Japan und die Plüsch-Charms

Es begann direkt am Kansai International Airport. Kaum hatte das Gepäckband meinen schmucklosen Koffer abgeliefert, entdeckte ich sie im Gewimmel der Reisenden, die zum JR Haruka Express nach Osaka strömten: kleine Plüschtiere, baumelnd an Rucksäcken und Handtaschen. Manche wirkten so billig wie Karnevalswurfmaterial, andere glänzten langhaarig aus edlem Kunstfell. In Japan gelten Plüsch-Charms als moderne Schutzamulette. Für die Jugend sind sie emotionale Begleiter. Ein Plüschmonster am Rucksack beruhigt, vertreibt Einsamkeit und leistet treu Gesellschaft im Pendleralltag. Doch das Tragen des Lieblings-Plüschtiers ist nur der Einstieg in die vielschichtige Bag-Charm-Kultur.

Schülerinnen in der Präfektur Mie mit Bag Charms an ihren Schultaschen / © Foto: Angela Berg
Schülerinnen in der Präfektur Mie mit Bag Charms an ihren Schultaschen / © Foto: Angela Berg

Gachapon: das Glück aus der Kapsel

In Japan, wo Kommunikation oft subtil bleibt, verraten Plüsch-Charms Interessen, ohne ein Wort zu verlieren. Der Zugang zu diesen flauschigen Begleitern ist denkbar einfach: Tausende Kapselautomaten spucken jeden Monat neue, günstige Mini-Plüschfiguren aus, die perfekt an Taschen passen. In Großstädten wie Osaka und Tokio stehen sie an fast jeder Ecke – oft in Gruppen oder in spezialisierten Läden, deren Gänge sich mit Gachapons, den Überraschungskapseln, füllen. Kaufhäuser widmen ihnen ganze Etagen, wo ein Dreh am Automaten den nächsten Glücksanhänger verspricht. 

Gachapon-Automaten im Umeda Skybuilding Osaka. Das Kapselspielzeug ist bei Kindern und Jugendlichen beliebt. Die Kugeln enthalten Plastikspielzeug, Sammelfiguren oder kleine Anhänger. Man spricht von einer Gachapon- und Blind-Box-Ökonomie: Tausende Automaten bieten monatlich neue, günstige Mini-Plüschfiguren (200–500 Yen), die speziell für Taschen gemacht sind. Das Sammeln und Tauschen schafft einen Suchtzyklus und senkt die Einstiegshürde / © Foto: Georg Berg
Gachapon-Automaten im Umeda Skybuilding Osaka / © Foto: Georg Berg

Eine Münze genügt, und schon rollt die Kapsel durch das transparente Display. Ein Gachapon kostet in Japan meist 200 bis 500 Yen – pro Dreh. Was sich in der Kapsel verbirgt, bleibt ein Geheimnis, bis sie geöffnet wird. Es ist das Prinzip des Überraschungseis oder der Panini-Sticker: Man kauft die Katze im Sack. Das Sammeln und Tauschen fesselt die Käufer und zieht sie in einen Sog. Seit Jahren boomt das Geschäft so sehr, dass man von einer Blind-Box-Ökonomie spricht.

Gachapon-Geschäft in Osaka, Dotonbori, für Kapselspielzeug, Plüschetiere und allerlei Glücks- und Trostbringer / © Foto: Georg Berg
Gachapon-Geschäft für Kapselspielzeug, Plüschetiere und allerlei Glücks- und Trostbringer in in Osaka, Dotonbori / © Foto: Georg Berg

Vom Trend zur Popkultur

Kleine Figuren und Charms an Taschen gibt es in Japan seit den 1970er-Jahren. Damals eroberte der Sanrio-Charakter Hello Kitty die Herzen – zunächst als Maskottchen und Taschenanhänger. Heute ziert die niedliche Katze japanische Schnellzüge und winkt sogar von den Heckflügeln mancher Flugzeuge. In den 1990er-Jahren kamen Kapselspielzeuge mit Minifiguren für Taschen und später auch Handys auf. Seit Ende 2023 boomt der Trend: Ganze Rucksäcke werden mit Plüschanhängern behängt – und der Hype hält unvermindert an.

Kawaii nennen Japaner ihren Hang zur Niedlichkeit. Es gbit Zuge im beliebten Hello Ktty Design. / © Foto: Georg Berg
Kawaii nennen Japaner ihren Hang zur Niedlichkeit. Es gbit Zuge im beliebten Hello Ktty Design. / © Foto: Angela Berg

Die Tradition der Omamori in Japan

Um zu verstehen, warum Plüschanhänger in Japan so beliebt sind, hilft ein Blick auf die Omamori. Diese kleinen Schutzamulette verkauft man in Schreinen und Tempeln. Jedes verspricht einen Segen: Erfolg in der Schule, Gesundheit oder eine glückliche Partnerschaft. Die Tradition persönlicher Glücksbringer reicht Jahrhunderte zurück. Viele tragen ihr Omamori täglich bei sich, oft ohne es bewusst zu bemerken. Doch Omamori haben ein Verfallsdatum – meist ersetzt man sie nach einem Jahr. Dahinter steht eine vertraute Logik: Ein kleiner Gegenstand schützt, tröstet, motiviert und wird irgendwann erneuert.

Die traditionellen Glücksbringer an japanischen Schreinen heißen Omamori. Hier hängen „Ema“, Holztäfelchen mit einem persönlichen Wunsch, am Mitsu Hachiman Schrein mitten in den belebten Einkaufsstraßen von Osaka / © Foto: Georg Berg
Die traditionellen Glücksbringer an japanischen Schreinen heißen Omamori. Hier hängen „Ema“, Holztäfelchen mit einem persönlichen Wunsch, am Mitsu Hachiman Schrein mitten in den belebten Einkaufsstraßen von Osaka / © Foto: Georg Berg

Für die Japaner vereint ein Omamori die Rollen von Glücksbringer, Gebetszeichen und persönlichem Ansporn. Plüschanhänger übernehmen heute diese emotionale Funktion. Dieser kulturelle Hintergrund erklärt, warum Japan den Trend zu Plüschanhängern so schnell aufgriff. Die Idee, ein bedeutungsvolles, dekoratives Objekt bei sich zu tragen, ist alt. Schon vor über 1.000 Jahren nahmen Pilger auf dem Kumano Kodo Schutzamulette mit. Frauen, für die eine Pilgerreise oft besonders gefährlich war, trugen den schutzbringenden Schmuck sichtbar über dem Kimono. Plüschanhänger sind nur die moderne Variante.

Japanische Mittelstufenschüler in Uniform und noch ohne individuelle Accessoires an der Kleidung / © Foto: Angela Berg
Japanische Mittelstufenschüler in Uniform und noch ohne individuelle Accessoires an der Kleidung / © Foto: Angela Berg
Schülerinnen in der Präfektur Mie mit Bag Charms an ihren Schultaschen / © Foto: Angela Berg / © Foto: Angela Berg
Schülerinnen in der Präfektur Mie mit Bag Charms an ihren Schultaschen / © Foto: Angela Berg

Vom Schüler in Uniform zum Street Fashion Kid

Im japanischen Schulsystem, bestimmt von streng geschnittenen Uniformen, ist es ein wenig, wie in einem Videospiel: Man beginnt auf dem untersten Level, ohne Fähigkeiten und ohne eigene Identität. Mit zunehmendem Alter entwickeln sich Geschmack, Vorlieben und Schwärmereien. Vor allem Mädchen, aber auch Jungen, zeigen ihre Individualität zunächst dezent, etwa durch Accessoires. Plüschanhänger verraten ihren Stil, ohne das Outfit zu überladen. Viele Jugendliche der Generation Z wählen Anhänger, die zur Kleidung passen, andere setzen auf Stücke, die ihre Fan-Zugehörigkeit betonen. Wer sich ein originales Louis-Vuitton-Täschchen oder andere Luxusmarken leisten kann, spielt gern mit dem Kontrast zwischen High Fashion und billigen Maskottchen aus dem Kapselautomaten. In den Großstädten verwandeln sich die einst braven Schulkinder in echte Street-Fashion-Kids. Die jeweils modebewusste Generation nennt man Gyaru. Sie experimentieren mutig und zeigen sich in vielseitigen Stilen: vom Kongyaru, dem Schülerinnenlook, bis zum Decora, einem bewusst überladenen Stil mit Pastelltönen, grellen Neonfarben und schichtweise getragenen Accessoires. Beim Bummel durch Tokyos und Osakas Einkaufsviertel werden sie selbst zur Attraktion, auch bei Touristen.

Junge Frau in Osaka im durchgestylten Dirndl-Look mit großer Handtasche in Form eines Plüschteddys. Im Hintergrund Getränkeautomaten / © Foto: Georg Berg
Junge Frau in Osaka im durchgestylten Dirndl-Look mit großer Handtasche in Form eines Plüschteddys. Im Hintergrund Getränkeautomaten / © Foto: Georg Berg

Nuigurumi Ryokō: Plüschtier auf Reisen

Abseits von Shibuya und Dotonbori zeigt sich eine feinere Variante des Oshi-Katsu – der Hingabe an das eigene Lieblings-Maskottchen. An die Plüschanhänger, die an Rucksäcken baumeln, hatte ich mich längst gewöhnt und schenkte ihnen kaum noch Beachtung. Doch in Hakone, am aktiven Vulkankrater Ōwakudani, staunte ich nicht schlecht: Ein junger Mann nahm das blaue Plüschtier, das am Rucksack seiner Freundin hing, aus einer durchsichtigen Tasche, stellte es auf die Brüstung des Geländers und fotografierte es vor den fauchenden Schwefelschwaden. So sieht Nui-katsu aus – eine typische Plüsch-Aktivität. Doch es geht noch weiter: Bei sogenannten Proxy-Reisen, den Nuigurumi Ryokō, übergibt man sein Plüschtier einem Plüsch-Reiseagenten, der es auf Reisen schickt. Influencer auf Instagram und TikTok treiben diesen Trend voran, indem sie Fotos ihrer Plüsch-Avatare teilen. Zu sehen ist stets nur das Maskottchen.

Grinsende Cap auf dem Kopf und ein Pokemon am Rucksack: Nuigurumi Charms heißt der Trend, bei dem Plüschtiere aller Art am Rücksack, an der Kleidung oder als Cap getragen werden / © Foto: Georg Berg
Grinsende Cap auf dem Kopf und ein Pokemon am Rucksack: Nuigurumi Charms heißt der Trend, bei dem Plüschtiere aller Art am Rücksack, an der Kleidung oder als Cap getragen werden / © Foto: Georg Berg

Omamori: Schutzamulette neu gedacht

Mehr als die Hälfte der Plüschfans fotografieren nur ihre Charms, um so ihre Persönlichkeit risikofrei zu zeigen. So schräg diese Plüschtieraktivitäten wirken, in Zeiten von Doom-Postings und Deep Fakes ist es durchaus clever sich nur noch in Form des eigenen Avatars zu zeigen. Das Omamori als Schutzamulette vor Gefahren auf langen Reisen wie auf dem Handelsweg Nakasendo oder den Pilgerouten des Kumano Kodos bekommen eine neue Bedeutung. Die Verbrecher von heute lauern nicht mehr am Wegesrand, sie sind virtuell unterwegs.

Am Shinto-Schrein Kumano Nachi-Taisha in Wakayama werden allerlei Omamori, japanische Glücksbringer angeboten. Hier hängen „Ema“, Holztäfelchen mit einem persönlichen Wunsch, direkt unter dem heiligen Kampferbaum am Kumano Nachi Taisha Schrein / © Foto: Georg Berg
Am Shinto-Schrein Kumano Nachi-Taisha in Wakayama werden allerlei Omamori, japanische Glücksbringer angeboten. Hier hängen „Ema“, Holztäfelchen mit einem persönlichen Wunsch, direkt unter dem heiligen Kampferbaum am Kumano Nachi Taisha Schrein / © Foto: Georg Berg
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