Die Oharai-machi ist laut. An der Pilgerstraße reihen sich Souvenirläden, Akafuku mochi-Verkäufer und Sake zum Probieren. Von Kindern bemalte Lampignons spannen sich über die Straße. Heute bei Nieselregen ist die Touristenstraße nicht ganz so überlaufen wie sonst. Sie liegt zwischen den heiligsten Schreinen Japans, die sechs Kilometer auseinander liegen.

Besichtigungsregeln, die nicht erklärt werden
Wir tragen Armbinden mit japanischen Schriftzeichen. Sie kennzeichnen uns als Journalisten, also als Menschen, die mehr erklärt bekommen als die meisten. Tatsächlich sehen wir aber weniger als wir möchten. Vieles darf man nicht fotografieren. Anders als an anderen Touristenzielen gibt es keine Schilder die wir entziffern könnten. Nur japanische Schriftzeichen. Unsere Führerin deutet Geheimnisse an. Schnell lernen wir die Grenzen kennen.

Bevor man das Gelände betritt, wäscht man die Hände. Die Schöpfkelle heißt Hishaku, die Handlung Temizu. Es ist eine Reinigung, um sich des Unreinen zu entledigen, bevor man dem Heiligen begegnet. Unsere Führerin Chifumi Takahashi macht es vor. Wer mitmacht, versteht: Das ist kein Symbol. Das ist ein Vollzug.

Sie erklärt auch, warum hier keine Gasflasche brennt, kein Stromanschluss liegt, kein Wasserhahn tropft. Die Antwort trägt sie laminiert bei sich. Auf dem Schild steht auf Englisch: Why does Ise Jingu not use the modern method? Darunter drei Symbole: Gas, Strom, Wasser. Eine Antwort steht nicht dabei. Denn die Antwort passt nicht in Worte. Sie steckt in dem Prinzip, das den gesamten Schrein trägt: Das Handwerk muss so ausgeführt werden wie vor zwölfhundert Jahren. Sonst ist es kein Handwerk mehr, das man weitergeben kann.
Betriebsausflug zur Firmenandacht
Der Kiesvorplatz vor dem ersten Torii ist weit. Japanische Unternehmen schicken ihre Belegschaften zur Pilgerfahrt nach Ise. Kigyō sanpai, die Firmenandacht, gehört besonders zu Jahresbeginn zum japanischen Arbeitsleben. Männer und Frauen in dunklen Anzügen, mit Visitenkartenhaltern in der Jackentasche, verneigen sich in Formation. Das wirkt selbstverständlich. Vielleicht sagt das mehr über den Shinto aus als jede Erklärung.

Ise-jingū ist der bedeutendste Shinto-Schrein Japans. Er ist fast zweitausend Jahre alt und die Heimstätte der Sonnengöttin Amaterasu. Jährlich kommen über sechs Millionen Menschen. Das Sengukan-Museum am Eingang des äußeren Schreins zeigt, was auf dem Gelände selbst niemand erklärt: Werkzeuge der Zimmerleute, Baupläne, Handwerkstechniken, das Modell des Schreins in Originalgröße. Es zeigt auch das Prinzip des Shikinen Sengu, jenes Rituals, bei dem der gesamte Schrein alle zwanzig Jahre vollständig neu gebaut wird. Dasselbe Holz, dieselbe Form, dieselbe Stille. Nur die Materie ist neu. Auch im Museum darf man nicht fotografieren.

Beim Neubau des Ise-Schreins ersetzt man nicht nur die Gebäude, sondern auch genau 1.576 kultische und praktische Gegenstände: darunter zeremonielle Schwertklingen, der heilige Spiegel Yata no Kagami (八咫鏡), die Chrysanthemen-Lackbox Kiku-Makie Tebako und 125 Arten heiliger Gewänder wie der 12-lagige Kimono Junihitoe. Nach dem Umzug der Gottheit in den neuen Schrein entsorgt man die alten Teile nicht, sondern nutzt sie weiter: Große Holzbauteile wie die mächtigen Torii-Pforten und andere markante Elemente finden in späteren Bauwerken des Ise-Schreins erneut Verwendung, während weiteres Holz an andere Schreine in Japan geht. So bleibt das Material im sakralen Kontext, handwerkliche Techniken leben fort, und die Verbindung zwischen Ise und anderen Schreinen bleibt bestehen.
Erst Geku dann Naikū
Es gibt zwei Schreine. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Der äußere Schrein, Geku, und der innere Schrein, Naikū, liegen sechs Kilometer voneinander entfernt. Sie folgen denselben Bauregeln, beherbergen aber verschiedene Göttinnen und haben verschiedene Aufgaben. Die Vorschrift lautet: erst Geku, dann Naikū. Die Versorgerin vor der Herrin. Warum, erklärt kein Schild.

Der Geku ist der Schrein der Toyouke-Ōmikami, der Göttin der Nahrung, der Kleidung, des Wohnens. Die alten Chroniken berichten, Amaterasu habe sie ausdrücklich nach Ise rufen lassen. Seitdem bringen ihr Priester täglich zweimal frische Speisen – morgens und abends, seit fünfzehnhundert Jahren ohne Unterbrechung.
Durch die Stadt zum zweiten Schrein

Zwischen Geku und Naikū liegt wieder die Oharai-machi. Wer die Reihenfolge einhält, muss hier ein zweites Mal durch. Über den Ladentüren hängen Strohgebinde aus geflochtenem Reisstroh, dazu getrocknete Pflanzen und Papierstreifen. Shimekazari: Zeichen der Reinheit, Schutz für den Eingang. Auf einem Holztäfelchen steht 笑門. Das Tor des Lachens. Ein japanisches Sprichwort sagt: In das Haus, aus dem Lachen kommt, zieht das Glück ein. Hier hängt es über dem Eingang eines Fischgeschäfts.

Was niemand fotografieren darf, kann man kaufen. Im Souvenirladen der Oharai-machi steht das maßstabsgetreue Modell des Naikū-Hauptheiligtums, zahlbar mit Kreditkarte. Wir haben es fotografiert. Das Foto zeigen wir aus Respekt vor den Gepflogenheiten vor Ort im Artikel unscharf. Wer es in voller Schärfe sehen möchte, klickt auf das Bild.

Naikū – der zweite Schrein
Auf dem Kiesweg läuft ein weißes Huhn. Das ist kein Zufall und keine Dekoration. Die Hühner am Ise-jingū sind heilig. In der Amaterasu-Mythologie war es das Krähen des Hahns, das die Sonnengöttin aus ihrer Höhle lockte, in die sie sich zurückgezogen hatte, und die Welt so wieder mit Licht versorgte. Das Huhn erinnert daran, ohne ein Schild zu brauchen. Denn die Pilger kennen die Legende.

Die Uji-Brücke ist der Übergang. Dahinter beginnt der Naikū, der innere Schrein, und der eigentliche Grund, warum sechs Millionen Menschen jährlich nach Ise kommen. Hier wohnt Amaterasu-Ōmikami, die Sonnengöttin. Es regnet. Das ist nicht unerheblich.

Vor dem Eintritt in den Waldpfad führen Stufen hinunter zum Isuzu-Fluss. Das ist das Mitarashiba, die Reinigungsanlage des Naikū. Hier wäscht man die Hände nicht in einem Becken, sondern im fließenden Wasser des Flusses selbst. Das Wasser kommt von den heiligen Bergen dahinter. Es bewegt sich, es erneuert sich. Das ist der Unterschied zum stehenden Wasser anderer Schreine. Wer weitergehen will, hält hier inne.

Die Kaguraden sind die prächtigsten Gebäude, die man auf dem Gelände fotografieren darf. Lackiertes Holz, vergoldete Chrysanthemen-Embleme, geschwungene Dächer aus Hinoki-Rinde. Hier kauft man Amulette, lässt den Schreinsstempel eintragen und bucht eine Kagura-Zeremonie. Je öffentlicher die Funktion, desto aufwendiger der Bau. Die eigentlichen Heiligtümer dahinter sind schlicht, ohne Lack, ohne Ornament. Man darf sie nicht fotografieren. Das Schlichte ist das Heilige. Das Prächtige ist das Zugängliche.

Auf dem Gelände begegnen wir einer Familie. Alle tragen Kimono. Ein professioneller Fotograf begleitet sie. Dahinter stehen Fotografierverbotsschilder. Die Führerin greift nicht ein. Das Mädchen schaut in die Kamera.

Das Verbot schützt nicht das Gelände als Ganzes. Es schützt das Heilige dahinter: die Gebäude, den Vorhang, das Unsichtbare. Gezeigt werden darf das Sichtbare: Menschen, die Glauben leben. Was die Familie vollzieht, heißt Shichi-Go-San. Mädchen mit drei und sieben Jahren, Jungen mit fünf werden den Kami förmlich vorgestellt. Das Kind wird sich nicht erinnern. Aber es wird die Fotos kennen. Irgendwann wird es mit dem eigenen Kind hier stehen. So wird Shinto weitergegeben, ohne je gelehrt zu werden.
Das große Geheimnis
Hinter vier hintereinander liegenden Holzzäunen liegt das Innerste. Mit Glück sieht man die Reetdächer. Der Spiegel Yata no Kagami, eines der drei kaiserlichen Throninsignien Japans, bleibt im Dunkeln. Buchstäblich und absichtlich. Das zentrale Gebäude dürfen nur wenige Priester und die Familie des Tennō betreten. Was darin ist, wurde nie fotografiert. Existiert es überhaupt?

Chifumi Takahashi zeigt uns auf einem Foto zwei Schreine nebeneinander – als wäre Zeit nur eine andere Anordnung desselben Raums. Was dahinter liegt, und was 2033 entstehen wird, zeigt die offizielle Website in Bildern, die wir nicht machen durften: https://www.iseshima-kanko.jp/en/highlights/sengu_eg
Das Holz
Irgendwo in den Wäldern der Präfektur Nagano, im Kiso-Tal, liegt ein Baumstumpf unter einem Schutzdach. Um den Stumpf ist ein Strohseil gebunden. Daran hängen weiße Papierstreifen. Der Baum wurde im Juni 1985 gefällt, mit Äxten und von drei Seiten, nach der Technik Mitsuhimogiri: drei Kerben, drei Seile, kontrollierter Fall, keine Kettensäge. Er war ein Goshinboku – ein heiliger Baum, bestimmt für den sakralen Behälter der Gottheit beim Shikinen Sengu 1993. Das Holz war in Ise. Der Stumpf ist noch hier.

Der Akasawa-Wald liegt im Kiso-Tal der Präfektur Nagano, 160 Kilometer Luftlinie von Ise entfernt. Das Holz für den Schrein kommt seit Jahrhunderten von hier. Früher transportierte man es auf dem Kiso-Fluss, der direkt in die Ise-Bucht mündet. Die Stämme wurden im Wasser zusammengebunden und flussabwärts geflößt, von Männern mit Stangen und Seilen, nach überlieferten Regeln und in festgelegten Rollen. Wer wissen will, wie das aussah und warum es fast überall auf der Welt aufgehört hat, kann das in einem anderen Artikel nachlesen. In Ise lebt die Praxis weiter, alle zwanzig Jahre, wenn die Okihiki-Prozession die Stämme die letzten Kilometer zum Schrein zieht, mit Seilen, zu Fuß, unter dem Ruf Enya, enya.
Heute kommt das Holz auf dem Landweg. Ein vollständiger Shikinen Sengu braucht rund 13.000 Hinoki-Zypressen. Seit 1923 pflanzt die Schreinverwaltung ihren eigenen Wald nach, den Kyuikurin, direkt am Ufer des Isuzu-Flusses vor dem Naikū. Eine Hinoki-Zypresse braucht 200 Jahre bis zur Baureife. Der Bestand von 1923 ist frühestens um 2123 tauglich. Dann wäre der Transportweg von 160 Kilometern auf null reduziert. Das Holz für den Schrein käme aus dem Wald des Schreins.
Weitere Episoden aus Japan
Spirituell, kulinarisch, faszinierend. Auf unserer Reise durch die japanischen Präfekturen Wakayama, Mie und Nagano sowie die Städte Osaka, Nara und die Region Hakone haben wir Pilgerrouten und alte Handelswege erwandert, in heißen Quellen gebadet, uns durch die Streetfood-Meilen von Osaka treiben lassen und viele rote Dosen aus Nagano in den Koffer gepackt. Dort führt kein Weg am Oktopus vorbei – schon gar nicht an einem Takoyaki, dem legendären Teigbällchen mit dem winzigen Stück Krake im Inneren. In Tanabe eröffnet sich eine andere Welt: die des Umeshu, jenes bernsteinfarbenen Pflaumenlikörs, dessen Nuancen man in einer kleinen Bar kennenlernt. Wer danach noch laufen kann, macht sich am besten direkt auf den berühmten Pilgerweg Kumano Kodo – und wer es stilecht mag, tut das im Kimono. In Yunomine Onsen liegt der älteste Onsen Japans, wo seit 1800 Jahren das aus der Erde sprudelnde heiße Wasser zum Kochen, Baden und Relaxen dient. Über die Geschichte der Ama, der Frauen des Meeres, ihre Tradition und ihr bedrohtes Handwerk erfährt man in Mie. Wer ein Souvenir sucht, kann in Ise-Shima eine Auster auswählen. Was drin ist, erfährt man nur beim Pearl Picking. In Ise selbst hütet Japans bedeutendster Shinto-Schrein ein Geheimnis, das seit zwölfhundert Jahren bewahrt wird – indem man ihn alle zwanzig Jahre neu baut. Die etwas schräge Bag-Charm-Kultur, bei der Plüschtiere an Taschen baumeln, ist dagegen ein landesweites Phänomen.
Die Recherchereise wurde von Iseshima Tourism and Convention Organization und der Nagano Tourism Organisation unterstützt