Am Wochenende saß ich in der Aula der ehemaligen Schule meiner Söhne, dem Erasmus-Gymnasium in Grevenbroich. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Auf dem Programm stand die musikalische Lesung Deutschland, siehst du das nicht? des Ensembles Opus 45 mit Schauspieler Roman Knižka. Wir Zuschauer reisten durch die dramatischen Jahre 1929 bis 1933, den Untergang der Weimarer Republik. Zwei Stunden lang rezitierte der charismatische Knižka Texte von Erich Kästner, Mascha Kaleko, Kurt Tucholsky, Viktor Klemperer und Dorothy Thompson.

Mal donnerte Knižka mit rollendem R die Propaganda-Parolen, die Menschen in ihrer wachsender Armut einfingen. Mal tanzte er wie Charlie Chaplin mit einer Wasserball-Weltkugel, wie im Film Der große Diktator, und raunzte am Ende mit Blick auf den bunten Ball: „Venezuela.“ Es blieb nicht die einzige unübersehbare Parallele zur Gegenwart. Was ebnete Hitler den Weg zur Macht? Die Unfähigkeit der anderen Parteien, einen Kompromiss zu finden. Der Abend war ein scharf formulierter Warnruf vor Radikalisierung, Gewalt und dem schleichenden Zerfall demokratischer Normen.

Die Künstler verbanden Literatur und Musik zu einer harmonischen Einheit. Sie spielten Werke von Hanns Eisler, Kurt Weill, Erwin Schulhoff, Paul Juon und Jean Françaix – ergänzt durch Swing von Cole Porter und Schlager der Comedian Harmonists. Eine Passage, angepasst an den Spielort, fügte eine besondere Note hinzu: Ob Aschersleben, Bochum, Osthofen oder Grevenbroich – es geschah eben nicht nur anderswo, sondern im ganzen Land. Roman Knižka schilderte, unterstützt durch die Zuarbeit von Ulrich Herlitz, dem engagierten Vorsitzenden des Grevenbroicher Geschichtsvereins, einige lokale Ereignisse und die Stimmung in der Stadt Anfang der 1930er Jahre.

In Grevenbroich rahmte ein Get-together vor und nach der Lesung das Programm ein. Gesprächsbedarf gab es reichlich. Besonders großartig: Die Musiker von Opus 45 und Roman Knižka mischten sich nach der Aufführung in der Schulmensa unter die Gäste – quasi auf ein Feierabendbier.

So erfuhr ich von Ensemblemitglied Benjamin Comparot, dass Opus 45 seit Jahren disziplinübergreifend arbeitet. Acht Literaturkonzerte sind entstanden, darunter Programme zum NS-Widerstand und zum Leben in den Jahren 1945 bis 1949. Bis zu 120 Aufführungen absolviert das Ensemble jährlich. Sie touren durch die Republik, besuchen kleine und mittlere Städte in alle Himmelsrichtungen – im Osten teils mit Polizeischutz. Das Programm Deutschland, siehst du das nicht? spielen sie auch an Schulen. Diese Woche, zu meiner Freude, wieder in Grevenbroich. Auf meine Frage, wie aufmerksam die Schüler seien, antwortete Comparot: Das Programm wird nicht gekürzt, und die Jugendlichen sind oft aufmerksamer als Erwachsene. Sie stellen Fragen, sind neugierig und meist im Unterricht gut vorbereitet. Eine erfreuliche Nachricht, wie ich finde.

Die Demokratie-Stärkung ließ sich der Rhein-Kreis Neuss etwas kosten. Das Kommunale Integrationszentrum (KI) finanzierte das Event, das bereits zum dritten Mal ein Literaturkonzert von Opus 45 organisierte. Demokratieförderung gehört zu seinen Kernaufgaben. Der Eintritt war kostenlos. So stärkt man die Demokratie direkt vor der Haustür! Kreisdirektor Brügge stellte ein weiteres Gastspiel des Ensembles in Aussicht. Unbedingt empfehlenswert! Wer nicht bis zum Herbst warten möchte oder anderswo in der deutschen Provinz lebt, sollte einen Blick auf den Spielplan des Ensembles werfen
