Am frühen Morgen des 30. Mai 2026 stehen vor der Rennsteighalle in Steinbach am Wald Wohnmobile und Campingbusse dicht an dicht. Drinnen riecht es nach Kaffee und frischem Brot: In der Sporthalle haben Hunderte Wanderer an langen Tischreihen Platz genommen, um sich für die bevorstehenden 42 Kilometer und knapp 1000 Höhenmeter zu stärken.

Kurz vor dem gemeinsamen Start um 7 Uhr, eine unerwartete Szene auf dem Balkon des Gebäudes. Eine junge Frau im weißen T-Shirt – Aufdruck: „Crazy Runners“ – dreht sich um, schließt die Augen und wirft einen Brautstrauß rückwärts in die wartende Menge. Christine, die am Vorabend im Naturbad Rothenkirchen standesamtlich geheiratet hat, startet ihren ersten Ehe-Tag mit 42 Kilometern Frankenwald. Ihr Mann Johannes steht neben ihr und lacht. Eine unverheiratete Frau fängt den Strauß – ob sie im nächsten Jahr mit einem Bräutigam an der Startlinie stehen wird, bleibt abzuwarten.

Kult-Event mit 555 Startplätzen

Der Frankenwald-Wandermarathon hat seit seiner ersten Ausgabe 2012 einen Kultstatus entwickelt, der in der deutschen Wanderszene seinesgleichen sucht. Ausgerichtet wird die Veranstaltung jedes Jahr von einer anderen Gemeinde in der Region. 555 Startplätze gibt es, verteilt auf drei Verkaufstermine Anfang Februar. Nur dabei ist Schnelligkeit gefragt: In manchen Jahren sind alle Tickets innerhalb von Sekunden vergriffen. Das schafft eine Gemeinschaft unter den Teilnehmern, die unterwegs wieder die Ruhe genießen wollen. Man hat gekämpft, um gemeinsam zu wandern.
Der Wald erzählt

Wer aufmerksam geht, liest in der Landschaft eine zweite Geschichte. An mehreren Abschnitten öffnet sich der Wald unvermittelt: Kahle Hänge, auf denen die Stümpfe alter Fichten stehen wie Mahnmale, unterbrochen von zartem Jungwuchs in Reih und Glied. Der Borkenkäfer hat in den vergangenen Jahren schwere Schäden hinterlassen – Trockenheit, Sturm und Schädlingsbefall haben vor allem den Fichtenmonokultur-Beständen zugesetzt. Die Bayerischen Staatsforsten und private Waldbesitzer sind seit Jahren damit beschäftigt, das Schadholz zu räumen und mit einer vielfältigeren Baumartenmischung aufzuforsten.

Eine Informationsstation auf der Strecke erklärt die Geschichte des Schieferbergbaus, der einst die Region geprägt hat. In Lichtenfels und im Umland des Frankenwaldes wurde über Jahrhunderte Schiefer abgebaut; die Halden und alten Stolleneingänge sind noch heute in der Landschaft erkennbar. Wer sich beim Wandern ein paar Minuten Zeit nimmt, bekommt eine Ahnung davon, dass der Frankenwald nicht nur schön ist, sondern auch eine Industriegeschichte trägt, die unter dem Moos und Farnkraut des Waldbodens kaum noch sichtbar ist.

Mittagessen und ein Dom im Wald
Bei Kilometer 19,5 legt die Strecke eine Pause in Buchbach ein. Wer bis hierhin durchgehalten hat, wird mit Mittagssuppe belohnt: Freiwillige Helfer schöpfen aus großen Töpfen, der Geruch von heißer Brühe zieht durch den Dorfkern, und für einen Moment verwandelt sich der Wandermarathon in ein Dorffest. Die Beine werden kurz, aber konsequent ignoriert.

Direkt neben der Station fällt ein Gebäude auf, das man in einem Dorf dieser Größe nicht erwartet. Die katholische Pfarrkirche St. Laurentius trägt seit ihrer Einweihung 1971 den Volksmund-Namen „Dom des Frankenwaldes“ – und man versteht ihn, wenn man davor steht. Ein sechseckiger Zentralbau, das Pyramidendach mit sechs zackigen Gauben, die die Dornenkrone Christi symbolisieren sollen, und ein 33 Meter hoher Turm, dessen Form einem Nadelbaum nachempfunden ist. Der Entwurf stammt vom Darmstädter Architekturprofessor Gerhard Mantke; die Gemeindemitglieder leisteten für den Bau rund 40.000 Arbeitsstunden freiwillig. Im Frankenwald aus Kupferblech – das im Laufe der Jahrzehnte vergrünt ist – wirkt das Gebäude wie ein Fremdkörper und wie eine Konsequenz zugleich: eine Region, die ihren Wald liebt, baut eine Kirche, die wie ein Baum aussieht.

Entenangeln, neu interpretiert
Nicht jede Station hat es mit Geschichte oder Ökologie. An einem Bach irgendwo auf halber Strecke sollten die Teilnehmer eigentlich Entenangeln spielen – ein Kinderspiel, bei dem man bunte Plastikenten aus dem Wasser fischt und nach der Nummer auf dem Boden ein Gewinn zugeordnet wird. Nur: Kleine Kinder, die den Aufbau der Station beobachtet hatten, hatten die Enten vor dem offiziellen Start der Wanderer im Bach versteckt. Die Erwachsenen standen vor einem leeren Becken, die Standbetreuer zuckten die Schultern, und irgendwo in den Büschen kicherte es.

Solche Momente sind es, die den Wandermarathon ausmachen. Vereine, Familien, Feuerwehren, lokale Unternehmen – sie alle bauen Stationen auf, manche aufwändig inszeniert, manche schlicht, aber alle mit dem gleichen Ziel: den Vorüberziehenden eine Freude zu machen. Wer hier wandert, wandert nicht allein durch die Natur, sondern durch das gesellschaftliche Leben einer ganzen Region, die sich für einen Tag auf die Strecke stellt.

Obacht! Frankenwaldweiber
An der Dammbachsleite, Kilometer 36, regiert die Folklore. Die Frankenwaldweiber aus Heislaberg haben aufgebaut: Frauen in Kittelschürzen und Kopftüchern, die Bier, Schnaps und „Wärscht“ reichen und dazu ihr eigenes Lied singen, dessen Refrain „ritschibi“ lautet und sich nach drei Strophen unweigerlich im Kopf festsetzt.

An einem Baum kurz vor der Station hängt das Liedblatt. Das ist keine improvisierte Verpflegungsstation; das ist eine Institution, die auf der Strecke schon von weitem zu hören ist und die erfahrene Teilnehmer die gesamte Strecke lang als das ankündigen, worauf sie sich am meisten freuen.

Der Berg ruft
Was bleibt, ist der Körper. Knapp 1000 Höhenmeter klingen auf dem Papier handhabbar. In den Beinen, nach dem siebten Anstieg des Tages, fühlen sie sich anders an. Der Frankenwald ist kein alpines Terrain, aber er ist auch kein flaches Wandergebiet: Die Wege wechseln ständig zwischen Forstpisten, Wiesenpfaden und steilen Waldsteigen, der Untergrund wechselt zwischen festem Boden, weichem Moos und kleinen Bachquerungen.


Wer nicht mehr kann, ruft an. An einigen Punkten der Strecke weisen Schilder auf den kostenlosen Shuttle-Bus hin. Die Nummer steht drauf. Das ist keine Niederlage, das ist Logistik. Ich sehe Menschen, die nach 30 Kilometern auf einen der Busse warten, und andere, die nach 40 Kilometern noch laufen. Beides ist richtig.

Christine und Johannes schaffen die gesamte Strecke. Als ich sie zum letzten Mal sehe, irgendwo auf einer blühenden Bergwiese kurz vor Steinbach, hat Christine die Wanderstöcke weggepackt.

Was die Karte zeigt
Die Infografik, die GPS-Track, Höhenprofil und Tempokurve des 30. Mai zusammenführt, macht das Terrain anschaulich, das sich in den Beinen anders anfühlt als auf dem Papier. Die Strecke startet in Steinbach am Wald auf rund 620 Metern über dem Meeresspiegel, fällt zunächst ins Haßlach-Tal hinunter auf 470 Meter und steigt dann in einem langen, gleichmäßigen Anstieg bis auf 712 Meter – den höchsten Punkt am Rennsteig, der historischen Wasserscheide zwischen Bayern und Thüringen, die hier auf Kilometer 13 gequert wird. Danach senkt sich das Profil in mehreren Wellen bis auf 416 Meter, den tiefsten Punkt der gesamten Runde beim Floßteich südlich von Rothenkirchen. Die zweite Streckenhälfte ist ein kontinuierlicher Rückweg bergauf: Von dort steigen die letzten 13 Kilometer ohne nennenswerte Entlastung zurück nach Steinbach. Meine Apple Watch misst 45,01 Kilometer und 1.142 Höhenmeter – drei Kilometer mehr als offiziell angegeben, ein Unterschied, den man mit beruflichen Umwegen für Fotos erklären kann und sollte.
Die Recherche wurde unterstützt vom Frankenwald Tourismus Service Center in Kronach, bei dem es auch alle Informationen über den nächsten Wandermarathon gibt.