Um 6 Uhr morgens wartet unsere Reisegruppe bibbernd vor Kälte auf einen Shuttlebus. Das Wetter ist für die geplante Ballonfahrt ideal. Der Startpunkt unserer Ballonfahrt richtet sich nach der Windrichtung und der Busfahrer kennt sein Ziel. Nach kurzer Fahrt steigen wir fröstelnd an einem Feldweg aus. Minus sechs Grad.

Am dunklen Horizont ein Anblick, den man sich kaum ausmalen kann: eine Armada gewaltiger Ballons in Vorbereitung. Erst füllen Ventilatoren die liegenden Hüllen, dann richten die Gasbrenner die Kolosse auf. Das rhythmische Fauchen zerreißt die Stille. Gäste und Mitarbeiter der Anbieter eilen hin und her, fotografieren, suchen im Dunkeln „ihren“ Ballon. An die 3.000 bis 4.000 Menschen bereiten sich gleichzeitig auf den Flug vor.

Die Körbe sind in vier bis acht Abteile geteilt. In unserem Korb stehen etwa 20 Passagiere, dazu zwei Piloten. Standard. Betreiber mit größeren Körben nehmen bis zu 32, kleinere VIP-Flüge maximal acht. Wer in der Mitte steht, bleibt dort: Im Flug lässt sich der Platz kaum wechseln. Die Segmente verhindern, dass alle auf eine Seite drängen.
Im Korb: Eng, kalt und ohne Bewegungsfreiheit
Der Start erfolgt im Dunkeln. Niemand sieht zunächst, wohin es geht. Am Himmel flammen hin und wieder die Brenner anderer Ballons auf. Unser Brenner könnte wärmen, doch ein Metallblech hält die Hitze ab. Die meisten Gäste tragen doppelte Unterwäsche – und frieren trotzdem. Mit dem ersten Licht kommt die Orientierung. Der Ballon steigt sanft, fast unmerklich. Keine Motoren, nur das Fauchen des Brenners. Der Pilot steuert allein über die Höhe, denn in jeder Schicht weht ein anderer Wind.




Die Geschichte: Von zwei Pionieren zur Welthauptstadt
Die kommerzielle Ballonfahrt in Kappadokien begann 1991. Die englische Pilotin Kaili Kidner und ihr schwedischer Ehemann Lars-Eric Möre führten die ersten regulären Flüge durch und gründeten Cappadocia Balloons. In den 1980er Jahren gab es bereits Versuche, mutmaßlich von australischen Ballonfahrern. Doch erst Kidner und Möre machten daraus ein Geschäft. Was mit einem Ballon begann, wuchs zur größten Ballon-Operation der Welt. Heute existieren 27 lizenzierte Unternehmen mit etwa 250 registrierten Ballons. Die türkische Zivilluftfahrtbehörde erlaubt maximal 156 Ballons pro Tag, verteilt auf Zeitfenster. Seit 2013 regelt ein Slot-System den Verkehr und verhindert Kollisionen. Neue Lizenzen werden nicht mehr vergeben. An rund 220 bis 250 Tagen im Jahr wird geflogen – je nach Wetter.

Aktuell steigen täglich 3.000 bis 4.000 Touristen auf. In den letzten zehn Jahren waren es fast 5 Millionen Passagiere. Etwa 40 Prozent aller Ballonfahrten weltweit finden hier statt. Eine ganze Industrie hängt daran: Piloten, Bodencrews, Fahrer, Hotels.
Von 1.300 Metern bis zum Baumast
Aus 1.300 Metern Höhe liegt das Panorama ausgebreitet. Die Feenkamine – bizarre Felstürme aus vulkanischem Tuff – wirken von oben wie eine geologische Karte. Höhlenkirchen, in den Fels gemeißelte Klöster, unterirdische Städte treten hervor. Dann der Abstieg. Der Pilot lenkt zwischen die Felskegel, tiefer als die höchsten Formationen. Plötzlich schweben wir nicht mehr über, sondern in der Landschaft. Ich strecke die Hand aus und greife den Ast eines Baumes.


Die paradoxe Wirkung der Masse
Den eigenen Ballon sieht man nicht. Doch Dutzende anderer Ballons vor der aufgehenden Sonne liefern ein Spektakel. Die Masse steigert das Erlebnis. Das ist die Ironie: Was nach Massentourismus aussieht, erhöht die Intensität. Die Bilder, die Kappadokien weltberühmt machten, zeigen genau das: nicht einsame Kontemplation, sondern kollektives Staunen.


Nach exakt einer Stunde beginnt der Abstieg. Das Bodenpersonal wartet mit dem Trailer. Der Korb setzt sanft auf dem Anhänger auf. Keine harten Stöße. Professionelle Routine nach tausenden ähnlicher Landungen.
Tradition oder Tourismusprodukt?
Kappadokien trägt jahrtausendealte Geschichte. Hethiter, Byzantiner, frühe Christen hinterließen Spuren. Unterirdische Städte boten Zuflucht, Höhlenkirchen zeugen von tiefer Frömmigkeit. Die Ballonfahrten haben damit nichts zu tun. Sie sind eine Erfindung der späten 1980er und frühen 1990er. Eine Industrie lebt davon. Täglich heben über 100 Ballons ab, wenn das Wetter mitspielt. Authentisch ist das nicht, sondern ein Massengeschäft mit magischen Momenten.

Trotzdem hat es mir gefallen. Ich habe diese Erfahrung gerne gemacht. Als wir nach der Landung zum Hotel zurückkehrten und dort frühstückten, kam mir alles wie ein unwirklicher Traum vor. Die Kälte, das Gedränge im Korb, die Ballonflotte am dunklen Himmel. Aber die Fotos zeigen, was ich gesehen habe.
Die Recherche wurde unterstützt von GoTürkiye
