Japaner denken bei Nagano zuerst an den Zenkoji-Tempel, eines der bedeutendsten buddhistischen Heiligtümer des Landes und das historische Zentrum der Stadt. Europäer verbinden Nagano eher mit den Olympischen Winterspielen von 1998. Doch aus Nagano stammt auch eine rote Dose mit fast 300 Jahren Geschichte. Der Gewürzladen Yawataya Isogoro, direkt an der Nakamise-dori, der Einkaufsstraße vor dem Tempel, hat jeden Tag geöffnet und ist das meistbesuchte Geschäft der Gegend.

Zwischen Tempeltor und Gewürzregal
Zwei große Chilischoten flankieren den Eingang, aus dem es scharf, warm und zitronig duftet. Dann erst fallen die Dosen ins Auge – hunderte, in verschiedenen Größen, Rot auf Rot, Gold auf Rot, Sondereditionen für einen Regionalzug, ordentlich in Holzregalen gestapelt. Schnell wird klar: Hier ist Shichimi nicht irgendein Produkt. Es ist das Produkt – seit 1736.

Die Anfänge von Yawataya Isogoro
Die Geschichte von Yawataya Isogoro beginnt nicht mit einem Koch oder Gewürzhändler, sondern mit Kan’emon Muroga, einem Händler für Hanf und Washi-Papier. Auf einer Reise nach Edo, dem heutigen Tokio, entdeckte er Shichimi Togarashi, eine damals in der Hauptstadt beliebte Gewürzmischung. Er erkannte das Potenzial, brachte sie nach Nagano und begann, sie auf dem Gelände des Zenkoji-Tempels zu verkaufen. Die Region eignete sich perfekt für den Anbau von sechs der sieben Zutaten. Nur die getrocknete Mandarinenschale, die aromatische Unshu Mikan, musste aus Kansai importiert werden.

Das perfekte Souvenir
Kan’emons Verkaufsplatz war klug gewählt: Der Zenkoji-Tempel zieht bis heute Pilger aus ganz Japan an. Shichimi, mit seiner langen Haltbarkeit und kompakten Größe, war schon damals ein ideales Souvenir – leicht, robust und aromatisch. So verbreitete es sich fast von selbst durchs Land. Kan’emons Sohn Gozaemon reiste später nach Edo, um die Kunst der Herstellung zu perfektionieren, und brachte das Wissen zurück nach Shinshu. Seitdem wird das Rezept durch neun Generationen der Familie Muroga weitergegeben – verfeinert, aber nie grundlegend verändert. Heute zählt Yawataya Isogoro zu den drei ältesten und bekanntesten Shichimi-Häusern Japans.

Sieben Zutaten, ein Geschmack
Shichimi bedeutet „Sieben Geschmäcker“, Togarashi steht für roten Chili. Was simpel klingt, ist eine Kunst. Die genaue Rezeptur von Yawataya Isogoro bleibt ein Geheimnis, doch die Grundzutaten sind bekannt. Ihre Kombination ergibt ein Aroma, das unverwechselbar nach Shinshu, so der alte Name der Präfektur Nagano, und seinen Bergen schmeckt.

Togarashi, die mittelscharfe Chilischote, bildet die Basis, ohne zu dominieren. Sansho, der japanische Pfeffer, wächst wild in den Bergen und prickelt auf der Zunge. Getrocknete Mandarinenschale bringt Frische und Tiefe. Schwarzer Sesam liefert eine nussige Note und verankert die anderen Aromen. Hanfsamen erinnern an den traditionellen Hanfanbau der Region. Getrockneter Shiso, grün und herb, ruft den Sommer in den Bergen wach. Ingwer, scharf und warm, ist die charakteristische Zutat der Shinshu-Mischung.

Nakasendo und Shinshu-Soba – eine Einheit
Der Nakasendo, die alte Handelsstraße zwischen Edo und Kyoto, führt durch das Herz der Präfektur Nagano. Entlang der Route finden sich Restaurants und Herbergen, die wirken, als sei die Edo-Zeit nie vergangen: Holzhäuser, Papiertüren, Steinböden und niedrige Tische. Auf jedem Tablett mit kalten Sobanudeln steht eine rote Dose von Yawataya Isogoro. Die Verbindung von Shichimi und Soba reicht ebenfalls in die Edo-Zeit zurück. Damals galten die Zutaten, allen voran Chili, als Heilmittel – wärmend und durchblutungsfördernd. Nagano, Japans führende Soba-Region, bietet mit seiner kühlen Bergluft und den nährstoffreichen Böden ideale Bedingungen für Buchweizen. Shinshu-Soba gilt als besonders aromatisch und fein. Und Soba ohne Shichimi? In Nagano so undenkbar wie Pasta ohne Parmesan in Italien.

In einem kleinen Restaurant am Nakasendo kommen die Nudeln kalt, mit Dashi-Brühe zum Dippen. Der Koch deutet auf die rote Dose. Ich öffne sie, rieche Ingwer, Zitrusnoten, Pfeffer. Mag die Dose auch feuerrot sein, das Shichimi ist orange mit gelben Sprenkeln Ich gebe es auf die in der Brühe gezogenen Sobanudeln. Das Gewürz verleiht den Nudeln Kontur und macht aus einem einfachen Gericht etwas Vollständiges.

Die eigene Shichimi-Mischung
Zurück im Hauptgeschäft an der Daimon-cho, nur fünf Minuten vom Tempeltor entfernt, wartet ein besonderes Erlebnis: die eigene Shichimi-Mischung. Eine Menükarte und die geduldigen Mitarbeiter helfen bei der Auswahl. Ich entscheide mich für Yuzu, die asiatische Zitrusfrucht, als Kopfnote, dazu Shiso und Sansho. Man wählt, überlegt, diskutiert: mehr Sansho, weniger Chili, mit Yuzu, ohne Chimpi, mit Sesam oder fast ohne? Hinter der Theke leuchten die Gewürze in Edelstahlbehältern, die Mitarbeiter mischen kleinste Mengen mit der Präzision von Parfümeuren. Am Ende füllen sie die Mischung in die ikonische rote Dose. Es ist ein Ritual, kein touristisches Gimmick – die Ernsthaftigkeit, mit der hier über Gewürze gesprochen wird, ist spürbar.

Nebenan im Yokomachi-Café gibt es Shichimi-Spice-Gelato, Shichimi-Kuchen und würzige Macarons. Die Schärfe des Chilis, die Wärme des Ingwers, die Zitrusnote der Mandarinenschale – all das harmoniert überraschend gut mit Schokolade, Käse und Obst. Wer es nicht bis Nagano schafft, findet die roten Dosen auch in den Souvenirshops entlang des Nakasendo. In jeder Dose sind zwei kleine Tütchen mit der Gewürzmischung enthalten – auch das ein Zeichen von Qualitätsbewusstsein.

Weitere Episoden aus Japan
Spirituell, kulinarisch, faszinierend. Auf unserer Reise durch die japanischen Präfekturen Wakayama, Mie und Nagano sowie die Städte Osaka, Nara und die Region Hakone haben wir Pilgerrouten und alte Handelswege erwandert, in heißen Quellen gebadet, uns durch die Streetfood-Meilen von Osaka treiben lassen und viele rote Dosen aus Nagano in den Koffer gepackt. Dort führt kein Weg am Oktopus vorbei – schon gar nicht an einem Takoyaki, dem legendären Teigbällchen mit dem winzigen Stück Krake im Inneren. In Tanabe eröffnet sich eine andere Welt: die des Umeshu, jenes bernsteinfarbenen Pflaumenlikörs, dessen Nuancen man in einer kleinen Bar kennenlernt. Wer danach noch laufen kann, macht sich am besten direkt auf den berühmten Pilgerweg Kumano Kodo – und wer es stilecht mag, tut das im Kimono. In Yunomine Onsen liegt der älteste Onsen Japans, wo seit 1800 Jahren das aus der Erde sprudelnde heiße Wasser zum Kochen, Baden und Relaxen dient. Über die Geschichte der Ama, der Frauen des Meeres, ihre Tradition und ihr bedrohtes Handwerk erfährt man in Mie. Wer ein Souvenir sucht, kann in Ise-Shima eine Auster auswählen. Was drin ist, erfährt man nur beim Pearl Picking. Die etwas schräge Bag-Charm-Kultur, bei der Plüschtiere an Taschen baumeln, ist dagegen ein landesweites Phänomen.
Die Recherchereise wurde von Go Nagano unterstützt