Historisch wandern auf Japans ältestem Pilgerpfad – das geht auf dem Kumano Kodo Daimon-zaka mit einer Kimono-Experience. Solche Angebote kennt man aus Kyoto, der alten Kaiserstadt. Doch während sich dort Touristen, ob mit oder ohne Kimono, durch enge Altstadtgassen drängen, konnte ich auf dem Kumano Kodo fast ungestört in einer Pilgerrobe aus der Heian-Zeit (794–1185) die steinernen Stufen Richtung Kumano Nachi Taisha hinaufsteigen.

Hier ist die Kimono-Vermietung weder alberne Touristengaudi noch respektlose Kulturaneignung. Es bietet die Chance, die Mühen früherer Pilgerreisen nachzuempfinden. Die Roben, die man in kleinen Häusern am Einstieg zum Nachi Taisha ausleiht, entsprechen den Gewändern, die einst Adlige auf Pilgerschaft trugen. Meine bequeme Outdoor-Kleidung – von Wanderschuhen bis flauschiger Fleecejacke – blieb im Ankleideraum zurück. Nur die eigene Unterwäsche darf bleiben. Das Personal hilft bei der Verwandlung: Schicht um Schicht wird gewickelt und festgezurrt. Das weiße Unterkleid ist einheitlich, doch die prächtige äußere Hülle wählt man aus einer Vielzahl von Mustern und Farben.

Während ich mich verwandelte, dachte ich an die Kimonoträger, Cosplayer und Black Lolitas, die Japans Großstädte beleben. Ich bewundere die Selbstverständlichkeit, mit der man in Japan Mode zelebriert und traditionelle Kleidung trägt. Etwa den Yukata, einen leichten Baumwollbademantel, den Männer und Frauen nicht nur auf dem Weg zum hoteleigenen Onsen tragen, sondern auch beim Frühstück und Abendessen im Hotelrestaurant. Also hinein in Kimono, Tabi-Socken und Geta-Sandalen – und hinaus auf den steinigen Pilgerweg.

Auf alten Pfaden: Daimon-zaka
Das Daimonzaka-chaya, wo die Heian-Kimonos vermietet werden, liegt ideal. Hat man es im Kimono-Outfit die Stufen aus dem Haus hinunter auf den Pilgerpfad geschafft, sind es nur 500 Meter bis zum ersten perfekten Fotospot. Bei aller kulturellen Erfahrung soll die Verwandlung in eine Pilgerin der Heian-Ära auch auf Fotos festgehalten werden. Doch diese 500 Meter zogen sich: Ich kam nur im Schneckentempo voran. In den Tabi-Socken mit dem Extrafach für den großen Zeh und den rutschigen Sandalen fand ich kaum Halt. Die vielen Stofflagen schränkten meine Schritte ein, und der Schleier trübte die Sicht.

Von der majestätischen Zedernbaum-Allee nahm ich anfangs wenig wahr. Mit beiden Händen raffte ich den Kimonostoff hoch, um die nächste Steinstufe ohne Stolpern zu meistern. Mein Blick blieb auf den Boden geheftet. Vor meinem Bauch baumelte ein Kake-mamori, ein Schutzamulett, das Frauen auf Pilgerreisen vor Gefahren bewahren sollte. Schon nach wenigen Metern wurde mir klar: Pilgern vor über 1.000 Jahren war eine Strapaze. Mein Ziel war nur die nächste Steinlaterne für ein gutes Foto. Die Pilger von damals legten täglich bis zu 20 Kilometer zurück. Doch die Länge einer Tagesetappe hing auch von der Kleidung ab. Adlige Hofdamen in schweren Roben schafften weit weniger Kilometer, hatten aber Träger und Pferde zur Unterstützung. So weit wollte ich es nicht kommen lassen. Nach einigen Stufen wurden meine Schritte sicherer.

Kleider machen Kilometer
Einfache Leute trugen in der Heian-Zeit schlichte, funktionale Gewänder aus Hanf oder grober Baumwolle, meist in erdfarbenen Tönen oder Weiß, das Reinheit symbolisierte. Statt vieler Schichten genügten ein bis zwei Lagen kimonoartiger Kleidung, oft kombiniert mit Hosen oder Wickelröcken. Strohhüte und einfache Stroh-Sandalen, sogenannte Wajari, vervollständigten die Ausstattung. Ein Umhang aus Stroh schützte vor Regen. In dieser lockeren und leichten Kleidung schafften Pilger in der sehr hügeligen und dicht bewaldeten Kumano-Region 15 bis 20 Kilometer pro Tag.

Adlige und wohlhabende Pilgerinnen reisten in aufwendig geschichteten Gewändern wie dem Jūnihitoe, der aus mehreren übereinander getragenen Seidenlagen bestand. Diese waren farblich fein abgestimmt und konnten bis zu 20 Kilo wiegen. Adlige Männer trugen formelle Gewänder wie Kariginu oder andere Hofkleidung, ergänzt durch bestickte Gürtel und Kopfbedeckungen. Das historische Heian-Pilgerkostüm, das man heute am Daimon-zaka mieten kann, orientiert sich an dieser höfischen Reisebekleidung – nicht an der Kleidung der einfachen Leute.

Kimono Catwalk
Auf dem Rückweg zum Kostümverleih war es mit der Ruhe vorbei. Unverkleidete Touristen kamen mir entgegen, und ich wurde zum gefragten Fotomotiv. Manche versteckten sich hinter den dicken Stämmen der Zedern und glaubten, mich heimlich fotografieren zu können. Andere stürmten unbefangen auf mich zu und baten um ein Selfie mit der blonden Kimonofrau. Mittlerweile hatte ich den Umgang mit meinen vielen Accessoires besser im Griff und ließ diesen kurzen Moment der Berühmtheit belustigt über mich ergehen.

Zwischen Eleganz und Mühsal
Das Kimono-Erlebnis auf dem Kumano Kodo erfreut sich großer Beliebtheit bei Touristen. Die Preise beginnen bei 3.000 Yen pro Person. Das sind knapp 20 Euro für eine Basis-Vermietung von zwei Stunden. Deutlich teurer wird es mit Guide oder Fotopaket. Ein Guide erklärt die Bedeutung der Pilgerschaft und das friedliche Nebeneinander von Shintoismus und Buddhismus. So verbinden sich Instagram-Motive mit kultureller Tiefe. Nach vielen Stufen erwarten die Touristen – wie einst die Pilger – der shintoistische Kumano Nachi Taisha-Schrein und der benachbarte buddhistische Seiganto-ji-Tempel. Was es vor 1.000 Jahren noch nicht gab: gepflegte Toiletten für Kimonoträger.

Die Recherchereise wurde von Visit Wakayama unterstützt
