen Einheimische die Jizō auf und bitten um Schutz.

Mittagspause machen wir im Gasthaus Juri, wo Misae Owaki ihre Spezialitäten auftischt mit Zutaten aus eigenem Anbau. Ihr Mann, ein ehemaliger Postbote, bedient die Gäste mit sichtbarem Stolz auf die Arbeit seiner Frau, die auch auf Nachfrage nicht für ein kurzes Gespräch aus der Küche kommen möchte. Ihr beliebter Kastanienreis, Kurikowameshi, ist mit süßlichen Bergkastanien gespickt, dazu gibt es Sansai, eingelegtes Wildgemüse aus den umliegenden Wäldern, und eine dampfende Ramen-Suppe. Wir sitzen am offenen Fenster, blicken in die dunkelgrünen Bäume und verstehen sofort, warum dieser Ort so gelobt wird.

Wie beliebt die Tagesetappe ist, zeigt sich wenig später am Tateba Chaya, dem ältesten Teehaus am Nakasendo. Schon im 17. Jahrhundert rasteten hier Händler, Pilger und Hofbeamte, heute schenken Einheimische ehrenamtlich Tee aus. An der Hauswand hängt eine bunte Tafel mit einer Strichliste, auf der Wanderer eintragen können, aus welchem Land sie kommen. Wir machen unseren Kreidestrich bei Germany, die meisten Wanderer des Tages kommen allerdings aus Mexiko.

Kurz vor Tsumago liegt unsere Unterkunft für die Nacht, das Ryokan Hanaya. Es ist Anfang November, beste Reisezeit in Japan, und Unterkünfte direkt am Nakasendo sind rar. Wer hier übernachten möchte, sollte mehrere Monate im voraus buchen. Hinter dem holzvertäfelten Eingang öffnet sich eine Welt aus Papierschiebetüren, Tatamimatten und dem leisen Plätschern eines Onsenbades. Man führt uns zu unserem Zimmer in japansichem Stil. Unser Futon liegt in einem Schiebeschrank im Flur, das Nachtlager bereitet man sich als Gast selbst. Davor geht es aber erst einmal in den hauseigenen Onsen, nach Geschlechtern getrennt, zum Entspannen vor dem Abendessen.

Die Gäste der wenigen Zimmer essen gemeinsam an niedrigen Tischen, und es ist amüsant zu beobachten, wie viele ihre Beine nur mühsam darunter sortieren. An diesem Abend sind fast alle Kontinente vertreten, wir tauschen Eindrücke mit Fran und Jeremy aus Südafrika. Vor uns stehen kleine Schalen mit eingelegtem Rettich, fermentierten Sojabohnen und Misosuppe mit Berggemüse, dann öffnet sich eine Schiebetür, und auf lackierten Tabletts werden gebratener Kiso-Karpfen und Yuzu-Gelee serviert. Die ungewohnte Sitzhaltung ist in diesem Moment vergessen. Jetzt heißt es erst einmal staunen und genießen.

Am nächsten Morgen, noch vor dem Frühstück, laufen wir noch einmal hinüber ins nahe Tsumago. Am Vortag war es voller Besucher, im Morgenlicht aber wirkt das Postdorf wie ein völlig anderer Ort. Die Machiya-Häuser aus der Edo-Zeit mit ihren dunklen Holzfassaden und tief herabgezogenen Dächern stehen still, keine Touristen, keine Souvenirverkäufer weit und breit. Nur eine junge Japanerin kommt rückwärts gehend auf uns zu – ich muss lächeln, offenbar hat es ein TikTok-Trend bis in diesen Ort ohne Autos und sichtbare Kabel geschafft. Der alte Bewässerungskanal gluckst, Vögel zwitschern, und seit den 1970er-Jahren sind Neubauten, Abrisse und Reklametafeln in Tsumago schlicht verboten. Das Ergebnis: ein Ort, in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint.

In der Mitte des Dorfes hat sich eine alte Schlafstelle aus der Edo-Zeit erhalten. Es ist ein schlichter Raum mit einer Feuerstelle in der Mitte, einst Unterkunft für die ärmsten Reisenden. Einen Schlafplatz im Gemeinschaftsraum bezahlte man mit etwas Brennholz, damit die Feuerstelle unterhalten werden konnte, an der sich alle ihren Reis kochten.

Im Kumagai Family House sieht man, wie wohlhabende Familien damals lebten. Die Familie Kumagai bestellte nicht nur Felder, sondern verdiente auch mit der Seidenraupenzucht. Das Haus aus dem frühen 19. Jahrhundert zählt zu den am besten erhaltenen Gebäuden im Ortskern. Täglich lodert im Irori, der traditionellen, in den Boden eingelassenen Feuerstelle aus Asche, ein Feuer. Über den Flammen hängt ein gusseiserner Tetsubin-Kessel an einem höhenverstellbaren Kettenhaken. Die Irori bestimmte das Alltagsleben in japanischen Machiya-Häusern.

Rund um die Feuerstelle glänzen die schwarzen Holzwände auffällig. Der Glanz endet auf einer bestimmten Höhe. Wir fragen nach und erhalten eine verblüffende Antwort, die die Museumsangestellte gleich anschaulich demonstriert. Sie greift zum Lappen, stellt sich auf die Zehenspitzen an die Holzwand und erklärt lachend: So hoch wie eine durchschnittlich große Japanerin mit dem Putzlappen wischen kann, so weit reicht der glänzende Teil der Holzvertäfelung.

Postdörfer wie Tsumago und Magome boten Reisenden Rast, Verpflegung und Unterkunft. Entlang der Route zwischen Kyoto, dem Sitz des Kaisers, und Edo, dem heutigen Tokio und damaligen Sitz des Shoguns, reihten sich 69 solcher Stationen. Sie versorgten die Reisenden und boten teils auch Unterhaltung. Mit der Zeit wuchsen an diesen Knotenpunkten ganze Ortskerne. Vom frühen 17. bis zum späten 19. Jahrhundert zählte der Nakasendō zu Japans wichtigsten Verkehrswegen – ursprünglich jedoch diente er vor allem der Kontrolle durch das Shogunat

Im 17. Jahrhundert war das Kiso-Tal weniger ein Handelsweg als ein streng überwachter Raum, der die Macht des Shogunats absicherte. Die Behörden kontrollierten die Bewegung von Menschen und Gütern. Der Weg stand nicht allen offen: Vor allem Daimyō, Regierungsbeamte, Boten und Soldaten nutzten ihn; Händler und Pilger folgten erst später. Auch hier zeigt sich, wie ein guter Guide Geschichte lebendig macht. Yuki führt uns bis ans Ende der Hauptstraße in Tsumago, um die militärische Funktion der Postdörfer zu erklären. Die lange Hauptstraße mündet in eine tiefer gelegene Straße, die abrupt im rechten Winkel nach rechts abknickt. Feinde, die hier eindrangen, gerieten in eine Falle.

Wir sind froh, mit Yukinobu Koshi einen kundigen Spurenleser der Geschichte an unserer Seite zu haben. Denn am Wegesrand gibt es unglaublich viel zu entdecken. Vieles würde man sonst einfach übersehen. So führt uns Yuki am Ortsrand von Tsumago sogar in den Garten eines Privathauses. Dort steht eine der alten Wegmarken. Der Nakasendō war in der Edo-Zeit nämlich nicht nur durch die Poststationen gegliedert. Es gab auch unregelmäßig gesetzte Distanzmarken und teils gepflasterte Wegabschnitte. Die deutlichsten erhaltenen Spuren davon sind heute die alten Steinstraßen im Kiso-Tal. Die Poststationen lagen jeweils etwa zehn Kilometer auseinander. Für die Reisenden war das eine grobe, aber wichtige Orientierung auf dem langen Weg nach Edo.

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Spirituell, kulinarisch, faszinierend. Auf unserer Reise durch die japanischen Präfekturen Wakayama, Mie und Nagano sowie die Städte Osaka, Nara und die Region Hakone haben wir Pilgerrouten und alte Handelswege erwandert, in heißen Quellen gebadet, uns durch die Streetfood-Meilen von Osaka treiben lassen und viele rote Dosen aus Nagano in den Koffer gepackt. Dort führt kein Weg am Oktopus vorbei – schon gar nicht an einem Takoyaki, dem legendären Teigbällchen mit dem winzigen Stück Krake im Inneren. In Tanabe eröffnet sich eine andere Welt: die des Umeshu, jenes bernsteinfarbenen Pflaumenlikörs, dessen Nuancen man in einer kleinen Bar kennenlernt. Wer danach noch laufen kann, macht sich am besten direkt auf den berühmten Pilgerweg Kumano Kodo – und wer es stilecht mag, tut das im Kimono. In Yunomine Onsen liegt der älteste Onsen Japans, wo seit 1800 Jahren das aus der Erde sprudelnde heiße Wasser zum Kochen, Baden und Relaxen dient. Über die Geschichte der Ama, der Frauen des Meeres, ihre Tradition und ihr bedrohtes Handwerk erfährt man in Mie. Wer ein Souvenir sucht, kann in Ise-Shima eine Auster auswählen. Was drin ist, erfährt man nur beim Pearl Picking. In Ise selbst hütet Japans bedeutendster Shinto-Schrein ein Geheimnis, das seit zwölfhundert Jahren bewahrt wird – indem man ihn alle zwanzig Jahre neu baut. Die etwas schräge Bag-Charm-Kultur, bei der Plüschtiere an Taschen baumeln, ist dagegen ein landesweites Phänomen.
Die Recherchereise wurde von Nagano Tourism Organisation unterstützt