Pilgerfahrt nach Anatolien

Mitte Dezember sind alle Hotels in Konya ausgebucht. Straßenhändler bieten Figuren von Männern an, die sich in weißen Röcken drehen. Überall prangt in großen Lettern: Şeb-i Arus. Konya, eine Stadt mit zwei Millionen Einwohnern in Zentralanatolien, lebt wirtschaftlich von Landwirtschaft und Industrie. Kulturell dreht sich alles um Rūmī.

Drehende Derwisch-Figuren werden in einem Souvenierladen zum Verkauf angeboten / © Foto: Georg Berg
Drehende Derwisch-Figuren werden in einem Souvenierladen zum Verkauf angeboten / © Foto: Georg Berg

Rūmīs Tod als Fest

Şeb-i Arus – die „Hochzeitsnacht“ – markiert den Todestag von Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī, im Westen als Rumi bekannt. Der persischer Dichter und Mystiker starb 1273 in Konya. Jedes Jahr am 17. Dezember pilgern Tausende Pilger hierher, um am 17. Dezember seinen Tod als Vereinigung mit Gott zu feiern. Höhepunkt ist die Zeremonie der Derwische, Mitglieder eines Sufi-Ordens, die sich stundenlang im Kreis drehen. Kein Tanz, keine Show – eine meditative Praxis. Gläubige Muslime verehren Rūmī als spirituellen Meister und nennen ihn Mevlana.

Ein großes LED-Display in Konya weist mit einem tanzenden Derwisch auf das Fest Şeb-i Arûs hin / © Foto: Georg Berg
Ein großes LED-Display in Konya weist mit einem tanzenden Derwisch auf das Fest Şeb-i Arûs hin / © Foto: Georg Berg

Konya – Zentrum islamischer Mystik

Konya ist keine schöne Stadt. Zwei Millionen Menschen, Industrie, Verkehr. Doch im Zentrum leuchtet eine türkisfarbene Kuppel: das Mevlana Museum, Rūmīs letzte Ruhestätte und Wahrzeichen der Stadt. Vor dem Eingang drängen sich Besucher. Drinnen schiebt sich eine Schlange durch einen schmalen Gang, um den mit grünem Samt bedeckten Sarkophag zu sehen. Manche weinen, andere murmeln Gebete.

Grün-goldene Kuppel und Minarett über dem Mevlana-Museum / © Foto: Georg Berg
Grün-goldene Kuppel und Minarett über dem Mevlana-Museum / © Foto: Georg Berg
Menschenmenge versammelt sich vor einem Tor am Mevlana-Museum (türkisch Mevlânâ Müzesi). Drinnen ist das Mausoleum von Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī / © Foto: Georg Berg
Menschenmenge versammelt sich vor einem Tor am Mevlana-Museum (türkisch Mevlânâ Müzesi). Drinnen ist das Mausoleum von Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī / © Foto: Georg Berg
Besucher des Mevlana-Museums in Konya betrachten historische Grabsteine von Derwischen / © Foto: Georg Berg
Besucher des Mevlana-Museums vor Grabsteinen von Derwischen / © Foto: Georg Berg

Im Hof stehen kunstvoll beschriftete Grabsteine, dazwischen blühen rote Rosen – selbst im Dezember. In einem Raum sitzt ein junger Mann, vertieft in ein altes Buch. Seine klare Stimme trägt Koranverse über einen Verstärker in den Innenhof des ehemaligen Dewischklosters.

Hinter dem vergitterten Fenster eines traditionellen Derwisch-Raumes sitzt ein junger Mann. Über eine Lautsprecheranlage ertönen seine Koranverse über den Innenhof des Mevlana Museums / © Foto: Georg Berg
Hinter dem vergitterten Fenster eines traditionellen Derwisch-Raumes sitzt ein junger Mann. Über eine Lautsprecheranlage ertönen seine Koranverse über den Innenhof des Mevlana Museums / © Foto: Georg Berg
Der Tilavet-Raum (Tilavet Odası) im Mevlana Museum führt zum Raum, in dem sich das Grab von Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī befindet. In diesem Raum wurde früher ununterbrochen aus dem Koran rezitiert und gesungen, bevor das Mausoleum in ein Museum umgewandelt wurde. Die Pilger lassen sich bei der spirituellen Praxis inzwischen von ihren Smarphones unterstützen / © Foto: Georg Berg
Der Tilavet-Raum (Tilavet Odası) im Mevlana Museum führt zum Raum, in dem sich das Grab von Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī befindet. In diesem Raum wurde, bevor das Mausoleum in ein Museum umgewandelt wurde, ununterbrochen aus dem Koran rezitiert. Die Pilger lassen sich bei der spirituellen Praxis inzwischen von ihren Smarphones unterstützen / © Foto: Georg Berg
Menschen drängeln sich im Mausoleum von Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī. Direkt neben Rūmīs Kenotaph im zweiten Gewölbejoch des Mausoleums liegt der Sarkophag seines Sohnes Sultan Veled († 1312) / © Foto: Georg Berg
Menschen drängeln sich im Mausoleum von Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī. Direkt neben Rūmīs Kenotaph im zweiten Gewölbejoch des Mausoleums liegt der Sarkophag seines Sohnes Sultan Veled († 1312) / © Foto: Georg Berg

Verboten und doch gefeiert

1925 verbot Atatürk die Sufi-Orden im Zuge seiner radikalen Säkularisierung. Das Gesetz gilt bis heute. Dennoch lizensiert die türkische Regierung Şeb-i Arus als immaterielles UNESCO-Kulturerbe – offiziell als „kulturelle Veranstaltung“, nicht als religiöse Praxis. Ein Widerspruch, der zeigt, wie die Türkei mit ihrem osmanischen Erbe umgeht: verbieten, aber nutzen. Die Pilger kommen aus der Türkei, Iran, Afghanistan, Pakistan, Europa und Nordamerika. Manche sind Muslime, viele nicht. Rūmī wird in mehr als zwei Dutzend Sprachen gelesen, in den USA gilt er als der meistverkaufte Dichter. In Konya trifft man beide: Den persischen Muslim-Mystiker des 13. Jahrhunderts, dessen Grab im Mevlana-Museum verehrt wird. Und den universellen Poeten, den internationale Besucher suchen.

Internationales Publikum vor dem Mausoleum von Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī während der Feierlichkeiten beim jährlich im Dezember stattfindenden Şeb‑i Arus / © Foto: Georg Berg
Internationales Publikum vor dem Mausoleum von Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī während der Feierlichkeiten beim jährlich im Dezember stattfindenden Şeb‑i Arus / © Foto: Georg Berg

Vom Gelehrten zum Mystiker

Professor Bilal Kuşpınar von der Universität Konya erklärt Rūmīs Werdegang: Er war ein angesehener Gelehrter, bis er Schams al‑Dīn aus Tabriz traf, einen wandernden Derwisch. Diese Begegnung machte ihn zu dem Mevlana, den man heute verehrt. Schams lehrte ihn, durch Tanz und Musik veränderte Bewusstseinszustände zu erreichen. Für Rūmī war Schams ein Spiegel, in dem er den göttlichen Glanz seines wahren Selbst erkannte.

Professor Bilal Kuşpinar bei einer Vorlesung im İrfan Medeniyeti Araştırma ve Kültür Merkezi (İRFA), einem Forschungs- und Kulturzentrum in Konya / © Foto: Georg Berg
Professor Bilal Kuşpinar bei einer Vorlesung im İrfan Medeniyeti Araştırma ve Kültür Merkezi (İRFA), einem Forschungs- und Kulturzentrum in Konya / © Foto: Georg Berg

Nach Schams‘ mysteriösem Verschwinden verfasste Rūmī sein Hauptwerk, das Mathnawi – 25.700 Verse über die Natur Gottes, der Liebe und der menschlichen Seele. Dazu kommt der Diwan-i Kabir mit etwa 40.000 Versen; philosophische Mammutwerke, die bis heute gelesen werden.

Die Sema – Meditation in Bewegung

Am Abend des 17. Dezember füllt sich das Mevlana Kültür Merkezi. 3.000 Plätze, bunte Beleuchtung, Kameras des türkischen Fernsehens. Was folgt, ist keine Folklore-Show, sondern eine religiöse Zeremonie, die als „Kulturveranstaltung“ deklariert werden muss, um das Verbot von 1925 zu umgehen. Die Derwische drehen sich nicht für das Publikum, sondern für sich selbst.

Die Ney, eine Schilfrohrflöte gibt den Ton an. Ihr klagender Ton symbolisiert die Sehnsucht der Seele, die von Gott getrennt ist. Der Kudüm, eine kleine Kesselpauke, gibt mit einem einzelnen Schlag das Signal für den Beginn.

Derwisch-Musiker spielen traditionelle Instrumente während der Şeb-i Arus-Zeremonie im 3.000 Personen fassenden Mevlana Kültür Merkezi / © Foto: Georg Berg
Derwisch-Musiker spielen traditionelle Instrumente während der Şeb-i Arus-Zeremonie im 3.000 Personen fassenden Mevlana Kültür Merkezi / © Foto: Georg Berg

Was 1244 als Begegnung zwischen Rūmī und Schams begann, wurde nach Rūmīs Tod zu einer festen Choreografie. Schams, ein Mensch ohne formale Bildung, lehrte Rūmī nicht Theologie, sondern Trance-Tanz, Fasten und Meditation. Der Unterschied zwischen Wissen und Erfahrung. Rūmīs Nachfahren systematisierten diese Praktiken zur Sema – einer Zeremonie mit festgelegten Bewegungen, Musik und Symbolik. Was als persönliche spirituelle Suche begann, ist heute ein präzises Ritual. Derwische verstehen sich primär als Praktizierende – manche sind zugleich Gelehrte.

Şeb-i Arus-Zeremonie im 3.000 Personen fassenden Mevlana Kültür Merkezi. Beim Sufi-Wirbeltanz zeigt die rechte Hand nach oben und empfängt Gottes Segen. Die linke Hand zeigt nach unten und gibt den Segen an die Erde weiter. Sie drehen sich gegen den Uhrzeigersinn (symbolisch gegen das Ego). Der rechte Fuß bleibt fest, der linke treibt die Drehung an / © Foto: Georg Berg
Şeb-i Arus-Zeremonie im 3.000 Personen fassenden Mevlana Kültür Merkezi. Beim Sufi-Wirbeltanz zeigt die rechte Hand nach oben, die linke nach unten / © Foto: Georg Berg
Zwischen den Tänzern bleibt der Gözcü für die Zuschauer meist unsichtbar. Er gibt Derwischen, denen schwindelig wird, Orientierung  / © Foto: Georg Berg
Zwischen den Tänzern bleibt der Gözcü für die Zuschauer meist unsichtbar. Er gibt Derwischen, denen schwindelig wird, Orientierung / © Foto: Georg Berg

Die Sema ist Meditation in Bewegung. Der Sikke, ein hoher Filzhut, symbolisiert den Grabstein, der Tennure, ein weißer Rock, das Totenhemd, der Hırka, ein schwarzer Mantel, das Grab. Das Ablegen des Mantels steht für den Übergang vom Tod zum Leben. Beim Wirbeltanz zeigt die rechte Hand nach oben, die linke nach unten – der Derwisch als Kanal zwischen Himmel und Erde. Sie drehen sich gegen den Uhrzeigersinn, in manchen Deutungen gilt das symbolisch gegen das Ego gerichtet. Der rechte Fuß bleibt fest, der linke treibt die Drehung an.

Das Ende der Şeb-i Arus-Zeremonie im 3.000 Personen fassenden Mevlana Kültür Merkezi wird mit einer Koranrezitation eingeleitet. Die Derwische sind nach ihrem Wirbeltanz wieder in ihre schwarzen Mäntel gehüllt / © Foto: Georg Berg
Am Ende der Şeb-i Arus-Zeremonie im 3.000 Personen fassenden Mevlana Kültür Merkezi wird die Fatiha rezitiert – die erste Sure des Korans als Gebet für die Seelen aller Propheten und Gläubigen. Die Derwische sind nach ihrem Wirbeltanz wieder in schwarzen Mäntel gehüllt / © Foto: Georg Berg

Drei Tage zuvor hätte ich nicht sagen können, was ein Derwisch ist. Jetzt sitze ich in einem vollen Saal und sehe Menschen, die sich drehen – 30, 40 Minuten ohne Unterbrechung. Ob sie dabei Gott spüren oder in einen neurologisch erklärbaren Trancezustand fallen, weiß ich nicht. Aber ich verstehe, warum Menschen aus aller Welt hierherkommen: Sie suchen ein Erlebnis, das sich nicht in Worte fassen lässt. Konya lebt von diesem Widerspruch – eine konservative Stadt, die einen radikalen Mystiker verehrt. Ein verbotener Orden, der als Kulturerbe gefeiert wird. Eine religiöse Praxis, die als Show verkauft werden muss, um legal zu bleiben. Rūmī hätte über diese Gegensätze wohl gelächelt. Er, der schrieb: „Die Religionen sind wie Lampen, aber das Licht ist dasselbe.“

Die Tickets zu den Şeb‑i Arus Veranstaltungen sind schnell ausverkauft. Deshalb empfielt sich eine rechtzeitige Buchung.

Die Recherche wurde unterstützt von GoTürkiye

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